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Tagebuch-Archiv Oktober-Dezember

Oktober - Dezember



20.12.2011

Ein Jahr „haus-des-verstehens“

Genau vor einem Jahr startete ich mit meiner Kulturseite. Inzwischen habe ich leicht über 3000 Besucher. Das ist für mich erfreulich. Und ich danke allen, die meine Texte, Anregungen, Fundsachen, Glossen und  Aphorismen besucht haben. Manche haben über E-Mail mit mir Kontakt aufgenommen, andere haben mir gar Briefe geschrieben, gelegentlich lange und immer für mich hilfreiche: Es gab Zustimmung, Verbesserungsvorschläge wurden gemacht, die ich stets versuchte, einzuarbeiten. Selbstverständlich gab es auch Kritik. Diese blieb immer fair. Auch für dieses engagierte Mitdenken sage ich meinen herzlichen Dank.

Sie wissen, es ist die Internetseite einer Einzelperson. Es ist meine Sicht auf diese Welt, ergänzt mit Texten befreundeter Gastautoren. Neben dem Schreiben der Texte war für mich - und ist immer noch – die technische Seite des ganzen Projektes eine grosse Herausforderung. Nachdem mir mein Sohn Jann Kern alles einmal eingerichtet hatte, pflege ich die Seite selbst. Sie werden bemerkt haben, dass da immer einmal etwas nicht so gut klappte. Im Moment habe ich Probleme mit der Einstellung der Tagebücher. Das soll in den kommenden Tagen mit der Hilfe meines Sohnes behoben werden. Ich werde also erst wieder zu Beginn 2012 Neues einstellen.

Ein Blick in diese Welt genügt: Die Themen für gemeinsames Nachdenken werden nicht ausgehen.

Das fiel mir heute ein: Der 1911 verstorbene Philosoph Wilhelm Dilthey dekretierte, das Seelenleben verstehen wir, die Natur erklären wir. Heute heisst es: Die Natur verbessern wir. Von der Seele verstehen wir nichts. Also wird der Menschenkörper geliftet, die Menschenseele dagegen bleibt unbearbeitet. Doch die Zeit ist nicht mehr fern, und das Seelenliften wird gentechnisch bewerkstelligt werden. Charakterbildung ist dann nicht länger das Geschäft der Pädagogik, sondern der humangenetischen Industrie. Die Akteure werden etwas verbessern, das sie nicht verstanden haben.

Ich wünsche allen ruhige Tage, besinnendes Innehalten und alles erdenklich Gute für 2012!








18.12.2011

„Die Staaten verpfänden die Luft und Banken atmen tief durch“

Im Handelsblatt-Interview, gedruckt am 17.12.2011, spricht der Philosoph Peter Sloterdijk über den Schuldenschlamassel, die linke Bankenkritik und die Suche nach einer neuen Ethik in Zeiten der globalen Vertrauenskrise. Ich zitiere eine Aussage von Sloterdijk: "Die kollektive Demoralisierung ist schlimmer als eine vorübergehende Rezession jemals sein kann. Rezessionen haben wenigstens eine begleitende Tugend, nämlich dass sie den Sinn für Maßverhältnisse wieder einüben. Nicht Maßhalten im Sinne von Den-Gürtel-enger-Schnallen, sondern Maß nehmen im Sinne von Das-Gefühl-für-die-Proportion-nicht-Verlieren. Seit Jahrzehnten leben wir in einer gespenstischen Atmosphäre, in der ständig verrückt machende Doppelbotschaften auf die Menschen einprasseln: Sie sollen zugleich sparen und verschwenden, sie sollen zugleich riskieren und solide wirtschaften, sie sollen hoch spekulieren und mit den Füßen auf dem Boden bleiben. Auf die Dauer führt das zu einer absoluten Zermürbung".

17.12.2011

„Nächstenliebe ist knallharte Pflicht“

Der Mann ist Mitglied der CDU, der Mann ist ein mit allen Wassern gewaschener Politiker, der Mann kann austeilen, der Mann überrascht immer wieder neu: Es ist von dem hoch ausgebildeten Heiner Geißler die Rede. In der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 15.12.2011 ist auf den Seiten 65-66 ein Interview abgedruckt, das Evelyn Finger und Hannes-Bruno Kammertöns mit Sahra Wagenknecht und eben diesem Heiner Geißler führten. Die Aussagen der blitzgescheiten Sahra Wagenknecht, stellvertretende Vorsitzende DIE LINKE, überraschen weniger, die des CDU-Mannes umso mehr. Ich zitiere also einige seiner Aussagen:

„Jeder vernünftige Mensch muss heute Kapitalismuskritik üben.“ – „Weil Profitgier die Märkte beherrscht.“ – „Wir haben weltweit eine massive Verletzung des Gerechtigkeitsgebots, die von der Völkergemeinschaft hingenommen wird.“ – „Teile der Wirklichkeit sind sogar verfassungswidrig.“ – „Barmherzigkeit ist nicht identisch mit Gerechtigkeit. Der beugen sich die Reichen selten freiwillig. Bei sieben Millionen Menschen auf der Erde muss man Nächstenliebe organisieren.“ - Nächstenliebe ist „kein Gutmenschentum, sondern eine knallharte Pflicht.“ – „Aber wo sind die Kirchen heute? Die Theologie ist total spiritualisiert. Der Papst sagt, die Kirche soll sich aus den Dingen der Welt zurückziehen. Das ist ein grobes Missverständnis des Evangeliums.“ – „Im Arbeitsrecht haben die demokratischen Sozialisten die humanen Errungenschaften der Arbeiterbewegung kurzerhand vom Tisch gefegt – nur weil Gerhard Schröder den neoliberalen Tony Blair nachmachen wollte. Und meine katholische Kirche unterstützte das noch mit dem Bischofswort Das Soziale neu denken. Ich dachte, die sind verrückt geworden. Wir können doch nicht das Evangelium neu denken. Sondern wir müssen das Neue sozial denken – am Menschen orientiert.“ – „Wann wird endlich eine internationale Finanztransaktionssteuer an den Börsen eingeführt, die einen täglichen Umsatz von zwei Billionen Dollar machen? Während jeder normale Mensch für jede Windel und Kaffeemaschine Umsatzsteuer zahlt, beteiligen sich die Devisenhändler und Spekulanten mit keinem Cent an der Finanzierung der Menschheitsaufgaben. Es gibt Geld wie Heu auf dieser Erde, nur haben es die falschen Leute.“ Auf die Frage der ZEIT-Interviewer, ob Geißler noch eine Utopie habe, gab er zu Protokoll: „So müsste meine Welt aussehen: Priorität der Politik gegenüber Finanzwelt und Ökonomie. Außerdem: ein globaler Marshallplan der reichen Länder und eine internationale Marktwirtschaft, deren ethisches Fundament das Soziale, Ökologische und Friedenspolitische ist.“ Angesichts solcher Aussagen des CDU-Mannes kam es dann gar nicht zu einem Streitgespräch. Die ZEIT fragte deshalb Heiner Geißler, ob er mit der Linken paktieren würde. Es kam kein reflexartiges Nein. Seine Antwort: „Prinzipiell Ja. Es kommt auf die Sache an. Mit den Grünen geht es jetzt ja auch. Im Parlament dagegen gibt es Koalitionszwänge, die gemeinsames Agieren verhindern. Das kann sich ändern.“ Und auf die Frage, ob Sahra Wagenknecht mit der CDU paktieren würde, sagte sie: „Mit CDU-Politikern wie Heiner Geißler kann ich mir jederzeit eine Zusammenarbeit vorstellen. Mit der CDU Angela Merkels, die gerade dabei ist, ganz Europa mit einer verschärften Agenda 2010 ins Desaster zu stürzen, nein.“ Hier das ganze Interview.

Vgl. auch den Beitrag von Sahra Wagenknecht: „Schluss mit Mephistos Umverteilung!“ FANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 08.12.2011, S.29.


15.12.2011

Das ist ein Meilenstein:

Wolfgang Schäuble plädiert für eine Begrenzung des Wirtschaftswachstums

AFP fasst einen Gastbeitrag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU)  für die ZEIT-Beilage „Christ und Welt“ zusammen:

Der Minister macht die "menschliche Maßlosigkeit" für die Euro- und Finanzkrise mit verantwortlich. "Die Krise der Banken und später der Wirtschaft und ganzer Staaten, mit der wir seit 2008 konfrontiert sind, wurde nicht zuletzt durch die grenzenlose Gier nach immer höheren Gewinnen an den Kapitalmärkten ausgelöst", erklärte Schäuble in einem Gastbeitrag für die "Zeit"-Beilage "Christ & Welt".

Auch wenn das Prinzip der Marktwirtschaft erfolgreich sei, so beruhe es doch auf Mechanismen, die "unmenschliche Konsequenzen" hervorbringen könnten, wenn sie nicht kontrolliert würden. Schäuble warnte vor einem Glauben an ein "immerwährendes ökonomisches Wachstum". Das grenzenlose Profitstreben, "für das es keinen automatischen Haltepunkt gibt", erzeuge in der Konsumgesellschaft immer neue Bedürfnisse, die auch zu Lasten der natürlichen Ressourcen gingen. Auch bei der UN-Klimakonferenz im südafrikanischen Durban sei es letztlich um die Unfähigkeit des Menschen "zum Maßhalten und zur Selbstbegrenzung" gegangen. Der Mensch müsse deshalb immer wieder auf seine Grenzen hingewiesen werden.

"Die Tatsache, dass unsere Wachstumsraten nicht mehr mit denen von Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien mithalten, bedeutet nicht, dass unsere Wirtschaftspolitik erfolglos ist, sondern dass wir bereits einen erheblichen Wohlstand für einen großen Teil der Bevölkerung erwirtschaftet haben und dass andere das erst noch erreichen müssen", erklärte Schäuble. Die westlichen Staaten, die "ein gewisses Maß an Saturiertheit" erreicht hätten, müssten nun dafür sorgen, "Unterschiede und daraus resultierende Spannungen nicht übermächtig werden zu lassen".

Schäuble sprach sich für eine Begrenzung des Wirtschaftswachstums in den Industrieländern aus. "Sosehr wir uns für die Beseitigung des Hungers überall in der Welt einsetzen müssen, sosehr sollten wir uns andererseits in unseren eigenen westlichen Ländern für eine Begrenzung des Wirtschaftswachstums einsetzen", führte er aus. Das gegenwärtige Weltwirtschaftssystem sei "an beiden Enden verbesserungswürdig": Zu vielen Menschen werde das Allernötigste vorenthalten, während es auf der anderen Seite "ein unbegrenztes und ungebremstes Begehren" nähre, "das auch angesichts von Reichtum und Überfluss noch anhält".

Das ist auch eine Antwort auf Patrick Welter. Vgl. meinen Tagebucheintrag vom 14.11.2011.

Dazu ergänze ich dieses:

Dem Menschen, der in seiner je begrenzten Welt lebt, geht es vorrangig um sich selbst. Er sorgt sich um sein Dasein. Dabei übersieht er im alltäglichen Besorgen die Notwendigkeit, in Vor-Sicht das Ganze des Lebens überhaupt zu schonen. Das, worum es unserer je eigenen Sorge geht, nimmt zu wenig vom Anderen in den Vor-Blick. So geht es uns in unserer Sorge um zu wenig. Die Befriedigung unserer Partikularinteressen im Horizont des Einzelnen, der Gruppen, Verbände und Staaten führt, wenn auch oft ungewollt, zur Zerstörung des Gesamtinteresses, dass Leben überhaupt sein soll. Solange wir in unserem eifrigen Besorgen nur in unserer begrenzten je eigenen Welt aufgehen, fehlt uns die sorgende Hingabe an das Zukünftige für uns selbst, für die Mitmenschen und für die uns alle tragende Natur, von der wir selbst nur ein kleiner Teil sind. Ökologische Selbstbegrenzung ist also überlebensnotwendig. Sie findet ihren Ausdruck in der Überwindung der Ideologie vom unbegrenzten quantitativen Wirtschaftswachstum, das in Wahrheit ein todbringender Wucherungsprozess ist. Wir müssen uns dringend auf die Suche nach zukunftsfähigen Lebensstilen begeben, die die Einsicht respektieren: Weniger ist mehr!




Vgl. Ökoethik für die Wirtschaft?


14.12.2011

Antiquiertes Denken

Kanada hat sich vom Kyoto-Protokoll verabschiedet. Eine Erfüllung der Kyoto-Auflagen hätte Kanada nach den Aussagen seines Umweltministers Peter Kent in Ottawa etwa 14 Milliarden kanadische Dollar gekostet. Das entspricht rund 10 Milliarden Euro. Davon hätte Kanada international entsprechende Verschmutzungsrechte kaufen müssen. Der Rückzug von den freiwillig eingegangenen Verpflichtungen ist rechtens ohne Sanktionen möglich. Mit dem Ausstieg fallen auch die Auflagen weg. Kanada spart 10 Milliarden Euro. Dafür handelt es sich weltweit harsche Kritik ein, vor allem von Umweltverbänden.

