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Glossar

Glossar

Hier gibt es Hinweise auf Begriffe, die im Konzept der

"metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie"

zu einem besonderen Terminus wurden.

Diese Liste ist nicht vollständig; sie wird immer wieder erweitert.


Angst und Furcht

Anthropologischer Dreischritt: Werk der Natur, Werk der Gesellschaft, Werk seiner selbst

Bedürfnisse und Begehrungen

Bildung - Ausbildung - Grundbildung

Bildungspolitik

Emporbildung

Freiheit

Geist

Leistung

Moral - Ethik - Sittlichkeit

"Neuer Adel"

Ökokrise

Performativer Selbstwiderspruch

Selbstüberwindung

Selbst-Wahl-Akte

Verstand und Vernunft

Wille und Wollen


09.12.2011
Freiheit ist nicht Zügellosigkeit

Wer Freiheit als das Vermögen ansieht, die Welt zu zerstören, der muss unter Zwang gestellt werden, damit er jene Freiheit  kennenlernt, in der er sich nicht selbst verleugnet. Diejenige Freiheit, die Wüsten schafft, ist keine menschliche Freiheit. Sie ist Zügellosigkeit.


08.12.2012
Plünderungsbeschleunigung

Solange wir keine Vision für ein gelingendes Leben haben, werden wir Opfer unseres Steigerungswahns bleiben. Uns beherrscht das ressourcenfressende Gesetz: Immer weiter, schneller, grösser, höher, effizienter. Diese Plünderungsbeschleunigung zerstört unsere Existenz schon heute und gibt zukunftsfähigen Lebensstilen überhaupt keine Chance. Nur eine Revolution der Denkungsart könnte uns retten.


07.12.2011
Besinnung

Die Beschleunigungsbegehrungen Weniger geben den Entschleunigungsbedürfnissen der Vielen keine Chance. Die Arbeitgeber treiben die Arbeitnehmer, die Märkte treiben die Politiker, die Politiker treiben die Bürger, die Lehrer treiben die Schüler, die Eltern treiben ihre Kinder. Am Ende treibt jeder jeden, bis sich der Einzelne selbst treibt. Das Leben als Treibjagd. Wenige Jäger auf dem Hochsitz, einiger Treiber im Unterholz, der Rest ist zum Abschuss freigegeben. Nur gelegentlich trifft ein Querschuss auch einen von oben. Aber alle singen das hohe Lied von der Besinnung. In der Adventszeit besonders inbrünstig.


06.12.2011
Ökologische Selbstbegrenzung

Wir bedürfen dessen, was zum Leben notwendig ist. Wenn wir genug davon haben, sind wir bereits reich. Wollen wir mehr haben und begehren den Luxus, dann sind wir arm dran, denn wir verlieren leicht unser Menschsein. Insofern liegt in der aktuellen Euro-Krise die Chance der Akzeptanz einer ökologischen Selbstbegrenzung. Allerdings fehlt dazu noch die öffentliche Aufklärung. Noch sieht unsere Welt anders aus:

Die Yes-Men regeln die Welt

Andy Bichlbaum und Mike Bonanno sind zwei besonders einfallsreiche globalisierungskritische Politaktivisten. Sie geben sich mit unglaublicher Chuzpe als Vertreter offizieller Organisationen, internationaler Konzerne und Regierungen aus und lassen sich zu Statements und Reden in Fernsehsendungen oder auf internationalen Konferenzen einladen. Stets seriös in Anzug mit Krawatte gekleidet, wollen sie durch bewusst satirische und schockierende Reden über die Auswüchse der globalisierten Wirtschaft ihr Publikum - Konzernmanager, Lobbyisten und Regierungsvertreter - aufrütteln.
Trotz ihrer abstrusen Theorien und Powerpoint-Präsentationen, die offensichtlich die Grenzen der Ethik überschreiten, gehen ihnen ihre Opfer oftmals auf den Leim. Im Namen von Marktgesetzen und ökonomischen Grundsätzen werden offenbar die verrücktesten und unmenschlichsten Ideen akzeptiert. Fast könnte man die Wirtschaftskrise 2008 als Glücksfall bezeichnen - immerhin führte sie jene ad absurdum, die gestern noch das wirtschaftliche Denkmonopol hatten. Allein schon das macht die Yes Men heute zu Propheten.

So kündigt ARTE die Sendung „Die Yes-Men regeln die Welt“ an. Hier der Link dort hin und zur Seite der Autoren Andy Bichlbaum und Mike Bonanno: theyesmen.org


04.12.2011

Wenn der Markt zum Gott wird

Unter dieser Überschrift lese ich von Frank A. Meyer im Dezember-Heft 2011 von CICERO auf Seite 52 dieses: „Die Organisation FOODWATCH kritisiert die Spekulation mit Agrar-Rohstoffen. Sie sei massiv mitverantwortlich für den Hunger in der Welt. Zu den Hungermachern zählt nach dem Bericht der Verbraucherschützer auch die Deutsche Bank. Wie reagiert Josef Ackermann auf diesen Vorwurf? Mit dem Satz: Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen. Ist das ein guter Satz? Er klingt ja erst mal einsichtig. Doch es ist ein schlechter Satz! Nicht dem Schicksal hungernder Menschen gilt der spontane Gedanke, nicht dem Elend ausgemergelter Kinder gilt die Anteilnahme Ackermanns, nein, die Sorge des Schweizers gilt einzig und allein dem Ruf der Deutschen Bank. Sind die Märkte so? Jenseits von Gut und Böse? So wird es uns mit der Zwei-Wort-Formel die Märkte suggeriert.“  Es wird noch ein Satz in diesem Artikel zitiert, der Kopfschütteln auslöst: Der Philosoph Hermann Lübbe hält Moralismus für den  Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft. Was fällt mir dazu ein? Wer Markt an Moral misst, der sei also nicht kompetent. Er sei ein dummer Moralist, der einem unaufgeklärten Moralismus verfallen ist. Dort also ist heutzutage ein konservativer Philosoph angekommen. Was konserviert er denn? Die Masslosigkeit der Märkte, den Kasinokapitalismus mit seinen Verstössen gegen die elementarsten Gebote der Moral. Chapeau, Herr Philosoph!


03.12.2011
Rehabilitierung der Vernunft

Heute gilt, die Tradition müsse dekonstruiert werden mit dem Ziel der Destruktion des Überlieferten, damit eine neue Welt konstruiert werden könne. Nach solchem Abbau landet der Vernunft-Begriff  im Mülleimer der Geschichte. Doch bei Heidegger lese ich: „Konstruktion der Philosophie ist notwendig Destruktion, d.h. ein im historischen Rückgang auf die Tradition vollzogener Abbau des Überlieferten, was keine Negation und Verurteilung der Tradition zur Nichtigkeit, sondern umgekehrt gerade positive Aneignung ihrer bedeutet.“ Gibt es dann nicht notwendigerweise eine Rehabilitierung der Vernunft?  Martin Heidegger: Gesamtausgabe. II. Abteilung: Vorlesungen 1923-144. Bd. 24: Die Grundprobleme der Phänomenologie. Frankfurt am Main 1975, S.31.

Unter der Rubrik "Glossen" sind zur Pädagogik neue Einfälle notiert worden.

02.12.2011
Empathie-Entzug
Wer mitfühlt, taugt nicht für die Leistungsgesellschaft. Er ist krank. Er leidet an Empathie-Abhängigkeit. Er muss in die Klinik, zum Empathie-Entzug. Nach erfolgreicher Empathie-Entgiftung wird er bestens funktionieren. Die Kliniken tragen die uns allen bekannten Namen: Schule, Hochschule, Arbeitsplatz.
01.12.2011
 "Menschenzüchtung"?
In der Stellungnhme Nr. 18/2011 der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin, Schweiz, ist zu lesen, dass in der jüngsten Studie des Schweizer Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss) zum Thema Human Enhancement Enhancement definiert wird als "alle medizinischen und biotechnischen Interventionen, die darauf abzielen, Menschen in ihren Fähigkeiten und in ihrer Gestalt in einer Weise zu verändern, die in den jeweiligen soziokulturellen Kontexten als Verbesserung wahrgenommen wird, deren Zielsetzung nicht primär therapeutischer oder präventiver Art ist." Erweiterung, Steigerung, Verstärkung, also "Verbesserung" gesunder körperlicher Funktionen wird gentechnisch, biotechnisch, operativ und pharmakologisch angestrebt. Sind wir auf dem besten Wege zur Menschenzüchtung? Die am 15.09.2011 verabschiedete Stellungnahme der Ethikkommission trägt den Titel: "Über die Verbesserung des Menschen mit pharmakologischen Wirkstoffen". Es gibt eine Kurzfassung und eine Langfassung des Textes. Die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich legte ihrerseits ein Orientierungspapier vor: "Pharmakologisches Neuro-Enhancement". Beide Papiere, einschliesslich der Literaturhinweise, sind unverzichtbare Einführungen in einen Prozess der Veränderung unseres Menschenbildes.
Und dann noch dieses aus meinen "Glossen": Eine unheilige Allianz: Die einen dürften dem Weihnachtskaufrausch gar nicht verfallen, weil sie als Ungläubige nichts zu feiern haben, und die anderen müsste die Einkehr in die erwartete Stunde der Geburt Jesu Christi zur Besinnung bringen. Dürfte, müsste...Beide hat der ökonomische Markt voll im Griff. Die Weihnachtszeit erlebt man als erfolgsentlastete Zeit nur, wenn man sich dem Konsumdruck entzieht. Solidarisieren wir uns also gegen den öffentlich verkündeten Zwang, Geschenke kaufen zu müssen! Zwei Ausnahme könnten wir uns vielleicht gestatten, das Geschenk eines guten Buches oder den Besuch eines Museums. Wer eine Anregung möchte für ein Buch - Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main 2005; - für einen Museumsbesuch: Kunstmuseum Wolfsburg: "Die Kunst der Entschleunigung", noch bis zum 09. April 2012.

29.11.2011

Kassandra

Eine re-animalisierte Menschheit der westlichen Hemisphäre vegetierte wenige Jahrzehnte im Rausch des Planeten plündernden Konsums. Diese kurze weltgeschichtliche Epoche neigt sich ihrem Ende zu. Dem überlebensnotwendigen Epochenwechsel in eine "asketische Weltkultur" (Carl Friedrich von Weizsäcker) weichen die Verursacher des Unheils aus. Diesen Menschen ist zu viel Vernunft abhandengekommen. Auch die aktuelle UN-Klimakonferenz in Durban wird scheitern. Wenn die Katastrophen eintreten, vor denen Hellsichtige schon lange mit unwiderlegbaren Argumenten warnen, werden sich Dramen abspielen. Unter den Verursachern, weil sie ihre Schuld drastisch vor Augen geführt bekommen, und unter den Warnern, weil sie sich nicht radikal genug engagierten. Die erfolglos bremsende Mitwirkung war eben doch kein ausreichender Widerstand. Kassandra bleibt eine tragische Figur: Sie sagt das Unheil voraus, findet aber kein Gehör. Opfer werden alle sein.


28.11.2011
Wahrheitsräume

Wenn Wahrheit mit anderen Wahrheiten in Widerspruch gerät, ist nicht notwendigerweise die eine wahr und die andere unwahr. Wir haben uns nur in der Ebene geirrt, in der die jeweilige Wahrheit gilt. Das Haus der Wahrheit hat eben mehrere Wahrheitsetagen und viele Wahrheitsräume. Diese Einsicht ist kein Plädoyer für einen Wahrheitsrelativismus, denn alle Wahrheiten zusammen ermöglichen erst das Haus. Karl Jaspers: Periechontologie. Periechontologie ist die Lehre vom Umgreifenden. Sie umgreift die Wahrheitsräume von Dasein, Bewusstsein überhaupt, Geist, Existenz, Welt und Transzendenz.


27.11.2011

Nur ein Vorurteil

Der Tages-Anzeiger druckte am 02.11.2011 die gekürzte Version einer Rede, die Peter Sloterdijk im Rahmen des diesjährigen „Philosophicum“ in Lech am Arlberg hielt: „Boccacios Decamerone und die Lehren aus der verheerenden Pest im Jahr 1348. Die Grausamkeit des Himmels. Oder das Recht auf Nachrichten, die besser sind als die Lage. Ein Essay.“ Der Abdruck endet mit diesem Passus: „Die neuzeitlich begriffene Welt verwandelt sich in eine Werkstatt der Aufheiterungen. Wer von ihr berichtet oder Berichte von ihr verlegt, ist gleichsam an einen Evangelien-Generator angeschlossen, aus dem die Innovationen sprühen – vorausgesetzt, die Welt tut uns den Gefallen, das archetypische Vorurteil zu bestätigen, das wir als Teilnehmer der Modernisierung hegen: dass das Neue zugleich das Gute sei, das Neuere das Bessere, das Neueste das Beste.“ Für einen Philosophen eine erstaunliche Aussage. Sie unterschlägt die Differenz von Genese und Geltung. Das genetisch Neueste muss wahrlich nicht das in der Geltung Beste sein. Das „archetypische Vorurteil“ ist leider nur ein Vorurteil, mehr nicht. Ein realistischer Blick in die Welt genügt.


25.11.2008
Hartmut von Hentig: Endlich doch noch!

Hartmut von Hentig liegt es sehr daran, nach vielen Missverständnissen und Anfeindungen noch einmal unmissverständlich seine Haltung zum Verbrechen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und sein Gedenken an die Leiden der Opfer zum Ausdruck zu bringen. Dazu hat er im Juli 2011 für einen Freundeskreis den hier folgenden Text geschrieben, den er jetzt auf unsere Bitte hin dem Forum Kritische Pädagogik zur Veröffentlichung übermittelt hat.

Tübingen/Frankfurt, Ulrich Herrmann/Andreas Gruschka, 22. November 2011

Im Juli 2011

Hartmut von Hentig

Ein Klärungsversuch

Unter dem Eindruck der Berichte von Betroffenen möchte ich zugleich den wiederholten Aufforderungen von Freunden und Kritikern genügen, die mir vorwerfen, nicht deutlich genug zu den Leiden der Opfer und zu den Vorfällen an der Odenwaldschule (in vergangenen Jahrzehnten) Stellung genommen zu haben.

Ich gebe meine Überzeugungen, die ich anderwärts ausführlicher dargelegt und begründet habe, hier in geraffter Form wieder:

1.

Die Berichte von Betroffenen sind Zeugnisse/Dokumente schwerer Verletzungen und nicht entschuldbarer Übergriffe von Seiten Erwachsener. Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein Verbrechen. Dass solche Übergriffe Gerold Becker anzulasten sind, trifft niemanden härter als seinen engsten Freund.

Als dieser bitte ich seine Opfer in Demut, sie mögen dem Toten die Verzeihung gewähren, um die er sie noch lebend gebeten hat. Ich tue es im Mitgefühl für die Kinder, die sie damals waren, und für die Kränkung, dass man ihnen als Erwachsenen nicht geglaubt hat. Was das bedeutet, habe ich im letzten Jahr gründlich gelernt. Eine Abkehr von dem toten Freund nützt niemandem und ist von mir nicht zu erwarten.

2.

Kritik an der Reformpädagogik und den Schulen, die sich auf sie berufen, sind je in sich zu begründen und nicht an mich gekoppelt.

Die von diesen Schulen ebenso wie in meinem Sokratischen Eid vertretenen Grundsätze wollen zu einer menschlichen Pädagogik anleiten. Kommt es zu schwerwiegenden Verstößen wie sexuellen Übergriffen, werden diese Grundsätze dadurch nicht untauglich. Ihre Funktion ist es vielmehr, menschliche Schwäche und Fehlbarkeit erkennbar und überwindbar zu machen.

3.

Wer sich jetzt aus Empörung über die Vorfälle an der Odenwaldschule oder aus Enttäuschung über mich von der von mir vertretenen Pädagogik abkehrt, der prüfe sich selber. Dabei sollte es nicht darum gehen, was bei Hentig steht, um das, was ich richtig oder falsch gemacht habe, sondern darum, was gute Pädagogik heute und in Zukunft sein kann.


Vgl. auch Gisela Miller-Kipp und Peter Kern: Hartmut von Hentig: An die Gebildeten unter meinen Verächtern.

24.11.2011
Hier ist mein gestern in Bern gehaltener Vortrag zu finden: Was hat uns der Philosoph Peter Sloterdijk zu sagen?

23.11.2011

Eine Chance

Wir bedürfen dessen, was zum Leben notwendig ist. Wenn wir genug davon haben, sind wir bereits reich. Wollen wir mehr haben und begehren den Luxus, dann sind wir arm dran, denn wir verlieren dann leicht unser Sein. Vor allem aber zerstören wir als Teilnehmer einer Verschwendungsgesellschaft die Lebensgrundlagen für uns selbst und für künftige Generationen. Lesen wir also die aktuelle Euro-Krise als Chance. Wenn uns schon nicht die eigene Vernunft dazu bringt, in ökologischer Selbstbegrenzung zu leben, dann eben das Abschmelzen unserer Konten. Auch so kann das „Selbstauslöschungsprogramm“, an dem wir naiv festhalten, gestoppt werden. Nach Peter Sloterdijk ist es in der heutigen weltgeschichtlichen Situation nicht die Aufgabe der Politiker, weiterhin Arbeitsplätze an Bord der Titanic zu sichern. Solche Arbeitsplätze gibt es nur, solange das Schiff fährt. Also ist die vordringlichste Aufgabe, es vor dem Untergang zu bewahren.


21.11.2011

Bankerprofil

Gehört künftig eine respektable Anzahl von Gerichtsverfahren zur Stellenbeschreibung von Spitzenbankern?

Josef Ackermann als Vorbild:

Der Mannesmann-Prozess von 2004 bis 2006. Das erste Verfahren endete mit einem Freispruch. Nachdem die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt hatte, hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Das zweite Verfahren wurde eingestellt gegen Geldauflagen nach § 153, Absatz 2 StPO. Von den insgesamt 5,8 Millionen € hatte Josef Ackermann 3,2 Millionen € zu zahlen. Bei einer Verurteilung zu einer Geldstrafe wäre die höchstmögliche Strafe 3,6 Millionen € gewesen. Honi soit qui mal y pense, beschämt sei, wer schlecht darüber denkt.

Neues Ermittlungsverfahren November 2011. Ich zitiere aus der FAZ vom 15.11.2011, S.11: „Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft dem Schweizer sowie den drei ehemaligen Vorständen Rolf Breuer, Clemens Börsig und Tessen von Heydebreck versuchten Prozessbetrug und uneidliche Falschaussagen im Rechtsstreit mit dem inzwischen verstorbenen Medienunternehmer Leo Kirch vor. In der vergangenen Woche hatten die Ermittler Vorstandsbüros in der Deutschen Bank durchsucht. Bei Ackermanns Amtsvorgänger Breuer wurden sie sogar in dessen Villa in Frankfurt und einer Ferienwohnung in Kitzbühl vorstellig.“

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. Die Zeiten ändern sich und,  - in angepasster Übersetzung, - die Banker ändern sich in ihnen.


19.11.2011
Ein neues Peanut wurde eingestellt: Bildungswahn? - Ausbildungswahn!

18.11.2011
Törichte Banker

Antoine de Saint-Exypéry nennt die Geldleute, also die Banker, „töricht“. „Nicht dass ich etwa (ihr) Werk verachtete, aber ich verachte ihren Dünkel, ihre Sicherheit und ihre Selbstzufriedenheit, denn sie halten sich für das Ziel aller Dinge und die Hauptsache, während sie doch nur Lakaien sind.“ Antoine de Saint-Exupéry: Die Stadt in der Wüste, dt. 1956, S.249.


13.11.2011
Ein neues Peanut wurde eingestellt: Gesundheitswahn.

12.11.2011

Russisch Roulette

Nachtrag zum Tagebucheintrag vom 30.10.2011:

„Klimahysterie“: Eine Selbstdisqualifizierung

Wer immer noch meint, Wissenschaftlern, Politikern und  informierten Bürgerinnen und Bürgern „Klimahysterie“ vorwerfen zu können, dem seien folgende Aufsätze empfohlen:

Paul J. Crutzen: Die Geologie der Menschheit,

Michael D. Mastrandrea / Stephen H. Schneider: Vorbereitungen für den Klimawandel

Mike Davis: Wer wird die Arche bauen?

Peter Sloterdijk: Wie groß ist groß?

Sie alle sind in dem nur 115 Seiten starken „edition unseld“-Band von 2011 enthalten: „Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang“. Ich zitiere im Folgenden aus dem Beitrag von Mastrandrea und Schneider. Mastrandrea lehrt am Woods Institute for the Environment der Stanford University. Ausserdem ist er Deputy Director Science der Arbeitsgruppe II des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Stephan Schneider (1945-2010) war einer der führenden Klimaforscher der USA. Er lehrte als Melvin and Joan Lane Professor for Interdisciplinary Environmental Studies an der Stanford University. Schneider war einer der federführenden Wissenschaftler des IPCC und gehörte zu dem Team, das den Synthesis Report des 2007 erschienen Vierten Sachstandsberichts verfasste. Gemeinsam mit seinen Kollegen vom IPCC wurde er 2007 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

„Der natürliche Treibhauseffekt und seine Verstärkung durch vom Menschen verursachte (anthropogene) Emissionen von Treibhausgasen sind bekannt und wissenschaftlich gut belegt. Für die Klimaforscher, die die Mehrheitsmeinung vertreten, handelt es sich dabei um einen belastbaren Befund. Doch obwohl die Beweise auf der Hand liegen, gibt es eine Reihe von Interessengruppen – sowie einige Wissenschaftler -, welche die in den letzten vierzig Jahren gefundenen Belege für eine anthropogene Erwärmung immer noch nicht akzeptieren. Leider werden diese Skeptiker von den Medien häufig als glaubwürdige Experten behandelt.“ S.11

„Aufgrund der heutigen Beobachtungen und der anhand der proxies (indirekte Indikatoren) gelieferten Daten ist der IPCC zu dem Schluss gelangt, dass es sehr wahrscheinlich ist (die Wahrscheinlichkeit liegt bei mindestens neunzig Prozent), dass menschliche Aktivitäten für den grössten Teil der im 20. Jahrhundert und insbesondere in den letzten vierzig Jahren festgestellten Erwärmung verantwortlich sind.“ S.24

Wer auf die verbleibenden zehn Prozent Unsicherheit setzt, ist in höchstem Ausmass unverantwortlich. Er spielt mit der Zukunft unserer Erde russisch Roulette.


11.11.2011

Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang -

Gegen Apokalypseblindheit

Apokalypseblindheit führt in den Untergang. Nur Apokalyptiker können eine vernünftige Zukunftspolitik betreiben. So schon Günther Anders, Hans Jonas, dann Jean-Pierre Dupey und neuerdings auch Peter Sloterdijk.

Günther Anders: Er sah sich als „prophylaktischen Apokalyptiker“. Angesichts der globalen Gefährdung von Leben überhaupt, attestierte er seinen Zeitgenossen eine „Apokalypseblindheit“, die sie hindere, die Bedrohungen wahrzunehmen. Deshalb verschrieb er denen, die sich bereits an die tödlichen Gefahren gewöhnt hatten, „Exerzitien und Streckübungen“, um die Apokalypseblindheit zu überwinden mit dem Ziel, dass aus der Apokalypseblindheit keine reale und endgültige Apokalypse werde. Vgl. von Günther Anders vor allem: Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1, 1956 u.ö. Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen zum atomaren Zeitalter, 1972 u.ö. vgl. auch die Freiburger Diplomarbeit von Peter Kapp: Endzeitbildung. Pädagogische Perspektiven im Werk von Günther Anders, PH Freiburg i.Br. 1998. Vgl. Angst und Furcht.

