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Ärztehopping für die Seele

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Ärztehopping für die Seele

Er ist chronisch unzufrieden. Keine Ärztin, kein Arzt ist ihm gut genug. Mal zwickt es hier, mal zwackt es dort. Er weiss gewiss, er ist krank. Doch kein Doktor findet auch nur den Hauch einer anerkannten Krankheit.

Als alternder Singel grübelt er sich in tausend körperliche Abgründe. Und während stundenlanger Recherchen im Internet findet er alle eingebildeten Zipperleins als grosse Katastrophe bestätigt: Rheuma wird es sein, nein, Arthrose oder doch ein Brustkrebs oder die Prostata? Bestimmt schon Arteriosklerose. Der Schlaganfall ist nur noch eine Frage der Zeit. Auf jeden Fall hat er Alzheimer,  und das nicht erst im Anfangsstadium, nein schon leicht fortgeschritten. Er hört die Symptome geradezu wie das Gras wachsen. Täglich werden sie schlimmer: Der Name des neuen Postboten, gestern noch war er parat, heute ist er einfach futsch, nicht mehr auffindbar in den geheimnisvollen Tiefen des schrumpfenden Gehirns. Das Schlüsselbund, immer wusste er, wo es lag, und nun? Unauffindbar. Erst der Zufall gibt es wieder frei. Übrigens dort, wo es immer lag. Und dann die Wortfindungsschwierigkeiten! Der Gang über den Marktplatz wird zum Spiessrutenlaufen: Rotes und Grünes, Gelbes und Braunes lachen ihn an. Doch wie heisst das verdammte Zeugs, das so vertraut vor ihm liegt? Paprika? Fenchel? Artischocken? Zucchini? Und dann kommt auch noch der altbekannte Arbeitskollege aus früheren Tagen auf ihn zu, und  - weg ist sein Name, den er doch immer so sicher wusste. Panik überfällt ihn. Nichts geht mehr. Kaum aber ist der ehemalige Kollege gegangen, dann ist der Name auch schon da, wie wenn nichts gewesen wäre. Auch das Gemüse lässt sich plötzlich problemlos benennen. Seit Tagen hatte er mit niemandem mehr gesprochen. Er war aus der Übung gekommen. Diese Einsicht ist ihm allerdings zu simpel. Er braucht Hilfe, professionelle Hilfe, dringend und sofort.

Es ist also wieder einmal allerhöchste Zeit, den Hausarzt aufzusuchen. Dieser fühlt sich angesichts der sturzflutartig vorgetragenen Problematik überfordert und schickt den Beunruhigten zum Spezialistenteam in die nächstgelegene Grossklinik. Es muss also schlecht um ihn bestellt sein, wenn er gleich dorthin soll. Doch das Ergebnis all der langwierigen und gründlichen Untersuchungen ist ein schlichtes: Nichts! Erleichtert formuliert der freundliche Arzt: „Nein, mein Lieber, Sie haben nichts. Alles im Rahmen Ihres Altershorizontes, alles im grünen Bereich. Ich freue mich für Sie.“ Freude? Nein, Enttäuschung und Ärger ergreifen von ihm Besitz.

Ach, die ganze Medizinertruppe taugt nichts. Ohne Labor und Apparate wären diese Weisse-Kittel-Träger doch zu ewiger Hilflosigkeit ausgeblasen. Techniker sind sie, grobschlächtige Techniker, naturwissenschaftliche Macher, mehr nicht. Wie sollen die ihm, dem Schwerkranken, schon helfen können? „Ich bin keine Maschine, ich bin ein Mensch. Meine Krankheit ist bestimmt von feinstofflicher Natur“, murmelt er verzweifelt vor sich hin und zieht den erkenntnistheoretisch bemerkenswerten Schluss: „Meine ganz besondere Krankheit kann kein Arzt mit seinem Diagnosenetz einfangen. Das hat zu grosse Maschen.“

Da hilft nur eines. Die Helfertruppe muss gewechselt werden. Also hin zum Heilpraktiker. Schon das Wort lässt ihn hoffen: Heil-Praktiker. Ein Praktiker, der heilt. Welch neuer Horizont, wie gut! Und wieder wandert unser hysterischer Hypochonder durch die Wartezimmer: Augendiagnostik, Pulsfrequenzdiagnostik, Akkupunktur, Reflexzonenmassage, Globuli. Auch das weite Repertoire der Alternativmedizin wird bis zur bitteren Neige in Anspruch genommen. Das Muster wiederholt sich. Er hetzt von Heilpraktiker zu Heilpraktiker, von Heilpraktikerin zu Heilpraktikerin.

Doch es bleibt dabei: Unser Krankheitsantizipierer ist, verdammt noch mal, verdammt gesund. Ihm fehlt nichts. Fast nichts.

In einer stillen Stunde der Wahrheit muss er sich eingestehen, dass er in den vielen Praxen nur das eine sucht: menschlichen Kontakt. Er hat Sehnsucht nach einem Gespräch, und sei es von noch so kurzer Dauer.

Er leidet an Einsamkeit.

Man hat sie ihm doch alle genommen, die schönen Sozialkontakte früherer Zeiten. Die kleine Plauderei im Kolonialwarenladen nebenan, wo jeder jeden kannte – vorbei. Stattdessen die anonyme Einkaufskette weit weg von seiner Wohnung. Den Schwatz am Bankschalter mit der netten jungen Bankerin – vorbei. Stattdessen die stumme Plastikkarte und der kalte Bankomat. Das wohltuende Gespräch mit dem Pfarrer - vorbei. Der überforderte Kirchenmann hat nur noch Zeit für Taufe, Hochzeit und Beerdigung.

Da bleibt wirklich nur noch der Weg zum Doktor. Der muss ihn anhören. Er braucht ihn nicht als Arzt, nicht als Heiler, - als Gesprächspartner braucht er ihn, einfach so. Er meint es wörtlich: Sprech-Stunde, eine Stunde zum Sprechen, wie wohltuend, auch wenn in der Praxis aus ökonomischen Gründen nur zehn Minuten für ihn abfallen. Um die Stunde voll zu bekommen, muss unser kontaktarme Zeitgenosse eben sechs Praxen aufsuchen.

Ärztehopping für die Seele.

Und wenn auch das nicht mehr hilft, dann geht es zum Therapeuten. Dort, endlich, wird ihm jemand zuhören, lange, geduldig und  aufmerksam. Übrigens: In seinem Fall hätte schon ein guter Freund gereicht.

Peter Kern





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