Nicht aber in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG von heute, Mittwoch den 14.12.2011. Patrick Welter lobt Kanada auf Seite 11: „Die Entscheidung der kanadischen Regierung, sich aus dem Kyoto-Protokoll zur Verringerung der sogenannten Treibhausgase zurückzuziehen ist ein Sieg der Vernunft. Sie zeigt, dass Umweltschutz Kosten verursacht, die im Interesse von Arbeitsplätzen nicht jeder bereit ist zu tragen – umso mehr, wenn wichtige Länder sich als Trittbrettfahrer Umweltschutzabkommen entziehen. Der Regierung in Ottawa gebührt deshalb Lob.“

Was versteht Patrick Welter wohl unter Vernunft? Folgen wir dem Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, dann ist Vernunft Wahrnehmung des jeweils nächsthöheren Ganzen, das von unserem Handeln betroffen ist. Wer  Treibhausgase in die Umwelt emittiert, begeht eine Handlung, von der alles Leben auf unserem Globus kurzfristig und langfristig in Mitleidenschaft gezogen wird. Treibhausgase bedrohen Leben überall. Sind Handlungen, die das Leben bedrohen vernünftig? Nein. Vernunft als Wahrnehmung des jeweils nächsthöheren Ganzen fordert die Respektierung des globalen Gesamtinteresses. Deshalb ist es ethisch geboten, alles zu tun, um die Treibhausgase so schnell wie möglich zu minimieren. Das gilt auch dann, wenn die anthropogen verursachten Mengen geringer sein sollten als es die herrschenden Klimaforscher berechnet haben. Jede Minimierung der Treibhausgase ist ein Beitrag zur Stabilisierung des Klimas und schont damit das Leben einzelner und das Überleben vieler, ja möglicherweise aller Lebewesen auf diesem Globus.

Der Ausstieg Kanadas aus den Kyoto-Verpflichtungen ist folglich kein „Sieg der Vernunft“, sondern eine Niederlage der Vernunft.

Wie konnte Patrick Welter zu seinem fatalen Fehlurteil kommen? Er hat nicht umgreifend genug gedacht. Das für ihn höchste Ganze sind nicht die natürlichen Lebensbedingungen auf diesem Globus, sondern die Schaffung und der Erhalt von Arbeitsplätzen. „Im Interesse der Arbeitsplätze“ wird die Kyoto-Verpflichtung aufgekündigt. Arbeitsplätze repräsentieren aber nicht das von der Vernunft geforderte Gesamtinteresse. Arbeitsplätze stehen in dem hier diskutierten Fall nur für die Wahrnehmung von Partikularinteressen. Dem geringeren Risiko, vorübergehend eventuell Arbeitsplätze zu gefährden, wird der Vorrang eingeräumt gegenüber dem höheren Risiko, langfristig Leben überhaupt zu gefährden. Das ist höchst unvernünftig gedacht. Wer einem eher vorübergehenden Bedrängnis – Arbeitsplätze zu gefährden – höhere Bedeutung beimisst als dem unermesslichen Verhängnis, dauerhaft das Klima zu gefährden, der denkt antiquiert. Er ist nicht auf der Höhe des heute überlebensnotwendigen Denkniveaus.

Dem Autor der FAZ gebührt ebenso wenig Lob wie der Regierung Kanadas.

13.12.2011

Konzentrationslager-Ökologie

In Henryk M. Broders Sparring Arena möchte ich aus naheliegenden Gründen nicht eingehen. Deshalb wollte ich mir das Recht herausnehmen zu schweigen. Nur für mich notierte ich einiges über eine 3SAT-Sendung vom 05.12.2011. Freunde drängten mich, meine Notizen wenigstens hier in mein Tagebuch zu stellen. Also gebe auch ich Henryk M. Broder eine Plattform. Eigentlich schade. Ich tue es der von ihm missbrauchten Kinder wegen. Es gibt neben der Pädophilie auch einen geistigen Missbrauch. Von dem ist hier zu berichten.

Der Sender bewirbt das Broder-Machwerk so: „Entweder Broder - Die Deutschland-Safari! Guck mal, wer die Erde rettet (3/5). Journalist Henryk M. Broder und Autor und Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad machen sich für die fünfteilige Reihe Entweder Broder - Die Deutschland-Safari! erneut auf Reise quer durch Deutschland, um die große Integrationsdebatte auf den richtigen Weg zu bringen. Der eine ein polnischer Jude, der andere ein ägyptischer Moslem. Beide halten sich für vollkommen integriert, obwohl Broder keinen Alkohol trinkt und keine Ahnung vom Fußball hat, Abdel-Samad hingegen kein Schweinefleisch isst und keine Hunde mag. Begleitet werden die beiden auch dieses Mal von der trägen, aber treuen Foxterrierin Wilma.“ Die Beiträge seien eine „Gratwanderung zwischen Journalismus und Comedy“.

„In der dritten von fünf Folgen der neuen Staffel treffen Henryk, Hamed und Wilma überall auf Menschen, die sich um die Rettung der Erde kümmern. Denn für die große Mehrheit der Deutschen steht längst fest: Der Homo sapiens ist schuld am Klimawandel, und dieser wird schreckliche Folgen haben. Das Überleben der menschlichen Rasse steht auf dem Spiel. Es muss gehandelt werden - und zwar nachhaltig. Daher besuchen Henryk und Hamed eine Nachhaltigkeitskonferenz auf der hunderte Teilnehmer über die "ökologische Transformation" der deutschen Gesellschaft beraten. Bundeskanzlerin Angela Merkel macht ebenso mit wie der George Clooney der Umweltbewegung Bundesumweltminister Norbert Röttgen und dutzende von Corporate-Social-Responsibility-Managern. Im Verlauf ihrer Reise begegnen Henryk, Hamed und Wilma dann immer mehr - scheinbar ganz normalen - Menschen, die eine schöne neue nachhaltige Gesellschaft formen wollen. Natürlich nur zum Besten aller und auch zum Wohle nachkommender Generationen.“

Nun, mit seriösem Journalismus hatte diese Sendung nichts zu tun. Und Comedy war es auch nicht. Es war eine schlecht recherchierte argumentationslose Suada gegen den Nachhaltigkeitsgedanken, willkürlich und beliebig zusammengestoppelt und voller Vorurteile gegen jedes Engagement in Klimafragen. Ökoengagement war für die beiden Autoren nicht nur „Ökodiktatur“, sondern zugleich auch so etwas wie ein „Konzentrationslager“. Der Gipfel der unappetitlichen Verdrehungen und Unterstellungen war dann der Besuch einer Schule, in der man Klimaschutz zu leben versucht.

Der obszöne Gestus, mit dem Henry M. Broder die Arbeit von Schülerinnen und Schülern für eine bessere Umwelt ignorierte und ins Lächerliche zog, war nur noch peinlich. Wer skrupellos das Engagement junger Menschen zur Dummheit von so genannten Gutmenschen verfälscht, der treibt sie in die Arme destruktiver Verweigerer. Auf diese Weise schafft sich unser kurzsichtige Bezahlzyniker das Klientel für seine nächsten Fernsehsendungen: Die rumhängende und verwahrloste Jugend, saufend, kiffend, aggressiv um sich schlagend, eingesponnen in neofaschistischen Netzwerken.

Henryk M. Broder war in der Sendung vom 05.12.2011 in seiner selbstgefälligen Bräsigkeit unerträglich. Er behandelte die jungen Menschen als von vermeintlich naiven Lehrern kopflos verführte Marionetten. Er nahm sie nicht ernst. Er nahm ihnen ihre Würde. Broder gebärdete sich in seiner Attitüde des süffisanten Besserwissers wie ein nihilistischer Sinnräuber.

Dass der Mann von Pädagogik nichts versteht, mag man ihm nachsehen. Dass er von den positiven Potenzialen des Menschen so wenig weiss, ist – angesichts seiner eitlen Medienpräsenz – ein Skandal. Hier geht es zum Film.

Unter den "Glossen": "Werk der Natur" gibt es neue Einträge.

12.12.2011

Marktohnmächtige

Die politische Macht hat abgedankt. Die wirtschaftliche Macht ist an ihre Stelle getreten. Von einer richtungsweisenden geistigen Macht spricht schon lange keiner mehr. Opfer sind die kleinen Leute, von denen man Opfer zugunsten der besitzenden Klasse verlangt. Gelingt es der zur Hure des Kapitals verkommenen Politik, die Abgehängten durch Brot und Spiele in die Apathie zu treiben, dann kommt die Demokratie endgültig an ihr Ende, und die Eliten könnten mit der bedingungslosen Wahrnehmung ihrer Partikularinteressen siegreich triumphieren. Sie hätten den Verteilungskampf im demokratischen Kapitalismus gewonnen. Um einer demokratischen Zukunft willen, die soziale Gerechtigkeit und Frieden mit der Natur einschliesst, ist zu hoffen, dass möglichst viele Marktohnmächtige möglichst viel Sand ins Getriebe der internationalen Finanzindustrie streuen. Ohne einen Aufstand des Volkes wird das nicht gehen. Occupy Wall Street!

Vgl. Wolfgang Streeck: Die Krise des demokratischen Kapitalismus, in: Lettre international, Nr.95, Winter 2011, S.7-13

Wenn das Politische privat wird - Michaela Haas: Es geht nicht um viel. Es geht um alles. Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn jeder von uns nur ein bisschen was beiträgt, ist die Weltarmut so gut wie beseitigt. Also: Was hindert uns daran? In: Süddeutsche Zeitung Magazin. Nr.49 vom 09.12.2011, S.34-38.


11.12.2011

Zum Klimagipfel in Durban

Auch wenn der Wirbel der Worte zum Sturm wird - es bleiben Worte, es sind noch keine Taten. Die Menschheit steht am Scheidewege. Was meint Menschheit? Die Summe aller existierenden Menschen? Das wäre ontisch gedacht. Oder meint Menschheit die ontologische Verfassung des Menschen? Menschheit als das Sein des Menschen, als sein Wesen. Erst in dieser ontologischen Auslegung wird ein Seinsollen des Menschen sichtbar. Kant gab diesem Grundprinzip der Moralität Ausdruck im kategorischen Imperativ: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit und zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest.“ Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Cassirer-Ausgabe, Bd.4, S.287. Das ist der normative Anspruch an jeden von uns. Wie dieser kategorische Imperativ in einer konkreten Situation anzuwenden ist, das muss in jedem Einzelfall wieder neu diskutiert werden. Bei einer solchen ethischen Reflexion ist also der gemischte Syllogismus anzuwenden: Die normative Prämisse des kategorischen Imperativs und die deskriptiven Prämissen der konkreten Situation sind zu beachten. Wer das tut, wird, jeder Einzelne für sich, ihn nicht überfordernde Imperative für eine klimafreundlichere Lebensweise finden. Vor diesem Seinsollen kann er sich bewähren. Er kann aber auch scheitern. Er wird schuldig. Vielleicht vor einem Schöpfer, an den er glaubt, sicher vor der Natur, deren Teil er selbst ist und die ihn trägt. Auf jeden Fall wird er schuldig vor sich selbst, weil er unter den ihm als Mensch gegebenen Möglichkeiten einer vernünftigen Selbstverwirklichung geblieben ist.


09.12.2011
Freiheit ist nicht Zügellosigkeit

Wer Freiheit als das Vermögen ansieht, die Welt zu zerstören, der muss unter Zwang gestellt werden, damit er jene Freiheit  kennenlernt, in der er sich nicht selbst verleugnet. Diejenige Freiheit, die Wüsten schafft, ist keine menschliche Freiheit. Sie ist Zügellosigkeit.


08.12.2012
Plünderungsbeschleunigung

Solange wir keine Vision für ein gelingendes Leben haben, werden wir Opfer unseres Steigerungswahns bleiben. Uns beherrscht das ressourcenfressende Gesetz: Immer weiter, schneller, grösser, höher, effizienter. Diese Plünderungsbeschleunigung zerstört unsere Existenz schon heute und gibt zukunftsfähigen Lebensstilen überhaupt keine Chance. Nur eine Revolution der Denkungsart könnte uns retten.


07.12.2011
Besinnung

Die Beschleunigungsbegehrungen Weniger geben den Entschleunigungsbedürfnissen der Vielen keine Chance. Die Arbeitgeber treiben die Arbeitnehmer, die Märkte treiben die Politiker, die Politiker treiben die Bürger, die Lehrer treiben die Schüler, die Eltern treiben ihre Kinder. Am Ende treibt jeder jeden, bis sich der Einzelne selbst treibt. Das Leben als Treibjagd. Wenige Jäger auf dem Hochsitz, einiger Treiber im Unterholz, der Rest ist zum Abschuss freigegeben. Nur gelegentlich trifft ein Querschuss auch einen von oben. Aber alle singen das hohe Lied von der Besinnung. In der Adventszeit besonders inbrünstig.







06.12.2011

Ökologische Selbstbegrenzung

Wir bedürfen dessen, was zum Leben notwendig ist. Wenn wir genug davon haben, sind wir bereits reich. Wollen wir mehr haben und begehren den Luxus, dann sind wir arm dran, denn wir verlieren leicht unser Menschsein. Insofern liegt in der aktuellen Euro-Krise die Chance der Akzeptanz einer ökologischen Selbstbegrenzung. Allerdings fehlt dazu noch die öffentliche Aufklärung. Noch sieht unsere Welt anders aus:

Die Yes-Men regeln die Welt

Andy Bichlbaum und Mike Bonanno sind zwei besonders einfallsreiche globalisierungskritische Politaktivisten. Sie geben sich mit unglaublicher Chuzpe als Vertreter offizieller Organisationen, internationaler Konzerne und Regierungen aus und lassen sich zu Statements und Reden in Fernsehsendungen oder auf internationalen Konferenzen einladen. Stets seriös in Anzug mit Krawatte gekleidet, wollen sie durch bewusst satirische und schockierende Reden über die Auswüchse der globalisierten Wirtschaft ihr Publikum - Konzernmanager, Lobbyisten und Regierungsvertreter - aufrütteln.
Trotz ihrer abstrusen Theorien und Powerpoint-Präsentationen, die offensichtlich die Grenzen der Ethik überschreiten, gehen ihnen ihre Opfer oftmals auf den Leim. Im Namen von Marktgesetzen und ökonomischen Grundsätzen werden offenbar die verrücktesten und unmenschlichsten Ideen akzeptiert. Fast könnte man die Wirtschaftskrise 2008 als Glücksfall bezeichnen - immerhin führte sie jene ad absurdum, die gestern noch das wirtschaftliche Denkmonopol hatten. Allein schon das macht die Yes Men heute zu Propheten.