Hans Jonas: Er sieht, wie Günther Anders, eine qualitativ neuartige Gefährdung der Menschheit. Für diese Gefährdung gebe es noch keine Ethik. Der Kompass, das Regulativ für den Entwurf einer solchen Ethik müsse eine vorausgedachte, eine antizipierte Gefahr sein. Wir müssten lernen, uns Vorstellungen davon zu beschaffen, welche tödlichen Gefahren unsere Handlungen haben können. Diese vorausdenkende Beschaffung ist deshalb notwendig, weil beim realen Eintritt der Gefahr alles schon zu spät sein dürfte. Die Vorstellung solcher möglichen Fernwirkungen unserer Handlungen müssten dann noch mit einem angemessenen Gefühl verknüpft werden, damit wir die Bereitschaft aufbringen, uns von der kognitiven Vorstellung des möglichen Unheils auch affektiv affizieren zu lassen. Es geht also um so etwas wie eine sinnliche Einlenkung in die Sittlichkeit im Atomzeitalter. Jonas nennt sie „Heuristik der Furcht“. Vgl. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung, 1979 u.ö.Vgl. Vernunft - Verstand.

Jean-Pierre Dupey:  “On peut se fixer sur le scénario du pire non pas comme pouvant ou devant se produire dans l’avenir mais en tant qu’il pourrait ou devrait se produire si l’on entreprenait telle action. Dans le premier cas, le scénario du pire est de l’ordre d’une prévision ; dans le second c’est une hypothèse conditionnelle dans une délibération qui doit aboutir à choisir, parmi toutes les options ouvertes, celle ou celles qui rendent ce pire acceptable. C’est une démarche "minimax" : rendre minimal le dommage maximum. Or minimiser le pire, ce n’est pas le rendre nul. C’est précisément la pertinence, voire la seule existence de la possibilité de ce scénario du pire qui peut et doit guider la réflexion et l’action, écrit Corinne Lepage. Je rejoins ce jugement. Je crains que ce point fasse peu sens pour les gestionnaires du risque. La catastrophe a ceci de terrible que non seulement on ne croit pas qu’elle va se produire, mais qu’une fois produite elle apparaît comme relevant de l’ordre normal des choses.” Jean-Pierre Dupey: Pour un catastrophisme éclairé, 2004

Peter Sloterdijk: Es “können nur Apokalyptiker vernünftige Zukunftspolitik betreiben, weil allein sie auch das Schlimmste als reale Möglichkeit bedenken.” Peter Sloterdijk: Wie groß ist groß? In: Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang. Texte von Paul J. Crutzen, Michael D. Mastrandrea, Stephan H. Schneider, Mike Davis und Peter Sloterdijk. edition unseld, 2011, S.97.


09.11.2011

Vom Geheimnis des Lebens

Wir Menschen sind nicht die Summe unserer Organe und Knochen, wie auch der Baum nicht die Summe seiner Äste und Blätter ist. Das Ganze des Menschen oder des Baumes ist mehr als die Summe seiner Teile. Doch indem jemand dieses Ganze benennt, etwa als Geist, Idee, als Wesen oder Seele, fügt er den Teilen nur ein weiteres Teil hinzu. Auf diese Weise ist also die Frage nach der Ganzheit nicht zu beantworten. Was aus den vielfältigen Elementen die unverwechselbare Einheit des jeweiligen Ganzen macht, bleibt ein Geheimnis. Wer diesem Geheimnis nicht in Ehrfurcht und Demut begegnet, bemächtigt sich selbstherrlich der Teile und zerstört das Ganze: Der Mensch verliert seine Würde, und der Baum stirbt.


08.11.2011

Beat Gysi führt in die Irre

Beat Gysi ist Wirtschaftsredakteur der NZZ. Im November-Heft von NZZ FOLIO veröffentlicht er einen Beitrag mit dem fruchtigen Titel „Äpfel und Birnen“. Der Untertitel zeigt rasch, wohin die Reise gehen soll: „Immer mehr Firmen wollen mit Umwelt und Gesellschaft besonders rücksichtsvoll umgehen. Das Zauberwort heisst: Corporate Social Responsibility“ (CSR). Beat Gysi weiss: „Es geht in die Irre”. Nur noch kopfschüttelnd nimmt man zur Kenntnis, wie antiquiert ein NZZ-Redakteur zu denken beliebt. Dass Firmenchefs und Manager endlich beginnen, in Sachen sozialer und vor allem auch ökologischer Verantwortung umzudenken, das stört diesen Wirtschaftsredakteur. Ein rücksichtsvoller Umgang der Menschen untereinander in unseren Gesellschaften und ein rücksichtsvoller Umgang mit der uns allen tragenden Natur ist seine Sache nicht, jedenfalls dann nicht, wenn es um die Wirtschaft geht. Wer sich in der Wirtschaft vom Primat der Gewinnmaximierung lösen möchte und der triple bottom line folgt, ist Gysi verdächtig: Wie kann man nur zur „normalen Jahresrechnung“ einer Firma von „Gewinn/Verlust“ zwei weitere Erfolgsgrössen hinzufügen! Das ist doch nicht normal, „einen umweltbezogenen und einen gesellschaftsbezogenen Wert“ einzubeziehen! Das Zieldreieck „Wirtschaft – Umwelt – Gesellschaft“ bzw. „Ökonomie – Ökologie – Gesellschaft“ oder auch „People, Planet, Profit (3P)“ ist unserem NZZ-Redakteur mehr als suspekt. Solches Denken gehe „auf Kosten der Eigentümer, also der Aktionäre.“ Ja, das steht tatsächlich so da. Beat Gysi hält es immer noch mit Milton Friedman, ohne die Flurschäden von dessen neoliberaler Wirtschaftstheorie auch nur im Ansatz zur Kenntnis zu nehmen: „Auf die Frage, worin eine soziale Verantwortung von Unternehmen bestehe, lautete seine (also Friedmans) Antwort, dass sich die Manager in einer freien Marktordnung darauf konzentrieren sollen, die ihnen von den Eigentümern anvertrauten Mittel möglichst gewinnbringend einzusetzen – natürlich unter Einhaltung der Wettbewerbsregeln und Gesetze. Verpflichte man Unternehmen auf andere, soziale Ziele, führe dies bloss zu Willkür bei der Gewichtung dieser Ziele – zulasten der Eigentümer, was die Fundamente freier Wirtschaftsordnungen untergrabe“. Alles, was zulasten der Eigentümer geht, habe also zu unterbleiben. Gesellschaft und Ökologie sind danach keine Unternehmensziele. Wer diese Ziele anstrebt und gleichrangig in die Wirtschaftsbilanzen aufzunehmen gedenkt, der untergrabe die Fundamente freier Wirtschaftsordnungen. Man dürfe doch nicht „Äpfel, Birnen, Nüsse und Orangen“ miteinander vergleichen. Wer Gesellschaft und Ökologie als Bezugsgrössen in die Wirtschaft einführe, mache sich „marktfeindlicher Willkür“ schuldig. Das Zieldreieck „People, Planet, Profit“ sei nur etwas für inkompetente „Besserwisser“. Wer ist denn hier der inkompetente Besserwisser? Aber ja, Äpfel, Birnen, Nüsse und Orangen sind sehr wohl miteinander zu vergleichen, nämlich insofern, als sie alle miteinander Produkte der Natur sind. Wenn aber Wirtschaft das Leben dieser Natur zunehmend bedrängt, stört und zerstört, dann sind erst einmal jene Fundamente zu sichern, die das Leben und Überleben überhaupt ermöglichen. Wirtschaft muss also nicht nur personverträglich, sondern auch sozial- und umweltverträglich gestaltet werden. Andernfalls haben auch die von Beat Gysi ins Zentrum der Überlegungen genommenen Eigentümer keine Zukunft. Unser Wirtschaftsredakteur wird solch ein Argument als Panikmache abtun. Nun, er leidet noch an der todbringenden Apokalypseblindheit, die Günther Anders schon früh diagnostizierte. Aus der Sicht von Beat Gysi ist allerdings noch nicht alles für die neoliberale Marktwirtschaft verloren. Ihn stimmt positiv, dass die unternehmerische Berichterstattung zu Sozial-Zielen und zu Umwelt-Zielen noch im Vagen bleibe. Man sei also einer „Öko-Diktatur“ und einer „sozialistischen Wirtschaftssteuerung“ „noch nicht allzu nah“. Allerdings zögen die Wolken des Unheils bereits am europäischen Horizont auf: Die „staatlichen Mitbestimmer“ drängten schon vermehrt in die Firmen, „um das Abwägen zwischen Wirtschaft, Umwelt und Sozialem zu beeinflussen“, man denke gar schon an einen „Aktionsplan Corporate Social Responsibility“. Gysis Stossseuzer: Wie kann man sich nur anmassen, die Unternehmen unter eine soziale und ökologische Kontrolle zu stellen! Damit nehme man den Unternehmen ihre  „Verantwortlichkeit“, das sei „gefährlich“. In welchem Horizont verortet der Wirtschaftsredakteur Beat Gysi Begriffe wie „Verantwortung“ und „Gefahr“? Sie bleiben im Nahbereich der Ökonomie, genauer, im Nahbereich einer neoliberalen Marktwirtschaftstheorie. Dass diese mit ihren Folgen für die Gesellschaften und für die Umwelt von beängstigender Verantwortungslosigkeit ist, hat Beat Gysi nicht, noch nicht zur Kenntnis genommen. Wir leben am Beginn einer neuen Erdepoche, die Jan Zalasiewicz von der britischen Universität Leicester um das Jahr 1800 ansetzt. Es ist der Beginn des Industriezeitalters, das dann zu den biologischen und geologischen Verwerfungen führte, die der Nobelpreisträger Paul Crutzen unter dem Titel „Anthropozän“ als neuer Erdepoche zusammenfasste. Gysi denkt nicht in solchen Dimensionen. Er denkt im Umkreis nur ökonomischer Partikularinteressen. Sein Denken ist unvernünfig, insofern man Vernunft mit Carl Friedrich von Weizsäcker bestimmt als die Wahrnehmung des jeweils nächsthöheren Ganzen, von dem unser Handeln betroffen ist. Das Handeln in den Unternehmen wirkt sich nun einmal aus auf die Gesellschaften und auf die Umwelt insgesamt. Und das leider in vielen Bereichen negativ. Gesellschaft und Umwelt sind  deshalb integrativ in die Unternehmensbilanzen einzubeziehen. Andernfalls gilt: Mit Aktiengewinnen für Wenige in die soziale und ökologische Katastrophe für Alle. Wer die Höhenspannung seiner Reflexion ausschliesslich an der Wirtschaft festmacht, denkt falsch. Er versteht nichts, aber auch gar nichts von überlebensnotwendigen Rangordnungen. Wirtschaft hat einem gelingenden Leben zu dienen. Sie ist kein Selbstzweck für Eigentümer. Wer das angesichts der aktuellen sozialen Verwerfungen und im Blick auf die ökologischen Bedrängnisse nicht wahrzunehmen bereit ist, kommt zu gefährlichen Ergebnissen. Verantwortung hat heute zum Ziel das Leben des Einzelnen  in Würde und das Überleben der Gattung als ganzer. Wenn auch künftige Generationen  noch Äpfel und Birnen essen sollen, dann darf man diesem Wirtschaftsredakteur der NZZ nicht folgen. Sein Denken führt in die Irre.

Beat Gysi: Äpfel und Birnen. Immer mehr Firmen wollen mit Umwelt und Gesellschaft besonders rücksichtsvoll umgehen. Das Zauberwort heisst: Corporate Social Responsibility. Es führt in die Irre. In: NZZ FOLIO. Die Zeitschrift der Neuen Zürcher Zeitung, November 2011, S.59-61

vgl. "Ökokrise". "Wirtschaftstheoretische Aspekte"

04.11.2011

Die Macht der „Märkte“ und die Ohnmacht der „Politik“

Heiner Ganßmann, Professor emeritus für Soziologie an der Freien Universität Berlin, schreibt in „LE MONDE diplomatique“, Oktober 2011, S.9 unter der Überschrift: „Wir sind der Markt“: „Im Bereich der Politik erwarten wir, dass sich eine gewählte Kaste gegenüber den Interessen des Volkes, das sie zu vertreten vorgibt, nicht allzu weit verselbständigt. Nötigenfalls muss sie abgemahnt oder abgewählt werden. Aber genauso sollten wir auch die Akteure der Finanzmärkte als Repräsentanten unserer Wirtschaftsinteressen zurückpfeifen können. Ottilie und Otto Normalverbraucher möchten nicht, dass jemand unbeauftragt mit ihren Ersparnissen spekuliert. Und schon gar nicht, dass sie, wenn es schiefgeht, von ihren politischen Repräsentanten gezwungen werden, mit ihren Steuern für immense Spekulationsverluste geradezustehen. Die Märkte, gegenüber denen sich die Politik ohnmächtig stellt, sind ein Fetisch. In Anlehnung an den trotzigen Ruf Wir sind das Volk! ist es Zeit für den Ruf: Wir sind der Markt! Das bedeutet, die Märkte in die Verfügung derjenigen zurückzuholen, die sie ermöglichen und zugleich von ihnen betroffen sind. So wie wir politische Repräsentanten haben wollen, die auf vernünftige Weise unsere langfristigen Interessen wahrnehmen, brauchen wir Finanzinstitutionen, die sich verantwortlich um unser Geld kümmern. Die sollen also nicht nur den Geldwert stabil halten, sondern die Spekulation durch Entschleunigung, Besteuerung und Reregulierung in sozialverträgliche Grenzen bannen.“


02.11.2011

Ist der Kampf entschieden?

Der Baum ist gefallen. Die ökonomischen Kettensägen, die seit langem an den Stamm der Demokratie angesetzt wurden, haben ganze Arbeit geleistet. Die Demokratie ist am Ende; der autonome Bürger ist tot. Rechtsstaat und Demokratie wurden für wirtschaftlich privilegierte Gruppen geopfert. Der gesellschaftliche Zentralbereich, die Wirtschaft, liess sich nicht demokratisieren. Eine Finanz-Oligarchie hat immer unverfrorener ihre Priorität vor aller Politik durchgesetzt. Die Staaten wurden zu Wettstätten des internationalen Finanzwesens. Was übrig bleibt, ist die Masse deklassierter Wirtschafts-Objekte aus vordemokratischen Zeiten, der entmündigte Bürger eben. Nicht länger ist er autonomes Subjekt einer Demokratie. Ihm gönnt man in Griechenland kaum noch die rüde Materialität des irdischen Daseins: essen und verdauen, schlafen und Kinder machen. Es gilt alternativlos das heteronom verordnete Spardiktat für alle Arbeitenden, alle Arbeitslosen, alle Rentner. Der Sozialstaat wird abgewickelt. Von der Würde des Menschen ist keine Rede mehr. Die Rückkehr zur wölfischen Gesellschaft ist angesagt. Mutiert der bisher subordinationswillige Bürger wider Erwarten doch zum revolutionären Citoyen und protestiert und streikt, dann wird er von seinesgleichen, der Polizei, hart diszipliniert. In dieser Konfliktsituation heischt der griechische Premierminister, Giorgos Papandreou, nach Legitimation, die ihm die konservative Opposition verweigert: Er plant eine Volksabstimmung über die den Griechen autoritär auferlegten Fremdbestimmungen durch die EU. Papandreou will das in einer Demokratie Selbstverständliche: „Der Wille des Volkes ist bindend.“ Lehne das Volk die neue Vereinbarung mit der EU ab, dann „wird sie nicht verabschiedet.“ Ist der griechische Premierminister ein Hasardeur oder ein listiger Politfuchs? Für die Finanzeliten und politischen Strippenzieher ist er der Hasardeur. Wie kann man nur das Volk fragen wollen! Die Börsenkurse brachen empfindlich ein. Mit ihnen kam es zugleich zum Kurssturz der republikanischen Idee. Frank Schirrmacher titelte in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG vom 02.11.2001: „Demokratie ist Ramsch.“ Das Entsetzen darüber, in einer Demokratie das bürgerliche Subjekt selbst zu fragen, brach sich europaweit in den abenteuerlichsten Gedanken Bahn. Man wünschte den Griechen wieder eine Militärjunta. In Forbes, einem renommierten Organ der Finanzöffentlichkeit, wollte ein Redakteur mit diesem Titel aufmachen: „Die wahre griechische Lösung: Ein Militärcoup.“ Was schliesslich zu lesen war, machte die Sache kaum besser: „Die abstossende griechische Lösung“. Man verstehe, bitte, richtig: Demokratische Verfahren sind „abstossend“; sie sind für Europa ein Schock, las man andernorts, nicht zuletzt deshalb, weil sie die Finanzmärkte erschüttern (Badische Zeitung, 02.11.2011). Ratingagenturen, Börsenanalysten, Bankenverbände übernahmen es, das Entsetzen über einen hoch normalen demokratischen Vorgang zu artikulieren. Die Politiker folgten blind. Der Primat der Ökonomie über die Politik war damit endgültig und unübersehbar hergestellt. Demgegenüber urteilte Frank Schirrmacher in der FAZ : „Die Deformation des Parlamentarismus durch erzwungene Marktkonformität legitimiert das Volk nicht nur als ausserordentlichen Gesetzgeber, es erzwingt im Fall Griechenlands diese Willenskundgebung geradezu. Denn schon in Deutschland kann, wer als frei gewählter Abgeordneter seinem Gewissen folgt, sicher sein, dass man seine Fresse nicht mehr sehen will. Was Wolfgang Bosbach als Subjekt widerfuhr, trifft nun einen Staat, und wenn es so weitergeht, bald ganz Europa.“ Oder ist alles noch viel vertrackter? Liegt der geplanten Volksabstimmung überhaupt ein demokratischer Impuls zugrunde? Möglicherweise geht es in Wahrheit um eine raffinierte List, durch die dem protestierenden Volk das Motiv zum Widerstand abgehandelt werden soll. Wenn Premierminister Giorgos Papandreou die Frage zur Volksabstimmung geschickt stellt, dann könnten die Griechen, zähneknirschend, zustimmen. Damit hätten sie sich jede Berechtigung genommen, gegen ihre Auszehrung durch das internationale Finanzsystem Widerstand zu leisten. Der revolutionäre Citoyen hätte sich selbst gefesselt, und die Finanzeliten und ihre politischen Exekutoren könnten mit klammheimlicher Freude die Champagnerflaschen öffnen.


01.11.2011

25 Jahre nach der Katastrophe

In der Nacht zum 1. November 1986 kam es bei Sandoz in Schweizerhalle zu einem  ausserordentlichen Chemieunfall. Es war eine Katastrophe, die an diesem Standort niemand für möglich gehalten hatte. Mehr als 1350 Tonnen Chemikalien gingen in Flammen auf, Rückstände flossen in den Rhein und färbten ihn rot. Viele Tonnen Pestizide gelangten von Basel aus in den Fluss. Die Folge war u.a. ein grosses Fischsterben. 25 Jahre später titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG am 31.10.2011: „Die Wut der Bürger ist längst verflogen“, „Produziert wird nach wie vor. Keine Entindustrialisierung Basels“ und „Von der Kloake zum Lachsrevier. Die Umweltkatastrophe hat zu einem Umdenken beim Gewässerschutz geführt“. Die kantonalen Behörden im Baselland haben längst Entwarnung gegeben und die Sanierung für abgeschlossen erklärt. Der Brandort ist zwar immer noch mit Schadstoffen belastet. Das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) hat das Areal neu bewertet. Es gilt als „belasteter Standort mit Überwachungsbedarf“. Damit seien weitere Sanierungen nicht mehr nötig. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace kommen zu anderen Einschätzungen. Nachdenklich stimmt ein Interview, das Martin Forter mit dem EX-Umweltchef bei Ciba, Dr. Peter Donath, führte: „25 Jahre Schweizerhalle – hat die Branche aus dem Inferno gelernt?“ Die Antwort von Peter Donath: „Schweizerhalle hatte keine nachhaltige Wirkung“. Und in einem Interview, das die Badische Zeitung am 31.10.2011 mit Martin Forter führte, sagt dieser: „Sandoz hat damals den Brandplatz nicht sauber ausgeräumt. Auf dem Brandplatz blieben Schadstoffe zurück und aus dem Brandplatz wurde eine eigentliche Schweizerhalle-Deponie. Gemäß verbindlichen Abmachungen mit dem Kanton Basel-Landschaft sollte ab 1994 nicht mehr als ein halbes Kilogramm Schadstoffe pro Jahr aus dieser Deponie ins Grundwasser gelangen. Noch heute ist es aber fünf bis sieben Mal mehr.“ Vor allem: „Der Inhalt der Deponie wurde nie richtig untersucht.“

Martin Forter: Falsches Spiel. Die Umweltsünden der  Basler Chemie vor und nach „Schweizerhalle“. 2010


30.10.2011

„Klimahysterie“: Eine Selbstdisqualifizierung

Die Vontobel-Stiftung, Zürich, veröffentlichte im September 2011 eine Arbeit des deutschen Professors Josef H. Reichholf mit dem Titel: „Klimahysterie“. Im Vorwort zu diesem unentgeltlich zu beziehenden Privatdruck schreibt Dr. Hans-Dieter Vontobel: „Das Thema Klima ist seit längerem ein hochpolitisches Traktandum. Parteien wie die Grünen alimentieren quer durch Länder und Staaten wichtige Teile ihrer Programme mit dem Hinweis auf die von uns Menschen möglicherweise geförderte Erwärmung. Entsprechend propagieren sie Massnahmen, das Geschehen zu korrigieren oder gar umzudrehen. Solche Strategien sind freilich häufig überzogen und naiv. Erstens ist die These vom hohen Anteil der Selbstverschuldung für das global warming umstritten und spekulativ bis demagogisch. Und zweitens kann eine Weltwirtschaft im Zeichen der Globalisierung, die nun einmal einer gesteigerten Energiezufuhr bedarf, um Lebensstandards im weitesten Sinn zu garantieren oder überhaupt erst zu schaffen, nicht einfach auf vormoderne Zustände zurückgefahren werden. Im Fall des Klimawandels empfiehlt sich, nicht modischer Hysterie zu verfallen. Josef H. Reichholf schildert in diesem Essay detailliert und leidenschaftslos die Wirkkräfte der Erwärmung in ihrem Verhältnis untereinander. Und vor allem mit dem Blick auf die Klimageschichte unseres Planeten, vor der etwas intellektuelle Bescheidenheit und Demut angebracht wären.“

Diese Sätze schreien geradezu nach theoretischer  Aufräumarbeit.

Erstens:

Selbst wenn man der These folgt, dass der Anteil des Menschen an der globalen Erwärmung wissenschaftlich noch umstritten sei, dann ist nach Hans Jonas gerade wegen der wissenschaftlichen Unsicherheit im Blick auf die anthropogenen Ursachen der Erderwärmung eine „Heuristik der Furcht“ in Anschlag zu bringen. Angesichts dessen, was auf dem Spiele steht, ist der Unheilsprophezeiung mehr Gehör zu verschaffen, als der Heilsprophezeiung, denn niemals darf die Intaktheit des Ökosystems zum Einsatz in den Wetten des Handelns gemacht werden. Wer mit dem Wörtchen „möglicherweise“ die Erkenntnisunsicherheit selbst anerkennt, um dann von „Spekulation“ und „Demagogie“ zu sprechen, demonstriert auf unappetitliche Weise ideologisches Verhalten. Hans-Dieter Vontobel stellt erfreulich klar fest: „Seit Jahren debattieren und streiten auch renommierte Fachleute über Modelle der Erklärung“ wie hoch der anthropogene Anteil bei der unbezweifelbaren Globalerwärmung ist, um dann die seiner Deutung  widersprechende Gruppe der Forscher und Politiker  als „Klimahysteriker“ zu diffamieren.

