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Der kurze Traum, nicht verantwortlich zu sein

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Der kurze Traum, nicht verantwortlich zu sein

Die Nachricht hatte etwas Entlastendes: Es gäbe keinen freien Willen. Empirische Forschungsbefunde hätten das bewiesen. Ja, wenn das so ist, dann bin ich ja für nichts mehr verantwortlich. Alles Anlage, alles ein Werk der Natur. Es sind die Gene, die mich regieren, nicht das sozialisierte Über-Ich, nicht die vernunftorientierte Verantwortung meines Ichs.

Jetzt verstehe ich auch, weshalb ich so oft scheitere. Wer kennt das nicht: Man ist nach mühsamem Ringen zur Einsicht gekommen, sich zu ändern, sich zu bessern. Man will weniger vor der Glotze sitzen, sich mehr bewegen, man will mit dem Rauchen aufhören, weniger Alkohol trinken, man will nun endlich nicht länger zum Workerholicer verkommen. Und als Diabetiker will man dem Rat der Ärzte folgen und die Anweisungen der Diabetikerberaterin beherzigen und in die Tat umsetzen.

Und was passiert in der Realität: Nichts!

Die anspruchsvollen Vorsätze werden nicht umgesetzt. Sie bleiben graue Theorie. Und schon bedrängt uns das viel zitierte schlechte Gewissen: Ich bin zu schwach, ein charakterloses Weichei, das sich nicht zusammen reissen kann. Ich bin ein Versager vor meinen eigenen Normen. Kaum mag ich mich noch im Spiegel betrachten.

Nein, alles falsch!

Ich kann gar nichts für mein Scheitern. Alles ist vorherbestimmt, ist determiniert durch meine genetischen Anlagen. Nicht ich steuere selbstverantwortlich mein Handeln, es ist meine Natur, die mich lenkt. Ich bin nicht frei, das zu tun, was ich will. Es gibt keinen freien Willen.

Dank der bildgebenden Verfahren der modernen Hirnforschung weiss ich endlich, weshalb ich meine moralischen Entscheidungsschlachten immer wieder verliere. Nicht ich führe mich, es ist die Natur, die mich führt. Ich bin in meinem Scheitern entlastet!

Schon bleibe ich entspannt vor dem Fernseher noch länger sitzen als sonst, schon rauche ich eine Packung mehr von den mir so teuren Zigaretten, schon entkorke ich unbeschwert die zweite Flasche Wein an diesem Abend, und auch mein Nein gegen weitere inhumane Zumutungen aus der Arbeitswelt pulverisiert sich angesichts der neurowissenschaftlichen Erkenntnis: Es gibt keinen freien Willen.

Und während ich mich noch wundere, dass man aus dieser empirisch gewonnenen Einsicht keine gesellschaftlichen Konsequenzen zieht und die Gerichte schliesst, die Gefängnisse öffnet, die Erziehung endgültig einstellt und der Natur ihren freien Lauf lässt, erreicht mich die Nachricht, die Neurowissenschaftler hätten den Mund zu voll genommen. Aus ihren empirischen Befunden könne man unmöglich den Schluss ziehen, dass es keinen freien Willen gäbe. Kluge Philosophen hatten den Empirikern in ihre wohlfeile Suppe gespuckt. Bei der Interpretation läge ein Kategorienfehler vor. Man habe doch nur biochemische Reaktionen im Hirn untersucht, nicht aber den Willen. Schliesslich sei der anschwellende Penis ja auch kein Beweis dafür, dass es die spirituelle Kraft der Liebe nicht gebe.

Welch eine Enttäuschung!

Die Neurowissenschaft entlastet uns also nicht von der Verantwortung für unser Tun und Lassen. Mithin liegt  es auch in meiner Hand, der Diabetes davonzulaufen.

Es kommen die uralten Einsichten wieder in Geltung: Mensch, reiss dich zusammen, mach das, was du ethisch kannst, zum Gesetz dessen, was du sollst und handele dementsprechend. Bewähre dich. Du kannst frei darüber entscheiden, ob du dich emporbilden willst zu einer vernunftorientierten Persönlichkeit – oder ob du dich gehen lässt, bis du dich schliesslich in deinem Menschsein verfehlst.

Für dieses Scheitern gibt es von der Neurowissenschaft keine Entschuldigung mehr.

Welch eine Chance!


Peter Kern




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