So kündigt ARTE die Sendung „Die Yes-Men regeln die Welt“ an. Hier der Link dort hin und zur Seite der Autoren Andy Bichlbaum und Mike Bonanno: theyesmen.org



04.12.2011

Wenn der Markt zum Gott wird

Unter dieser Überschrift lese ich von Frank A. Meyer im Dezember-Heft 2011 von CICERO auf Seite 52 dieses: „Die Organisation FOODWATCH kritisiert die Spekulation mit Agrar-Rohstoffen. Sie sei massiv mitverantwortlich für den Hunger in der Welt. Zu den Hungermachern zählt nach dem Bericht der Verbraucherschützer auch die Deutsche Bank. Wie reagiert Josef Ackermann auf diesen Vorwurf? Mit dem Satz: Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen. Ist das ein guter Satz? Er klingt ja erst mal einsichtig. Doch es ist ein schlechter Satz! Nicht dem Schicksal hungernder Menschen gilt der spontane Gedanke, nicht dem Elend ausgemergelter Kinder gilt die Anteilnahme Ackermanns, nein, die Sorge des Schweizers gilt einzig und allein dem Ruf der Deutschen Bank. Sind die Märkte so? Jenseits von Gut und Böse? So wird es uns mit der Zwei-Wort-Formel die Märkte suggeriert.“  Es wird noch ein Satz in diesem Artikel zitiert, der Kopfschütteln auslöst: Der Philosoph Hermann Lübbe hält Moralismus für den  Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft. Was fällt mir dazu ein? Wer Markt an Moral misst, der sei also nicht kompetent. Er sei ein dummer Moralist, der einem unaufgeklärten Moralismus verfallen ist. Dort also ist heutzutage ein konservativer Philosoph angekommen. Was konserviert er denn? Die Masslosigkeit der Märkte, den Kasinokapitalismus mit seinen Verstössen gegen die elementarsten Gebote der Moral. Chapeau, Herr Philosoph!



03.12.2011

Rehabilitierung der Vernunft

Heute gilt, die Tradition müsse dekonstruiert werden mit dem Ziel der Destruktion des Überlieferten, damit eine neue Welt konstruiert werden könne. Nach solchem Abbau landet der Vernunft-Begriff  im Mülleimer der Geschichte. Doch bei Heidegger lese ich: „Konstruktion der Philosophie ist notwendig Destruktion, d.h. ein im historischen Rückgang auf die Tradition vollzogener Abbau des Überlieferten, was keine Negation und Verurteilung der Tradition zur Nichtigkeit, sondern umgekehrt gerade positive Aneignung ihrer bedeutet.“ Gibt es dann nicht notwendigerweise eine Rehabilitierung der Vernunft?  Martin Heidegger: Gesamtausgabe. II. Abteilung: Vorlesungen 1923-144. Bd. 24: Die Grundprobleme der Phänomenologie. Frankfurt am Main 1975, S.31.

Unter der Rubrik "Glossen" sind zur Pädagogik neue Einfälle notiert worden.



02.12.2011

Empathie-Entzug

Wer mitfühlt, taugt nicht für die Leistungsgesellschaft. Er ist krank. Er leidet an Empathie-Abhängigkeit. Er muss in die Klinik, zum Empathie-Entzug. Nach erfolgreicher Empathie-Entgiftung wird er bestens funktionieren. Die Kliniken tragen die uns allen bekannten Namen: Schule, Hochschule, Arbeitsplatz.



01.12.2011

"Menschenzüchtung"?

In der Stellungnhme Nr. 18/2011 der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin, Schweiz, ist zu lesen, dass in der jüngsten Studie des Schweizer Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss) zum Thema Human Enhancement Enhancement definiert wird als "alle medizinischen und biotechnischen Interventionen, die darauf abzielen, Menschen in ihren Fähigkeiten und in ihrer Gestalt in einer Weise zu verändern, die in den jeweiligen soziokulturellen Kontexten als Verbesserung wahrgenommen wird, deren Zielsetzung nicht primär therapeutischer oder präventiver Art ist." Erweiterung, Steigerung, Verstärkung, also "Verbesserung" gesunder körperlicher Funktionen wird gentechnisch, biotechnisch, operativ und pharmakologisch angestrebt. Sind wir auf dem besten Wege zur Menschenzüchtung? Die am 15.09.2011 verabschiedete Stellungnahme der Ethikkommission trägt den Titel: "Über die Verbesserung des Menschen mit pharmakologischen Wirkstoffen". Es gibt eine Kurzfassung und eine Langfassung des Textes. Die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich legte ihrerseits ein Orientierungspapier vor: "Pharmakologisches Neuro-Enhancement". Beide Papiere, einschliesslich der Literaturhinweise, sind unverzichtbare Einführungen in einen Prozess der Veränderung unseres Menschenbildes.

Und dann noch dieses aus meinen "Glossen": Eine unheilige Allianz: Die einen dürften dem Weihnachtskaufrausch gar nicht verfallen, weil sie als Ungläubige nichts zu feiern haben, und die anderen müsste die Einkehr in die erwartete Stunde der Geburt Jesu Christi zur Besinnung bringen. Dürfte, müsste...Beide hat der ökonomische Markt voll im Griff. Die Weihnachtszeit erlebt man als erfolgsentlastete Zeit nur, wenn man sich dem Konsumdruck entzieht. Solidarisieren wir uns also gegen den öffentlich verkündeten Zwang, Geschenke kaufen zu müssen! Zwei Ausnahme könnten wir uns vielleicht gestatten, das Geschenk eines guten Buches oder den Besuch eines Museums. Wer eine Anregung möchte für ein Buch - Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main 2005; - für einen Museumsbesuch: Kunstmuseum Wolfsburg: "Die Kunst der Entschleunigung", noch bis zum 09. April 2012.



29.11.2011

Kassandra

Eine re-animalisierte Menschheit der westlichen Hemisphäre vegetierte wenige Jahrzehnte im Rausch des Planeten plündernden Konsums. Diese kurze weltgeschichtliche Epoche neigt sich ihrem Ende zu. Dem überlebensnotwendigen Epochenwechsel in eine "asketische Weltkultur" (Carl Friedrich von Weizsäcker) weichen die Verursacher des Unheils aus. Diesen Menschen ist zu viel Vernunft abhandengekommen. Auch die aktuelle UN-Klimakonferenz in Durban wird scheitern. Wenn die Katastrophen eintreten, vor denen Hellsichtige schon lange mit unwiderlegbaren Argumenten warnen, werden sich Dramen abspielen. Unter den Verursachern, weil sie ihre Schuld drastisch vor Augen geführt bekommen, und unter den Warnern, weil sie sich nicht radikal genug engagierten. Die erfolglos bremsende Mitwirkung war eben doch kein ausreichender Widerstand. Kassandra bleibt eine tragische Figur: Sie sagt das Unheil voraus, findet aber kein Gehör. Opfer werden alle sein.



28.11.2011

Wahrheitsräume

Wenn Wahrheit mit anderen Wahrheiten in Widerspruch gerät, ist nicht notwendigerweise die eine wahr und die andere unwahr. Wir haben uns nur in der Ebene geirrt, in der die jeweilige Wahrheit gilt. Das Haus der Wahrheit hat eben mehrere Wahrheitsetagen und viele Wahrheitsräume. Diese Einsicht ist kein Plädoyer für einen Wahrheitsrelativismus, denn alle Wahrheiten zusammen ermöglichen erst das Haus. Karl Jaspers: Periechontologie. Periechontologie ist die Lehre vom Umgreifenden. Sie umgreift die Wahrheitsräume von Dasein, Bewusstsein überhaupt, Geist, Existenz, Welt und Transzendenz.



27.11.2011

Nur ein Vorurteil

Der Tages-Anzeiger druckte am 02.11.2011 die gekürzte Version einer Rede, die Peter Sloterdijk im Rahmen des diesjährigen „Philosophicum“ in Lech am Arlberg hielt: „Boccacios Decamerone und die Lehren aus der verheerenden Pest im Jahr 1348. Die Grausamkeit des Himmels. Oder das Recht auf Nachrichten, die besser sind als die Lage. Ein Essay.“ Der Abdruck endet mit diesem Passus: „Die neuzeitlich begriffene Welt verwandelt sich in eine Werkstatt der Aufheiterungen. Wer von ihr berichtet oder Berichte von ihr verlegt, ist gleichsam an einen Evangelien-Generator angeschlossen, aus dem die Innovationen sprühen – vorausgesetzt, die Welt tut uns den Gefallen, das archetypische Vorurteil zu bestätigen, das wir als Teilnehmer der Modernisierung hegen: dass das Neue zugleich das Gute sei, das Neuere das Bessere, das Neueste das Beste.“ Für einen Philosophen eine erstaunliche Aussage. Sie unterschlägt die Differenz von Genese und Geltung. Das genetisch Neueste muss wahrlich nicht das in der Geltung Beste sein. Das „archetypische Vorurteil“ ist leider nur ein Vorurteil, mehr nicht. Ein realistischer Blick in die Welt genügt.


25.11.2008

Hartmut von Hentig: Endlich doch noch!

Hartmut von Hentig liegt es sehr daran, nach vielen Missverständnissen und Anfeindungen noch einmal unmissverständlich seine Haltung zum Verbrechen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und sein Gedenken an die Leiden der Opfer zum Ausdruck zu bringen. Dazu hat er im Juli 2011 für einen Freundeskreis den hier folgenden Text geschrieben, den er jetzt auf unsere Bitte hin dem Forum Kritische Pädagogik zur Veröffentlichung übermittelt hat.

Tübingen/Frankfurt, Ulrich Herrmann/Andreas Gruschka, 22. November 2011

Im Juli 2011

Hartmut von Hentig :

Ein Klärungsversuch

Unter dem Eindruck der Berichte von Betroffenen möchte ich zugleich den wiederholten Aufforderungen von Freunden und Kritikern genügen, die mir vorwerfen, nicht deutlich genug zu den Leiden der Opfer und zu den Vorfällen an der Odenwaldschule (in vergangenen Jahrzehnten) Stellung genommen zu haben.

Ich gebe meine Überzeugungen, die ich anderwärts ausführlicher dargelegt und begründet habe, hier in geraffter Form wieder:

1.

Die Berichte von Betroffenen sind Zeugnisse/Dokumente schwerer Verletzungen und nicht entschuldbarer Übergriffe von Seiten Erwachsener. Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein Verbrechen. Dass solche Übergriffe Gerold Becker anzulasten sind, trifft niemanden härter als seinen engsten Freund.

Als dieser bitte ich seine Opfer in Demut, sie mögen dem Toten die Verzeihung gewähren, um die er sie noch lebend gebeten hat. Ich tue es im Mitgefühl für die Kinder, die sie damals waren, und für die Kränkung, dass man ihnen als Erwachsenen nicht geglaubt hat. Was das bedeutet, habe ich im letzten Jahr gründlich gelernt. Eine Abkehr von dem toten Freund nützt niemandem und ist von mir nicht zu erwarten.

2.

Kritik an der Reformpädagogik und den Schulen, die sich auf sie berufen, sind je in sich zu begründen und nicht an mich gekoppelt.

Die von diesen Schulen ebenso wie in meinem Sokratischen Eid vertretenen Grundsätze wollen zu einer menschlichen Pädagogik anleiten. Kommt es zu schwerwiegenden Verstößen wie sexuellen Übergriffen, werden diese Grundsätze dadurch nicht untauglich. Ihre Funktion ist es vielmehr, menschliche Schwäche und Fehlbarkeit erkennbar und überwindbar zu machen.

3.

Wer sich jetzt aus Empörung über die Vorfälle an der Odenwaldschule oder aus Enttäuschung über mich von der von mir vertretenen Pädagogik abkehrt, der prüfe sich selber. Dabei sollte es nicht darum gehen, was bei Hentig steht, um das, was ich richtig oder falsch gemacht habe, sondern darum, was gute Pädagogik heute und in Zukunft sein kann.


Vgl. auch Gisela Miller-Kipp und Peter Kern: Hartmut von Hentig: An die Gebildeten unter meinen Verächtern.


24.11.2011

Hier ist mein gestern in Bern gehaltener Vortrag zu finden: Was hat uns der Philosoph Peter Sloterdijk zu sagen?