 Zweitens:

Wer aus der Findekunst einer zukunftsorientierten Sensibilität die Möglichkeit einer Klimakatastrophe antizipiert und daraus Konsequenzen zu ziehen versucht, der wird von Hans-Dieter Vontobel mit dem Urteil „naiv“ bedacht. Dagegen wird der Status quo kritiklos akzeptiert und fortgeschrieben: Eine Weltwirtschaft im Zeichen der ökonomischen Globalisierung brauche „nun einmal“ eine gesteigerte Energiezufuhr, um die hohen Lebensstandards in den reichen Ländern zu sichern und in den armen Ländern zu erhöhen. Der Vorwurf der Naivität ist zurückzugeben: Wer die heutigen energieintensiven und Ressourcen verbrauchenden Lebensstile der fortgeschrittenen Industrie- und Informationsgesellschaften zum Massstab seines Handelns macht, der ist anthropologisch und erkenntnistheoretisch nicht nur naiv, er ist gefährlich naiv. Anthropologisch ist er naiv, weil er das heute noch vorherrschende Wachstums- und Wohlstandsmodell als selbstverständlich voraussetzt. Josef H. Reichholf auf S.100: „Deutschland braucht das Wachstum Chinas, Indiens und Brasiliens und anderer aufstrebender Länder, um mit Exporten den eigenen Wohlstand einigermassen sichern zu können.“ Hier spricht nicht mehr der Klimaforscher. Hier stilisiert sich die Furcht eines Wohlstandsbürgers mit seinen Partikularinteressen zum Experten, der er nicht ist. Die wissenschaftliche Diskussion über zukunftsfähige und menschenverträgliche Lebensstile hat längst ein Niveau erreicht, das von diesen Wachstums- und Wohlstandsbegehrungen nicht im Ansatz erreicht wird. Erkenntnistheoretisch sind die Aussagen im Vorwort und im Haupttext naiv, weil sie einerseits anerkennen, dass die Ergebnisse der Klimaforschung noch nicht eindeutig gesichert sind, andererseits aber selektiv die Ergebnisse herausfiltern, die der eigenen Weltsicht dienlich sind. Wer letztlich die wirklich „falschen Propheten“ sein werden, wird der Lauf der Geschichte zeigen. Die Geschichte ist aber kein naturwissenschaftliches Experimentierfeld. Wer den wissenschaftlichen Beweis eines anthropogen verursachten Klimawandels einklagt, ist bereit, solange zu warten, bis dann in der Tat nichts mehr zu tun übrig bleibt. Auch hier gilt die Forderung der Heuristik der Furcht. Das hat etwas mit Hermeneutik zu tun, nicht mit empirisch-analytischer Wissenschaft. Die kontroversen Forschungsergebnisse der heutigen Klimaforschung wollen im Horizont menschlicher Lebenswelten verstanden werden. Wer diesen schwierigen Weg beschreitet, der kommt nicht  zur autoritären Abkanzelung: „Klimahysterie“.  Wer die eigene Forschung nur im Horizont seiner empirisch-analytischen Zugriffsweise interpretiert, kommt leicht zu Missverständnissen, und wer sich selbst missversteht, der landet unvermittelt bei falschen Handlungsanweisungen. Auch bei der empirischen Klimaforschung unterliegt die Auswahl der zu untersuchenden Variablen einem nicht-empirischen Entscheidungsprozess. Diese Auswahl steuert dann die Ergebnisse. Und die Ergebnisse selbst sind schliesslich ihrerseits wieder historisch-hermeneutisch zu interpretieren. Hier liegen die wissenschaftstheoretischen und wissenschaftslogischen Gründe für unterschiedliche Klimaveränderungsbefunde. Wer das ignoriert, ist nicht redlich.

Drittens:

Die Folge ist eine fragwürdige Grünen-Schelte. Hans-Dieter Vontobel mahnt im Vorwort „intellektuelle Bescheidenheit“ und „Demut“ an. Damit meint er die von seinem Autor ausgemachten vermeintlichen „Klimahysteriker“. Intellektuelle Bescheidenheit und Demut sind demgegenüber erst einmal auf die Tragweite der Wissenschaft selbst anzuwenden. Wer, wie Josef H. Reichholf, seine These von der „Klimahysterie“ mit einem Goethe-Zitat eröffnet, schiesst unbedacht ein Eigentor. Johann Wolfgang von Goethe war einer der profundesten Kenner der Grenzen des naturwissenschaftlich-berechnenden Denkens. Goethe ist einer der Letzten, den man zum Kronzeugen aufrufen kann, wenn es darum geht, „leidenschaftslos“ gewonnene empirische Erkenntnisse in die Lebenswelt zu integrieren. Und wie „leidenschaftslos“ ist das Vorwort selbst? Die Sprache verrät die Leidenschaft der Diffamierung. Wer den Andersdenkenden zum Hysteriker stempelt, verlässt den Pfad argumentativer Auseinandersetzung. Intellektuelle Bescheidenheit und Demut  ist nicht den vermeintlichen Klimahysterikern anzuraten, sondern sollte die Haltung aller Menschen gegenüber der uns tragenden Natur sein. Selbst wenn es überhaupt keine Klimaveränderung gäbe, ist der menschliche Umgang mit der Natur nicht zukunftsfähig. Darüber liest man bei Hans-Dieter Vontobel und Josef H. Reichholf erschreckend wenig bis gar nichts. Wenn man die imponierende Einbindung von Josef H. Reichholf in internationale Gremien auf Seite 4 zur Kenntnis nimmt, versteht man besser, weshalb aus diesen Gremien bestenfalls ein weiterhin nur krankmachendes Krisenmanagement kommt.

Vgl. auch "Bildung zur Zukunftsfähigkeit?"

Literatur

Josef H. Reichholf: Klimahysterie. Mit einem Vorwort von Hans-Dieter Vontobel. Zürich 2011, Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung. Privatdruck.

Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt am Main 1979

Michael Kalff: Zukunft gewinnen angesichts globaler Krisen. Westliches und buddhistisches Denken im Dialog: Auf der Suche nach neuen Wohlstandsmodellen einer „sustainable society“. Freiburger Dissertation. Marburg 1999. Tectum Verlag.


Zur Postwachstumsgesellschaft kann man diesen Blog besuchen.

27.10.2011

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Im Nachgang zu einer gerade stattgefundenen Tagung „Ganzheitliches Denken und Handeln“ möchte ich mit Goethezitaten auf eine Arbeit von Stefan Bleecken aufmerksam machen: Babylon in der modernen Naturwissenschaft, in: TABULA RASA. JENENSER ZEITSCHRIFT FÜR KRITISCHES DENKEN, Ausgabe 11, 02.07.1996:

Goethe: „Analyse und Synthese“, 1829: "Ein Jahrhundert, das sich bloss auf die Analyse verlegt und sich vor der Synthese gleichsam fürchtet, ist nicht auf dem rechten Wege; denn nur beide zusammen, wie Ein- und Ausatmen, machen das Leben der Wissenschaft. ... Die Hauptsache, woran man bei ausschliesslicher Anwendung der Analyse nicht zu denken scheint, ist, dass jede Analyse eine Synthese voraussetzt". (Johann Wolfgang von Goethe: Weimarer Ausgabe der Werke Goethes , Weimar 1887 – 1919, II 11, 70/71)

Die ausschliessliche Anwendung der analytischen Methode ist für Goethe geistiger Kretinismus: "Da wir vorher mit dem Ganzen als Riesen standen, sehen wir uns als Zwerge gegen die Teile". (Goethes Werke in zwölf Bänden, Berlin, Weimar 1974, Bd. 7, S. 570)

Zur "Morphologie":  „Aber diese trennenden Bemühungen, immer und immer fortgesetzt, bringen auch manchen Nachteil hervor. Das Lebendige ist zwar in Elemente zerlegt, aber man kann es aus diesen nicht wieder zusammenstellen und beleben." (Johann Wolfgang von Goethe: Weimarer Ausgabe der Werke Goethes , Weimar 1887 – 1919, II 6, 8)


Der Glaube an die Messbarkeit (Galilei) und der Glaube an die Mathematisierung (Newton) aller natürlichen Phänomene geisselt Goethe  im 1. Akt/Faust II:

"Daran erkenn ich den gelehrten Herrn!

Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,

Was ihr nicht fasst, das fehlt euch ganz und gar,

Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,

Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht,

Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht!"


In der Schülerszene/Faust I lässt Goethe  Mephisto spotten:

"Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,

Sucht erst den Geist herauszutreiben,

Dann hat er die Teile in seiner Hand,

Fehlt, leider! nur das geistige Band"

Goethes Ahnung:

"Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen" (Johann Wolfgang von Goethe: Weimarer Ausgabe der Werke Goethes , Weimar 1887 – 1919, I 25a, 249)

…und 2011:

Das Maschinenwesen hat überhandgenommen, und es trifft uns alle, denn: Wir denken falsch, und deshalb handeln wir notwendigerweise unvernünftig.


vgl. auch "Hilfen für mehrperspektivisches Wahrnehmen".

24.10.2011

Verschwindet die Gewalt?

Zeitgenössische Kulturpessimisten, Niedergangsdiagnostiker und Globalapokalyptiker werden von der Wissenschaft in die Schranken gewiesen. Der kanadische Evolutionspsychologe Steven Pinker behauptet, empirisch belegt zu haben, dass die Gewalt im Verlauf der Geschichte zurückgegangen sei. Auf über 1100 Druckseiten breitet Pinker beeindruckende Materialien aus, die alle belegen sollen: Das 20. Jahrhundert war nicht das blutigste in der Menschheitsgeschichte. Indem der Harvard-Professor die Opferzahlen in Beziehung zur historisch jeweiligen Weltbevölkerung setzt, ist nicht einmal der 2. Weltkrieg mit seinen 55 Millionen Toten das tödlichste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Das war im achten Jahrhundert ein Aufstand in China. General An Lushan  liess damals 36 Millionen Menschen umbringen. Nach Pinkers Umrechnungsmethode wären das heute 429 Millionen Menschen. Nach solchen Zahlenkorrekturen haben Dauer, Häufigkeit und Opferzahlen von Kriegen im Verlauf der Geschichte abgenommen. – Diese empirisch belegte Tatsache steht im Widerstreit meiner aktuell gefühlten Gewalt. Diese gefühlte Gewalt ist, ohne Frage, subjektiv. Ich lasse mich also gern von der Forschung belehren. Ich will jetzt auch nicht untersuchen, ob das Forschungsprojekt von Steven Pinker methodisch korrekt durchgeführt wurde. Ich unterstelle, dass die Kriterien empirischer Forschung eingehalten wurden. Das Ergebnis ist dann eindeutig: Die Gewalt hat in der Menschheitsgeschichte abgenommen. Ein erfreuliches Ergebnis. Dieses erfreuliche Ergebnis möchte ich jetzt verstehen. Welche Bedeutung hat es für uns, die wir auch im 21. Jahrhundert immer noch im Atomzeitalter leben? Harald Staun hat dazu in seiner klugen Besprechung des Buches von Steven Pinker in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG vom 23.10.2011 das Notwendige gesagt: „Wer im Zeitalter immer effektiverer Massenvernichtungswaffen die Abnahme der Gewalt per Bodycount beweisen will, ist immer nur einen Atombombenabwurf vom Einsturz seiner These entfernt.“ Pinkers  Forschungsergebnisse ändern nichts, aber auch gar nichts an der Einsicht, dass wir Menschen uns jederzeit mit den Massenvernichtungswaffen das Zeitenende bereiten können. Insofern leben wir in einer hoch fragilen Zeit voller Gewaltmöglichkeiten, völlig unabhängig davon, ob die per Bodycheck gezählte Gewalt abgenommen hat oder auch nicht. Schon Morgen können wir uns das Zeitenende bereiten, nach dem dann kein Pinker mehr die Toten wird zählen können. Bin ich, indem ich an diese andere Tatsache erinnere, ein zeitgenössischer Kulturpessimist, ein Nierdergangsdiagnostiker, ein Globalapokalyptiker? Nein. Ich bin ein antizipatorischer Realist. Ich habe Gründe, energisch  zu warnen. Dagegen laufen Steven Pinkerts Forschungsergebnisse Gefahr, zur Beschwichtigung missbraucht zu werden. Das wäre angesichts der latenten Gefahr fatal.

Steven Pinker: „Gewalt“, Frankfurt/Main 2011, 1178 Seiten

Harald Staun: Der Preis des ewigen Friedens, in: FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, Nr.42 vom 23.10.2011, S.30


19.10.2011

Der Mensch als „Werk seiner selbst“

In meinen Überlegungen spielt die Formel vom Menschen als „Werk seiner selbst“ eine grosse Rolle. Sie verweist auf die dritte Stufe im so genannten „anthropologischen Dreischritt“. Immer wieder bekomme ich Anfragen, was damit genau gemeint sei. Die anthropo-biologische Betrachtungsweise des Menschen als „Werk der Natur“ und die historisch-soziologische Betrachtungsweise als „Werk der Gesellschaft“ scheint demgegenüber leichter nachvollziehbar zu sein. Ich stelle deshalb heute eine kleine Studie in die ERGÄNZUNGSTEXTE, die Hans Wittig verfasste: „Pestalozzi – Werk seiner selbst“.  Bei Hans Wittig  lernte ich Pädagogik an der PH Hannover,  bevor ich mit meinem Zweitstudium an der Universität in Göttingen begann. Hans Wittig legt die Formel „Werk seiner selbst“ am Werk von Johann Heinrich Pestalozzi aus, von dem auch die Formulierung stammt. Viel wäre zu diskutieren: Die Problematik der ontischen Schichtung, die Entgegensetzung von „Werk der Natur“ und „Werk der Gesellschaft“ auf der einen Seite und „Werk seiner selbst“ auf der anderen Seite, die Mehrdeutigkeit des Begriffes „Natur“, der fragwürdige Begriff „Tiernatur“ und manches andere noch. Und dennoch: Liest man den Wittig-Text phänomenologisch, dann erhellt er anthropologische Tatbestände, die jeder von uns in seiner Lebenswirklichkeit wiederfinden kann, wenn er einen nicht-fragmentarisierten Bildungsprozess durchlaufen hat. Das macht diesen Text von 1951 auch heute noch bedeutsam, nicht zuletzt deshalb, weil mit dem „Werk seiner selbst“ auf eine Möglichkeit menschlicher Selbstverwirklichung hingewiesen wird, die uns vor individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen bewahren könnte, wenn, ja wenn man sie im Bildungsprozess überhaupt anstrebte. Unsere heutigen Schulen und Hochschulen tun dies nicht. Und in den Familien wird diese Erfahrung auch immer weniger möglich, so dass sich heute Menschsein allzu oft im „Werk der Natur“ und im „Werk der Gesellschaft“ erschöpft.


16.10.2011

Krankmachendes Krisenmanagement

Es ist, mal wieder, Welternährungstag: 16. Oktober 2011. Wir werden mit erdrückenden und bedrückenden Zahlen konfrontiert. 925 Millionen Menschen leiden an Hunger, und das vor allem im Süden. Bald werden es noch mehr sein. Die Weltbevölkerung geht auf 7 Milliarden zu, und für das Jahr 2050 erwartet man 9 Milliarden Erdenbürger, die täglich satt werden möchten. Angesichts dieser Situation stimmt man zunächst unbesehen zu, wenn heute in der „NZZ am Sonntag“ zu lesen ist: „Um den wachsenden Hunger zu stillen, sind alle Mittel recht“. Patrick Imhalsy schreibt: „…die Ernährung der wachsenden Menschheit zu garantieren, stellt die grösste Herausforderung dar, mit der wir in diesem Jahrhundert konfrontiert sind – sie ist dringender  noch als die Notwendigkeit, den Klimawandel in der Griff zu bekommen.“ Nach diesem Satz kann ich nicht mehr unbesehen zustimmen, und was dann kommt, ist nicht minder bedenklich. Gegen den Welt-Agrabericht von 2008, in dem renommierte Wissenschaftler das Ende der industriellen Landwirtschaft forderten, macht sich Patrick Imhalsy stark für grüne Gentechnik, also für die gentechnische Veränderung von Nutzpflanzen, ganz nach dem Eingangsmotto seines Textes: Wer die miserable Ernährungssituation verbessern will, muss alle Möglichkeiten ausschöpfen, die uns zur Verfügung stehen, also auch die grüne Gentechnik. Nun schlägt meine ursprüngliche Zustimmung endgültig in Ablehnung um. Imhalsy: „Was ist einzuwenden gegen gentechnisch veränderte Weizenarten, die Trockenheit oder versalzene Böden besser ertragen – also Verhältnisse, die infolge des Klimawandels besonders in Entwicklungsländern künftig häufiger auftreten dürften?“ Alles ist gegen dieses Argument einzuwenden. Erst greifen Wenige aus dem Norden massiv und unvernünftig  in die gewachsenen Strukturen des Südens ein, provozieren Elend und Hunger, machen aus diesen Regionen Entwicklungsländer, zwingen sie in die Abhängigkeit von multinationalen Agrarkonzernen und börsenorientierten Nahrungsmittelspekulanten, um dann das Heil in einer technischen Lösung zu suchen, sie selbstredend aus dem Norden kommt, denn dieser hat wieder einmal etwas zu verkaufen: die schöne heile Welt gentechnisch veränderter Pflanzen. Wer so argumentiert, verdreht die Prioritäten: Der Klimawandel, nicht der Hunger, ist das dringendste Problem des 21. Jahrhunderts, denn ohne den „Klimawandel in den Griff“ zu bekommen, wird Leben überhaupt und insgesamt weltweit gefährdet. Dass auch das Welternährungsproblem mit dem Klimawandel zusammenhängt, wird von Patrick Imhalsy noch gesehen, doch er zieht daraus keine zukunftsfähigen Konsequenzen. Statt zu fordern, dass die klimabedingten Anlässe für schlechte Ernten – u.a. Trockenheit, versalzene Böden – beseitigt werden, lässt er die Natur zerstörenden Lebensstile unangetastet und empfiehlt Surrogate als Lösung. Er denkt im Horizont eines nur weiterhin krankmachenden Krisenmanagements. Er laboriert an Symptomen, ohne die Krankheit Hunger von Grund auf zu heilen. Bei der Lektüre  nehme ich einen Sadismus der Zwischentöne wahr: Der Text liest sich wie die Propagandaschrift eines Wissenschaftsgläubigen, der naiv seine Mittel steigert, ohne die ungewollten oder billigend in Kauf genommenen Nebenwirkungen zu sehen. Patrick Imhalsy fragt im Tone unaufgeklärter Selbstverständlichkeit: „Was ist schlimm daran, Menschen mit dem ursprünglich an der ETH Zürich entwickelten Goldenen Reis zu ernähren, der sie zugleich mit dem lebenswichtigen Vitamin A versorgt?“ Warum dann nicht gleich die kompakte Inklusiv-Versorgung mit künstlich hergestellter Astronautennahrung? Was an diesem Denken schlimm ist? Dass Mittel und Zweck verwechselt werden. Da wird ein hoch gesteigertes und perfektioniertes Mittel – Goldener Reis – gegen nahrungsbedingten Versorgungsmangel eingesetzt, das in keinerlei sinnvollem Verhältnis zu seinem ursprünglichen Zweck mehr steht, sondern vielmehr neue, nicht geringere Übel hervorbringt. Die einseitige Konzentration auf die Mittel hat längst aus dem Blick verloren, was eine gute und gesunde Versorgung überhaupt ist. Die technisch-ökonomische Kultur der Mitteloptimierung ist eine Kultur ohne Weisheit, ohne Vernunft. Der wachsende Hunger in der Welt ist kein technisch-ökonomisches, er ist ein politisches Problem.  Die Hungernden dieser Welt warten nicht auf den Goldenen Reis des König Midas, sie warten, wenn schon nicht auf weise, so wenigstens auf vernünftige Politiker, die ihnen ein gutes Leben ermöglichen, in dem sie auch vernünftig satt werden können.


15.10.2011
Worte ohne Rückgrat

Politiker, angefüllt mit Worten ohne Rückgrat, müssen enttäuschen: Barack Obama. Eric Alterman begründet diese These in seinem Essay „Obama und die Linke“ in der neuen Ausgabe von „LE MONDE diplomatique“, Oktober 2011, S1ff.: „Die neue linke Basisbewegung Occupy Wall Street breitet sich von New York über die gesamten USA aus. Sie fordert ein, was Obama im Wahlkampf versprochen hatte. Der hat durch seine Nachgiebigkeit gegenüber den Republikanern inzwischen nicht nur seine Glaubwürdigkeit, sondern auch viele Zukunftschancen verspielt.“, S.1. Ein Beispiel unter vielen:  „Während der Auseinandersetzungen um das Gesetz zur Bankenregulierung vertrat die US-Regierung konsequent all die Positionen, für die sich auch die Banken einsetzten. Rein gar nichts wurde unternommen, um das zentrale Problem anzugehen, durch das die Krise überhaupt entstanden war: dass Finanzinstitute so gross werden konnten, dass sie nicht mehr untergehen dürfen (too big to fail), ohne das ganze System mitzureissen. Die Banken, die 2008 die Krise verursacht hatten, erhöhten ihren Anteil an den globalen Vermögenswerten und stellten so vor allem sicher, dass ihre nächste Krise noch schlimmer werden wird.“ , S.18. Am Ende des Aufsatzes wird noch hingewiesen auf das Buch von Eric Alterman: „Kabuki Democracy. The System vs. Barack Obama. New York 2011.

Dazu passt die Nachricht  in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG vom 14.10.2011: „Deutsche Bank kämpft gegen Staat als Aktionär“. Dort wird auf Seite 11 der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann,  zitiert: „Die Deutsche Bank wird alles tun, um eine Zwangskapitalisierung zu vermeiden.“  Unabhängig von den Mitteln: Man will keinen Einfluss des Staates. Der obszöne Gestus, mit dem Ackermann die Folgen seines Handelns ignoriert, wertet eine ganze Klasse auf, die längst an die Kette der Politik genommen gehört. Der kapitaltragende Zynismus der Banker verletzt permanent die Menschenrechte. Selbstverständlich sehen das die Macher ganz anders.


13.10.2011
Gandhi - aktueller, denn je

Es ist eine grosse und wichtige Arbeit anzuzeigen. Brigitte Luchesie und Wolfgang Sternstein haben eine fünfbändige Gandhi-Ausgabe vorgelegt. Die Texte wurden von ihnen  aus dem Englischen übersetzt. Brigitte Luchesie und Wolfgang Sternstein: Mohandas Karamchand Gandhi: Ausgewählte Werke, 5.Bde., Göttingen 2011. Ich nehme das zum Anlass, eine Arbeit von Hans-Georg Wittig und mir aus dem Jahre 1984 in die ERGÄNZUNGSTEXTE aufzunehmen: „Was können wir angesichts der Ökokrise von Gandhi lernen?“ Wiewohl dieser Text wahrlich noch nicht veraltet ist, werden für manche vor allem die Teile 2 bis 8 bedeutsam sein. Dort werden Originalzitate aus dem Gesamtwerk Gandhis zur Kenntnis gebracht. Diese Zitate sind keine blosse Materialsamm­lung, sondern stehen exemplarisch für die in den Überschriften genannten Themenbereiche. Die Zitate selbst hat Hans‑Georg Wittig, übrigens ein Freund von Wolfgang Sternstein,  aus den mehr als 80 Bänden entnommen (und teilweise neu übersetzt), die im Rahmen der „Collected Works of Mahatma Gandhi“ (CWMG) bisher erschienen. Wo es nötig war, wurden ergänzend auch „The Selected Works of Mahatma Gandhi“ (SWMG) herangezogen. Zusätzlich möchte ich noch auf diese Arbeit aufmerksam machen; Hans-Georg Wittig: Gandhis Weg zur Wahrheit, in: Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Notwendige Bildung. Studien zur Pädagogischen Anthropologie. Frankfurt/Main 1985, S.223-232


11.10.2011

Tragt den Bürgerprotest auf die Strasse!

