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Schmetterlinge im Bauch

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Sie waren schon einmal verliebt? Sie sind verliebt? Welch eine schöne Erfahrung! Die Schmetterlinge im Bauch kribbeln, Hochstimmung ist angesagt. Sie sind wie verwandelt.  Die Welt ist in ein rosiges Licht getaucht.

Sexuell begehren Sie ihr Gegenüber,
erotisch werden sie von ihm verzaubert,
und sie versprechen sich und ihm, in guten wie in schlechten Zeiten, immer für ihn da zu sein. Sie lieben!

Vergessen Sie’s. Alles nur Chemie.

Sie sind Opfer, Opfer hormoneller und drüsenbedingter Prozesse ihres Körpers. Die Naturwissenschaft belehrt uns, und Wikipedia fasst zusammen: Verliebt sich ein Mensch, so sorgen verschiedene Botenstoffe für Euphorie (Dopamin), Aufregung (Adrenalin), rauschartige Glücksgefühle und tiefes Wohlbefinden (Endorphin und Cortisol) und erhöhte sexuelle Lust (Testosteron sinkt bei Männern, steigt bei Frauen). Auch Sexualduftstoffe werden vermehrt abgegeben. Hingegen sinkt der Serotoninspiegel stark ab, wodurch der Zustand der Verliebtheit in diesem Punkt eine Ähnlichkeit mit vielen psychischen Krankheiten aufweist. Das trägt dazu bei, dass Verliebte sich zeitweise in einem Zustand der „Unzurechnungsfähigkeit“ befinden können, sich dabei zu irrationalen Handlungen hinreissen lassen und Hemmschwellen abbauen. Nach einiger Zeit gewöhnt sich der Körper an diese Dosen, und ganz allmählich ( laut WHO maximal nach 24 bis 36 Monaten ) beendet das Gehirn diesen sensorischen „Rauschzustand“.


Alles klar. Jetzt wissen wir auch, weshalb unsere „Liebes“-Beziehungen heutzutage nur von so kurzer Dauer sind.

Doch: Halt!

Oben war von Verliebtheit, von Sexualität, von Erotik und von Liebe die Rede.
Liebe nur als Produkt chemischer Körperfunktionen erklären zu wollen, greift zu kurz. Und jeder gute Naturwissenschaftler weiss das. Nur so mancher Journalist hat mal wieder missverständliche und missverstandene Forschungsergebnisse auflagenwirksam in die Öffentlichkeit getragen, wenn er behauptet, „Liebe“ sei nichts anderes als das Ergebnis von Körperfunktionen. Das gilt nur, wenn der Mensch lediglich als ein  „Werk der Natur“ betrachtet wird, also nur in seiner materiellen Leiblichkeit.


Er ist aber immer auch ein „Werk der Gesellschaft“. Was uns am Anderen anzieht, sind nicht nur die Sexualduftstoffe mit ihren körperlichen Folgewirkungen, sondern auch die gesellschaftlich gerade vorherrschende Ausdrucksformen der Leiblichkeit, der Kleidung, der Anmut überhaupt. Nennen wir sie die erotische Ausstrahlung, die mehr und anderes ist als das, was der Naturwissenschaftler messen kann.


Und schliesslich: Wir Menschen sind, wenigstens der Möglichkeit nach, auch ein „Werk unserer selbst“. In ihm erfahren wir die Grundstimmung der „Liebe“, die nicht das ihre sucht, die ganz für den Anderen da ist, auch dann, wenn die Sexualität nicht mehr so wirksam ist und die Erotik schon verblasst ist.


Diese „Liebe“ trägt uns als Person, sie vermag unsere Beziehungen auf Dauer zu stellen, die weit über die biologische Zeitspanne der 36 Monate des Verliebtseins hinaus wirksam ist. Auch das gehört zur menschlichen Erfahrung des Gesamtphänomens „Liebe“.


Doch davon weiss die Naturwissenschaft nichts, denn diese Erfahrungen kann sie mit ihren Forschungsmethoden nicht einfangen. Wer sie deshalb leugnet, missversteht sich selbst – und das mit katastrophalen Folgen. Er lebt im „Elend der Lieblosigkeit“ und wird zur unversieglichen Quelle individueller Miseren und kollektiver Katastrophen.


Dagegen gilt der neomodern zu interpretierende Satz von Augustinus: „Liebe, und tue, was du willst.“
Liebe im „Werk seiner selbst“ ist Caritas, wie es ein recht verstandenes Christentum weiss, ist Agape, wie die alten Griechen sagten.

Peter Kern


Literatur

Helmut Kuhn: „Liebe“. Geschichte eines Begriffs, 1975

Dieser Beitrag wurde von KRITISCHES-NETZWERK.DE übernommen.

Ergänzungstexte:

Audio

Schmetterlinge im Bauch


 


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Die Vernunft sei die grosse geile Hure des Verstandes, sagt Gregory Fuller. Um auf diese Weise werten zu können, macht er bereits von der Vernunft Gebrauch.