23.11.2011

Eine Chance

Wir bedürfen dessen, was zum Leben notwendig ist. Wenn wir genug davon haben, sind wir bereits reich. Wollen wir mehr haben und begehren den Luxus, dann sind wir arm dran, denn wir verlieren dann leicht unser Sein. Vor allem aber zerstören wir als Teilnehmer einer Verschwendungsgesellschaft die Lebensgrundlagen für uns selbst und für künftige Generationen. Lesen wir also die aktuelle Euro-Krise als Chance. Wenn uns schon nicht die eigene Vernunft dazu bringt, in ökologischer Selbstbegrenzung zu leben, dann eben das Abschmelzen unserer Konten. Auch so kann das „Selbstauslöschungsprogramm“, an dem wir naiv festhalten, gestoppt werden. Nach Peter Sloterdijk ist es in der heutigen weltgeschichtlichen Situation nicht die Aufgabe der Politiker, weiterhin Arbeitsplätze an Bord der Titanic zu sichern. Solche Arbeitsplätze gibt es nur, solange das Schiff fährt. Also ist die vordringlichste Aufgabe, es vor dem Untergang zu bewahren.


21.11.2011

Bankerprofil

Gehört künftig eine respektable Anzahl von Gerichtsverfahren zur Stellenbeschreibung von Spitzenbankern?

Josef Ackermann als Vorbild:

Der Mannesmann-Prozess von 2004 bis 2006. Das erste Verfahren endete mit einem Freispruch. Nachdem die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt hatte, hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Das zweite Verfahren wurde eingestellt gegen Geldauflagen nach § 153, Absatz 2 StPO. Von den insgesamt 5,8 Millionen € hatte Josef Ackermann 3,2 Millionen € zu zahlen. Bei einer Verurteilung zu einer Geldstrafe wäre die höchstmögliche Strafe 3,6 Millionen € gewesen. Honi soit qui mal y pense, beschämt sei, wer schlecht darüber denkt.

Neues Ermittlungsverfahren November 2011. Ich zitiere aus der FAZ vom 15.11.2011, S.11: „Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft dem Schweizer sowie den drei ehemaligen Vorständen Rolf Breuer, Clemens Börsig und Tessen von Heydebreck versuchten Prozessbetrug und uneidliche Falschaussagen im Rechtsstreit mit dem inzwischen verstorbenen Medienunternehmer Leo Kirch vor. In der vergangenen Woche hatten die Ermittler Vorstandsbüros in der Deutschen Bank durchsucht. Bei Ackermanns Amtsvorgänger Breuer wurden sie sogar in dessen Villa in Frankfurt und einer Ferienwohnung in Kitzbühl vorstellig.“

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. Die Zeiten ändern sich und,  - in angepasster Übersetzung, - die Banker ändern sich in ihnen.


19.11.2011

Ein neues Peanut wurde eingestellt: Bildungswahn? - Ausbildungswahn!


18.11.2011

Törichte Banker

Antoine de Saint-Exypéry nennt die Geldleute, also die Banker, „töricht“. „Nicht dass ich etwa (ihr) Werk verachtete, aber ich verachte ihren Dünkel, ihre Sicherheit und ihre Selbstzufriedenheit, denn sie halten sich für das Ziel aller Dinge und die Hauptsache, während sie doch nur Lakaien sind.“ Antoine de Saint-Exupéry: Die Stadt in der Wüste, dt. 1956, S.249.


13.11.2011

Ein neues Peanut wurde eingestellt: Gesundheitswahn.


12.11.2011

Russisch Roulette

Nachtrag zum Tagebucheintrag vom 30.10.2011:

„Klimahysterie“: Eine Selbstdisqualifizierung

Wer immer noch meint, Wissenschaftlern, Politikern und  informierten Bürgerinnen und Bürgern „Klimahysterie“ vorwerfen zu können, dem seien folgende Aufsätze empfohlen:

Paul J. Crutzen: Die Geologie der Menschheit,

Michael D. Mastrandrea / Stephen H. Schneider: Vorbereitungen für den Klimawandel

Mike Davis: Wer wird die Arche bauen?

Peter Sloterdijk: Wie groß ist groß?

Sie alle sind in dem nur 115 Seiten starken „edition unseld“-Band von 2011 enthalten: „Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang“. Ich zitiere im Folgenden aus dem Beitrag von Mastrandrea und Schneider. Mastrandrea lehrt am Woods Institute for the Environment der Stanford University. Ausserdem ist er Deputy Director Science der Arbeitsgruppe II des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Stephan Schneider (1945-2010) war einer der führenden Klimaforscher der USA. Er lehrte als Melvin and Joan Lane Professor for Interdisciplinary Environmental Studies an der Stanford University. Schneider war einer der federführenden Wissenschaftler des IPCC und gehörte zu dem Team, das den Synthesis Report des 2007 erschienen Vierten Sachstandsberichts verfasste. Gemeinsam mit seinen Kollegen vom IPCC wurde er 2007 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

„Der natürliche Treibhauseffekt und seine Verstärkung durch vom Menschen verursachte (anthropogene) Emissionen von Treibhausgasen sind bekannt und wissenschaftlich gut belegt. Für die Klimaforscher, die die Mehrheitsmeinung vertreten, handelt es sich dabei um einen belastbaren Befund. Doch obwohl die Beweise auf der Hand liegen, gibt es eine Reihe von Interessengruppen – sowie einige Wissenschaftler -, welche die in den letzten vierzig Jahren gefundenen Belege für eine anthropogene Erwärmung immer noch nicht akzeptieren. Leider werden diese Skeptiker von den Medien häufig als glaubwürdige Experten behandelt.“ S.11

„Aufgrund der heutigen Beobachtungen und der anhand der proxies (indirekte Indikatoren) gelieferten Daten ist der IPCC zu dem Schluss gelangt, dass es sehr wahrscheinlich ist (die Wahrscheinlichkeit liegt bei mindestens neunzig Prozent), dass menschliche Aktivitäten für den grössten Teil der im 20. Jahrhundert und insbesondere in den letzten vierzig Jahren festgestellten Erwärmung verantwortlich sind.“ S.24

Wer auf die verbleibenden zehn Prozent Unsicherheit setzt, ist in höchstem Ausmass unverantwortlich. Er spielt mit der Zukunft unserer Erde russisch Roulette.


11.11.2011

Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang -

Gegen Apokalypseblindheit

Apokalypseblindheit führt in den Untergang. Nur Apokalyptiker können eine vernünftige Zukunftspolitik betreiben. So schon Günther Anders, Hans Jonas, dann Jean-Pierre Dupey und neuerdings auch Peter Sloterdijk.

Günther Anders: Er sah sich als „prophylaktischen Apokalyptiker“. Angesichts der globalen Gefährdung von Leben überhaupt, attestierte er seinen Zeitgenossen eine „Apokalypseblindheit“, die sie hindere, die Bedrohungen wahrzunehmen. Deshalb verschrieb er denen, die sich bereits an die tödlichen Gefahren gewöhnt hatten, „Exerzitien und Streckübungen“, um die Apokalypseblindheit zu überwinden mit dem Ziel, dass aus der Apokalypseblindheit keine reale und endgültige Apokalypse werde. Vgl. von Günther Anders vor allem: Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1, 1956 u.ö. Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen zum atomaren Zeitalter, 1972 u.ö. vgl. auch die Freiburger Diplomarbeit von Peter Kapp: Endzeitbildung. Pädagogische Perspektiven im Werk von Günther Anders, PH Freiburg i.Br. 1998. Vgl. Angst und Furcht.

Hans Jonas: Er sieht, wie Günther Anders, eine qualitativ neuartige Gefährdung der Menschheit. Für diese Gefährdung gebe es noch keine Ethik. Der Kompass, das Regulativ für den Entwurf einer solchen Ethik müsse eine vorausgedachte, eine antizipierte Gefahr sein. Wir müssten lernen, uns Vorstellungen davon zu beschaffen, welche tödlichen Gefahren unsere Handlungen haben können. Diese vorausdenkende Beschaffung ist deshalb notwendig, weil beim realen Eintritt der Gefahr alles schon zu spät sein dürfte. Die Vorstellung solcher möglichen Fernwirkungen unserer Handlungen müssten dann noch mit einem angemessenen Gefühl verknüpft werden, damit wir die Bereitschaft aufbringen, uns von der kognitiven Vorstellung des möglichen Unheils auch affektiv affizieren zu lassen. Es geht also um so etwas wie eine sinnliche Einlenkung in die Sittlichkeit im Atomzeitalter. Jonas nennt sie „Heuristik der Furcht“. Vgl. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung, 1979 u.ö.Vgl. Vernunft - Verstand.

Jean-Pierre Dupey:  “On peut se fixer sur le scénario du pire non pas comme pouvant ou devant se produire dans l’avenir mais en tant qu’il pourrait ou devrait se produire si l’on entreprenait telle action. Dans le premier cas, le scénario du pire est de l’ordre d’une prévision ; dans le second c’est une hypothèse conditionnelle dans une délibération qui doit aboutir à choisir, parmi toutes les options ouvertes, celle ou celles qui rendent ce pire acceptable. C’est une démarche "minimax" : rendre minimal le dommage maximum. Or minimiser le pire, ce n’est pas le rendre nul. C’est précisément la pertinence, voire la seule existence de la possibilité de ce scénario du pire qui peut et doit guider la réflexion et l’action, écrit Corinne Lepage. Je rejoins ce jugement. Je crains que ce point fasse peu sens pour les gestionnaires du risque. La catastrophe a ceci de terrible que non seulement on ne croit pas qu’elle va se produire, mais qu’une fois produite elle apparaît comme relevant de l’ordre normal des choses.” Jean-Pierre Dupey: Pour un catastrophisme éclairé, 2004

Peter Sloterdijk: Es “können nur Apokalyptiker vernünftige Zukunftspolitik betreiben, weil allein sie auch das Schlimmste als reale Möglichkeit bedenken.” Peter Sloterdijk: Wie groß ist groß? In: Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang. Texte von Paul J. Crutzen, Michael D. Mastrandrea, Stephan H. Schneider, Mike Davis und Peter Sloterdijk. edition unseld, 2011, S.97.


09.11.2011

Vom Geheimnis des Lebens

Wir Menschen sind nicht die Summe unserer Organe und Knochen, wie auch der Baum nicht die Summe seiner Äste und Blätter ist. Das Ganze des Menschen oder des Baumes ist mehr als die Summe seiner Teile. Doch indem jemand dieses Ganze benennt, etwa als Geist, Idee, als Wesen oder Seele, fügt er den Teilen nur ein weiteres Teil hinzu. Auf diese Weise ist also die Frage nach der Ganzheit nicht zu beantworten. Was aus den vielfältigen Elementen die unverwechselbare Einheit des jeweiligen Ganzen macht, bleibt ein Geheimnis. Wer diesem Geheimnis nicht in Ehrfurcht und Demut begegnet, bemächtigt sich selbstherrlich der Teile und zerstört das Ganze: Der Mensch verliert seine Würde, und der Baum stirbt.