Jugend ohne Zukunftschancen und Träger der marginalisierten Mittelschicht protestieren in Europa auf den Strassen, vor allem in Griechenland. Inzwischen gibt es diesen Bürgerprotest auch in den USA. „Occupy Wall Street!“ „Besetzt die Wall Street!“ Es hat sich mittlerweile bei den Betroffenen herumgesprochen, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Fakten sind empörend bedrückend. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, Nr.233 vom 10.10.2011 lese ich auf Seite 2 von Christian Wernicke unter der Überschrift: „Die Reichen und der Rest“: „Das Einkommen des bestverdienenden Tausendstels der US-Gesellschaft stieg von 1970 bis 2008 um 385 Prozent auf 5,6 Millionen Dollar pro Jahr; die zweitbeste Schicht (die Top 0,1 bis 0,5 Prozent) legte um 141 Prozent auf 878 139 Dollar zu. Und die dritte Cremeschicht (die Top 0,5 bis 1,0 Prozent) verbesserte sich um 90 Prozent auf exakt 443 102 Dollar. Jene 137 Millionen Amerikaner, die die unteren 90 Prozent der Einkommenspyramide ausmachen, haben von 1970 bis 2008 mit einem Realeinkommen von 31 244 Dollar nicht einen Cent dazugewonnen.“ Dass es dann noch Arbeitslose gibt, sei nicht vergessen. Solche Zahlen erklären die während der Strassenproteste hochgehaltenen Pappplakate: „Wir sind die 99 Prozent!“ Auch in Deutschland wäre ein Kampf gegen strukturell vergleichbare Entwicklungen mehr als notwendig. Er bleibt aus. Alexander Hagelüken zieht, ebenfalls in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 10.10.2011, die Konsequenzen. Mit dem Schlachtruf des alten und so jung gebliebenen Stéphane Hessel ruft er uns allen zu: „Empört Euch!“ Das sitzt. Im Einzelnen lese ich: „Da wird es Zeit, dass auch in Deutschland Bürger auf die Straße gehen und so die Parteien zum Umdenken zwingen. Nicht, um den Kapitalismus abzuschaffen, sondern um ihn zu reformieren: weniger Einfluss der Finanzmärkte. Schranken für Banken, damit sich die Geldhäuser mehr um Kredite kümmern als um Derivate. Und: eine gerechte Verteilung der Krisenkosten. Dass die Deutsche Bank bis vor kurzem einen Rekordgewinn für dieses Jahr plante, während die Regierung neue Milliardenverluste schultern musste, sagt viel aus.“ Am Ende muss insgesamt ein gerechteres Verhältnis von Arm und Reich stehen, damit unsere Gesellschaften nicht in den Abgrund taumeln. Im Grunde geht es um noch viel mehr. Entweder wir bleiben das, was der jetzige Kapitalismus aus uns gemacht hat – und gehen langfristig unter. Oder wir ändern uns – und gewinnen Zukunft. Also: „Empört Euch!“


09.10.2011

Poetisch denken lernen

Solange unser Leben von Wissenschaftsexperten bestimmt wird, werden wir nicht zu uns kommen und uns verfehlen, denn wer die komplexen Krisen der Gegenwart mit Sozialtechnologien überwinden will, wird scheitern. Wir müssen neu denken lernen. Zur naturwissenschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit müsse eine poetologische Betrachtung komplementär hinzukommen, um dem Leben wieder gerecht zu werden, sagt Hans-Peter Dürr. Er begründet sein Programm des neuen Denkens am Beispiel der Quantenphysik. Vergleichbares gilt für die neue Leitwissenschaft der Evolutionsbiologie. Auch diese muss sich den Fragen der Philosophie stellen, will sie vermeiden, ein naturalistisch reduziertes Menschenbild zu proklamieren. „Gut“ und „Böse“ sind eben keine Funktionsbegriffe der evolutionären Fitness. Die notwendigerweise reduktionistisch verfahrenden Naturwissenschaften dürfen also nicht das letzte Wort behalten, wenn es um normative Fragen der Krisenbewältigung in unseren Gesellschaften geht. Verantwortung, Wissenschaft, Arbeit, Zivilgesellschaft, Poesie und Zukunft müssen neu gedacht werden. Das ist die Herausforderung des Buches von Hans-Peter Dürr: „Das Leben lebendiger werden lassen.“  Wie uns neues Denken aus der Krise führt. München 2011. Für alle, die über Frieden und Ökologie nachdenken, ist immer noch unverzichtbar: Hans-Peter Dürr: Das Netz des Physikers. Naturwissenschaftliche Erkenntnis in der Verantwortung. München/Wien 1988.

Es gibt ein neues Peanut: Ärztehopping für die Seele.


08.10.2011

Der Mensch als nachtönendes Passivum

Leistungssteigerung durch Neuro-Enhancement taugt nichts, denn die „Verbesserung“ meiner kognitiven und emotionalen Fähigkeiten mit Hilfe von Medikamenten bzw. neurotechnischen Eingriffen nimmt mir das existentielle Gebot der Arbeit an mir selbst. Ich konzentriere mich – das ist etwas anderes, als – Ich werde konzentriert, z.B. durch Medikamente. Der nicht-reflexive Gebrauch des Verbs konzentrieren missachtet nicht nur die Sprache, sondern auch anthropologische Grundeinsichten. Das hat Folgen. Neuro-Enhancement raubt mir die eigenverantwortliche Aktivität,  in Akten der Selbstwahl und Selbstbestimmung, mich anzustrengen. Ich bin der Akteur der Anstrengung; ich will mich anstrengen. Diese Anstrengung wird mir nicht von aussen zugeführt. Ich erleide sie nicht. Neuro-Enhancement kehrt dieses Verhältnis um. Neuro-Enhancement  lässt mich  als nachtönendes Passivum zurück. Das nannte man einmal Entmündigung. Man kann auch in seine eigene Entmündigung einwilligen, indem man durch das Begehren nach Neuro-Enhancement, sich selbstverschuldet zum Objekt machen lässt.

Vgl. Tagebucheintrag vom 06.10.2011

07.10.2011
Griechische Schuldenkrise

Unter der Überschrift „Mehr Respekt, bitte!“ trug ich am 26.08.2011 ins Tagebuch ein: „Gibt es geistige Eliten in Europa ohne Griechentum? Wenn wir für diesen Schatz der Antike Zinsen zu zahlen hätten, würde Griechenland das Wort Bankrott nicht kennen.“  -  In der Wochenzeitung DIE ZEIT, Nr.41, vom 06.10.2011 gibt es ein Interview mit Jean-Luc Godard, das Katja Nicodemus führte. Darin lese ich auf S.51, Godard: „Der Tourismus hat sehr von Griechenland profitiert. Alle sind hingefahren. Die Deutschen, die Franzosen, die Briten haben Griechenland verdorben. Daher sollten wir den Griechen etwas zurückzahlen. Es gäbe eine einfache Lösung für die griechische Schuldenkrise: Wann immer man sich beim Sprechen der Logik der alten Griechen bedient, müsste man zehn Euro überweisen. Und wer Geld hat, aber keines geben will, hätte nicht mehr das Recht, sich dieser Logik zu bedienen. Er wäre gezwungen, ein bisschen anders zu denken.“


06.10.2011

Am Tropf des Neuro-Enhancements

Sie werden längst genommen, die Pillen zur Optimierung der Konzentration, zur Steigerung des Gedächtnisses, zur Aufhellung der Stimmung. Ob Student oder Manager, man hängt am Tropf des Neuro-Enhancements. Wer sich in einer immer brutaler werdenden Berufswelt behaupten muss, kann es sich nicht leisten, so heisst es allenthalben, die chemischen Mittel zur Leistungssteigerung und Leistungsverbesserung nicht zu nehmen. Und wer sie sich aus finanziellen Gründen nicht leisten kann, der wird angesichts ohnehin schon ungleicher Lebenschancen gleich nochmals abgehängt. Fragt dann ein kluger Kopf nach der Zuträglichkeit von Neuro-Enhancement für das „gute Leben“ des Einzelnen, dann erscheint das einem anderen klugen Kopf als geradezu idyllisch. Roland Kipke legt unter dem Titel „Besser werden“ eine „ethische Untersuchung zu Selbstformung und Neuro-Enhancement“ vor und rät, traditionell durch geduldige Anstrengung sich selbst zu formen, statt auf die Pillen zu setzen.  Michael Pawlik kommt in seiner Besprechung dieses Buches in der FAZ, Nr.230 vom 04.10.2011, S.30 zu dem Schluss: „Wer sich in einer Berufswelt behaupten muss, in der die regelmässige Einnahme leistungssteigernder Medikamente zur Normalität geworden ist, wird über Kipkes Rat Lass besser die Finger davon! nur müde lächeln.“ Muss man jetzt über Pawliks Urteil traurig lächeln? Da werden Fakten geschaffen wie eine stetig überfordernde Arbeitswelt, und um diese auszuhalten und zu meistern, erfindet ein weiterhin krankmachendes Krisenmanagement die chemischen Krücken, um das inhumane System funktionstüchtig zu halten. Erinnert dann jemand an die anthropologischen Implikationen eines solchen Vorganges, wird er flugs als Idylliker wahrgenommen, gleichsam als Fusskranker des Abendlandes, der nicht auf der Höhe der Zeit ist. Übrigens: Welche Leistung wird mit den Medikamenten optimiert? Es geht um mehr Wissen und um mehr Können, es geht um funktionale Ertüchtigung. Wofür? Damit noch mehr Verstandesegoisten Unheil anrichten können? Oder gibt es schon die ergänzende Pille zur ethischen Leistungsverbesserung, die uns vor den inhumanen Folgen der formalen Leistungsoptimierung schützt?  Back to the roots: Wie wäre es, wenn wir energisch daran arbeiteten, die überfordernden Arbeitssituationen wieder auf ein menschliches Mass zu bringen?

Roland Kipke: „Besser werden“. Eine ethische Untersuchung zu Selbstformung und Neuro-Enhancement. Paderborn 2011

Hilfreich ist diese Orientierung: Neuroethik. 4.1 Neuro-Enhancement.

05.10.2011
Zum Tod von Peter Münster

Peter Münster, der zur Autoren-Gruppe gehörte, die am Konzept der „Metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie“ mitarbeitete, ist verstorben. Hans-Georg Wittig hat ihm einen Nachruf gewidmet.


04.10.2011
Veto-Player

Jetzt weiss ich, was ich bin, ein "Veto-Player". Die wenigen Wissenschaftler, die früh vor den PISA-Tests warnten und sich energisch gegen die Bologna-Reform der europäischen Universitäten stemmten, werden von den Einführungsstrategen "Veto-Player" genannt. Sie seien auszuschalten, und sie wurden ausgeschaltet. Wie die OECD, eine Wirtschaftsorganisation, zusammen mit EU, Lobbygruppen, nationalen Regierungen und wirtschaftsnahen Stiftungen, "Bildung" zur Magd der Wirtschaft machten, wurde inzwischen im Sonderforschungsbereich 597 der Universität Bremen verifiziert. Jochen Krautz gibt darüber Auskunft in der FAZ, Nr.227, vom 29.09.2011, Seite 8: "Die sanfte Steuerung der Bildung". Zum angesprochenen Forschungsbereich 597: Staatlichkeit im Wandel. Teilprojekt C4: Internationalisierung von Bildungspolitik: Folgen der PISA-Studie und des Bologna-Prozesses.

Zu meiner Kritik am Bologna-Prozess vgl. Katharos überfällt Polysyllabos auf einer Reise nach Marseille.


01.10.2011
Zur Information: Der Text "Erfahrungen in einer Freimaurer-Familie" wurde verbessert.

30.09.2011
Gedanken zur Rede von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag
In den ERGÄNZUNGSTEXTEN sind meine Gedanken beim Nachlesen der Papst-Rede vor dem Deutschen Bundestag zu finden: Gedanken, Einfälle, mehr nicht. Assoziative Kommentare in kleinen und grösseren Häppchen, und das alles subjektiv und schon gar nicht wertfrei. Es sind die Wertungen eines ökologisch Denkenden, der jedoch, theologisch betrachtet, ein Ungläubiger ist. Ich habe mich schrittweise am Text des Papstes entlanggehangelt. Die dadurch bedingten Wiederholungen sind beabsichtigt und zum grossen Teil der Argumentationsstruktur der Papst-Rede geschuldet. Wem das alles zu unsystematisch und redundant ist, möge mit der Lektüre erst gar nicht beginnen. Wer beginnt, wird Zeit mitbringen müssen, falls er bis zum Ende durchhält, denn allein der Vortrag des Papstes brauchte 25 Minuten.
29.09.2011

Die Rede von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag lässt mich immer noch nicht los. Seit Tagen notiere ich zu dieser Rede Gedanken. Sie sollen, sobald sie eine einigermassen zufriedenstellende Fassung gefunden haben,  in den ERGÄNZUNGSTEXTEN nachzulesen sein.

Abschied von der "Mutter der Bäume"

Heute möchte ich mich vor einer grossen Frau verbeugen: Wangari  Maathai. Sie war nicht nur die „Mutter der Bäume“ („Mama Miti“).  1984 erhielt sie den „Alternativen Nobelpreis“, 2004 den Friedensnobelpreis. Die promovierte Biologin engagierte sich ein Leben lang für den Umweltschutz. Ihr Kampf gegen das Abholzen der Wälder in Kenia mit der von ihr gegründeten  Bewegung „Green Belt Movement“  führte zur Pflanzung von inzwischen über 45 Millionen Bäumen.  Daneben setzte sie sich energisch für die demokratischen Rechte ein. Sie gründete eine panafrikanische Frauenbewegung. Wegen ihres politischen Engagements, vor allem auch für die Wahrung der Menschenrechte, wurde sie mehrfach verhaftet und eingesperrt. Mit dem Wahlbündnis „National Rainbow Coalition“ (NARC) gelang ihr 2002 der Einzug ins kenianische Parlament. In der Regierung von Präsident Mwai Kibaki wurde sie stellvertretende Umweltministerin. Mit 71 Jahren ist sie am 25. September 2011 an Krebs gestorben.  - Wangari Maathai zählte in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu jenen kenianischen Studierenden, die über ein Austauschprogramm („African-American Students Foundation“) in den Vereinigten Staaten studieren konnte. Wozu hat diese Frau ihr Wissen genutzt, Respekt und Hochachtung! Der Ökologie- und Friedensbewegung ist mit ihrem Tod ein Stern verlorengegangen.


22.09.2011

Das hatte niemand erwartet

Papst Benedikt  XVI. würdigte in seiner heutigen Rede vor dem Deutschen Bundestag die politische Rolle der Umweltbewegung: "Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf." Ähnlich gelte auch heute: "Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen."  Papst Benedikt  XVI. fügte absichernd hinzu: "Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache - nichts liegt mir ferner als dies." - „Die Erde trägt selbst ihre Würde in sich, und wir müssen ihren Weisungen folgen.“ Mit diesem Satz erweiterte Papst Benedikt XVI. die „Menschenwürde“ um die Dimension der „Würde der Erde“. In die Sprache der Öko-Ethik übertragen heisst das, dass die „Ethik der Nächstenliebe“, die zwischen nur Menschen gilt, erweitert wird um die Dimensionen der „Fernen-Ethik“ und der „Zukunfts-Ethik“, die nun die Erde insgesamt mit umgreifen. Damit nimmt der Papst einen Gedanken auf, den 1979 Hans Jonas in seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“ begründete.  Jonas erweiterte die klassische Pflichtenethik um die neue Reichweite einer Fernen- und Zukunftsethik. Es kommt nun alles darauf an, dass auch die Katholische Kirche lernt, die uns alle tragende Natur , also in der Optik der katholischen Offenbarungstheologie: die Schöpfung Gottes, „recht zu gebrauchen“.  Wird die Amtskirche grün? Dann hat sie allerdings auch das heute vorherrschende kapitalistische Wirtschaftssystem mit dem ihm zugeordneten Bankensystem zu kritisieren.  Vgl. Öko-Ethik für die Wirtschaft?

Wortlaut der Papst-Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22.09.2011. Meine Gedanken zu dieser Rede finden sich unter den ERGÄNZUNGSTEXTEN.

21.09.2011
Zur Spekulationspleite der Londoner UBS-Investmentbank habe ich ein Peanut eingestellt: Kriminelle Energien.

14.09.2011

Widerspruch

Da hat es Widerspruch gegeben. Meine These von Gestern hat nicht überzeugt, sie war wohl zu steil und missverständlich formuliert: „Was besagt es, wenn Deutsche statistisch mehr Ängste zeigen als andere Nationen? Es könnte doch sein, dass wir Deutschen auf die globalen Herausforderungen sensibler reagieren als andere Nationen. Das wäre angesichts unserer ansonsten so düsteren jüngeren Geschichte mal etwas, auf das wir sogar stolz sein könnten. Oder sollen wir abstumpfen und gegenüber der Umweltproblematik so nassforsch auftrumpfen wie die Anhänger der Teaparty-Bewegung in den USA?“ Wir Deutschen seien sensibler als die Menschen anderer Nationen? Nein, das natürlich nicht. Auch untereinander gehen wir nicht achtsamer miteinander um als Menschen anderswo. Und dennoch gilt, dass wir im Blick gerade auf die ökologischen Herausforderungen erfreulich ängstlich sind – mindestens im theoretischen Wahrnehmen, in der Praxis sieht das auch nicht immer so rosig aus. Im Grunde habe ich nicht präzis genug formuliert. Ich wollte sagen, dass es gut  ist, wenn Menschen sich angesichts der  Leben bedrohenden Probleme ängstigen.  Diese Angst, zutreffender: Furcht, kann  Anlass werden zum Umdenken und Umhandeln. Und wenn  denn gelten sollte, dass wir Deutschen statistisch belegbar mit unseren Ängsten vorne liegen, dann ist das im hier zur Diskussion stehenden Zusammenhang positiv zu sehen.


13.09.2011

Die Angst der Woche

Walter Krämer, Professor für Statistik in Dortmund, klärt auf.  In seinem neuen Buch „Die Angst der Woche“, München 2011, attestiert er den Deutschen eine Neigung zu irrationalen Ängsten, international schon belächelt als die „German Angst“.  Im Vergleich zu anderen Nationen kann Krämer die deutsche Angst auch statistisch belegen. Deutsche Zeitungen verbreiten demnach doppelt bis viermal so häufig Meldungen zu Angstthemen wie Asbest oder Dioxin. Auch das Atomunglück in Fukushima sei in Deutschland mit einer panischen Hysterie aufgenommen worden, wohingegen die Japaner, also die wirklich Betroffenen, das Unglück diszipliniert und gefasst ertrugen. Insgesamt gelte, dass die relevanten Statistiken hierzulande eine messbare Verbesserung der Umwelt- und Gesundheitssituation zeigten: „Da werden die deutschen Flüsse seit Jahrzehnten sauberer, die Felder und Wälder grüner, die Jungsenioren gesünder. Beim Zahnarzt tut es nicht mehr halb so weh wie früher, die Schadstoffbelastung der Atemluft, die Keime im Trinkwasser, die Nebenwirkungen der Arzneimittel gehen Jahr für Jahr zurück. Aber die Klagen über ebendiese Nebenwirkungen, über Umweltverschmutzung und Chemiebelästigungen nehmen eher zu.“ Die Deutschen hätten eine irrationale Chemiephobie, und mit ihrer Technikskepsis gefährdeten sie inzwischen sogar den Forschungs-und Wirtschaftsstandort Deutschland. - Diese Aufklärung will verdaut werden. Ich habe keinen Anlass, an den statistischen Daten zu zweifeln. Ihre hermeneutische Einbettung mit den daraus gezogenen Schlussfolgerungen scheint mir jedoch bedenkenswert. Was besagt es, wenn Deutsche statistisch mehr Ängste zeigen als andere Nationen? Es könnte doch sein, dass wir Deutschen auf die globalen Herausforderungen sensibler reagieren als andere Nationen. Das wäre angesichts unserer ansonsten so düsteren jüngeren Geschichte mal etwas, auf das wir sogar stolz sein könnten. Oder sollen wir abstumpfen und gegenüber der Umweltproblematik so nassforsch auftrumpfen wie die Anhänger der Teaparty-Bewegung in den USA? Was soll ich anfangen mit dem Hinweis, die Japaner hätten das Fukushima-Unglück „diszipliniert“ und „gefasst“  „ertragen“. Ich möchte kein Ereignis gefasst und diszipliniert ertragen müssen, das mich aus meinem Haus auf Lebenszeit verbannt, das meinen Lebensraum zur Sperrzone degradiert und auf Jahrzehnte und mehr unbewohnbar macht. Da will ich vorher warnen, protestieren, demonstrieren, ja, auch mal hysterisch aufschreien, damit das Mögliche eines GAUs nicht auch bei uns Wirklichkeit werde. Hans Jonas, als jüdischer Emigrant in den USA wohl nicht im Verdacht ein irrationaler Deutscher zu sein, sprach im Kontext solcher antizipierbaren und nun auch schon eingetretenen Katastrophen erhellend von der Notwendigkeit einer „Heuristik der Furcht“. Das ist für ihn eine Findekunst aus apokalyptischer Sensibilität. Daraus leitet er Pflichten einer überlebensnotwendigen Zukunftsethik ab. Erstens hätten wir uns die Vorstellung von den Fernwirkungen unserer Handlungen zu beschaffen, und zweitens ginge es um die Pflicht, das angemessene Gefühl für diese Vorstellungen aufzubieten, also die Wertempfindung der Gefährdung. Und der andere jüdische Emigrant in den USA, Günther Anders, hatte schon zeitlich viel früher begründet, dass wir angesichts beispielsweise der atomaren Bedrohung „Analphabeten der Angst“ seien. Wir hätten zu lernen, Angst zu haben, um dann auch energisch die Gefahren abwenden zu können. Denn: Mit der Atomphysik und deren technischer Umsetzung in Atomkraftwerke und Atombomben sei es der Menschheit erstmals möglich geworden, selbstverschuldet das Zeitenende der eigenen Gattung ins Werk zu setzen. Wir leben also in der Endzeit, in der wir uns, wenn wir uns nicht zureichend ängstigen, das Zeitenende bereiten werden. So grundsätzlich wollte es der Statistiker sicher nicht bedacht haben. Doch, dürfen wir kleiner denken? Die Altersflecken auf der Erdenhaut nehmen zu:  Erst Tschernobyl, jetzt Fukushima, von den vielen Narben durch Rohstoffentnahme und Chemieabfallhalden, die wir Europäer gern in Afrika errichten lassen, ganz zu schweigen. Wenn Walter Krämer nach den tieferen Ursachen der German Angst sucht, bietet er zwei an: Das geistige Erbe der Romantik und die historischen Kriegstraumata der Deutschen, die sie besonders anfällig machten für kollektive Ängste. Warum so negativ: „anfällig“? Ich lese das positiv: Wir Deutschen haben mindestens durch den Zweiten Weltkrieg so viel Elend in die Welt gebracht, dass wir wenigstens das gelernt haben: Zu versuchen, achtsamer miteinander umzugehen. Deshalb bei uns die weit verbreitete Skepsis gegenüber kriegerischen Konfliktlösungsstrategien, deshalb wohl auch die gesteigerte Sensibilität gegenüber der uns alle Menschen tragenden Natur. Das ist ein Grund neben vielen anderen für unser Ökoengagement. Darin liegen ungeahnte Chancen für unsere Wissenschaft und für unsere Wirtschaft. Wir wollen sie in den Dienst eines gelingenden Lebens nehmen. Wir sind nicht technikfeindlich, wohl aber technikkritisch, und gegenüber einer Technikeuphorie haben die Sensibleren unter uns eine berechtigte Skepsis, ja.  Unser romantisches Erbe lässt uns verstehen, dass Leben etwas Organisches ist, das nur unzureichend mit empirisch-analytischer Forschung erklärt werden kann. Es gibt in den nicht annähernd zureichend durchschauten Vernetzungen zu viele ungewollte Nebenwirkungen, die antizipiert sein wollen. Diese nicht nur rationale Vorwegnahme ist aber keine Angelegenheit des berechnenden Verstandes, sondern der Vernunft, die vernimmt, was ethisch verantwortbar ist. Angesichts der wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten, die wir heute haben, gehört eben auch eine gute Portion „Angst“ dazu, Gefahren zu antizipieren, um sie abwenden zu können. Die Positivliste, was schon alles besser geworden ist, von den saubereren Flüssen über die grüneren Wälder bis zu den gesünderen Jungsenioren, nimmt Krämer zum Anlass, sich zu wundern: „Aber die Klagen über ebendiese Nebenwirkungen, über Umweltverschmutzung und Chemiebelästigungen nehmen eher zu“. Gut so! Wenn da einiges besser wurde, dann war es vorher nicht gut genug. War es nicht die empathische Angst Weniger, die die Gegenkräfte zur Verbesserung mobilisierten? Ängstigen wir uns also weiter! Nur so bleiben wir zureichend sensibel, um die wirklich zukunftsfähigen Lebensstile zu schaffen, die wir zum Überleben als Gattung dringend benötigen. Ich bin gern bereit, da auch einmal die eine oder andere Übertreibung hinzunehmen. Besser einmal zu viel gewarnt, als einmal zu wenig und zu spät! Unsere Ängste sind nicht irrational, sie sind in der gegenwärtigen Weltlage überlebensnotwendig.

