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Wie Pferde auf der Rennbahn

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Wie Pferde auf einer Rennbahn


Wovon man am wenigsten hat, davon spricht man offensichtlich am meisten. Vom Geld, selbstverständlich; es könnte immer mehr sein. Von der Liebe, natürlich. Und neuerdings reden alle von Bildung. Nicht einfach nur so: Bildung, nein, das Wort Bildung kommt gleich in einer Sturzflut von Zusammensetzungen daher: Bildungs-Forschung, Bildungs-Politik, Bildungs-Reformen, Bildungs-Pläne, Bildungs-Offensiven, Bildungs-Bilanzen und eben auch Bildungs-Karrieren.

Ach, wie verräterisch doch unsere Sprache ist!

Ursprünglich kommt „Karriere“ aus dem Pferdesport und bezeichnet die schnellste Gangart des Pferdes, dann bedeutet es auch die „Rennbahn“, also die Bahn, in der die Pferde laufen, die „Laufbahn“. Erst daraus wurde die uns im Alltag geläufigere „bedeutende berufliche Laufbahn“. Wir hören dann von Karrieremännern, neuerdings auch von Karrierefrauen. Mit solchen Karrieren ist nicht selten ein rücksichtsloses Karrierestreben verbunden.

Bildungs-Karrieren?

Da werden also Menschen in unseren Schulen und Hochschulen wie Pferde auf eine Rennbahn geschickt, um in schnellster Gangart das Ziel „Bildung“ zu erreichen. Was immer da „Bildung“ sei, sie ist für die Bildungs-Planer von Bildungs-Karrieren auf jeden Fall messbar: in den Schulen werden Noten ausgeteilt, an den Hochschulen und Universitäten wird die Leitwährung Credit-Points eingeführt, Rankinglisten werden erstellt, individuell wie kollektiv, Sieger ausgelobt. PISA und Bologna regeln die Wettkämpfe. Jedem Schüler, jedem Studenten sitzt der Jockei im Nacken, der ihn zum Karrieristen zu peitschen versucht. Nicht bei allen gelingt das. Die Zwischenläufe sind hart, die Ausscheidungskämpfe unerbittlich. Da wird auch schon mal gedopt: Vom harmlosen Nachhilfeunterricht über die chemischen Muntermacher bis hin zur gekauften Promotion reicht die Angebotspalette. Aber wer durchhält und sich nicht erwischen liess, dem winkt die „Bildungs-Karriere“, also der bedeutende berufliche Aufstieg mit der Möglichkeit, am Wohlstand exzessiv teilnehmen zu können. Er kann in nicht unerheblichem Masse seine materiellen Interessen befriedigen. Die „Bildungs-Karriere“ verspricht die Teilhabe an allen Attributen des Ansehens, als da sind: schönes grosses Haus in exquisiter Lage, teure repräsentative Wagen, Zweit- und Dritt-Wohnungen, Urlaube an exklusiven Orten, vornehmlich im fernen Ausland, in anderen Kontinenten.

Doch was hat eine solche „Karriere“ mit „Bildung“ zu tun?

Wenig, nein rein gar nichts.

Mit der gerankten Ausbildung, in der nur Wissen optimiert und Können perfektioniert wurden, hat man bestenfalls ein wertneutrales Mittel in der Hand, mit dem man Leben fördernde Prozesse aber eben auch Leben zerstörende Prozesse in Gang halten kann.

Bildungs-Offensive: Offensive, das ist zunächst einmal der planmässig vorbereitete Angriff einer Heeresgruppe im Krieg, dann auch die auf Angriff eingestellte Spielweise im Sport.

Bildungs-Bilanzen: Bilanzen, das meint zunächst einmal die Gegenüberstellung von Vermögen, Kapital und Schulden, dann erst das Ergebnis, das Fazit als abschliessender Überblick über einen Tatbestand.

Offensive, Bilanzen, Karrieren: Militär und Wirtschaft, Kampf färben heutzutage den „Bildungs“-Begriff in einer Weise ein, dass er seine eigene Bedeutung längst verloren hat. Dass man „Bildung“ mit dem rechnenden Denken kampfgestählter Bildungs-Politiker mit ihrem Effizienzwahn prinzipiell nicht erreichen kann, ist erst wieder von einer neu aufzuklärenden Öffentlichkeit zu lernen.

Dass „Bildungs-Karrieren“ nichts mit „Bildung“ zu tun haben, kann jeder Karriereinhaber rasch selbst überprüfen. Er muss nur seinen ökologischen Fussabdruck ausrechnen: http://www.footprint.ch/. Nur wenn sein Lebensstil zukunftsfähig ist, kann er beanspruchen,

gebildet zu sein. Exzessive Ausbildung mit den Möglichkeiten eines ausschweifenden Lebensstiles ist nicht zukunftsfähig. Nicht zukunftsfähige Lebensstile verletzen die ethische Grundnorm: Es ist in einer endlichen Welt uns allen jederzeit geboten zu beachten, dass die Mitmenschen ( und die uns alle tragende Natur ) bedürftig sind  wie wir selbst, und dass wir demgemäss zu handeln haben.

Zur „Bildung“ gehört also heute die Fähigkeit, aus ökologischer Vernunft in materieller Hinsicht sich selbst begrenzen zu können. Der „Segen der Welt ist gebildete Menschlichkeit“, nicht jedoch die hoch fragwürdige „Bildungs“-Karriere, die bestenfalls top ausgebildete „Verstandesegoisten“ hervorbringt.

Literatur

Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft, 2006

Peter Kern





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