08.11.2011

Beat Gysi führt in die Irre

Beat Gysi ist Wirtschaftsredakteur der NZZ. Im November-Heft von NZZ FOLIO veröffentlicht er einen Beitrag mit dem fruchtigen Titel „Äpfel und Birnen“. Der Untertitel zeigt rasch, wohin die Reise gehen soll: „Immer mehr Firmen wollen mit Umwelt und Gesellschaft besonders rücksichtsvoll umgehen. Das Zauberwort heisst: Corporate Social Responsibility“ (CSR). Beat Gysi weiss: „Es geht in die Irre”. Nur noch kopfschüttelnd nimmt man zur Kenntnis, wie antiquiert ein NZZ-Redakteur zu denken beliebt. Dass Firmenchefs und Manager endlich beginnen, in Sachen sozialer und vor allem auch ökologischer Verantwortung umzudenken, das stört diesen Wirtschaftsredakteur. Ein rücksichtsvoller Umgang der Menschen untereinander in unseren Gesellschaften und ein rücksichtsvoller Umgang mit der uns allen tragenden Natur ist seine Sache nicht, jedenfalls dann nicht, wenn es um die Wirtschaft geht. Wer sich in der Wirtschaft vom Primat der Gewinnmaximierung lösen möchte und der triple bottom line folgt, ist Gysi verdächtig: Wie kann man nur zur „normalen Jahresrechnung“ einer Firma von „Gewinn/Verlust“ zwei weitere Erfolgsgrössen hinzufügen! Das ist doch nicht normal, „einen umweltbezogenen und einen gesellschaftsbezogenen Wert“ einzubeziehen! Das Zieldreieck „Wirtschaft – Umwelt – Gesellschaft“ bzw. „Ökonomie – Ökologie – Gesellschaft“ oder auch „People, Planet, Profit (3P)“ ist unserem NZZ-Redakteur mehr als suspekt. Solches Denken gehe „auf Kosten der Eigentümer, also der Aktionäre.“ Ja, das steht tatsächlich so da. Beat Gysi hält es immer noch mit Milton Friedman, ohne die Flurschäden von dessen neoliberaler Wirtschaftstheorie auch nur im Ansatz zur Kenntnis zu nehmen: „Auf die Frage, worin eine soziale Verantwortung von Unternehmen bestehe, lautete seine (also Friedmans) Antwort, dass sich die Manager in einer freien Marktordnung darauf konzentrieren sollen, die ihnen von den Eigentümern anvertrauten Mittel möglichst gewinnbringend einzusetzen – natürlich unter Einhaltung der Wettbewerbsregeln und Gesetze. Verpflichte man Unternehmen auf andere, soziale Ziele, führe dies bloss zu Willkür bei der Gewichtung dieser Ziele – zulasten der Eigentümer, was die Fundamente freier Wirtschaftsordnungen untergrabe“. Alles, was zulasten der Eigentümer geht, habe also zu unterbleiben. Gesellschaft und Ökologie sind danach keine Unternehmensziele. Wer diese Ziele anstrebt und gleichrangig in die Wirtschaftsbilanzen aufzunehmen gedenkt, der untergrabe die Fundamente freier Wirtschaftsordnungen. Man dürfe doch nicht „Äpfel, Birnen, Nüsse und Orangen“ miteinander vergleichen. Wer Gesellschaft und Ökologie als Bezugsgrössen in die Wirtschaft einführe, mache sich „marktfeindlicher Willkür“ schuldig. Das Zieldreieck „People, Planet, Profit“ sei nur etwas für inkompetente „Besserwisser“. Wer ist denn hier der inkompetente Besserwisser? Aber ja, Äpfel, Birnen, Nüsse und Orangen sind sehr wohl miteinander zu vergleichen, nämlich insofern, als sie alle miteinander Produkte der Natur sind. Wenn aber Wirtschaft das Leben dieser Natur zunehmend bedrängt, stört und zerstört, dann sind erst einmal jene Fundamente zu sichern, die das Leben und Überleben überhaupt ermöglichen. Wirtschaft muss also nicht nur personverträglich, sondern auch sozial- und umweltverträglich gestaltet werden. Andernfalls haben auch die von Beat Gysi ins Zentrum der Überlegungen genommenen Eigentümer keine Zukunft. Unser Wirtschaftsredakteur wird solch ein Argument als Panikmache abtun. Nun, er leidet noch an der todbringenden Apokalypseblindheit, die Günther Anders schon früh diagnostizierte. Aus der Sicht von Beat Gysi ist allerdings noch nicht alles für die neoliberale Marktwirtschaft verloren. Ihn stimmt positiv, dass die unternehmerische Berichterstattung zu Sozial-Zielen und zu Umwelt-Zielen noch im Vagen bleibe. Man sei also einer „Öko-Diktatur“ und einer „sozialistischen Wirtschaftssteuerung“ „noch nicht allzu nah“. Allerdings zögen die Wolken des Unheils bereits am europäischen Horizont auf: Die „staatlichen Mitbestimmer“ drängten schon vermehrt in die Firmen, „um das Abwägen zwischen Wirtschaft, Umwelt und Sozialem zu beeinflussen“, man denke gar schon an einen „Aktionsplan Corporate Social Responsibility“. Gysis Stossseuzer: Wie kann man sich nur anmassen, die Unternehmen unter eine soziale und ökologische Kontrolle zu stellen! Damit nehme man den Unternehmen ihre  „Verantwortlichkeit“, das sei „gefährlich“. In welchem Horizont verortet der Wirtschaftsredakteur Beat Gysi Begriffe wie „Verantwortung“ und „Gefahr“? Sie bleiben im Nahbereich der Ökonomie, genauer, im Nahbereich einer neoliberalen Marktwirtschaftstheorie. Dass diese mit ihren Folgen für die Gesellschaften und für die Umwelt von beängstigender Verantwortungslosigkeit ist, hat Beat Gysi nicht, noch nicht zur Kenntnis genommen. Wir leben am Beginn einer neuen Erdepoche, die Jan Zalasiewicz von der britischen Universität Leicester um das Jahr 1800 ansetzt. Es ist der Beginn des Industriezeitalters, das dann zu den biologischen und geologischen Verwerfungen führte, die der Nobelpreisträger Paul Crutzen unter dem Titel „Anthropozän“ als neuer Erdepoche zusammenfasste. Gysi denkt nicht in solchen Dimensionen. Er denkt im Umkreis nur ökonomischer Partikularinteressen. Sein Denken ist unvernünfig, insofern man Vernunft mit Carl Friedrich von Weizsäcker bestimmt als die Wahrnehmung des jeweils nächsthöheren Ganzen, von dem unser Handeln betroffen ist. Das Handeln in den Unternehmen wirkt sich nun einmal aus auf die Gesellschaften und auf die Umwelt insgesamt. Und das leider in vielen Bereichen negativ. Gesellschaft und Umwelt sind  deshalb integrativ in die Unternehmensbilanzen einzubeziehen. Andernfalls gilt: Mit Aktiengewinnen für Wenige in die soziale und ökologische Katastrophe für Alle. Wer die Höhenspannung seiner Reflexion ausschliesslich an der Wirtschaft festmacht, denkt falsch. Er versteht nichts, aber auch gar nichts von überlebensnotwendigen Rangordnungen. Wirtschaft hat einem gelingenden Leben zu dienen. Sie ist kein Selbstzweck für Eigentümer. Wer das angesichts der aktuellen sozialen Verwerfungen und im Blick auf die ökologischen Bedrängnisse nicht wahrzunehmen bereit ist, kommt zu gefährlichen Ergebnissen. Verantwortung hat heute zum Ziel das Leben des Einzelnen  in Würde und das Überleben der Gattung als ganzer. Wenn auch künftige Generationen  noch Äpfel und Birnen essen sollen, dann darf man diesem Wirtschaftsredakteur der NZZ nicht folgen. Sein Denken führt in die Irre.

Beat Gysi: Äpfel und Birnen. Immer mehr Firmen wollen mit Umwelt und Gesellschaft besonders rücksichtsvoll umgehen. Das Zauberwort heisst: Corporate Social Responsibility. Es führt in die Irre. In: NZZ FOLIO. Die Zeitschrift der Neuen Zürcher Zeitung, November 2011, S.59-61

vgl. "Ökokrise". "Wirtschaftstheoretische Aspekte"


04.11.2011

Die Macht der „Märkte“ und die Ohnmacht der „Politik“

Heiner Ganßmann, Professor emeritus für Soziologie an der Freien Universität Berlin, schreibt in „LE MONDE diplomatique“, Oktober 2011, S.9 unter der Überschrift: „Wir sind der Markt“: „Im Bereich der Politik erwarten wir, dass sich eine gewählte Kaste gegenüber den Interessen des Volkes, das sie zu vertreten vorgibt, nicht allzu weit verselbständigt. Nötigenfalls muss sie abgemahnt oder abgewählt werden. Aber genauso sollten wir auch die Akteure der Finanzmärkte als Repräsentanten unserer Wirtschaftsinteressen zurückpfeifen können. Ottilie und Otto Normalverbraucher möchten nicht, dass jemand unbeauftragt mit ihren Ersparnissen spekuliert. Und schon gar nicht, dass sie, wenn es schiefgeht, von ihren politischen Repräsentanten gezwungen werden, mit ihren Steuern für immense Spekulationsverluste geradezustehen. Die Märkte, gegenüber denen sich die Politik ohnmächtig stellt, sind ein Fetisch. In Anlehnung an den trotzigen Ruf Wir sind das Volk! ist es Zeit für den Ruf: Wir sind der Markt! Das bedeutet, die Märkte in die Verfügung derjenigen zurückzuholen, die sie ermöglichen und zugleich von ihnen betroffen sind. So wie wir politische Repräsentanten haben wollen, die auf vernünftige Weise unsere langfristigen Interessen wahrnehmen, brauchen wir Finanzinstitutionen, die sich verantwortlich um unser Geld kümmern. Die sollen also nicht nur den Geldwert stabil halten, sondern die Spekulation durch Entschleunigung, Besteuerung und Reregulierung in sozialverträgliche Grenzen bannen.“


02.11.2011

Ist der Kampf entschieden?

Der Baum ist gefallen. Die ökonomischen Kettensägen, die seit langem an den Stamm der Demokratie angesetzt wurden, haben ganze Arbeit geleistet. Die Demokratie ist am Ende; der autonome Bürger ist tot. Rechtsstaat und Demokratie wurden für wirtschaftlich privilegierte Gruppen geopfert. Der gesellschaftliche Zentralbereich, die Wirtschaft, liess sich nicht demokratisieren. Eine Finanz-Oligarchie hat immer unverfrorener ihre Priorität vor aller Politik durchgesetzt. Die Staaten wurden zu Wettstätten des internationalen Finanzwesens. Was übrig bleibt, ist die Masse deklassierter Wirtschafts-Objekte aus vordemokratischen Zeiten, der entmündigte Bürger eben. Nicht länger ist er autonomes Subjekt einer Demokratie. Ihm gönnt man in Griechenland kaum noch die rüde Materialität des irdischen Daseins: essen und verdauen, schlafen und Kinder machen. Es gilt alternativlos das heteronom verordnete Spardiktat für alle Arbeitenden, alle Arbeitslosen, alle Rentner. Der Sozialstaat wird abgewickelt. Von der Würde des Menschen ist keine Rede mehr. Die Rückkehr zur wölfischen Gesellschaft ist angesagt. Mutiert der bisher subordinationswillige Bürger wider Erwarten doch zum revolutionären Citoyen und protestiert und streikt, dann wird er von seinesgleichen, der Polizei, hart diszipliniert. In dieser Konfliktsituation heischt der griechische Premierminister, Giorgos Papandreou, nach Legitimation, die ihm die konservative Opposition verweigert: Er plant eine Volksabstimmung über die den Griechen autoritär auferlegten Fremdbestimmungen durch die EU. Papandreou will das in einer Demokratie Selbstverständliche: „Der Wille des Volkes ist bindend.“ Lehne das Volk die neue Vereinbarung mit der EU ab, dann „wird sie nicht verabschiedet.“ Ist der griechische Premierminister ein Hasardeur oder ein listiger Politfuchs? Für die Finanzeliten und politischen Strippenzieher ist er der Hasardeur. Wie kann man nur das Volk fragen wollen! Die Börsenkurse brachen empfindlich ein. Mit ihnen kam es zugleich zum Kurssturz der republikanischen Idee. Frank Schirrmacher titelte in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG vom 02.11.2001: „Demokratie ist Ramsch.“ Das Entsetzen darüber, in einer Demokratie das bürgerliche Subjekt selbst zu fragen, brach sich europaweit in den abenteuerlichsten Gedanken Bahn. Man wünschte den Griechen wieder eine Militärjunta. In Forbes, einem renommierten Organ der Finanzöffentlichkeit, wollte ein Redakteur mit diesem Titel aufmachen: „Die wahre griechische Lösung: Ein Militärcoup.“ Was schliesslich zu lesen war, machte die Sache kaum besser: „Die abstossende griechische Lösung“. Man verstehe, bitte, richtig: Demokratische Verfahren sind „abstossend“; sie sind für Europa ein Schock, las man andernorts, nicht zuletzt deshalb, weil sie die Finanzmärkte erschüttern (Badische Zeitung, 02.11.2011). Ratingagenturen, Börsenanalysten, Bankenverbände übernahmen es, das Entsetzen über einen hoch normalen demokratischen Vorgang zu artikulieren. Die Politiker folgten blind. Der Primat der Ökonomie über die Politik war damit endgültig und unübersehbar hergestellt. Demgegenüber urteilte Frank Schirrmacher in der FAZ : „Die Deformation des Parlamentarismus durch erzwungene Marktkonformität legitimiert das Volk nicht nur als ausserordentlichen Gesetzgeber, es erzwingt im Fall Griechenlands diese Willenskundgebung geradezu. Denn schon in Deutschland kann, wer als frei gewählter Abgeordneter seinem Gewissen folgt, sicher sein, dass man seine Fresse nicht mehr sehen will. Was Wolfgang Bosbach als Subjekt widerfuhr, trifft nun einen Staat, und wenn es so weitergeht, bald ganz Europa.“ Oder ist alles noch viel vertrackter? Liegt der geplanten Volksabstimmung überhaupt ein demokratischer Impuls zugrunde? Möglicherweise geht es in Wahrheit um eine raffinierte List, durch die dem protestierenden Volk das Motiv zum Widerstand abgehandelt werden soll. Wenn Premierminister Giorgos Papandreou die Frage zur Volksabstimmung geschickt stellt, dann könnten die Griechen, zähneknirschend, zustimmen. Damit hätten sie sich jede Berechtigung genommen, gegen ihre Auszehrung durch das internationale Finanzsystem Widerstand zu leisten. Der revolutionäre Citoyen hätte sich selbst gefesselt, und die Finanzeliten und ihre politischen Exekutoren könnten mit klammheimlicher Freude die Champagnerflaschen öffnen.