Apokalypseblindheit und Heuristik der Furcht

In der Atomanlage Marcoule in Frankreich ist ein Ofen für radioaktive Abfälle explodiert. Ein Arbeiter kam ums Leben. Dazu lässt Stefan Simons, Paris, unter der Überschrift „Abwiegeln, beschwichtigen, weitermachen“ Jacques Repussard bei SPIEGEL-ONLINE vom 13.09.2011 zu Wort kommen:

"Gewisse Elemente der Konzeption der Reaktoren und ihre Auslegung gegenüber schweren nuklearen Unglücken müssen überdacht werden", resümierte Jacques Repussard, Direktor des hochoffiziellen Instituts für atomare Sicherheit IRSN bereits im Juni 2011. "Ob Natur- oder technische Katastrophe, terroristischer Anschlag oder menschlicher Fehler - diese Möglichkeiten wurden nicht systematisch in Betracht gezogen, stets unter dem Hinweis: 'Das wird nie passieren.' Fukushima hat uns das Gegenteil gelehrt."

Repussard, seit acht Jahren an der Spitze der Sicherheitsagentur und Herr über rund 1500 Experten, ist ins Grübeln gekommen. "Es gibt Verkettungen von erschwerenden Umständen, die Kombination von unwahrscheinlichen Ereignissen, die man vorweg erst einmal für unvorstellbar hält, die aber am Ende tatsächlich passieren", so der IRSN-Chef gegenüber dem "Figaro": "Wie ich es manchmal formuliere - man muss sich das Unvorstellbare vorstellen."

Man muss sich das Unvorstellbare vorstellen: Wachen nun auch die Verantwortlichen für die Atomenergie in Frankreich aus ihrer Apokalypseblindheit (Günther Anders) auf? Ohne „Heuristik der Furcht“ (Hans Jonas) ist das Unvorstellbare nicht vorstellbar.

Atomzeitalter

Angst – Furcht


10.09.2011
Zur Lage der Welt

Der Zustimmung einer Arundhati Roy gewiss sein, lässt jede Kritik eines näselnden Europäers unbedeutend werden. Vgl. Tagebucheintrag vom 08.09.2011.

Iris Radisch zu Arundhati Roy: „Wenn es etwas gibt, worauf der Westen zu Recht stolz ist, dann ist es sein Lebensstil, seine Kultur der Freiheit und des Individualismus.“  Mein Kommentar: Der „westliche Lebensstil“ ist in seiner Ressourcenverschwendung und in seinem immensen Energieverbrauch global nicht verallgemeinerungsfähig. Der westliche Lebensstil ist somit nicht zukunftsfähig.  Wie kann man darauf stolz sein? Unsere „Kultur der Freiheit“. Welche Freiheit ist hier gemeint?  Die anthropologische „Freiheit des Menschen“, Verantwortung übernehmen zu können? Oder die verfassungsrechtliche „Freiheit des Bürgers“, die uns als Gleiche vor dem Gesetz sieht? Oder die spirituelle „Freiheit der Person“, in der wir die uns alle peinigende Angst überwunden haben?  Iris Radisch dürfte hier an die verfassungsrechtliche Freiheit gedacht haben.  Wo ist denn diese Freiheit des Bürgers heute, wenn er als Souverän,  vermittelt über seine Politiker,  die Staatsgeschäfte in zentralen Belangen nicht mehr steuern kann, weil die demokratische Macht ans Kapital verlorenging? Wie kann man darauf stolz sein? Unsere „Kultur des Individualismus“.  Eine zentrale Idee in westlichen Demokratien ist der Primat des Einzelnen gegenüber dem Kollektiv. Das ist zweifelsohne ein hohes Gut.  Real muss jedoch beschrieben werden, dass dieser Einzelne heute nur noch bestrebt ist, bedingungslos seine Einzelinteressen durchzusetzen. Dieser Individualismus ist die egoistischste Form der Wahrnehmung von Partikularinteressen. Wenn diese Partikularinteressen heute dazu führen, dass wir unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören, wie kann man dann auf diesen Individualismus  stolz sein?

Arundhati Roy macht immer wieder darauf aufmerksam, dass wir als Einzelne für ein gelingendes Leben nicht alles haben müssen, was gerade auch die westlichen Konsumgesellschaften anbieten, und dass wir in dieser freiwilligen Selbstbeschränkung überhaupt erst zu einem Lebensstil kommen, der nicht auf Kosten anderer Menschen und der uns alle tragenden Natur geführt wird. Roy kritisiert die Überflusslebensstile der westlichen Mittelklasse. Sie spricht von einem „Mittelklasse-Totalitarismus.“ Dem hält Iris Radisch entgegen:  „Woher wissen Sie (Arundhati Roy), dass die Menschen im Urwald nicht auch gerne in die Mittelklasse aufsteigen und einen schönen Mercedes Benz fahren möchten.“  Und weil Arundhati Roy diese Wünsche als unsinnig zurückgewiesen hat, lädt Iris Radisch kleinformatiger nach, indem sie vermutet, dass die ökonomisch-industriellen Habenichtse wenigstens „Geschirrspüler“ und „Haarfestiger“ haben möchten. Nein, Frau Radisch versteht wirklich nicht, worum es Arundhati Roy geht.  Für Radisch sind die materiellen Interessen einer Überflussgesellschaft das Natürlichste von der Welt.  Sie geht immer noch davon aus, dass alle Menschen an einem materiellen Wohlstand teilhaben wollen, dass sie all diese Attribute anstrebten als da sind: schönes Haus, teurer Wagen, Urlaube an exklusiven Orten, usw. usw. Damit wären wir bei der Mercedes-Benz-Werbung „Venedig“. Nein, mit solchen Mittelklassemenschen werden wir keine gerechtere und befriedetere und zukunftsfähigere Welt aufbauen können.  Vergessen wir Iris Radisch, hören wir auf Arundhati Roy.


08.09.2011

Iris Radisch versteht nicht viel

Arundhati Roy wurde von Iris Radisch interviewt. Das Ergebnis steht in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 08.09.2011, S.57-58: „Die Diktatur der Mittelklasse“. Es ist ein beschämendes Dokument darüber, wie eine europäische Intellektuelle eine indische Schriftstellerin von Weltrang und eine der mutigsten  lebenden Intellektuellen überhaupt in gar keiner Weise versteht.  Arundhati Roy argumentiert schonungslos und kompromisslos: „Demokratie und freie Marktwirtschaft sind zu einem einzigen Raubtier verschmolzen, dessen Fantasie ausschliesslich um sein Futter, die Profitsteigerung, kreist.“ „Der Westen denkt nicht in Zusammenhängen. Er denkt in getrennten Ressorts. Der Krieg gegen den Terror ist ein Ressort. Die Wirtschaft ein anderes. Die Demokratie ein drittes. Aber man muss das alles zusammen sehen. Wir (im Westen) erledigen alle brav unsere Ressortarbeiten und stellen dann erstaunt fest, dass wir ohne Bienen, die Blüten befruchten, nicht überleben können.“  „Die Zukunft? Das werden Kriege der Eliten gegen die Armen sein. Das ist der wahre Konflikt, um den es heute geht. Wir haben eine weltweite Elite, die kulturell und wirtschaftlich sehr gut vernetzt ist und der es nur noch um ihr eigenes Überleben geht.“ „Es gibt einen Mittelklasse-Totalitarismus“.   - Die anthropologische Differenz von Leben fördernden Bedürfnissen und zerstörerischen Begehrungen, die uns der Eudämonia berauben, ist ein Kernthema der Antworten von Arundhati Roy. Radisch sieht darin nur die Differenz von richtigem und falschem Bewusstsein linker Kulturkritik in Europa. Sie versteht nicht, dass unsere westlichen Lebensstile nicht zukunftsfähig sind.  Sie fragt, woher Roy wisse, dass die Menschen im Urwald  nicht auch einen schönen Mercedes fahren möchten.  Roy findet das aus dem Schatz eigener Erfahrungen mit eben solchen Menschen gar nicht erstrebenswert, unabhängig davon, dass wir dann  fünf Globen bräuchten, um all die Energien und Ressourcen parat zu haben, die man für solch eine globale Überflussgesellschaft benötigen würde. Als Radisch behauptet, dass wir im Westen doch „alle mündige Demokraten und intelligente Konsumenten“  seien, bekommt sie von Arundhati Roy diese Antwort: „Und diese mündigen Demokraten wollen alle BMW fahren und Mangos aus Indien, Lammfleisch aus Australien und Kiwis aus Brasilien essen.“ Und dann wird sie heftig: „Ich bin nicht daran interessiert, diesen intelligenten Europäern zu erklären, was ihre wirklichen Bedürfnisse sind. Was ich mache, ist, meinen Leuten hier (in Indien) beizustehen und zu sagen, wir lassen uns nicht für eure Bedürfnisse (sie meint: Begehrungen) aus unseren Häusern, von unserem Land vertreiben. Es ist mir egal, ob in Europa jede Familie zwei Autos braucht. Mich beschäftigen die Menschen, die darum kämpfen, eine Mahlzeit zu haben.“  Und gegen Ende des Interviews  kommt dieses Statement von Arundhati Roy: „Es ist überlebenswichtig, sich für eine nicht kapitalistische Gesellschaft einzusetzen. Ich habe das Gefühl, dass alles, wofür ich in den letzten Jahren gekämpft habe, jetzt da draussen angekommen ist. All das, worüber wir seit Jahren reden, steht endlich in jeder Zeitung.“ Durch dieses Interview steht es auch in der ZEIT. Ist es bei Iris Radisch angekommen? Wohl kaum.


Begehrungen - Bedürfnisse
Die Super-Klasse

05.09.2011

Kritik an der bürgerlichen Kapitalismuskritik

Felix E. Müller, Chefredaktor, rückt zurecht. Ihn stört die wieder aufkommende Kapitalismuskritik, vor allem die von der „rechten“ Seite. Er postuliert  in der NZZ am Sonntag vom 04.09.2011: „Krise ist, wenn Rechte glauben, dass die Linke recht hat“. Zunächst listet er seine Abtrünnigen auf.  Starökonom Nouriel Roubini, der im „Wallstreet Journal“ feststellte: „Karl Marx hatte recht. Der Kapitalismus zerstört sich selbst.“ George Magnus, der sich ebenfalls positiv über Marx äusserte. Magnus  ist immerhin der Ökonom, der die Hypothekenkrise in den USA voraussagte. Einen der Kapitalismuskritiker aus dem bürgerlichen Lager verschweigt uns der Chefredaktor, nämlich den erzkonservativen Charles Moore. Auf ihn wird sogleich zurückzukommen sein. Vor allem aber ärgert sich Felix E. Müller über Frank Schirrmacher, den Chef des Feuilletons der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Müller schreibt, dass Schirrmacher auf den in Fahrt kommenden Zug der „neuen Kapitalismuskritik“ aufsprang,  „indem er bekannte: Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“. Nun, genau das hat nicht Schirrmacher gesagt, sondern eben Charles Moore, der unter dieser Überschrift seine Anfragen an den Kapitalismus am 22 Juli 2011 im „Daily Telegraph“ veröffentlichte: I'm starting to think that the Left might actually be right. Schirrmacher veröffentlichte seine Kapitalismuskritik unter ausdrücklichem Hinweis auf Charles Moore am 14.August 2011 in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZETUNG. Er gab seinem Beitrag als Titel die ins Deutsche übersetzte Fassung und liess diese ausdrücklich in Anführungszeichen setzen: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“. Soviel philologische Korrektheit musste sein. Denn das, was in der NZZ am Sonntag inhaltlich angeboten wird, ist nicht minder ungenau wie der eben angeführte lockere Umgang mit dem Moore-Zitat. Die Argumentation von Felix E. Müller ist von einer atemberaubenden Logik. Zunächst wird Schirrmacher unterstellt, dass er sich antiliberaler Reflexe bediene, „die tief in den deutschen Genen stecken“. Also Schirrmacher argumentiert nicht, er reagiert und das reflexartig. Und die Quelle der Reflexe sind „deutsche Gene“. Wer so biozentrisch argumentiert, ist trunken vom neuen Naturalismus; er überbietet noch die biogenetischen Eskapaden eines Thilo Sarrazin. Dann: Schirrmacher fragt, geradezu vorsichtig: „Das politische System dient nur den Reichen?“ Und er lässt Charles Moore antworten: „…wenn die Banken, die sich um unser Geld kümmern sollen, uns das Geld wegnehmen, es verlieren und aufgrund staatlicher Garantien dafür nicht bestraft werden, passiert etwas Schlimmes. Es zeigt sich – wie die Linke immer behauptet hat – dass ein System, das angetreten ist, das Vorankommen von vielen zu ermöglichen, sich zu einem System pervertiert hat, das die wenigen bereichert.“  Müller mag dem gar nicht zustimmen: „Selbst wenn dieser Befund zutreffend sein sollte…“. Und dann treibt er seine Argumentation ins weltanschauliche Patt. Schirrmacher sieht heute die bürgerlichen Werte diskreditiert: Freiheit, Autonomie, Selbstbestimmung. Müller repliziert: Wenn sich einige Leute so mächtig bereichert haben, dann „ist das noch längst kein Verdikt gegen diese Werte, sondern zunächst eines gegen diese Leute, die sich auf diese Weise so mächtig bereichert haben.“  Einmal davon abgesehen, dass Schirrmacher sich nirgends gegen diese Werte ausgesprochen hat, bleibt die hübsche Pointe, dass Müller ein Argument aus linken Kreisen plötzlich für sich in Anspruch nimmt: Die Theorie des Neokapitalismus ist schon in Ordnung, nur sie wird missbraucht. Die Theorie des Kommunismus ist schon in Ordnung, nur sie wird falsch umgesetzt, also auch missbraucht. Die nun auch im bürgerlichen Lager aufkeimende Einsicht, dass beide Positionen revisionsbedürftig sind, mag Felix E. Müller nicht zulassen. Schliesslich fällt er ins aufgeklappte Messer, in das er Schirrmacher rennen sieht. Er, Müller, argumentiert reflexartig: Der Sozialstaat sei zu teuer geworden. „Das musste einmal zu einem bitteren Ende kommen. Jetzt dämmert es den Europäern, dass das bisherige Niveau von Renten, Pensionierungsalter, Gesundheitsvorsorge nicht mehr länger finanzierbar ist und man den schmerzhaften Rückbau in Angriff nehmen muss.“ Das ist Populismus, um die potentiellen Opfer gefügig zu machen. Kennt er sie wirklich nicht, die anderen Konzepte jenseits von ungezügeltem Kapitalismus und naivem Kommunismus, die das Totschlagargument „Nicht bezahlbar!“ alt aussehen lassen? Frank Schirrmachers Beitrag endet mit diesem Satz: „Ein Bürgertum, das seine Werte und Lebensvorstellungen von den gierigen Wenigen (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden.“  In Europa und in den USA sind es die gierigen Wenigen, die je ihre Gesellschaft in eine Schieflage bringen. Im Weltmassstab sind die grossen Industrie- und Informationsgesellschaften die wenigen Gierigen, die den ganzen Globus in eine Schieflage bringen. Bürgerliche Gesellschaftskritik ohne die radikale Hereinnahme der ökologischen Fragestellung nach wahrhaft zukunftsfähigen Lebensstilen bliebe unter dem Niveau der heute zu bewältigenden Herausforderungen. Davon ist im Beitrag von Felix E. Müller nicht einmal ein Hauch zu spüren. Also: Krise ist, wenn Lösungen immer nur dichotomisch im Entweder-Oder historisch überholter Ideologien gesucht werden. Wir sollten nicht vergessen: Der Bürger war, historisch, einmal ein Revolutionär.


03.09.2011

Es hängt zusammen

Das psychopathische Kapital der Finanzeliten und der Politiker nimmt zu, während sich gleichzeitig die Kurse der Humanität im Sturzflug befinden.

Die Jugend Europas wird nicht mehr gebraucht. Man hat sie zu praktizierenden Parasiten gemacht.

Wir haben keine Versorgungswirtschaft für Bedürfnisse, sondern eine Wettbewerbswirtschaft für Begehrungen. Die Versorgungswirtschaft kennt natürliche Grenzen des Wachstums. Die Wettbewerbswirtschaft dagegen ist grenzenlos, sie wächst nicht, sie wuchert. Wucherungsprozesse enden bekanntlich tödlich. Siehe Krebs. 

02.09.2011
Unterwegs zur Plutokratie

Es steht nicht in einer hirnkranken Afterbroschüre, nein, es steht in der hoch renommierten Wochenzeitung DIE ZEIT. „Unterwegs zur Plutokratie. Hemmungsloser Reichtum, betrogene Bürger: Der entfesselte Markt bringt die Demokratie in Gefahr“. So urteilt Jens Jessen in der ZEIT-Ausgabe  Nr. 36 vom 01. September 2011. Ich zitiere: „Die friedlichen wie die stumm randalierenden Protestzüge zeigen vor allem ein Bild ungeheurer Entmutigung: wie von Schafen, die auf dem Weg zur Schlachtbank blöken. Und manches spricht dafür, dass sie darin nur die Haltung ihrer Regierungen in der Finanzkrise spiegeln, deren Botschaft an die Masse der Bürger lautet: dulden, durchstehen, den Schaden bezahlen, den sie nicht angerichtet haben. Wo aber stumme Duldung die einzig empfohlene Haltung bleibt, hat sich das Politische tatsächlich verflüchtigt und keine demokratische Adresse mehr. Wenn ein so gewaltiger Lebensbereich wie die Wirtschaft, die noch dazu viele weitere Lebensbereiche tyrannisch bestimmt, der gesellschaftlichen Gestaltungskraft entzogen wird, ist auch die Demokratie sinnlos. Eine Demokratie, die sich darauf beschränkt, Rauchverbote in Gaststätten zu erlassen oder die Helmpflicht von Radfahrern zu diskutieren, also dem gegenseitigen Gängelungsverhalten der Bürger nachzugeben, aber die eine grosse Macht, die alle gängelt, nicht beherrschen kann, ist das Papier nicht wert, auf dem ihre Verfassung gedruckt wird.“ Wie schallt es doch von Frankreich her durch ganz Europa: „Empört euch!


Frank Lübberding: Gross war unser Selbstbetrug, in: FAZ vom 02.09.2011; "Es gab in der Geschichte des ursprünglich westdeutschen Teilstaates keine Situation, die mit der heutigen vergleichbar gewesen wäre. Seine Grundlagen wanken."

01.09.2011

Pubertäre Imitatoren fressen aus jeder Hand. Wir reichen ihnen das falsche Futter.


28.08.2011
Wenn ich in diese Welt schaue, zittert mir das Herz vor Kälte: Kein Friede unter den Religionen, kein Friede unter den Völkern, kein Friede unter den Menschen. Nur hohle Worte, die das Verhalten von Priestern, Politikern und Bürgern Lügen straft. Doch über eine aufmüpfige Jugend empören sie sich. Stéphane Hessel hat sein "Empört Euch!" anders verstanden! Über die, die sich über die Jugend empören, sollen wir uns empören, denn diese Ablenkungsempörer liefern die wahren Gründe für die notwendige Empörung.

27.08.2011

Sie brauchen andere Rauschmittel

Man ruft, bis in die höchsten politischen Kreise, immer noch nach der starken Hand des Staates: Mit aller Härte seien sie zu verfolgen, die strengsten Strafen sollen sie treffen. So glaubt man, jene disziplinieren zu können, die in London und anderswo verheerende Krawalle begangen haben. – Ich lese immer wieder einmal Antoine de Saint-Exupéry: Die Stadt in der Wüste (Citadelle); 1948 bei Gallimard in Paris erschienen. In der deutschen Taschenbuchausgabe von 1962 finde ich auf Seite 65 eine Reflexion des politischen Führers mit seinen Generälen:  „In ihrer hartnäckigen Dummheit kamen meine Generäle, um mir von der Tugend zu reden: Fürwahr, sagten sie mir, ihre (also des Volkes) Sitten verwildern. Und deshalb zerfällt das Reich. Es ist nötig, die Gesetze zu verschärfen und grausamere Strafen zu ersinnen. Und denen die Köpfe abzuschlagen, die gefehlt haben. Ich dachte bei mir: Vielleicht ist es wirklich nötig, Köpfe abzuschlagen. Die Tugend ist aber vor allem Folgeerscheinung. Die Fäulnis der Menschen ist in erster Linie Fäulnis des Reiches, auf dem die Menschen sich gründen. Denn wenn es gesund und lebendig wäre, würde es ihren Edelmut steigern. - Die Tugend ist die Vollkommenheit im Zustand des Menschen und nicht ein Mangel an Fehlern. Wenn ich eine Stadt bauen will, nehme ich das Lumpenpack und das Gesindel und adle sie durch Macht. Ich biete ihnen andere Rauschmittel als den minderen Rausch des Raubes, des Wuchers oder der Notzucht. Sieh, da bauen sie mit ihren starken Armen. Ihr Dünkel wird zu Türmen und Tempeln und Wällen. Ihre Grausamkeit wird zu Grösse und Strenge in der Manneszucht. Und so dienen sie einer Stadt, die aus ihnen selber entstanden ist und gegen die sie sich in ihren Herzen ausgetauscht haben. Und sie werden auf den Wällen dieser Stadt sterben, um sie zu schützen. Und du wirst bei ihnen nur noch die leuchtendsten Tugenden finden.“  - Wann, endlich, begreifen das unsere Politiker! Die Fäulnis beginnt bei ihnen. Und nur wenn sie selbst sich ändern und ihren Völkern positive Aufgaben anbieten, an denen jeder Einzelne wachsen kann, wird es Gerechtigkeit und Frieden geben.

26.08.2011
Mehr Respekt, bitte!

Gibt es geistige Eliten in Europa ohne Griechentum? Wenn wir für diesen Schatz der Antike Zinsen zu zahlen hätten, würde Griechenland das Wort „Bankrott“ nicht kennen.


24.08.2011
"Die Naturwissenschaft ist nicht wahr, denn sie zerstört die Natur."

Wenn die Kategorien falsch gewählt werden, ist ein vielbändiges Lebenswerk mit wenigen Argumenten vernichtet. Wo aber sind die verlässlichen Kriterien für zutreffende Kategorien? Was, beispielsweise, ist „Natur“? Das, was die moderne Naturwissenschaft an ihr berechnet? Das, was der Hopi-Indianer über sie weiss? Das, was Goethe in ihr zu sehen vermochte? Das also, was Verstand, Mythos, Romantik usw. an ihr zu sehen vermögen? Ist es ein Ausweg zu sagen, die Wahrheit über die Natur sei die Summe all der Aspekte, in denen Auskunft über sie gegeben wird? Dann bräuchten wir einen archimedischen Punkt der Erkenntnis, von dem aus wir sagen könnten, welche kategorialen Aspekte das Phänomen „Natur“ konstituieren. Diesen archimedischen Punkt der Erkenntnis gibt es nicht, und keine Wissenschaft kann beweisen, welche Kategorien für die Erkenntnis der „Natur“ sachlich zutreffend sind. Wir können nur innerhalb einer Kategorie die für diesen Aspekt richtige Antwort finden. Damit sind aber die anderen Antworten nicht falsch. Was also „Natur“ in ihrer Totalität und in ihrem Wesen ist, wir wissen es nicht, und wir können es als endliche Menschen prinzipiell nicht wissen. Wir müssen das Ganze der „Natur“ als unerkennbar und unerkannt liegen lassen. Nur eines ist gewiss: Die seit der Neuzeit zur Herrschaft gekommene kategoriale Zugriffsweise der berechnenden Naturwissenschaften ist erkenntnistheoretisch und moralisch problematisch. Erkenntnistheoretisch, weil man die  kategorial partielle Richtigkeit als Wahrheit missversteht, und moralisch, weil die Naturwissenschaften in ihren Erkenntnisakten und den daraus folgenden technischen Anwendungen die „Natur“ zerstören, ja töten. Georg Picht: „Das neuzeitliche Denken hat die Natur auf Begriffe gebracht und hat dank dieses Kunstgriffes Methoden entwickelt, mit deren Hilfe es sich anschickt, das Stück Natur, in dem wir leben, zu zerstören.“ „Die Naturwissenschaft ist nicht wahr, denn sie zerstört die Natur.“  Und wer gegenwärtig den Menschen, der selbst Teil der Natur ist, nur naturwissenschaftlich erforscht, der muss notwendigerweise auch ihn zerstören. Das funktional Richtige ist eben lange noch nicht das existenziell Wahre. Picht fragt: „Wie ist es möglich, dass der Mensch eine Form des Denkens ausgebildet hat, die ihn verhindert, den Gesetzen der Natur zu gehorchen und jene Anpassungen zu vollziehen, durch die sich natürliches Leben erhält?“ Er antwortet: „Der Mensch zerstört sich selbst, weil er sich der Natur gegenüber als autonomes Subjekt versteht.“ Seit sich der Mensch als Beherrscher und Eigentümer der Natur begreift, ist er aus der Ordnung der Dinge gefallen, und das mit tödlichen Folgen.


Mehrperspektivisches Wahrnehmen

21.08.2008

Berater sprechen kein Deutsch, Berater sprechen Beratersprech:

“Der Meier gehört endlich mal ordentlich aufgeskillt.”

“In der Champions League ist für Underperformer wie Meier einfach kein Platz.”

“Unsere neue three-pronged Strategy kriegt allmählich traction.”

“Sag’ dem Folienhäschen, es soll mal die Storyline für die Präsi vercharten.”

“Statt die product line hart zu launchen, sollten wir das langsam reinphasen.”

“Sales sind down. Wir müssen endlich in die Fläche.“

“Diese Complacency ist deadly. Wir müssen raus aus der Comfort Zone.”

“BSC ist für Bean Counter. Entrepreneurs gehen nach Gut Feeling.”

“Wir kommen aus dem Headquarter, um Euch zu supporten.”

“Bei dem Brainclipping im Steco-Retreat sind ein paar echte Gems rausgekommen.”


Erstaunlich, wie gut ausgebildete, ja möglicherweise sogar gebildete Menschen in der Wirtschaft sich von solchen Leuten beraten lassen. Wer so spricht, wie denkt der wohl? Es steht zu befürchten, dass die Verantwortlichen in der Wirtschaft und deren Berater Opfer des eleganten Unsinns sind, den sie während ihres Studiums lernen mussten. Nur mit dem Unterschied: "Beratersprech" ist nicht einmal mehr elegant. Immer noch lesenswert: Alan Sokol / Jean Bricmont: Eleganter Unsinn. Wie Denker der Postmoderne die Wissenschaften missbrauchen, München 1999.
"Beratersprech" liess sich nicht verlinken. Wenn Sie www.beratersprech.de eingeben, kommen Sie auf die einschlägige Seite.
Vgl. auch Thomas Leif: Beraten & verkauft. McKinsey & Co. - der grosse Bluff der Unternehmensberater. München 2008

19.08.2011
Vom Nutzen der Philosophie
"Eine Theorie, die ein Philosoph vertritt oder lehrt, ist ohne jeden Nutzen, wenn sie nicht zur Tugend der menschlichen Seele führt." Musonius.

18.08.2011
Verantwortung
Es gibt ganz offensichtlich Menschen, die verfeinern ihre Einsichten solange, bis sie keine mehr haben. Auch so kann man sich aus der Verantwortug stehlen.

15.08.2011

„Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat.“

 Der politische Konservativismus in der Selbstkritik.

Das ist mehr als eine kleine Sensation, das ist ein Erdbeben ganz oben auf der makroseismischen Skala des Geistes. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG vom 14.08.2011 wird in die Geschichte eingehen. In ihr wird das Deutungsmuster der politischen Rechten von dieser Rechten selbst radikal infrage gestellt. Frank Schirrmacher, Journalist, Literaturwissenschaftler und Essayist, Buchautor und seit 1994 Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wählt für seinen grossen Beitrag auf Seite 17 als Überschrift ein Zitat des erzkonservativen Charles Moore: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“. Die Unterüberschrift erläutert: „Im bürgerlichen Lager werden die Zweifel immer grösser, ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang.“ Wohlgemerkt, ein ganzes Leben lang! Hier wird ein Paradigmenwechsel des Denkens medial eingeleitet, der in seiner Sprengkraft ein Ausmass hat, das vergleichbar wäre mit dem öffentlichen Zweifel des Papstes an der Existenz Gottes. Frank Schirrmacher: „Die Krise der so genannten bürgerlichen Politik, einer Politik, die das Wort Bürgertum so gekidnappt hat wie einst der Kommunismus den Proletarier, entwickelt sich zur Selbstbewusstseinskrise des politischen Konservativismus.“ Immer wieder verweist Schirrmacher auf einen in diesen Tagen in Grossbritannien viel diskutierten Artikel von Charles Moore, der im „Daily Telegraph“ erschien. Moore: „Die Stärke der Analyse der Linken liegt darin, dass sie verstanden haben, wie die Mächtigen sich liberal-konservativer Sprache als Tarnumhang bedient haben, um sich ihre Vorteile zu sichern. Globalisierung zum Beispiel sollte ursprünglich nichts anderes bedeuten als weltweiter freier Handel. Jetzt heisst es, dass Banken die Gewinne internationalen Erfolgs an sich reissen und die Verluste auf jeden Steuerzahler in jeder Nation verteilen. Die Banken kommen nur noch nach hause, wenn sie kein Geld mehr haben. Dann geben unsere Regierungen ihnen neues.“ Moore weiter: „Denn wenn die Banken, die sich um unser Geld kümmern sollen, uns das Geld wegnehmen, es verlieren und aufgrund staatlicher Garantien dafür nicht bestraft werden, passiert etwas Schlimmes. Es zeigt sich - wie die Linke immer behauptet hat -, dass ein System, das angetreten ist, das Vorankommen von vielen zu ermöglichen, sich zu einem System pervertiert hat, das die wenigen bereichert.“ Dann geht Charles Moore alles durch. Schirrmacher referiert: „Murdoch, von dem er sagt, dass ihn die Linke schon durchschaute, als die Rechte Populismus noch für Demokratie hielt, die Kredit- und Finanzkrise, den Rechtsbruch europäischer Regierungschefs, den Primat des ökonomischen Diskurses und schliesslich die Eurozone selbst. Ein linker Propagandist, so Moore, hätte eine Satire, wie Geld die Welt regiert, nicht besser erfinden können.“ Selbstverständlich ist der brillante konservative Publizist Charles Moore jetzt nicht ins Lager von Labour übergelaufen. Dort werden ja auch keine zukunftsfähigen Perspektiven eröffnet und gelebt. Moore redet von „linken“ und „bürgerlichen“ Ideen, und er zeigt, wie auch die bürgerlichen Ideen ihre Tragfähigkeit und Glaubwürdigkeit verloren haben. Das könnte ein neues Gespräch jenseits der alten Ideologien und jenseits der heute vorherrschenden ökonomistischen Deutungsmuster möglich machen. Frank Schirrmachers bemerkenswerter Artikel endet: „Ein Bürgertum, das seine Werte und Lebensvorstellungen von den gierigen Wenigen (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wieder finden.“ -  So wie früher die linke Ideologie durch Diktatoren und deren Cliquen ihre Glaubwürdigkeit verloren hat, so verliert heute die bürgerliche Ideologie durch die Super-Klasse ihrer Kapitalegoisten an Glaubwürdigkeit. Wer hat die Fähigkeiten, die Kraft und den Mut, diese bürgerliche Gesellschaftskritik zu formulieren? Eine solche Neuformulierung wird nur in einem politischen Prozess gelingen, in dem eine Vereinigungswahrheit gesucht wird, die jenseits von Links und Rechts und jenseits vom aktuellen pseudoneutralen Ökonomismus angesiedelt ist.  Zu suchen ist eine Vision, die wirklich zukunftsfähig ist. Die alten politischen Kategorien sind nun endgültig verbrannt. Wo steigt der Phönix aus der Asche der Irrtümer des 20. Jahrhunderts? – Ganz aus dem Geiste dieser Skepsis gegenüber den bürgerlichen Selbstgewissheiten ist auch ein anderer Artikel geschrieben, der in der Sonntagsausgabe der FAZ vom 14.08.2011 zu lesen ist. Es handelt sich um eine gründliche und überzeugende Analyse der Krawalle in Grossbritannien. Owen Jones, Historiker und Journalist, fragt: „Woher kommt diese Wut? Die Krawalle in England sind schlimm. Doch die Plünderer haben ein Vorbild für ihre Gier: das britische Establishment.“ Mit klaren und nachvollziehbaren Argumenten wird vor allem in der „haarsträubenden sozialen Ungleichheit“ der Grund für die Gewaltexzesse gesehen. Owe Jones erinnert daran, dass die Arbeitslosenzahlen weiter steigen und dass das Realeinkommen der Armen immer weiter sinkt. „Der Riss, der durch die britische Gesellschaft geht, wird immer tiefer. Die jüngsten Unruhen waren erschreckend. Doch die ihnen zugrunde liegende Frustration wird zunehmen.“ „Möglicherweise vermitteln diese Krawalle eine düstere Ahnung von etwas Schlimmerem, das uns bevorsteht.“ Camerons Antwort der Härte spiegelt da nur das traditionelle konservative Denken, das von den Hellsichtigen im bürgerlichen Lager gerade zur Disposition gestellt wird.

Links zu ergänzenden Themen meiner Kulturseite:

Die Super-Klasse

Terrestrische Globalisierung

Ökonomische Globalisierung


13./14.08.2011

"Schossgebete" statt Literatur

Unter dieser Überschrift wurde ein neues Peanut eingestellt zum gerade veröffentlichten "Roman" Schossgebete von Charlotte Roche.


11.08.2011

Strassenkriminalität in Grossbritannien

Stellen sie sich, bitte, vor, Sie lebten in einem sozialen Brennpunkt in London, in Tottenham, Hackney, Peckham oder Tooting. Sie sind jung, vital, intelligent. Sie sind arbeitslos, wie schon Ihr Vater und dessen Vater. Sie sind ohne irgendeine Zukunftsperspektive. Vor allem sind Sie arm. Sie können nicht teilhaben am öffentlich beworbenen Leben, am Wohlstand, den Sie wenige Häuserblöcke weiter im Geldbürgertum vorgeführt bekommen. Der schamlose Lebensstil der Reichen im Westen Londons ist eine permanente Versuchung für Sie. Um wenigstens etwas von den grossen Versprechungen des Kapitalismus abzubekommen, haben Sie sich einer Jugendbande angeschlossen. Deren Mitglieder sind aggressiv. Sie alle schlagen sich mit Kleinkriminalität durch. Es wird gesoffen und gekifft. Das Springmesser sitzt locker. In diese triste Lebenssituation fällt vor dem Hintergrund der internationalen Finanzkrise, die Sie nun wahrlich nicht zu verantworten haben, der Beschluss der britischen Regierung, drastisch zu sparen. Die Sozialleistungen werden in Ihrem Stadtteil um 75% gekürzt. Man nimmt Ihnen Ihren einzigen Lebensraum, die öffentlichen Begegnungsstätten mit ihren Sozialarbeitern, mit der Möglichkeit, Kumpel zu treffen, Musik zu hören, Billard zu spielen. Denn Ihr Zimmer, das Sie mit zwei Brüdern teilen müssen, ist zu klein, um darin menschlich leben zu können. Da erreicht Sie auf dem geklauten Blackberry Messenger die Nachricht: „Es werden ungesicherte Schaufenster eingeschlagen. Also kommt, holt euch kostenlos das Zeug, scheiss auf die Bullen, die werden wir mit unserem Aufstand schlagen.“ Was dann geschah, konnten wir der internatonalen Presse entnehmen; es kam in London zu den schwersten Strassenkrawallen seit einem Vierteljahrhundert. Wären Sie als armer Underdog hingegangen? Hätten Sie sich an den Gesetze brechenden Ausschreitungen beteiligt?

Klaus-Dieter Frankenberger hätte nicht mitgetan. Er ist verantwortlicher Redakteur für Aussenpolitik bei der FRANKFURTER ALLGEMEINEBN ZEITUNG. In seinem Kommentar vom 10.08.2011 steht ein ebenso richtiger wie auch falscher Satz: „Ja, triste soziale Verhältnisse können trist sein, aber sie sind keine Rechtfertigung für Gesetzlosigkeit.“

Richtig ist der Satz insofern, als der Rechtsstaat ein hohes Gut ist, das in einer Demokratie mit allen legalen Mitteln zu schützen ist. Wenn Klaus-Dieter Frankenberg dann allerdings fragt, „ob die sanfte britische Polizeiarbeit zeitgemäss ist – oder eine Einladung zu brutaler Strassenkriminalität“, dann will er Gewalt mit Gegengewalt bekämpfen. Das ist noch nie gut gegangen. Unser Kommentator lässt jedes Verständnis vermissen für das, was sich in London und anderen britischen Städten in diesen Tagen ereignet. Wohlgemerkt, Verständnis ist nicht Rechtfertigung. Doch ohne Verständnis wird der Konflikt nur noch verschärft. Man giesst Öl ins Feuer, wenn man kaltherzig notiert: „Sicher wird jetzt wieder über hohe Jugendarbeitslosigkeit, über soziale Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit geredet werden. Das sind die Stichwörter, die immer zur Erklärung, wenn nicht zur Rechtfertigung dienen müssen, wenn Jugendliche ihrer Gewaltbereitschaft freien Lauf lassen und schon gar die Autorität des Staates nicht anerkennen. Vermutlich wird auch noch die britische Regierung wegen ihre Sparpolitik zum Hauptschuldigen erklärt werden.“ Wie hellsichtig Frankenberger zentrale Gründe für die Londoner Ausschreitungen benennt, nur anerkennen will er sie nicht. Er weiss es doch auch, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht, dass der Sozialstaat ausgehöhlt wird, dass Ausländer stigmatisiert werden, dass die Politik den zockenden Bankern mit den Steuergeldern der Massen gegen die Spielregeln der freien Marktwirtschaft behilflich ist. Längst sind wir dabei, ein neues Proletariat zuzulassen. Und sobald dieses neue Proletariat seine tristen Lebensverhältnisse nicht mehr erträgt, steht es auf. Früher hiess das Klassenkampf.

Die Krawallmacher haben den geltenden Gesellschaftsvertrag aufgekündigt, gar keine Frage. Doch, wer hat diesen Gesellschaftsvertrag zuerst gebrochen? Haben wir heute nicht eine stillschweigende Übereinkunft darüber, dass eine verschwindend kleine Minderheit über den von der Mehrheit produzierten Mehrwert verfügen darf? Solange diese Minderheit zureichende Gratifikationen bereitstellt, hält die Mehrheit erstaunlicherweise still. Wenn sie relativ passabel am Wohlstand teilhaben darf, ist sie zufreden. In dem Moment jedoch, da die Minderheit es nicht mehr schafft oder auch nicht mehr schaffen will, hinlänglichen Wohlstand für Alle anzubieten, tritt die systembedingte Ungerechtigkeit der Wohlstandsverteilung unübersehbar zutage. Nun gibt es für die Benachteiligten keinen vernünftigen Grund mehr, stillzuhalten. Die am meisten Ausgegrenzten holen sich plötzlich mit ihren Mitteln das, was man ihnen für ein in unseren Breiten menschenwürdiges Leben vorenthält; sie holen es sich mit Gewalt. Die Jugendkrawalle in Grossbritannien könnten die dumpfen Vorboten wiederkehrender Klassenkämpfe sein.

Also: Mehr Empathie, bitte, für diejenigen, die wir in triste soziale Verhältnisse haben abdriften lassen, mehr konstruktive Kritik, bitte, an einer Politik, die zynisch bereit ist, eine neues Proletariat entstehen zu lassen. Nicht der Ruf nach mehr Polizei erschliesst eine friedliche Zukunft, wohl aber mehr Gerechtigkeit.  

Verehrter Klaus-Dieter Frankenberg, wäre Sie als junger, vitaler und intelligenter arbeitsloser Jugendlicher aus Tottenham wirklich nicht dem Aufruf auf Ihrem Blackberry Messenger gefolgt?

Der Zorn der Abgehängten.
Klassenkampf und Randale.

09.08.2011
Bildung zur Zukunftsfähigkeit

Ein ökonomisch nicht verwertbares Bildungsziel: Den Sinn des Geheimnisvollen lehren, also ein Wissen davon zu vermitteln, dass wir Menschen niemals alles werden ergründen können. Das würde uns bescheidener und damit zukunftsfähiger machen. Pädagogik aus ökosophischer Haltung.


08.08.2011

Auf dem Wege zu einer inhaltlichen Neubestimmung von Bildung


Am 07.08.2011 machte ich auf eine Arbeit von Bernhard Taureck aufmerksam. In ihr wird versucht, dem Macht-Geld-Medienverbund die Definitionsmacht über den heute herrschenden „Bildungs“-Begriff zu entziehen. Hier einige Anregungen zu einem anderen Bildungs-Verständnis, dass den Herausforderungen des Lebens in der Endzeit (Günther Anders) gerecht zu werden versucht:


Endzeitbildung ist Herzensbildung, éducation sentimentale. Sie zielt auf moralische Sensibilität. Sie überwindet die krankmachenden und todbringenden Leidenschaften wie Masslosigkeit und Gier. Sie versteht sich auf Gabe und Gegengabe.


Endzeitbildung löst der Sprache des Herzens die Zunge.
Endzeitbildung ist Befähigung zu gewaltfreiem Widerstand.
Endzeitbildung lehrt den Protest gegen den Macht-Geld-Medienverbund.
Endzeitbildung ist Befreiung der Fakten aus dem Gefängnis von Kapital und Macht.
Endzeitbildung hat als Fundament eine Ethik des Überlebens in Würde.
Endzeitbildung fördert logisches Fühlen.
Endzeitbildung schult den integralen Blick.
Endzeitbildung lehrt, mit zärtlichem Mitleid auf unsere Welt zu schauen.
Endzeitbildung ist Überwindung der Apokalypseblindheit.
Endzeitbildung fördert die Ausbildung der moralischen Phantasie.
Endzeitbildung lehrt wahrnehmen, was ist und entwerfen, was sein soll.
Endzeitbildung ist Einübung in ökologische Selbstbegrenzung.
Endzeitbildung ist das Modellieren einer menschlicheren Welt.
Endzeitbildung ist Ermöglichung einer sustainable society.


Vgl. die von mir an der PH Freiburg im Breisgau betreute Diplomarbeit von Peter Kapp: „Endzeitbildung. Pädagogische Perspektiven im Werk von Günther Anders.“, Freiburg i.Br. 1998. Ferner kann die Neubestimmung des Bildungsbegriffes für ein Leben im Atomzeitalter als Anregung gelesen werden, das von Bernhard Taureck gesuchte „Modellieren des Möglichen“ inhaltlich zu füllen; Peter Kern/Hans-Georg Wittig, Pädagogik im Atomzeitalter, Freiburg i.Br. 1984².


07.08.2011
Definitionskampf um Bildung

Heute haben mich einige Reflexionen von Bernhard Taureck beeindruckt: "Nach dem humanistischen Vakuum - Wer siegt im Definitionskampf um die Bildung?" Heute als

Radio-Essay ausgestrahlt im Deutschlandfunk.

05.08.2011

Papstbesuch und Eiferkirche

Eine Kirche, die in masslosen Zeiten Masse setzt, ethische allzumal, verliert gerade wieder einmal jedes Mass. Am 14.07.2011 kommentierte ich in diesem Tagebuch die Pressemitteilung, dass der Papstbesuch im September allein die Erzdiözese Freiburg etwa 11 Millionen Euro kosten solle. Am 04.08.2011 entnahm ich eben dieser Presse, der BADISCHEN ZEITUNG, dass das Gesamtereignis Papstbesuch in Deutschland voraussichtlich 25 Millionen Euro kosten werde. Die Deutsche Bischofskonferenz findet diese Summe „angemessen“. Der Konferenz-Sprecher, Matthias Kopp, sagte, dass im Vergleich zu anderen Grossveranstaltungen die 25 Millionen Euro nicht zu viel seien. Er verwies auf die ARD-Ausgaben von 12 Millionen Euro für die dreistündige Übertragung des „Eurovision Song Contest“. Da der Papst deutlich länger als drei Stunden in Deutschland weilen wird, sagt der Subtext: Die Katholische Kirche in Deutschland habe da geradezu ein Schnäppchen gemacht. Ich beginne zu verstehen. Ein Papstbesuch ist mit einem profanen Unterhaltungsevent zu vergleichen. Der Papst als singende, nein segnende Lena in deutschen Landen. Was für eine kostengünstige Grossveranstaltung, was für ein billiges Event! Welche Kirche wird hier sichtbar? Johann Heinrich Pestalozzi unterschied einmal zwischen der Kirche des Aberglaubens, des Eiferglaubens und der Kirche der wahren Religiosität. Zeigt sich die Kirche im Kontext des Papstbesuches als Kirche des Aberglaubens? Weniger. Als Kirche des Eiferglaubens? Ja. Als Kirche wahrer Religiosität? Nein. Wer sich selbst als eine Institution begreift, die quer zu den Niederungen der Gesellschaft steht, wer theoretisch den Anspruch erhebt, universale Werte zu vertreten, der verrät alles, wenn er für einen Papstbesuch Vergleiche mit unserer hedonistischen Amüsiergesellschaft sucht. Er eifert mit anderen innerweltlichen Institutionen um Macht und Anerkennung. Damit interpretiert er sich selbst nur noch im Horizont soziologischer Kategorien. Er hat sein Proprium aufgegeben, Kirche des Geistes zu sein. Von wahrer Religiosität ist dann nicht mehr die Rede. Arme, masslose Kirchenmänner. Sie verwalten eine Wahrheit, die sie nicht annehmen wollen. Die Kirche als das Depositum eines Jahrtausends menschlicher Grenzerfahrungen (Karl Jaspers), als Hort spiritueller Orientierung und sinnstiftender Existenzerfahrungen nimmt Mass am „Eurovision Song Contest“. Jesus Christus, willkommen in der Eventgesellschaft!

04.08.2011
Fukushima - eine Erzählung in nationalen Geschichten?

Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) urteilt: Sei ein Mensch etwa eine halbe Stunde zehn Sievert ausgesetzt, habe er ohne Behandlung nur eine 50-prozentige Chance, die nächsten vier Wochen zu überleben. Diese Aussage wurde ausgelöst durch die neuesten Meldungen aus Fukushima. Der Presse entnehme ich, hier zum Beispiel dem HAMBURGER ABENDBLATT vom 03.08.2011:  „Drei Arbeiter hätten an der Oberfläche eines Gasabzugsrohrs zwischen Block 1 und 2 des Kraftwerks über 10 Sievert in der Stunde gemessen.“ Dann werde ich in dem Artikel „Fukushima: Strahlung in AKW-Ruine auf Rekordhöhe“ von Katrin Aue darüber informiert, wie uninformiert und ratlos die wissenschaftlichen Experten auf diese Nachricht reagieren. Parallel dazu lese ich mit zunehmendem Kopfschütteln einen Beschwichtigungstext von Florian Coulmas in NZZ online vom 02.08.2011: „Fukushima – eine Erzählung in nationalen Geschichten“. Der Autor glaubt zu wissen: „Die Wissenschaft ist objektiv, versucht zumindest, es zu sein; die Massenmedien allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz nicht.“ Diese steile unkritisch angebotene These muss dann als Absprung dazu herhalten, dass die Berichterstattung über Fukushima als „nationale Geschichten“ gedeutet wird. Deutschland kommt besonders schlecht weg. Die deutsche Gemütslage verzerre die objektive Wirklichkeit; sie schüre nur Angst und Schrecken. Das gelte auch für die seriöse deutsche Presse. Nach allerlei Behauptungen über die Alternativlosigkeit von Kernenergie zur Aufrechterhaltung unseres ethisch längst nicht mehr zu rechtfertigenden Wohlstandes in Überflussgesellschaften reibe ich mir verwundert die Augen. Da steht dann tatsächlich dieses im Text von Coulmas: „Das Problem ist, dass die zu entscheidenden Fragen zu komplex geworden sind, als dass sie von Spezialisten, die sich mit den wichtigen Parametern auskennen, ohne Wenn und Aber beantwortet werden können. Für jeden Spezialisten, der Reaktorsicherheit als zu meisterndes technisches Problem darstellt, gibt es einen anderen, der nachweist, dass Atomstrom mit nichtvertretbaren Risiken für die menschliche Zivilisation verbunden ist.“ Das also ist die „objektive Wissenschaft“ mit ihren klaren, eindeutigen und rational nachvollziehbaren Ergebnissen, von der am Anfang des Coulmas-Artikels die Rede war. Das bekomme logisch zusammen, wer kann. Wenn nun deutsche Journalisten über solche wissenschaftlich unterschiedlichen Urteile schreiben, betreiben sie Panikmache. Wer die Gefahren nicht sehen will oder kann, der gilt für Florian Coulmas als „rational“, und schon lobt er Franzosen, Niederländer, Engländer. Ich empfehle dem Gastautor von NZZ online dringend die Lektüre von Günther Anders und Hans Jonas. Der eine öffnet uns die Augen darüber, was „Apokalypseblindheit“ ist, der andere begründet die Notwendigkeit einer „Heuristik der Furcht“, denn bei Gefährdungen der Art wie sie die Atomenergie verursachen kann, ist es ethisch geboten, vom grössten Unglück auszugehen, um das Schlimmste zu verhindern. Wir Menschen können mit unserem Verstand, also mit unserer Ratio, mehr herstellen als wir uns vorstellen können, was wir mit dem Hergestellten anstellen können. Um das wahrzunehmen, brauchen wir zu unserem Verstand noch Vernunft. Florian Coulmas hat in NZZ online einen unvernünftigen Artikel abgeliefert, und das als Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien. Was für ein Experte! - Wer über die Ambivalenz von Wissenschaft nachdenken möchte, der kann in meinen "Glossen" Wissenschaft spazieren gehen.