01.11.2011

25 Jahre nach der Katastrophe

In der Nacht zum 1. November 1986 kam es bei Sandoz in Schweizerhalle zu einem  ausserordentlichen Chemieunfall. Es war eine Katastrophe, die an diesem Standort niemand für möglich gehalten hatte. Mehr als 1350 Tonnen Chemikalien gingen in Flammen auf, Rückstände flossen in den Rhein und färbten ihn rot. Viele Tonnen Pestizide gelangten von Basel aus in den Fluss. Die Folge war u.a. ein grosses Fischsterben. 25 Jahre später titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG am 31.10.2011: „Die Wut der Bürger ist längst verflogen“, „Produziert wird nach wie vor. Keine Entindustrialisierung Basels“ und „Von der Kloake zum Lachsrevier. Die Umweltkatastrophe hat zu einem Umdenken beim Gewässerschutz geführt“. Die kantonalen Behörden im Baselland haben längst Entwarnung gegeben und die Sanierung für abgeschlossen erklärt. Der Brandort ist zwar immer noch mit Schadstoffen belastet. Das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) hat das Areal neu bewertet. Es gilt als „belasteter Standort mit Überwachungsbedarf“. Damit seien weitere Sanierungen nicht mehr nötig. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace kommen zu anderen Einschätzungen. Nachdenklich stimmt ein Interview, das Martin Forter mit dem EX-Umweltchef bei Ciba, Dr. Peter Donath, führte: „25 Jahre Schweizerhalle – hat die Branche aus dem Inferno gelernt?“ Die Antwort von Peter Donath: „Schweizerhalle hatte keine nachhaltige Wirkung“. Und in einem Interview, das die Badische Zeitung am 31.10.2011 mit Martin Forter führte, sagt dieser: „Sandoz hat damals den Brandplatz nicht sauber ausgeräumt. Auf dem Brandplatz blieben Schadstoffe zurück und aus dem Brandplatz wurde eine eigentliche Schweizerhalle-Deponie. Gemäß verbindlichen Abmachungen mit dem Kanton Basel-Landschaft sollte ab 1994 nicht mehr als ein halbes Kilogramm Schadstoffe pro Jahr aus dieser Deponie ins Grundwasser gelangen. Noch heute ist es aber fünf bis sieben Mal mehr.“ Vor allem: „Der Inhalt der Deponie wurde nie richtig untersucht.“

Martin Forter: Falsches Spiel. Die Umweltsünden der  Basler Chemie vor und nach „Schweizerhalle“. 2010


30.10.2011

„Klimahysterie“: Eine Selbstdisqualifizierung

Die Vontobel-Stiftung, Zürich, veröffentlichte im September 2011 eine Arbeit des deutschen Professors Josef H. Reichholf mit dem Titel: „Klimahysterie“. Im Vorwort zu diesem unentgeltlich zu beziehenden Privatdruck schreibt Dr. Hans-Dieter Vontobel: „Das Thema Klima ist seit längerem ein hochpolitisches Traktandum. Parteien wie die Grünen alimentieren quer durch Länder und Staaten wichtige Teile ihrer Programme mit dem Hinweis auf die von uns Menschen möglicherweise geförderte Erwärmung. Entsprechend propagieren sie Massnahmen, das Geschehen zu korrigieren oder gar umzudrehen. Solche Strategien sind freilich häufig überzogen und naiv. Erstens ist die These vom hohen Anteil der Selbstverschuldung für das global warming umstritten und spekulativ bis demagogisch. Und zweitens kann eine Weltwirtschaft im Zeichen der Globalisierung, die nun einmal einer gesteigerten Energiezufuhr bedarf, um Lebensstandards im weitesten Sinn zu garantieren oder überhaupt erst zu schaffen, nicht einfach auf vormoderne Zustände zurückgefahren werden. Im Fall des Klimawandels empfiehlt sich, nicht modischer Hysterie zu verfallen. Josef H. Reichholf schildert in diesem Essay detailliert und leidenschaftslos die Wirkkräfte der Erwärmung in ihrem Verhältnis untereinander. Und vor allem mit dem Blick auf die Klimageschichte unseres Planeten, vor der etwas intellektuelle Bescheidenheit und Demut angebracht wären.“

Diese Sätze schreien geradezu nach theoretischer  Aufräumarbeit.

Erstens:

Selbst wenn man der These folgt, dass der Anteil des Menschen an der globalen Erwärmung wissenschaftlich noch umstritten sei, dann ist nach Hans Jonas gerade wegen der wissenschaftlichen Unsicherheit im Blick auf die anthropogenen Ursachen der Erderwärmung eine „Heuristik der Furcht“ in Anschlag zu bringen. Angesichts dessen, was auf dem Spiele steht, ist der Unheilsprophezeiung mehr Gehör zu verschaffen, als der Heilsprophezeiung, denn niemals darf die Intaktheit des Ökosystems zum Einsatz in den Wetten des Handelns gemacht werden. Wer mit dem Wörtchen „möglicherweise“ die Erkenntnisunsicherheit selbst anerkennt, um dann von „Spekulation“ und „Demagogie“ zu sprechen, demonstriert auf unappetitliche Weise ideologisches Verhalten. Hans-Dieter Vontobel stellt erfreulich klar fest: „Seit Jahren debattieren und streiten auch renommierte Fachleute über Modelle der Erklärung“ wie hoch der anthropogene Anteil bei der unbezweifelbaren Globalerwärmung ist, um dann die seiner Deutung  widersprechende Gruppe der Forscher und Politiker  als „Klimahysteriker“ zu diffamieren.

Zweitens:

Wer aus der Findekunst einer zukunftsorientierten Sensibilität die Möglichkeit einer Klimakatastrophe antizipiert und daraus Konsequenzen zu ziehen versucht, der wird von Hans-Dieter Vontobel mit dem Urteil „naiv“ bedacht. Dagegen wird der Status quo kritiklos akzeptiert und fortgeschrieben: Eine Weltwirtschaft im Zeichen der ökonomischen Globalisierung brauche „nun einmal“ eine gesteigerte Energiezufuhr, um die hohen Lebensstandards in den reichen Ländern zu sichern und in den armen Ländern zu erhöhen. Der Vorwurf der Naivität ist zurückzugeben: Wer die heutigen energieintensiven und Ressourcen verbrauchenden Lebensstile der fortgeschrittenen Industrie- und Informationsgesellschaften zum Massstab seines Handelns macht, der ist anthropologisch und erkenntnistheoretisch nicht nur naiv, er ist gefährlich naiv. Anthropologisch ist er naiv, weil er das heute noch vorherrschende Wachstums- und Wohlstandsmodell als selbstverständlich voraussetzt. Josef H. Reichholf auf S.100: „Deutschland braucht das Wachstum Chinas, Indiens und Brasiliens und anderer aufstrebender Länder, um mit Exporten den eigenen Wohlstand einigermassen sichern zu können.“ Hier spricht nicht mehr der Klimaforscher. Hier stilisiert sich die Furcht eines Wohlstandsbürgers mit seinen Partikularinteressen zum Experten, der er nicht ist. Die wissenschaftliche Diskussion über zukunftsfähige und menschenverträgliche Lebensstile hat längst ein Niveau erreicht, das von diesen Wachstums- und Wohlstandsbegehrungen nicht im Ansatz erreicht wird. Erkenntnistheoretisch sind die Aussagen im Vorwort und im Haupttext naiv, weil sie einerseits anerkennen, dass die Ergebnisse der Klimaforschung noch nicht eindeutig gesichert sind, andererseits aber selektiv die Ergebnisse herausfiltern, die der eigenen Weltsicht dienlich sind. Wer letztlich die wirklich „falschen Propheten“ sein werden, wird der Lauf der Geschichte zeigen. Die Geschichte ist aber kein naturwissenschaftliches Experimentierfeld. Wer den wissenschaftlichen Beweis eines anthropogen verursachten Klimawandels einklagt, ist bereit, solange zu warten, bis dann in der Tat nichts mehr zu tun übrig bleibt. Auch hier gilt die Forderung der Heuristik der Furcht. Das hat etwas mit Hermeneutik zu tun, nicht mit empirisch-analytischer Wissenschaft. Die kontroversen Forschungsergebnisse der heutigen Klimaforschung wollen im Horizont menschlicher Lebenswelten verstanden werden. Wer diesen schwierigen Weg beschreitet, der kommt nicht  zur autoritären Abkanzelung: „Klimahysterie“.  Wer die eigene Forschung nur im Horizont seiner empirisch-analytischen Zugriffsweise interpretiert, kommt leicht zu Missverständnissen, und wer sich selbst missversteht, der landet unvermittelt bei falschen Handlungsanweisungen. Auch bei der empirischen Klimaforschung unterliegt die Auswahl der zu untersuchenden Variablen einem nicht-empirischen Entscheidungsprozess. Diese Auswahl steuert dann die Ergebnisse. Und die Ergebnisse selbst sind schliesslich ihrerseits wieder historisch-hermeneutisch zu interpretieren. Hier liegen die wissenschaftstheoretischen und wissenschaftslogischen Gründe für unterschiedliche Klimaveränderungsbefunde. Wer das ignoriert, ist nicht redlich.

Drittens:

Die Folge ist eine fragwürdige Grünen-Schelte. Hans-Dieter Vontobel mahnt im Vorwort „intellektuelle Bescheidenheit“ und „Demut“ an. Damit meint er die von seinem Autor ausgemachten vermeintlichen „Klimahysteriker“. Intellektuelle Bescheidenheit und Demut sind demgegenüber erst einmal auf die Tragweite der Wissenschaft selbst anzuwenden. Wer, wie Josef H. Reichholf, seine These von der „Klimahysterie“ mit einem Goethe-Zitat eröffnet, schiesst unbedacht ein Eigentor. Johann Wolfgang von Goethe war einer der profundesten Kenner der Grenzen des naturwissenschaftlich-berechnenden Denkens. Goethe ist einer der Letzten, den man zum Kronzeugen aufrufen kann, wenn es darum geht, „leidenschaftslos“ gewonnene empirische Erkenntnisse in die Lebenswelt zu integrieren. Und wie „leidenschaftslos“ ist das Vorwort selbst? Die Sprache verrät die Leidenschaft der Diffamierung. Wer den Andersdenkenden zum Hysteriker stempelt, verlässt den Pfad argumentativer Auseinandersetzung. Intellektuelle Bescheidenheit und Demut  ist nicht den vermeintlichen Klimahysterikern anzuraten, sondern sollte die Haltung aller Menschen gegenüber der uns tragenden Natur sein. Selbst wenn es überhaupt keine Klimaveränderung gäbe, ist der menschliche Umgang mit der Natur nicht zukunftsfähig. Darüber liest man bei Hans-Dieter Vontobel und Josef H. Reichholf erschreckend wenig bis gar nichts. Wenn man die imponierende Einbindung von Josef H. Reichholf in internationale Gremien auf Seite 4 zur Kenntnis nimmt, versteht man besser, weshalb aus diesen Gremien bestenfalls ein weiterhin nur krankmachendes Krisenmanagement kommt.

Vgl. auch "Bildung zur Zukunftsfähigkeit?"

Literatur

Josef H. Reichholf: Klimahysterie. Mit einem Vorwort von Hans-Dieter Vontobel. Zürich 2011, Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung. Privatdruck.

Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt am Main 1979

Michael Kalff: Zukunft gewinnen angesichts globaler Krisen. Westliches und buddhistisches Denken im Dialog: Auf der Suche nach neuen Wohlstandsmodellen einer „sustainable society“. Freiburger Dissertation. Marburg 1999. Tectum Verlag.


Zur Postwachstumsgesellschaft kann man diesen Blog besuchen.


27.10.2011

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Im Nachgang zu einer gerade stattgefundenen Tagung „Ganzheitliches Denken und Handeln“ möchte ich mit Goethezitaten auf eine Arbeit von Stefan Bleecken aufmerksam machen: Babylon in der modernen Naturwissenschaft, in: TABULA RASA. JENENSER ZEITSCHRIFT FÜR KRITISCHES DENKEN, Ausgabe 11, 02.07.1996:

Goethe: „Analyse und Synthese“, 1829: "Ein Jahrhundert, das sich bloss auf die Analyse verlegt und sich vor der Synthese gleichsam fürchtet, ist nicht auf dem rechten Wege; denn nur beide zusammen, wie Ein- und Ausatmen, machen das Leben der Wissenschaft. ... Die Hauptsache, woran man bei ausschliesslicher Anwendung der Analyse nicht zu denken scheint, ist, dass jede Analyse eine Synthese voraussetzt". (Johann Wolfgang von Goethe: Weimarer Ausgabe der Werke Goethes , Weimar 1887 – 1919, II 11, 70/71)

Die ausschliessliche Anwendung der analytischen Methode ist für Goethe geistiger Kretinismus: "Da wir vorher mit dem Ganzen als Riesen standen, sehen wir uns als Zwerge gegen die Teile". (Goethes Werke in zwölf Bänden, Berlin, Weimar 1974, Bd. 7, S. 570)

Zur "Morphologie":  „Aber diese trennenden Bemühungen, immer und immer fortgesetzt, bringen auch manchen Nachteil hervor. Das Lebendige ist zwar in Elemente zerlegt, aber man kann es aus diesen nicht wieder zusammenstellen und beleben." (Johann Wolfgang von Goethe: Weimarer Ausgabe der Werke Goethes , Weimar 1887 – 1919, II 6, 8)


Der Glaube an die Messbarkeit (Galilei) und der Glaube an die Mathematisierung (Newton) aller natürlichen Phänomene geisselt Goethe  im 1. Akt/Faust II:

"Daran erkenn ich den gelehrten Herrn!

Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,

Was ihr nicht fasst, das fehlt euch ganz und gar,

Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,

Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht,

Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht!"


In der Schülerszene/Faust I lässt Goethe  Mephisto spotten:

"Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,

Sucht erst den Geist herauszutreiben,

Dann hat er die Teile in seiner Hand,

Fehlt, leider! nur das geistige Band"

Goethes Ahnung:

"Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen" (Johann Wolfgang von Goethe: Weimarer Ausgabe der Werke Goethes , Weimar 1887 – 1919, I 25a, 249)

…und 2011:

Das Maschinenwesen hat überhandgenommen, und es trifft uns alle, denn: Wir denken falsch, und deshalb handeln wir notwendigerweise unvernünftig.


vgl. auch "Hilfen für mehrperspektivisches Wahrnehmen".


24.10.2011

Verschwindet die Gewalt?