03.08.2011

"Das Gebot, alle zu lieben, schliesst die Notwendigkeit ein, einige zu verachten." Aus meinen "Glossen" zur Anthropologie. - Ein neues Peanut wurde eingestellt: "Nicht nach Venedig".


31.07.2011

Rasch ist ein Urteil gefällt, nicht selten ist es Ausdruck unserer Vorurteile. Wer nicht bereit und fähig ist, in den Argumenten seines Gegners auch Spuren der Wahrheit zu suchen und zu finden, lässt seine Wahrheit fundamentalistisch werden.


29.07.2011
Diskutieren wir die wirklich wichtigen Themen?

Der Hanser Verlag legt gerade ein Buch vor, in dem ich diese Sätze finde: „Wir leben in einer Zeit, in der nichts eindeutig ist, und in einer gesellschaftlichen Situation, die zutiefst primitiv ist, in der das Individuum seinen Willen noch immer nicht zum Ausdruck bringen kann. Eine öffentliche Kommunikation, die diesen Namen verdienen würde, und eine Diskussion über ganz grundsätzliche Fragen sind unmöglich.“ Dies sagt der Künstler Ai Weiwei seinem Interviewer Hans Ulrich Obrist. Weiwei bezieht die Aussagen auf sein Land. Gelten sie wirklich nur für China? Werden bei uns Diskussionen über „grundsätzliche Fragen“ geführt? Notwendig wären sie. AI WEIWEI SPRICHT. Interviews mit Hans Ulrich Obrist. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn, München 2011, S.43.


26.07.2011
Menschenrechtsbildung und Erinnerungslernen
Im Sommersemester 2010 veranstaltete das Freiburger Institut für Menschenrechtspädagogik (FIM) eine Ringvorlesung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg zum Themenbereich Menschenrechtsbildung und Erinnerungslernen. Die Vorträge liegen inzwischen als eigenständige Veröffentlichung vor. Wilhelm Schwendemann, Tonio Oeftering (Hg.): Menschenrechtsbildung und Erinnerungslernen, LIT Verlag Münster, 2011. Menschenrechtspädagogik, Menschenrechtsbildung und Erinnerungslernen, Menschenwürde und Scham sind die Stichworte, um die diese Reflexionen kreisen. Besonders aufmerksam machen möchte ich auf einen Aufsatz eines Schülers von mir. Tonio Oeftering: Hannah Arendt und die "Aporien der Menschenrechte", S.31-47. Für Hannah Arendt bestehen "die Aporien der Menschenrechte...darin, dass zwischen ihrem naturrechtlich begründeten Anspruch und ihrer tatsächlichen Geltung ein unüberbrückbarer Gegensatz besteht, weil die Menschenrechte, wenn sie mehr als eine folgenlose Deklaration moralischer Normen sein sollen, letztlich nie etwas anderes sein können, als die konkreten Rechte eines Staatsbürgers.", S.37. Nur solche Rechte gewähren Schutz. "Aus der Tatsche, dass wir alle zunächst einmal in eine Gruppe hineingeboren werden, und zwar als schutzbedürftige Wesen, entsteht die moralische Verpflichtung, anderen Menschen den Schutz und die Zugehörigkeit zu gewähren, die wir für uns selbst in Anspruch genommen haben und Zeit uneres Lebens auch in Anspruch nehmen wollen." S.37f. Neben den konkreten Rechten eines jeden Staatsbürgers gilt also noch die praktische Grundnorm einer normativen Ethik, wie sie Wilhelm Kamlah begündet hat: "Wir Menschen alle sind bedürftig und sind aufeinander angewiesen...Wer diese Einsicht wirklich gewonnen hat, der erkennt damit eine Forderung an, die täglich an ihn ergeht und die sich etwa so ausdrücken lässt: Beachte, dass die Anderen bedürftige Menschen sind wie du selbst, und handle demgemäss!"  Wilhelm Kamlah: Philosophische Anthropologie, Zürich 1972, S.95.

24.07.2011
"Ungeheuer ist viel, und nichts ist ungeheurer als der Mensch."
Aus aktuellem Anlass habe ich meinen ersten Eintrag für heute getilgt. Wiewohl im weiteren Sinne das ursprünglich hier niedergeschriebene Nachdenken über Begehrungen und Bedürfnisse auch mit den Ereignissen in Norwegen zu tun haben dürfte, sei hier erst einmal anderes notiert.

Unfassbares ereignete sich am 22.07.2011 in Norwegen. Es gab einen Doppelanschlag. Die Innenstadt von Oslo war betroffen und ein Ferienlager. Eineinhalb Stunden lang konnte ein Attentäter Jugendliche auf der Insel Utøya beschiessen, über 70 von ihnen starben. Es ist hier weder der Ort noch schon der Zeitpunkt, um diese Tat sachangemessen zu kommentieren. Nur dieses: Ein einzelner Mensch tötet, so lese ich in der Presse, „bestialisch“ seine Mitmenschen. Der Täter sei „zum Tier“ geworden. In solch einem Urteil werden Tiere anthropomorphisiert, also vermenschlicht. Es wird ihnen die Eigenschaft zugeschrieben, innerhalb kürzester Zeit eine hohe Anzahl ihrer eigenen Gattung umbringen zu können. Genau das aber vermögen Tiere nicht. Es ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen, so effektiv Mitglieder der eigenen Gattung töten zu können - und dann gelegentlich auch zu töten. Die Tötungseffizienz wird nur möglich durch technische Hilfsmittel, hier durch Handfeuerwaffen. Es gilt also der Satz aus dem Chorlied der „Antigone“ des Sophokles: „Ungeheuer ist viel, und nichts ist ungeheurer als der Mensch.“ Ungeheuer hat zwei Bedeutungen. Einmal kann es gross, grossartig heissen, etwa im Sinne von einer ungeheuer grossartigen Leistung. Wenn die Presse meldet, der Mörder auf der Insel Utøya habe wie ein Tier bestialisch gehandelt, dann denkt man den Menschen als grossartige Leistung etwa eines Schöpfers. Diese menschliche Krone der Schöpfung entartete gestern in der Gestalt des norwegischen Täters Anders Behring Breivik in die Unterwelt des Viehs. Solch eine Denkfigur ist eine Beleidigung der Tiere. Wohl aber ist die zweite Bedeutung von ungeheuer auf den Menschen anzuwenden: Er ist potentiell grässlich, schrecklich, eben ungeheuer furchterregend, wenn er nicht gezähmt wird, wenn er nicht emporgebildet wird. Er ist dann fähig, innerhalb kurzer Zeit mit Hilfe von technischen Geräten, die Produkte seines zielambivalenten Verstandes sind, seinesgleichen in grosser Zahl umzubringen. Ohne eine Pistole, hier eine vom Typ Glock, wäre es dem Täter nie gelungen, so viele Jugendliche in so kurzer Zeit umzubringen. Bowling for Columbine. Was bedeutet das? Wir Menschen sind unseren technischen Geräten nicht gewachsen. Wenn das schon für eine Pistole gilt, wieviel mehr gilt es dann für den Einsatz von Atomwaffen! Wir Menschen können eben mehr herstellen als wir uns vorstellen können, was wir mit dem Hergestellten anstellen können. Das hat uns schon Günther Anders ins Stammbuch menschlicher Entartungsmöglichkeiten geschrieben. Vergessen wir also nie die Mahnung des Sophokles: "Ungeheuer ist viel, und nichts ungeheurer als der Mensch"!

Vgl. Technik in ihrer Bedeutung für das Leben (vier Technik-Begriffe)

22.07.2011
Strauss-Kahn und die Liebe

Wenn das Wort „Liebe“ fällt, dann assoziiert so manches einsame Bewusstsein die Ware Sexpartner im Internet, Lust versprechende Partneranzeigen, Paarberatungsinstitute und Ehevermittlungsbüros. Hochglanzfrauenzeitschriften giessen darüber die rosarote Sauce einer harmonischen Welt, in der „Liebe“ keine Widerfahrnis mehr ist, sondern der nüchtern durchgeplante Körperevent ohne Risiko und mit Erfolgsgarantie.  Liebescoaching meint dann Ertüchtigung im Genitalbereich mit körperlichen Verrenkungen, die alle „Liebes“-Spiele durchbuchstabieren. „Liebe“ als Hochleistungssport. Die Messlatte liegt weit oben. Die öffentlichkeitswirksamen Vorbilder fordern alle Anstrengungen. Dominique Strauss-Kahn: Abends, nachts und mittags macht die Macht des Sex süchtig, und die Sucht nach Sex mächtig. „Liebe“ als just-in-time-Produktion, wenn es gut geht, bedarfssynchron zur schnelleren Spannungsabfuhr. Wenn es weniger gut geht, wird dem Einvernehmen Gewalt beigemengt. "Mann" nimmt sich das Dienstmädchen wie in vormodernen Zeiten. Wer nicht mithalten kann, dem hilft die Pharmaindustrie auf die Sprünge. Viagra verhindert, dass der lendenlahme Galan auf dem Schlachtfeld der „Liebe“ scheitert. Die Erfolgsbilanz dokumentiert die Anzahl der Partner und der Orgasmen. Es sind nicht nur die testosterongesteuerten Machos, die sich „liebes“-toll austoben. Die emanzipierte Frau hält mit. „Das sexuelle Leben der Catherine M.“, 2001 auf Deutsch erschienen, informiert einschlägig. Hinter dem „M“ verbirgt sich Madame Millet, Chefredakteurin der Kunstzeitschrift „art press“. Edmund White sagt, dass es sich um „das expliziteste Buch über Sex“ handele, „das jemals von einer Frau geschrieben wurde.“ Die Abgrenzung zur Pornographie fällt schwer. Allerdings, der Katzenjammer auf diese sexuellen Ausschweifungen sollte knapp zehn Jahre später folgen; Catherine Millet wird Opfer ihrer eigenen psychisch-moralischen Überforderung; nun stammelt sie verzweifelt: „Eifersucht“, auf Deutsch 2010 erschienen. Ein Fingerzeig, dass „Liebe“, nur als „Sexualität“ begriffen, eine gefährliche anthropologische Verkürzung ist?

Da kommt das schöne Buch des Philosophen Alain Badiou gerade zur rechten Zeit: „Lob der Liebe“. Badiou erinnert daran, dass „Liebe“ mehr ist als der Kampf auf sexuellen Schlachtfeldern. Sie ist auch kein Kampf um Anerkennung, Dominanz und damit Unterdrückung des Anderen. Liebe ist eben mehr als Sex. Im Sex, so Badiou, geniesse man letztlich mithilfe des Anderen nur sich selbst. Dagegen gelte, dass sich „Liebe“ „auf die Gesamtheit des Seins des Anderen“ beziehe. Also doch wieder die uralte Unterscheidung zwischen Sexualität, Eros und „Liebe“ als Agape bzw. Caritas.

Alain Badiou: Lob der Liebe. Aus dem Französischen von Richard Steurer, Passagen-Verlag, Wien 2011, 87 Seiten.


20.07.2011
Unsere Leitkultur der Verschwendung ist tödlich
Harald Welzer hat ein eindrückliches "Plädoyer gegen die Leitkultur der Verschwendung" vorgelegt, erschienen als SPIEGEL-ESSAY unter dem Titel: "EMPÖRT EUCH - ÜBER EUCH SELBST!" Glänzend pariert er darin die Attacken der Beschwichtiger, die von "ökologischem Jakobinismus" und "Ökodiktatur" schwafeln, wenn es darum geht, radikale neue und zukunftsfähige Lebensstile zu wagen. Wenn sich diese Beschwichtiger gar auf Artikel 25 der Menschenrechte beziehen, wird Welzer unmissverständlich deutlich: "Das gefühlte Menschenrecht auf einen Lebensstandard, der vier Urlaubsreisen pro Jahr, drei Autos pro Familie und das tägliche Wegwerfen von Nahrungsmitteln in aller Selbstverständlichkeit voraussetzt, hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 jedenfalls nicht im Sinn, als sie Artikel 25 verabschiedete. Tatsächlich besteht das Höchstmass an Opferbereitschaft unter Deutschlands Eliten heute wohl vor allem darin, bis zu zwölf Monate auf die Auslieferung des bestellten Porsche Cayenne warten zu müssen. Weil sie alle diese Kampfwagen gegen das Weltklima fahren wollen. Nicht nur die umweltmässig eher unmusikalischen Chinesen, sondern vor allem die Deutschen, die schon letztes Jahr 20 Prozent mehr SUVs kauften als 2009, um damit durch die deutschen Innenstädte zu pfügen und Kindern und Radfahrern Angst zu machen. Damit leisteten die Konsumbürger dieses Typs einen wesentlichen Beitrag dazu, dass das Jahr 2010 einen weitgehend unbeachteten Rekord zu verzeichnen hatte: Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte wurde nämlich mehr Energie verbraucht. Um 5,6 Prozent stieg der globale Energiekonsum an; die damit einhergehenden klimarelevanten Emissionen sogar um 5,8 Prozent." In: DER SPIEGEL, Nr.28, 11.07.2011, S.112-113. - Der Titel des SPIEGEL-ESSAYS ist eine Anspielung auf den Aufruf von Stéphane Hessel: "EMPÖRT EUCH!", deutsch 2010, 2011². Dazu die FAZ, abgedruckt auf der Umschlaginnenseite: "Er prangert die Lage der Menschenrechte an, kritisiert die Umweltzerstörung auf unserem Planeten und verurteilt die Politik Israels im Gaza-Streifen als Demütigung der Palästinenser. Stéphane Hessel ist das Gewissen der westlichen Welt und Frankreichs Rebell der Stunde."  Vgl. auch Stéphane Hessel: Engagez-vous! entretiens avec Gilles Vanderpooten, Éditions de l'Aube, 2011. Hessel war Mitautor der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen.

Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte:

"1. Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.

2. Mütter und Kinder haben Anspruch auf besondere Fürsorge und Unterstützung. Alle Kinder, eheliche wie außereheliche, genießen den gleichen sozialen Schutz."

Zum Papstbesuch in Freiburg im September 2011 gibt es in diesem Tagebuch unter dem 14.07. eine Ergänzung.


19.07.2011
Ein mörderisches System
Das Erinnerte emanzipiert sich vom menschlichen Gedächtnis ins Internet. Wir behalten nichts mehr bei uns. Unser Gedächtnis wird äusserlich. Wir tragen es als iPhone mit uns herum. Wer dieses verliert, der ist verloren. Was bedeutet das für unser Bewusstsein? Was heisst das für unsere Identität?
Neu eingestellt wurde eine Arbeit von Hans-Georg Wittig: "Provokationen vernünftiger Ethik". Daraus ein Abschnitt: "...Oft freilich bleibt die Kritik kapitalistischer Globalisierung oberflächlich. Herrn Ackermann z.B. wird vorgeworfen, die Gewinnsteigerung der Deutschen Bank bei gleichzeitiger Entlassung vieler Mitarbeiter sei ein Skandal. Ackermann selber sieht das eher umgekehrt: wenn der Gewinn und die Rendite nicht derart gesteigert würden, drohe der Deutschen Bank eine feindliche Übernahme durch ausländische Institute oder „Heuschrecken“ und dann würden noch viel mehr Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren. Hat Ackermann also recht? Keineswegs, denn er spielt – soweit mir bekannt ist: widerstandslos – mit in einem Konkurrenzsystem, das als ganzes darauf programmiert ist, die Arbeitnehmer (und die Arbeitslosen) zugunsten der Kapitaleigner immer weiter auszupressen. An dieser Stelle, nämlich gegenüber dem Gesamtsystem, hat die Kritik anzusetzen – zumindest bedarf es einer weltweiten Durchsetzung ökologischer und sozialer Minimalstandards. Und aus dieser Sicht wäre es Ackermanns und der anderen wirtschaftlich und politisch Mächtigen verdammte Pflicht und Schuldigkeit, alles daranzusetzen, um das bestehende, tendenziell mörderische System in eine lebensdienlichere und zukunftsfähigere Wirtschaftsform umzugestalten. Aber davon ist eben nichts zu spüren – statt ernsthafter Versuche in dieser Richtung sind fast überall nur Vernebelungen durch wohlfeile Worte wahrzunehmen, die in vollendeter „politischer Korrektheit“ sich von der Wirklichkeit immer weiter ablösen (und so die verbreitete Politikverdrossenheit noch verschlimmern)..."
Zum Papstbesuch in Freiburg im September 2011 gibt es hier im Tagebuch unter dem 14.07. eine Ergänzung.

18.07.2011
Die Liquidation der Alma Mater
Die universitäre Bologna-Reform und kein Ende. Professor Lothar Schäffner, Hannover, schreibt in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG vom 17.07.2011 unter der Überschrift: Wie die Lemminge nach Bologna. Die Reform der deutschen Studiengänge sollte zu mehr Flexibilität führen. In Wahrheit begrenzt sie aber die wissenschaftliche Freiheit: "Der Bologna-Prozess ist zu einem Selbstläufer geworden, der sich weitgehend gegen mahnende Worte abschottet. Selbst im Ausland reibt man sich die Augen darüber, was die Deutschen aus ihrer akademischen Kultur machen." Also: Aus dem Gelehrten-Professor mit hohen Freiheitsgraden ist der dem politisch verordneten Bologna-System ergebene Funktions-Professor geworden, der die Idee der Universität nur noch als säuerliche Phrase erlebt, die im Namen berechenbarer Effizienz auszurotten ist. Die Liquidation der Alma Mater als Exzellenzinitiative. Dazu passt auch mein neues Peanut: Doktor, copy & paste.

16.07.2011
"In die Scheisse geritten."
Für Helmut Schmidt "ist das Wort Investmentbanker nur ein Synonym für den Typus Finanzmanager, der uns alle, fast die ganze Welt, in die Scheisse" -ja, es steht wirklich so da- "geritten hat und jetzt schon wieder dabei ist, alles wieder genauso zu machen, wie er es bis zum Jahr 2007 gemacht hat." Nachzulesen in der Wochenzeitung DIE ZEIT, Nr.29, vom 14.07.2011: "Das Geldhaus". Gemeint ist die Deutsche Bank. Auch für sie ist die Königsdisziplin das Investmentbanking. Damit werden vor allem die Gewinne gemacht. Es sind also die Ackermänner dieser Welt, die uns, von der Politik nicht mehr zu kontrollieren, zyklisch in die Scheisse reiten. Bitte, das sagt Helmut Schmidt, ehemaliger Bundeskanzler und gegenwärtig Mitherasgeber der ZEIT, also kein Marxist oder Neomarxist.

15.07.2011
Ferienzeit als Flucht in die Welt
Es ist Ferienzeit. Ich muss nicht in die Welt flüchten. Die Welt ist bei mir. Der Blick in den blühenden Park meiner kleinen Stadt erfüllt mich mehr als jeder Flug in ein Touristenzentrum, all inclusive. Meine von der Feriensucht der Anderen leergefegte Provinz ist köstlich: Keine Hektik, kein Auto, kein Lärm, kein Gestank.  Man kann an einem kleinen überschaubaren Ort, in einem Stadtteil, in einem Dorf das grosse Universum wahrnehmen. Wer sich dagegen zerstreut, der mag die ganze Welt bereisen, ohne etwas wirklich gesehen und erlebt zu haben. Die ersten Ferienreisenden sind bereits auf dem Rückflug: Im Gepäck nur die in den Urlaub mitgenommenen Erfahrungen. "Das Wehen der Luft das Rieseln des Wassers das Wachsen der Getreide das Wogen des Meeres das Grünen der Erde das Glänzen des Himmels das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. Sie kommen auf einzelnen Stellen vor, und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau empor schwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge empor treibt, und auf den Flächen der Berge hinab gleiten läßt." Aus der Vorrede zu Adalbert Stifter: Bunte Steine. Aus dieser Haltung heraus dürften die meisten Urlaube nicht "gross" sein. Man muss kein Buddhist sein, um über Transforming / Reforming Tourism nachzudenken.

14.07.2011
"Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche."
Die Kirche als Institution macht aus singulären und selbstständig denkenden Menschen willenlose Objekte. Würden diese Christen noch eigenständig denken können, so müssten sie mindestens in der Erzdiözese Freiburg zum Widerstand gegen die Umstände aufrufen, unter denen im September 2011 Papst Benedikt XVI. Freiburg besuchen soll. Der Presse ist zu entnehmen, dass dieses Spektakel die Erzdiözese Freiburg rund 11 Millionen Euro kosten wird. Robert Eberle, Sprecher der Erzdiözese, bestätigte inzwischen diese Kostenschätzung. Spiegelt solch ein Event den Geist Jesu Christi? Nein! Lessing: "Aus dem äusseren Wohlstande der Kirche ist für den Glauben der Glieder nichts, gar nichts, zu schliessen." Goethe am 11. März 1832 zu Eckermann: "Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muss sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und geneigt ist, sich beherrschen zu lassen."

Ergänzung vom 20.07.: Es gibt inzwischen einen Online-Shop aus Anlass des Papstbesuches in Freiburg. Papst-Merchandising, vom Fanartikelshop eines beliebigen Fussballclubs nicht zu unterscheiden. Nur das Logo ist anders. Einmal wird die Ware "SC-Freiburg" verkauft; in diesem Fall die Ware "Papst in Freiburg". Kennen die Verantwortlichen ihre Bibel wirklich nicht mehr? "Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): Mein Haus soll ein Bethaus heißen, ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus." (Matthäus 21, 12-13: Die Tempelreinigung). Nun, 2011 sind die Tempelverschmutzer die kirchlichen Würdenträger selbst.

13.07.2011
Achtklässler einer Realschule erhalten dafür, dass sie eine Geschäftsidee hatten und eine Firma gründeten, den Wirtschaftspreis Schule 2011. Eine Lokalzeitung titelte: "Schüler und Schülerinnen, wie sie gebraucht werden." Also: Wie sie gebraucht werden von der Wirtschaft, als Instrument, als Menschenmaterial, als Mittel, nicht als Zweck. Immanuel Kant: "Der Mensch kann von keinem Menschen (weder von anderen noch gar von sich selbst) bloss als Mittel, sondern muss jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden, und darin besteht seine Würde." Kant zieht daraus den Schluss: "Werdet nicht der Menschen Knechte", also auch nicht Knechte der Wirtschaft. War "Würde" Thema in diesem durch die Wirtschaft ausgezeichneten Unterrichts-Projekt der Achtklässler?