Zeitgenössische Kulturpessimisten, Niedergangsdiagnostiker und Globalapokalyptiker werden von der Wissenschaft in die Schranken gewiesen. Der kanadische Evolutionspsychologe Steven Pinker behauptet, empirisch belegt zu haben, dass die Gewalt im Verlauf der Geschichte zurückgegangen sei. Auf über 1100 Druckseiten breitet Pinker beeindruckende Materialien aus, die alle belegen sollen: Das 20. Jahrhundert war nicht das blutigste in der Menschheitsgeschichte. Indem der Harvard-Professor die Opferzahlen in Beziehung zur historisch jeweiligen Weltbevölkerung setzt, ist nicht einmal der 2. Weltkrieg mit seinen 55 Millionen Toten das tödlichste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Das war im achten Jahrhundert ein Aufstand in China. General An Lushan  liess damals 36 Millionen Menschen umbringen. Nach Pinkers Umrechnungsmethode wären das heute 429 Millionen Menschen. Nach solchen Zahlenkorrekturen haben Dauer, Häufigkeit und Opferzahlen von Kriegen im Verlauf der Geschichte abgenommen. – Diese empirisch belegte Tatsache steht im Widerstreit meiner aktuell gefühlten Gewalt. Diese gefühlte Gewalt ist, ohne Frage, subjektiv. Ich lasse mich also gern von der Forschung belehren. Ich will jetzt auch nicht untersuchen, ob das Forschungsprojekt von Steven Pinker methodisch korrekt durchgeführt wurde. Ich unterstelle, dass die Kriterien empirischer Forschung eingehalten wurden. Das Ergebnis ist dann eindeutig: Die Gewalt hat in der Menschheitsgeschichte abgenommen. Ein erfreuliches Ergebnis. Dieses erfreuliche Ergebnis möchte ich jetzt verstehen. Welche Bedeutung hat es für uns, die wir auch im 21. Jahrhundert immer noch im Atomzeitalter leben? Harald Staun hat dazu in seiner klugen Besprechung des Buches von Steven Pinker in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG vom 23.10.2011 das Notwendige gesagt: „Wer im Zeitalter immer effektiverer Massenvernichtungswaffen die Abnahme der Gewalt per Bodycount beweisen will, ist immer nur einen Atombombenabwurf vom Einsturz seiner These entfernt.“ Pinkers  Forschungsergebnisse ändern nichts, aber auch gar nichts an der Einsicht, dass wir Menschen uns jederzeit mit den Massenvernichtungswaffen das Zeitenende bereiten können. Insofern leben wir in einer hoch fragilen Zeit voller Gewaltmöglichkeiten, völlig unabhängig davon, ob die per Bodycheck gezählte Gewalt abgenommen hat oder auch nicht. Schon Morgen können wir uns das Zeitenende bereiten, nach dem dann kein Pinker mehr die Toten wird zählen können. Bin ich, indem ich an diese andere Tatsache erinnere, ein zeitgenössischer Kulturpessimist, ein Nierdergangsdiagnostiker, ein Globalapokalyptiker? Nein. Ich bin ein antizipatorischer Realist. Ich habe Gründe, energisch  zu warnen. Dagegen laufen Steven Pinkerts Forschungsergebnisse Gefahr, zur Beschwichtigung missbraucht zu werden. Das wäre angesichts der latenten Gefahr fatal.

Steven Pinker: „Gewalt“, Frankfurt/Main 2011, 1178 Seiten

Harald Staun: Der Preis des ewigen Friedens, in: FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, Nr.42 vom 23.10.2011, S.30


19.10.2011

Der Mensch als „Werk seiner selbst“

In meinen Überlegungen spielt die Formel vom Menschen als „Werk seiner selbst“ eine grosse Rolle. Sie verweist auf die dritte Stufe im so genannten „anthropologischen Dreischritt“. Immer wieder bekomme ich Anfragen, was damit genau gemeint sei. Die anthropo-biologische Betrachtungsweise des Menschen als „Werk der Natur“ und die historisch-soziologische Betrachtungsweise als „Werk der Gesellschaft“ scheint demgegenüber leichter nachvollziehbar zu sein. Ich stelle deshalb heute eine kleine Studie in die ERGÄNZUNGSTEXTE, die Hans Wittig verfasste: „Pestalozzi – Werk seiner selbst“.  Bei Hans Wittig  lernte ich Pädagogik an der PH Hannover,  bevor ich mit meinem Zweitstudium an der Universität in Göttingen begann. Hans Wittig legt die Formel „Werk seiner selbst“ am Werk von Johann Heinrich Pestalozzi aus, von dem auch die Formulierung stammt. Viel wäre zu diskutieren: Die Problematik der ontischen Schichtung, die Entgegensetzung von „Werk der Natur“ und „Werk der Gesellschaft“ auf der einen Seite und „Werk seiner selbst“ auf der anderen Seite, die Mehrdeutigkeit des Begriffes „Natur“, der fragwürdige Begriff „Tiernatur“ und manches andere noch. Und dennoch: Liest man den Wittig-Text phänomenologisch, dann erhellt er anthropologische Tatbestände, die jeder von uns in seiner Lebenswirklichkeit wiederfinden kann, wenn er einen nicht-fragmentarisierten Bildungsprozess durchlaufen hat. Das macht diesen Text von 1951 auch heute noch bedeutsam, nicht zuletzt deshalb, weil mit dem „Werk seiner selbst“ auf eine Möglichkeit menschlicher Selbstverwirklichung hingewiesen wird, die uns vor individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen bewahren könnte, wenn, ja wenn man sie im Bildungsprozess überhaupt anstrebte. Unsere heutigen Schulen und Hochschulen tun dies nicht. Und in den Familien wird diese Erfahrung auch immer weniger möglich, so dass sich heute Menschsein allzu oft im „Werk der Natur“ und im „Werk der Gesellschaft“ erschöpft.


16.10.2011

Krankmachendes Krisenmanagement

Es ist, mal wieder, Welternährungstag: 16. Oktober 2011. Wir werden mit erdrückenden und bedrückenden Zahlen konfrontiert. 925 Millionen Menschen leiden an Hunger, und das vor allem im Süden. Bald werden es noch mehr sein. Die Weltbevölkerung geht auf 7 Milliarden zu, und für das Jahr 2050 erwartet man 9 Milliarden Erdenbürger, die täglich satt werden möchten. Angesichts dieser Situation stimmt man zunächst unbesehen zu, wenn heute in der „NZZ am Sonntag“ zu lesen ist: „Um den wachsenden Hunger zu stillen, sind alle Mittel recht“. Patrick Imhalsy schreibt: „…die Ernährung der wachsenden Menschheit zu garantieren, stellt die grösste Herausforderung dar, mit der wir in diesem Jahrhundert konfrontiert sind – sie ist dringender  noch als die Notwendigkeit, den Klimawandel in der Griff zu bekommen.“ Nach diesem Satz kann ich nicht mehr unbesehen zustimmen, und was dann kommt, ist nicht minder bedenklich. Gegen den Welt-Agrabericht von 2008, in dem renommierte Wissenschaftler das Ende der industriellen Landwirtschaft forderten, macht sich Patrick Imhalsy stark für grüne Gentechnik, also für die gentechnische Veränderung von Nutzpflanzen, ganz nach dem Eingangsmotto seines Textes: Wer die miserable Ernährungssituation verbessern will, muss alle Möglichkeiten ausschöpfen, die uns zur Verfügung stehen, also auch die grüne Gentechnik. Nun schlägt meine ursprüngliche Zustimmung endgültig in Ablehnung um. Imhalsy: „Was ist einzuwenden gegen gentechnisch veränderte Weizenarten, die Trockenheit oder versalzene Böden besser ertragen – also Verhältnisse, die infolge des Klimawandels besonders in Entwicklungsländern künftig häufiger auftreten dürften?“ Alles ist gegen dieses Argument einzuwenden. Erst greifen Wenige aus dem Norden massiv und unvernünftig  in die gewachsenen Strukturen des Südens ein, provozieren Elend und Hunger, machen aus diesen Regionen Entwicklungsländer, zwingen sie in die Abhängigkeit von multinationalen Agrarkonzernen und börsenorientierten Nahrungsmittelspekulanten, um dann das Heil in einer technischen Lösung zu suchen, sie selbstredend aus dem Norden kommt, denn dieser hat wieder einmal etwas zu verkaufen: die schöne heile Welt gentechnisch veränderter Pflanzen. Wer so argumentiert, verdreht die Prioritäten: Der Klimawandel, nicht der Hunger, ist das dringendste Problem des 21. Jahrhunderts, denn ohne den „Klimawandel in den Griff“ zu bekommen, wird Leben überhaupt und insgesamt weltweit gefährdet. Dass auch das Welternährungsproblem mit dem Klimawandel zusammenhängt, wird von Patrick Imhalsy noch gesehen, doch er zieht daraus keine zukunftsfähigen Konsequenzen. Statt zu fordern, dass die klimabedingten Anlässe für schlechte Ernten – u.a. Trockenheit, versalzene Böden – beseitigt werden, lässt er die Natur zerstörenden Lebensstile unangetastet und empfiehlt Surrogate als Lösung. Er denkt im Horizont eines nur weiterhin krankmachenden Krisenmanagements. Er laboriert an Symptomen, ohne die Krankheit Hunger von Grund auf zu heilen. Bei der Lektüre  nehme ich einen Sadismus der Zwischentöne wahr: Der Text liest sich wie die Propagandaschrift eines Wissenschaftsgläubigen, der naiv seine Mittel steigert, ohne die ungewollten oder billigend in Kauf genommenen Nebenwirkungen zu sehen. Patrick Imhalsy fragt im Tone unaufgeklärter Selbstverständlichkeit: „Was ist schlimm daran, Menschen mit dem ursprünglich an der ETH Zürich entwickelten Goldenen Reis zu ernähren, der sie zugleich mit dem lebenswichtigen Vitamin A versorgt?“ Warum dann nicht gleich die kompakte Inklusiv-Versorgung mit künstlich hergestellter Astronautennahrung? Was an diesem Denken schlimm ist? Dass Mittel und Zweck verwechselt werden. Da wird ein hoch gesteigertes und perfektioniertes Mittel – Goldener Reis – gegen nahrungsbedingten Versorgungsmangel eingesetzt, das in keinerlei sinnvollem Verhältnis zu seinem ursprünglichen Zweck mehr steht, sondern vielmehr neue, nicht geringere Übel hervorbringt. Die einseitige Konzentration auf die Mittel hat längst aus dem Blick verloren, was eine gute und gesunde Versorgung überhaupt ist. Die technisch-ökonomische Kultur der Mitteloptimierung ist eine Kultur ohne Weisheit, ohne Vernunft. Der wachsende Hunger in der Welt ist kein technisch-ökonomisches, er ist ein politisches Problem.  Die Hungernden dieser Welt warten nicht auf den Goldenen Reis des König Midas, sie warten, wenn schon nicht auf weise, so wenigstens auf vernünftige Politiker, die ihnen ein gutes Leben ermöglichen, in dem sie auch vernünftig satt werden können.


15.10.2011

Worte ohne Rückgrat

Politiker, angefüllt mit Worten ohne Rückgrat, müssen enttäuschen: Barack Obama. Eric Alterman begründet diese These in seinem Essay „Obama und die Linke“ in der neuen Ausgabe von „LE MONDE diplomatique“, Oktober 2011, S1ff.: „Die neue linke Basisbewegung Occupy Wall Street breitet sich von New York über die gesamten USA aus. Sie fordert ein, was Obama im Wahlkampf versprochen hatte. Der hat durch seine Nachgiebigkeit gegenüber den Republikanern inzwischen nicht nur seine Glaubwürdigkeit, sondern auch viele Zukunftschancen verspielt.“, S.1. Ein Beispiel unter vielen:  „Während der Auseinandersetzungen um das Gesetz zur Bankenregulierung vertrat die US-Regierung konsequent all die Positionen, für die sich auch die Banken einsetzten. Rein gar nichts wurde unternommen, um das zentrale Problem anzugehen, durch das die Krise überhaupt entstanden war: dass Finanzinstitute so gross werden konnten, dass sie nicht mehr untergehen dürfen (too big to fail), ohne das ganze System mitzureissen. Die Banken, die 2008 die Krise verursacht hatten, erhöhten ihren Anteil an den globalen Vermögenswerten und stellten so vor allem sicher, dass ihre nächste Krise noch schlimmer werden wird.“ , S.18. Am Ende des Aufsatzes wird noch hingewiesen auf das Buch von Eric Alterman: „Kabuki Democracy. The System vs. Barack Obama. New York 2011.

Dazu passt die Nachricht  in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG vom 14.10.2011: „Deutsche Bank kämpft gegen Staat als Aktionär“. Dort wird auf Seite 11 der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann,  zitiert: „Die Deutsche Bank wird alles tun, um eine Zwangskapitalisierung zu vermeiden.“  Unabhängig von den Mitteln: Man will keinen Einfluss des Staates. Der obszöne Gestus, mit dem Ackermann die Folgen seines Handelns ignoriert, wertet eine ganze Klasse auf, die längst an die Kette der Politik genommen gehört. Der kapitaltragende Zynismus der Banker verletzt permanent die Menschenrechte. Selbstverständlich sehen das die Macher ganz anders.


13.10.2011

Gandhi - aktueller, denn je

Es ist eine grosse und wichtige Arbeit anzuzeigen. Brigitte Luchesie und Wolfgang Sternstein haben eine fünfbändige Gandhi-Ausgabe vorgelegt. Die Texte wurden von ihnen  aus dem Englischen übersetzt. Brigitte Luchesie und Wolfgang Sternstein: Mohandas Karamchand Gandhi: Ausgewählte Werke, 5.Bde., Göttingen 2011. Ich nehme das zum Anlass, eine Arbeit von Hans-Georg Wittig und mir aus dem Jahre 1984 in die ERGÄNZUNGSTEXTE aufzunehmen: „Was können wir angesichts der Ökokrise von Gandhi lernen?“ Wiewohl dieser Text wahrlich noch nicht veraltet ist, werden für manche vor allem die Teile 2 bis 8 bedeutsam sein. Dort werden Originalzitate aus dem Gesamtwerk Gandhis zur Kenntnis gebracht. Diese Zitate sind keine blosse Materialsamm­lung, sondern stehen exemplarisch für die in den Überschriften genannten Themenbereiche. Die Zitate selbst hat Hans‑Georg Wittig, übrigens ein Freund von Wolfgang Sternstein,  aus den mehr als 80 Bänden entnommen (und teilweise neu übersetzt), die im Rahmen der „Collected Works of Mahatma Gandhi“ (CWMG) bisher erschienen. Wo es nötig war, wurden ergänzend auch „The Selected Works of Mahatma Gandhi“ (SWMG) herangezogen. Zusätzlich möchte ich noch auf diese Arbeit aufmerksam machen; Hans-Georg Wittig: Gandhis Weg zur Wahrheit, in: Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Notwendige Bildung. Studien zur Pädagogischen Anthropologie. Frankfurt/Main 1985, S.223-232


11.10.2011

Tragt den Bürgerprotest auf die Strasse!

Jugend ohne Zukunftschancen und Träger der marginalisierten Mittelschicht protestieren in Europa auf den Strassen, vor allem in Griechenland. Inzwischen gibt es diesen Bürgerprotest auch in den USA. „Occupy Wall Street!“ „Besetzt die Wall Street!“ Es hat sich mittlerweile bei den Betroffenen herumgesprochen, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Fakten sind empörend bedrückend. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, Nr.233 vom 10.10.2011 lese ich auf Seite 2 von Christian Wernicke unter der Überschrift: „Die Reichen und der Rest“: „Das Einkommen des bestverdienenden Tausendstels der US-Gesellschaft stieg von 1970 bis 2008 um 385 Prozent auf 5,6 Millionen Dollar pro Jahr; die zweitbeste Schicht (die Top 0,1 bis 0,5 Prozent) legte um 141 Prozent auf 878 139 Dollar zu. Und die dritte Cremeschicht (die Top 0,5 bis 1,0 Prozent) verbesserte sich um 90 Prozent auf exakt 443 102 Dollar. Jene 137 Millionen Amerikaner, die die unteren 90 Prozent der Einkommenspyramide ausmachen, haben von 1970 bis 2008 mit einem Realeinkommen von 31 244 Dollar nicht einen Cent dazugewonnen.“ Dass es dann noch Arbeitslose gibt, sei nicht vergessen. Solche Zahlen erklären die während der Strassenproteste hochgehaltenen Pappplakate: „Wir sind die 99 Prozent!“ Auch in Deutschland wäre ein Kampf gegen strukturell vergleichbare Entwicklungen mehr als notwendig. Er bleibt aus. Alexander Hagelüken zieht, ebenfalls in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 10.10.2011, die Konsequenzen. Mit dem Schlachtruf des alten und so jung gebliebenen Stéphane Hessel ruft er uns allen zu: „Empört Euch!“ Das sitzt. Im Einzelnen lese ich: „Da wird es Zeit, dass auch in Deutschland Bürger auf die Straße gehen und so die Parteien zum Umdenken zwingen. Nicht, um den Kapitalismus abzuschaffen, sondern um ihn zu reformieren: weniger Einfluss der Finanzmärkte. Schranken für Banken, damit sich die Geldhäuser mehr um Kredite kümmern als um Derivate. Und: eine gerechte Verteilung der Krisenkosten. Dass die Deutsche Bank bis vor kurzem einen Rekordgewinn für dieses Jahr plante, während die Regierung neue Milliardenverluste schultern musste, sagt viel aus.“ Am Ende muss insgesamt ein gerechteres Verhältnis von Arm und Reich stehen, damit unsere Gesellschaften nicht in den Abgrund taumeln. Im Grunde geht es um noch viel mehr. Entweder wir bleiben das, was der jetzige Kapitalismus aus uns gemacht hat – und gehen langfristig unter. Oder wir ändern uns – und gewinnen Zukunft. Also: „Empört Euch!“


09.10.2011

Poetisch denken lernen

Solange unser Leben von Wissenschaftsexperten bestimmt wird, werden wir nicht zu uns kommen und uns verfehlen, denn wer die komplexen Krisen der Gegenwart mit Sozialtechnologien überwinden will, wird scheitern. Wir müssen neu denken lernen. Zur naturwissenschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit müsse eine poetologische Betrachtung komplementär hinzukommen, um dem Leben wieder gerecht zu werden, sagt Hans-Peter Dürr. Er begründet sein Programm des neuen Denkens am Beispiel der Quantenphysik. Vergleichbares gilt für die neue Leitwissenschaft der Evolutionsbiologie. Auch diese muss sich den Fragen der Philosophie stellen, will sie vermeiden, ein naturalistisch reduziertes Menschenbild zu proklamieren. „Gut“ und „Böse“ sind eben keine Funktionsbegriffe der evolutionären Fitness. Die notwendigerweise reduktionistisch verfahrenden Naturwissenschaften dürfen also nicht das letzte Wort behalten, wenn es um normative Fragen der Krisenbewältigung in unseren Gesellschaften geht. Verantwortung, Wissenschaft, Arbeit, Zivilgesellschaft, Poesie und Zukunft müssen neu gedacht werden. Das ist die Herausforderung des Buches von Hans-Peter Dürr: „Das Leben lebendiger werden lassen.“  Wie uns neues Denken aus der Krise führt. München 2011. Für alle, die über Frieden und Ökologie nachdenken, ist immer noch unverzichtbar: Hans-Peter Dürr: Das Netz des Physikers. Naturwissenschaftliche Erkenntnis in der Verantwortung. München/Wien 1988.

Es gibt ein neues Peanut: Ärztehopping für die Seele.


08.10.2011

Der Mensch als nachtönendes Passivum

Leistungssteigerung durch Neuro-Enhancement taugt nichts, denn die „Verbesserung“ meiner kognitiven und emotionalen Fähigkeiten mit Hilfe von Medikamenten bzw. neurotechnischen Eingriffen nimmt mir das existentielle Gebot der Arbeit an mir selbst. Ich konzentriere mich – das ist etwas anderes, als – Ich werde konzentriert, z.B. durch Medikamente. Der nicht-reflexive Gebrauch des Verbs konzentrieren missachtet nicht nur die Sprache, sondern auch anthropologische Grundeinsichten. Das hat Folgen. Neuro-Enhancement raubt mir die eigenverantwortliche Aktivität,  in Akten der Selbstwahl und Selbstbestimmung, mich anzustrengen. Ich bin der Akteur der Anstrengung; ich will mich anstrengen. Diese Anstrengung wird mir nicht von aussen zugeführt. Ich erleide sie nicht. Neuro-Enhancement kehrt dieses Verhältnis um. Neuro-Enhancement  lässt mich  als nachtönendes Passivum zurück. Das nannte man einmal Entmündigung. Man kann auch in seine eigene Entmündigung einwilligen, indem man durch das Begehren nach Neuro-Enhancement, sich selbstverschuldet zum Objekt machen lässt.

Vgl. Tagebucheintrag vom 06.10.2011


07.10.2011

Griechische Schuldenkrise

Unter der Überschrift „Mehr Respekt, bitte!“ trug ich am 26.08.2011 ins Tagebuch ein: „Gibt es geistige Eliten in Europa ohne Griechentum? Wenn wir für diesen Schatz der Antike Zinsen zu zahlen hätten, würde Griechenland das Wort Bankrott nicht kennen.“  -  In der Wochenzeitung DIE ZEIT, Nr.41, vom 06.10.2011 gibt es ein Interview mit Jean-Luc Godard, das Katja Nicodemus führte. Darin lese ich auf S.51, Godard: „Der Tourismus hat sehr von Griechenland profitiert. Alle sind hingefahren. Die Deutschen, die Franzosen, die Briten haben Griechenland verdorben. Daher sollten wir den Griechen etwas zurückzahlen. Es gäbe eine einfache Lösung für die griechische Schuldenkrise: Wann immer man sich beim Sprechen der Logik der alten Griechen bedient, müsste man zehn Euro überweisen. Und wer Geld hat, aber keines geben will, hätte nicht mehr das Recht, sich dieser Logik zu bedienen. Er wäre gezwungen, ein bisschen anders zu denken.“


06.10.2011

Am Tropf des Neuro-Enhancements

Sie werden längst genommen, die Pillen zur Optimierung der Konzentration, zur Steigerung des Gedächtnisses, zur Aufhellung der Stimmung. Ob Student oder Manager, man hängt am Tropf des Neuro-Enhancements. Wer sich in einer immer brutaler werdenden Berufswelt behaupten muss, kann es sich nicht leisten, so heisst es allenthalben, die chemischen Mittel zur Leistungssteigerung und Leistungsverbesserung nicht zu nehmen. Und wer sie sich aus finanziellen Gründen nicht leisten kann, der wird angesichts ohnehin schon ungleicher Lebenschancen gleich nochmals abgehängt. Fragt dann ein kluger Kopf nach der Zuträglichkeit von Neuro-Enhancement für das „gute Leben“ des Einzelnen, dann erscheint das einem anderen klugen Kopf als geradezu idyllisch. Roland Kipke legt unter dem Titel „Besser werden“ eine „ethische Untersuchung zu Selbstformung und Neuro-Enhancement“ vor und rät, traditionell durch geduldige Anstrengung sich selbst zu formen, statt auf die Pillen zu setzen.  Michael Pawlik kommt in seiner Besprechung dieses Buches in der FAZ, Nr.230 vom 04.10.2011, S.30 zu dem Schluss: „Wer sich in einer Berufswelt behaupten muss, in der die regelmässige Einnahme leistungssteigernder Medikamente zur Normalität geworden ist, wird über Kipkes Rat Lass besser die Finger davon! nur müde lächeln.“ Muss man jetzt über Pawliks Urteil traurig lächeln? Da werden Fakten geschaffen wie eine stetig überfordernde Arbeitswelt, und um diese auszuhalten und zu meistern, erfindet ein weiterhin krankmachendes Krisenmanagement die chemischen Krücken, um das inhumane System funktionstüchtig zu halten. Erinnert dann jemand an die anthropologischen Implikationen eines solchen Vorganges, wird er flugs als Idylliker wahrgenommen, gleichsam als Fusskranker des Abendlandes, der nicht auf der Höhe der Zeit ist. Übrigens: Welche Leistung wird mit den Medikamenten optimiert? Es geht um mehr Wissen und um mehr Können, es geht um funktionale Ertüchtigung. Wofür? Damit noch mehr Verstandesegoisten Unheil anrichten können? Oder gibt es schon die ergänzende Pille zur ethischen Leistungsverbesserung, die uns vor den inhumanen Folgen der formalen Leistungsoptimierung schützt?  Back to the roots: Wie wäre es, wenn wir energisch daran arbeiteten, die überfordernden Arbeitssituationen wieder auf ein menschliches Mass zu bringen?

Roland Kipke: „Besser werden“. Eine ethische Untersuchung zu Selbstformung und Neuro-Enhancement. Paderborn 2011

Hilfreich ist diese Orientierung: Neuroethik. 4.1 Neuro-Enhancement.


05.10.2011

Zum Tod von Peter Münster

Peter Münster, der zur Autoren-Gruppe gehörte, die am Konzept der „Metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie“ mitarbeitete, ist verstorben. Hans-Georg Wittig hat ihm einen Nachruf gewidmet.

04.10.2011

Veto-Player

Jetzt weiss ich, was ich bin, ein "Veto-Player". Die wenigen Wissenschaftler, die früh vor den PISA-Tests warnten und sich energisch gegen die Bologna-Reform der europäischen Universitäten stemmten, werden von den Einführungsstrategen "Veto-Player" genannt. Sie seien auszuschalten, und sie wurden ausgeschaltet. Wie die OECD, eine Wirtschaftsorganisation, zusammen mit EU, Lobbygruppen, nationalen Regierungen und wirtschaftsnahen Stiftungen, "Bildung" zur Magd der Wirtschaft machten, wurde inzwischen im Sonderforschungsbereich 597 der Universität Bremen verifiziert. Jochen Krautz gibt darüber Auskunft in der FAZ, Nr.227, vom 29.09.2011, Seite 8: "Die sanfte Steuerung der Bildung". Zum angesprochenen Forschungsbereich 597: Staatlichkeit im Wandel. Teilprojekt C4: Internationalisierung von Bildungspolitik: Folgen der PISA-Studie und des Bologna-Prozesses.

Zu meiner Kritik am Bologna-Prozess vgl. Katharos überfällt Polysyllabos auf einer Reise nach Marseille.


01.10.2011

Zur Information: Der Text "Erfahrungen in einer Freimaurer-Familie" wurde verbessert.


 


Zufällig ausgewählte Glosse

Machen wir uns nichts vor; wir leben in der ökologischen Endzeit.