10.07.2011
Hat Israel keine Freunde?
"Freunde, die nicht rechtzeitig warnen, sind schlechte Freunde. Hat Israel keine Freunde?" Aus meinen "Glossen" zur Anthropologie. vgl. Moshe Zuckermann: Antisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, 2010. Rudolph Walther schrieb am 11.04.2011 in der Süddeutschen Zeitung zu diesem Buch eine Rezension. Sein Fazit: "Für Nicht-Vernagelte nichts Neues, aber für viele schon." Lektüre, die nicht beunruhigt, ist verschwendete Zeit. Das Buch von Moshe Zuckermann dürfte viele beunruhigen.
Eine Erinnerung: Am 10.Juli 1976 ereignete sich der Chemieunfall in Seveso. Das war vor 35 Jahren. 28 Jahre nach dem Unfall veröffentlichte der damals verantwortliche Manager, Jörg Sambeth, den Tatsachenroman: Zwischenfall in Seveso. Darin schildert er, wie der Dioxinunfall in der Lombardei passieren konnte. Werden wir heute, 2011, besser informiert, ehrlicher aufgeklärt? Der Atomunfall in Fukushima belegt die Wiederholung lebensfeindlicher Praktiken des Herunterspielens und Vertuschens. Übrigens: Zwischenfälle bzw. Unfälle sind das im Grunde nicht, es sind Tragödien, die der Hybris des Menschen und seiner Sucht nach Profit geschuldet sind. Es sind also vermeidbare Katastrophen.

08.07.2011
Ein ethischer Imperativ, der nie dem Pluralismus und Relativismus zu opfern ist: Sich auf die Seite der Unterdrückten, Ausgebeuteten, Gedemütigten und Ohnmächtigen zu stellen. Doch kaum hat der Bürger auch nur eine kleine Karriere gemacht, blickt er auf seine Mitmenschen von oben herab. Besonders gefährdet: Banker.

05.07.2011
Die Umweltkrise zieht sich schon zu lange hin. Viele sind ihr gegenüber zynisch geworden. Ein Gegengift: Ökosophisches Management.

02.07.2011
Welt im Wandel
Der "Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung" Deutschland (wbgu.de) hat einen neuen Bericht herausgegeben: "Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Grosse Transformation". Es gibt eine Langfassung von über vierhundert Seiten und eine Zusammenfassung für Entscheidungsträger von 34 Seiten. Fazit, S.27: "Der fossilnukleare Metabolismus der Industriegesellschaft hat keine Zukunft. Je länger wir an ihm festhalten, desto höher wird der Preis für die nachfolgenden Generationen. Doch es gibt Alternativen, die allen Menschen zumindest die Chance auf ein gutes Leben in den Grenzen des natürlichen Umweltraumes eröffnen können. Ohne eine weltweite Übereinkunft, diese Alternativen tatsächlich zu wagen, werden wir nicht aus der Krise der Moderne herausfinden. Nichts weniger als ein neuer Contrat Social muss also geschlossen werden. Dabei wird die Wissenschaft eine entscheidende, wenngleich dienende Rolle spielen. Nachhaltigkeit ist nicht zuletzt eine Frage der Phantasie." Was hier mit "Moderne" bezeichnet wird, ist in meinen Überlegungen unter "Postmoderne" gefasst, die überwunden werden muss in eine "Neomoderne", wenn wir zukunftsfähig werden wollen. Der Bericht ist eine Fundgrube an Informationen, gibt anregende Überblicke und aufregende Zukunftsentwürfe.

30.06.2011
Die Lehrerin, der Lehrer als Coach?
Um die Schulen in Deutschland ist es nicht gut bestellt. Erst am 19. Juni titelte die WELT AM SONNTAG "Schule im Ausnamezustand". Und in der Wochenzeitung DIE ZEIT von heute wird ein grosser Bericht gegeben von abermaligen Schulreformen. Da ist dann zu lesen, dass es Zeit sei, Schüler besser zu fördern, als auszusortieren. Eine uralte Forderung, doch sie bleibt wahr, solange sie nicht umgesetzt ist. Doch was soll gefördert werden? Noch mehr Wissen und Können! Und das bei emotionalen Defiziten vieler Schülerinnen und Schüler, so dass kognitives Lernen erst gar nicht möglich wird. Und abermals wird eine Reform der Lehrerausbildung gefordert. Doch der Ruf nach immer neuen Formen der Lehrerausbildung übersieht, dass in der Schulpraxis vor allem die Lehrerpersönlichkeit zählt: Engagement, Verlässlichkeit, Warmherzigkeit und Beziehungsfähigkeit, kurz: "Reife", also ein Leben aus dem Ursprung einer recht verstandenen Liebe. Es geht um Sympathie für die Kinder, und es geht um eine kollegiale Solidarität unter den Unterrichtenden. Das alles sind leider kaum Themen und Praxisfelder akademischer Lehrerausbildung. Die Lehrerpersönlichkeit als Bezugsperson, wie unprofessionell, das also bitte nicht. Ja was denn dann? Die Lehrerin, der Lehrer als Animateur, als Coach! Ach so. Wie wäre es dagegen mit dieser Checkliste für eine gute Schule: Was erwartet mein Kind räumlich, fachlich, methodisch, atmosphärisch und vor allem menschlich?

28.06.2011
Dumpfe Männerstammtische

War da wirklich nichts? Hat es sie nie gegeben, die Frauenbewegung? Am 26.06. war das Eröffnungsspiel zur Frauenfussballweltmeisterschaft 2011 zwischen Deutschland und Kanada. Im Vorfeld gab es eine umfangreiche Berichterstattung in den Medien. Man sollte meinen über Fussball, über Frauenfussball eben. Aber nein, "Mann" suhlte sich im Schmerz des Verlustes auch noch dieser Männerdomäne. Metatheoretische Diskurse waren zu lesen und zu hören, die zur peinlichen Selbstentlarvung alter Machogesinnung gerieten. Testosterongesteuerte Statements von dumpfen Männerstammtischen wurden in die Öffentlichkeit gespült, kulturgeschichtlich dürftig garniert. Mit gönnerhafter Attitüde wurde nach dem Eröffnungsspiel wahrgenommen: Die Mädels spielen ganz hübsch. Was sich da Bahn brach, lässt Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen (gelegentlich waren auch Männer darunter) alt aussehen: Sie waren erschreckend erfolglos. Wir müssen das zur Kenntnis nehmen. "Mann" hat nichts verstanden, aber auch gar nichts. Das trifft nicht nur Journalisten. "Mann" schafft spielend jede Beleidigung. Wenn es ernst wird, ist es aus mit dem Miteinander auf Augenhöhe. Der Firnis der Emanzipation ist verdammt dünn.

Das passt nicht schlecht zusammen mit den erschreckenden Männer-Kommentaren zur Übergriffigkeit von Dominique Strauss-Kahn (DSK): Man solle sich doch nur nicht so anstellen, DSK habe eben "das Dienstmädchen hergenommen", das sei das gute Recht von Männern, Punkt. Zwischen Libertinage und Männergewalt zu unterscheiden, ist da nur lästig. (Nur mit Kopfschütteln sind die Kommentare zur Kenntnis zu nehmen von Jaen-Francois Kahn, Jack Lang, Bernhard-Henri Lévi, Klaus Harpprecht. Aber auch hier eine lobenswerte Ausnahme: Nils Minkmar in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG vom 22.05.2011: "Nieder mit der Schwerkraft!")

Wieviel Männergewalt durch flotte Urteile über den Frauenfussball den Frauen wieder einmal zugefügt wurde, sollten sich die selbstherrlichen Herren einmal in ruhigen Gesprächen von einer Frau erläutern lassen. vgl. Männergewalt und Frauengehorsam. Merkwürdig nur: In meinem Umfeld gibt es dieses näselnd-verdruckste Machogehabe nicht. Beschäftigen sich wieder einmal viele Meinungsbildner nur mit sich selbst und ihrer unaufgeräumten Tiefenseele? Die Öffentlichkeit scheint deutlich weiter zu sein als einige der erbärmlich stickigen Lohnschreiber der Medien. Die Taktik der Konservierung einer überholten Männerwelt verfängt nicht mehr überall. Geniessen wir also eine schöne Fussballweltmeisterschaft der Frauen und lassen wir sie uns von kundigen Journalistinnen und Journalisten unaufgeregt und sachlich erklären, eben als Frauenfussball.


25.06.2011
Die Sklavenseelen der Brotgelehrten haben endlich ihre Heimat gefunden. Sie sind vom höchsten Reich der Freiheit umgezogen in die durchreglementierte Bologna-Universität. Vgl. auch meine "Glossen" zur Wissenschaft.

24.06.2011
Wieder einmal mündliche Prüfungen abgenommen. Was habe ich geprüft? Das hastig im Kurzzeitgedächtnis zusammengeraffte Faktenwissen? Die Fähigkeit, Fachbegriffe reproduktiv logisch verknüpfen zu können? Das Verständnis derzeit vorherrschender Theorien? Die Kreativität, quer zu denken? Die Kraft, aus all dem zukunftsweisende Entwürfe für die Praxis machen zu können? Oder doch wieder nur die Nervenstärke der jungen Menschen, deren berufliche Zukunft auch von Zehntelnotenunterschieden abhängt? Wer seine Studierenden im Studium begleitet hat und kennt, der prüft nicht. Er führt ein Gespräch, locker und heiter, und zwar auf dem Niveau, das die Studierenden während des Studiums erreichen konnten. Und: Eine Prüfung, in der nicht gelacht wird, ist keine, sondern eine Qual. Nur das angstfreie Gehirn funktioniert optimal. Für die angstfreie Atmosphäre ist der Prüfer zuständig.

23.06.2011
"Auto bauen: Die trügerische Nützlichkeit heillosen Tuns. In hundert Jahren wird man entsetzt auf uns blicken. Wer nachdenkt, weiss es heute schon." Aus meinen "Glossen" zum Werk der Gesellschaft. Im Diogenes mini-Taschenbuch von Hanspeter Padrutt: Die Autopest, Zürich, Erstausgabe 1978, finde ich im Vorspann auf S. 5 ein Zitat von Denis de Rougemont: "Das beste mir bekannte Beispiel einer menschlichen Wahnsinnstat ist die Erfindung des Autos."
Nachtrag: Bis zum 09.Oktober 2011 ist im Museum Tinguely, Basel, zu besuchen: Fetisch Auto. Ich fahre, also bin ich.

22.06.2011
Andernorts ist längst alles entschieden. Die Deutschen tun sich, wieder einmal, schwer mit ihrer Stellungnahme. Diesmal geht es um das Ja oder Nein zur PID, zur Präimplantationsdiagnostik. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG von heute widmet dem Thema unter der Rubrik "Bildungswelten" eine ganze Seite. Unter der Überschrift "Biopolitische Kontroversen sind hierzulande immer weltanschaulich geprägt" kann man einen klugen und hilfreichen Beitrag von Friedrich Wilhelm Graf lesen. Er lehr Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximillian-Universität in München. Graf warnt vor denjenigen, die ihre partikulare moralische Sicht zum Standard für alle in unserem Staat machen wollen. Vor allem dort, wo Kirchenvertreter als Morallobbyisten auftreten und ihr Nein zur Präimplantationsdiagnostik durchsetzen wollen, rückt Friedrich Wilhelm Graf die Argumente wieder wohltuend zurecht. Der Ertrag seiner Überlegungen: "Der religiös-weltanschaulich neutrale Verfassungsstaat tut gut daran, seine biopolitischen Gesetze so zu formulieren, dass sie legitimer moralischer Vielfalt Raum lassen. Ein Verzicht auf enge Restriktionen oder gar auf ein generelles Verbot ist klüger als eine Gesetzgebung, die mit abstrakten Legaldefinitionen von Embryo und menschlichem Leben keinerlei Sensibilität für schwierige individuelle Fälle erlaubt. Gutes biopolitisches Recht ermöglicht Flexibilität für die ethisch selbst verantwortete Entscheidung des Individuums." Übrigens wünschte man sich auch bei der Freitodproblematik mehr Sensibilität für schwierige individuelle Fälle. vgl. unter "Texte zum Herunterladen": Wertewandel in der Medizin.
Eine Anmerkung noch zum Aufsatz von Graf. Er verwahrt sich dagegen mit einer Heuristik der Furcht, die drohende Dammbrüche beschwört, das Nein zur PID begründen zu wollen. Dem ist zuzustimmen. Wer nun allerdings meint, dass damit das Konzept der Heuristik der Furcht von Hans Jonas prinzipiell erledigt sei, der irrt. Für Hans Jonas ist die Heuristik der Furcht eine Findekunst, die aus apokalyptischer Sensibilität erkennt, was im Atomzeitalter auf dem Spiele steht: Das Überleben der Menschheit und das Leben der uns alle tragenden Natur. In diesem Horizont ist die Heuristik der Furcht überlebensnotwendig.

21.06.2011

In der Wochenzeitung "DIE WELTWOCHE" Nummer 23 vom 9.Juni lese ich das Streitgespräch der Historiker und Nationalräte Josef Lang (Grüne) und Christoph Mörgeli (SVP). Im Blick auf die Umweltproblematik gibt es einen bemerkenswerten Passus. Lang: "Ich würde mich im Zusammenhang mit Ökologie oder eben der Bewahrung der Schöpfung durchaus als wertkonservativ bezeichnen." Mörgeli daraufhin: "Ein echter Wertkonservativer würde dem entgegnen: Was ist das für eine unglaubliche Anmassung! Bewahrung der Schöpfung? Wir Menschen können die Schöpfung nicht bewahren, wir sind vielmehr Teil der Schöpfung. Wenn wir beanspruchen, die Schöpfung zu bewahren, dann stellen wir uns auf eine Stufe mit dem Schöpfer - ein Zeichen dafür, dass wir uns vom Glauben entfernt haben." Welch eine unglaubliche Logik! Weil wir Teil der Schöpfung sind, können wir sie nicht bewahren? Wer zerstört denn in nie dagewesenem Ausmass die uns alle tragende Natur? Es ist doch der Mensch, christlich gesprochen, es ist das Ebenbild Gottes, das sich gegen die Schöpfung Gottes wendet. Der christliche Auftrag lautet demgegenüber, die Natur zu hegen und zu pflegen, also zu bewahren. Ich erinnere an den Aufruf des Physikers, Philosophen und Christen Carl Friedrich von Weizsäcker: "Die Zeit drängt. Eine Weltversammlung der Christen für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung", 1986. Und was ist ein echter Wertkonservativer? Erhard Eppler, auch er ein Christ, führte 1975 in seinem Buch "Ende oder Wende" die Unterscheidung von strukturkonservativ und wertkonservativ ein. Als wertkonservativ bezeichnete Eppler eine Politik, die sich für die Bewahrung der Natur, die für ihn Gottes Schöpfung ist, einsetzt, und die zugleich die Würde des Einzelnen respektiert. Der Wertkonservative verfolgt also das Doppelziel: Überleben der Natur und darin der Menschheit und Leben in Würde. Der Strukturkonservative dagegen möchte die herrschenden Machtstrukturen bewahren, also genau jene Bedingungen verfestigen, die der Bewahrung der Schöpfung oft im Wege stehen. Dass der Wertkonservativismus nicht an eine Konfession gebunden sein muss, zeigt das dem "Haus-des-Verstehens" zugrunde liegende Konzept der metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie. Vgl. auch: Benedikt XVI.: Weiss er wirklich nicht, was er versäumt?



20.06.2011
"Der Ehrgeiz der Eltern ist masslos. Aus den Kindern solle etwas werden. Dabei wird vergessen, dass sie schon immer jemand sind." "Eltern und Kinder werden von einer krankmachenden Wettbewerbshysterie heimgesucht. Beruhigt sie!" Aus meinen "Glossen" zur Pädagogik.

19.06.2011
Heute endet die 42. ART BASEL. Dazu etwas bei Fernando Pessoa in "Das Buch der Unruhe" gefunden: "Warum ist Kunst schön? Weil sie ohne Zweck ist. Warum ist Leben hässlich? Weil es ganz Ziel, Zweck und Absicht ist." Das erinnert an die von Kant eingeführte Formel vom Selbstzweck des Ästhetischen. War auf der ART BASEL zuviel Ziel, Zweck und Absicht? Dann hätte man nach Kant und Pessoa wenig Kunst gesehen. Kant und Pessoa: Wirklich tempi passati?

Gibt die Topographie der Emotionen wieder Utopien frei? Viel Konsumkritik auf der ART UNLIMITED.

12.06.20011
Aus Anlass der EHEC-Hysterie in dem Buch "Wissenschaft gegen Zukunftsangst", 1998, von Hubert Markl wieder gelesen: Die Massenvermehrung der Menschheit sei zwar natürlich, also bestialisch, und eben deshalb tief inhuman, denn die reproduktiven Konkurrenzvorteile des Menschen gegenüber allen anderen höheren Primaten führten zur Überbevölkerung, und diese sei letztlich tödlich. Natürlich sei es, dass Seuchen, Hungersnöte, Klimaveränderung und Kriege die Geburten- und Sterberaten wieder ins Gleichgewicht brächten. "Wir erleben ja schon heute, wie sich auf dem reich gedeckten Tisch von bald 300 Millionen Tonnen Menschenfleisch, von Milliarden Tonnen unserer Nutztiere und Nutzpflanzen gar nicht zu reden, immer neue Parasiten und Krankheitserreger immer rascher ausbreiten. Es ist nicht zu leugnen: Wir zerstören ja nicht nur die Natur in unermesslichem Grade, wir verhelfen zugleich einer ganz neuen Lebenswelt von Viren, Bakterien, Würmern, Milben, Insekten und Pilzen zu einer grandiosen Entfaltung. Der Natur ist das gleich, sie hat dazu keine Gefühle." Dies zuzulassen, sei aber nicht human. Wir selbst seien es, die mit der Reproduktion der Gattung Mensch verantwortlicher umzugehen hätten. Exponentielles Wachstum sei nicht vernünftig. Humanität weise sich nicht durch die Erzeugung möglichst vieler Menschen aus, sondern durch humane Massstäbe der Lebensverwirklichung. Zwischen den Zeilen steht es bei Hubert Markl, was ich hier ausspreche: Die katholische Sexualmoral enthumanisiert den Menschen. Indem eine bestialisch-natürliche Fortpflanzungsmoral von der katholischen Kirche ethisch legitimiert wird, hebt sie genau diese Humanität auf. Man billigt eine Tragekapazität von Menschen auf unserem Globus, die mit ihrer hyperexponentiellen Vermehrung auf eine irreversible ökologische Katastrophe zutreibt. Ethisch legitimiertes sittliches Vermehrungsverhalten macht also eine Geburtenkontrolle notwendig, zu der übrigens keine Tierpopulation fähig ist. Sich nicht wie die Ratten zu vermehren, wird zum Signum der Würde des Menschen und ermöglicht Zukunftsfähigkeit.
EHEC-Hysterie: Bisher starben 31 Menschen an EHEC. Im Jahre 2010 wurden 3657 Menschen in Deutschland im Strassenverkehr getötet. Ich wünschte mir eine vergleichbare Aufregung über diese Verkehrstoten. Beim Auto geht man eben immer noch lautlos zur Tagesordnung über.

11.06.2001
"Mit dem Pathos einer kultiverten Depression den Spagat meistern zwischen einem Leben in Wohlstand und der Zerstörung der Welt. Wir sind Schizophrene." Aus meinen "Glossen" zur Postmoderne.

08.06.2011
Die gewissenlose Gewissheit, die Atomkraft sei beherrschbar, ist - endlich -im öffentlichen Bewusstsein der Deutschen zerbrochen. Global betrachtet sind wir Avantgarde. Hoffentlich folgen uns rasch andere Nationen!

07.06.2011
Man sagt, viel zu denken, das mache unglücklich. Nein, schlecht zu denken führt ins Unglück.

31.05.2011
Beide Extreme sind möglich: Überregionale jahrtausendelange atomare Verstrahlung aufgrund eines Super-GAUs oder regionaler stundenweiser Stromausfall. Die deutsche Bundesregierung hat sich am 30.05.2011 entschieden: Ausstieg aus der Kernenergieversorgung. Das ist vernünftig. Der Zeitpunkt für den endgültigen Ausstieg liegt mit dem Jahr 2022 allerdings noch in unvernünftiger Ferne. .

25.05.2011
Reformpädagogik und Liebe: Agape bzw. Caritas immer, Eros manchmal, Sex nie.

24.05.2011
"Das also soll die Odenwaldschule gewesen sein, ein abgrundgeiles Freudenhaus, ein Knabenpuff mit Zwangsarbeit, als reformpädagogische Anstalt getarnt", fragt Tilman Jens in seinem neuen Buch "FREIWILD - Die Odenwaldschule - Ein Lehrstück von Opfern und Tätern", 2011. Jens gibt eine gründlich recherchierte und differenzierte Antwort. S.181: "Weit eher als ein dunkles übermächtiges System, scheint hinter dem Missbrauch an der Odenwaldschule ein persönliches Schicksal zu stehen, die Tragik eines begabten Mannes, der mit seiner Triebstruktur nicht fertig wurde und darüber - da hilft keine Beschönigung - zum Sexualverbrecher wurde." Die Rede ist von Gerold Ummo Becker, dem langjährigen Freund von Hartmut von Hentig. Dieser gewährte Tilman Jens "ein Hintergrundgespräch, aus dem ich (Jens), dem Himmel sei's geklagt, nicht zitieren darf", S.189. Damit hat sich Hartmut von Hentig abermals um eine Chance gebracht, eindeutig Stellung zu beziehen. Schade. Inzwischen wird das neue Buch von Tilman Jens kontrovers diskutiert.

Heute, den 24.5., strahlt "3sat" um 22.25 Uhr einen Dokumentarfilm zum Thema "Missbrauch an der Odenwaldschule" aus. In der Werbung für diesen Dokumentarfilm heisst es: 

"Und wir sind nicht die Einzigen"

"Die Odenwaldschule galt jahrelang als eine der besten Internatsschulen Deutschlands und der Reformpädagogik. Umso erschütterter reagierte die Öffentlichkeit auf die Berichte über massiven sexuellen Missbrauch an der "OSO", die Anfang 2010 aufkamen. Bis heute haben sich knapp 130 Opfer persönlich gemeldet, 18 Täter sind namentlich bekannt. Wie konnte so etwas Ungeheuerliches über Jahrzehnte hinweg geduldet und vertuscht werden? Besonders wenn man bedenkt, dass bereits 1999 zwei ehemalige Schüler mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gingen. Regisseur Christoph Röhl, selbst ehemaliger English Helper an der Odenwaldschule, war es aufgrund seiner guten Kontakte möglich, im Umfeld der 100-Jahr-Feier der OSO im Juli 2010 Gespräche mit zahlreichen Altschülern, Lehrern und Personen aus dem Umfeld der Schule zu führen. Mit seinem Film, der sich ganz auf die Aussagen der Protagonisten konzentriert, versucht er nicht nur den Ursachen des Missbrauchs auf den Grund zu gehen, sondern er beschäftigt sich auch mit dem "Schweigen" auf allen Seiten. Die Gespräche machen die schockierende Dimension und Systematik der Missbrauchs an der OSO deutlich. Die Berichte und Reflexionen der Betroffenen stehen dabei auch stellvertretend für alle anderen Orte, an denen Missbrauch in unserer Gesellschaft geschieht. "Meine Recherchen haben mir gezeigt, dass viele Leute, die den Missbrauch geahnt haben, trotzdem nicht gehandelt haben, weil sie nicht emotional begriffen haben, worum es eigentlich geht. Genau das wollte ich mit diesem Film ändern", so Christoph Röhl. Röhl wurde in Brighton, England geboren. Nach seinem Studium an der University of Manchester, studierte der Deutsch-Brite in den 1990er Jahren Regie- und Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Neben seinen englischsprachigen fiktionalen Regiearbeiten für die BBC realisierte Röhl mehrere, zum Teil preisgekönte Kurzfilme. "Und wir sind nicht die Einzigen" ist sein erster Dokumentarfilm."


18.05.2011
"Wenn die aufsteigenden sexuellen Leidenschaften sogleich das Gehirn verstopfen, wird der Mensch zum Triebbündel. Dieses taugt nicht für öffentliche Ämter." Aus meinen "Glossen" zur Anthropologie.

15.05.2011
Sie werden verfolgt: "Porsche-Fahrer, Fernreisende, Fleischesser". Wer auf Kosten der Natur und zukünftiger Generationen geniesst, dem werde der Stempel unmoralisch aufgedrückt. Das alles findet Winand von Petersdorff im Wirtschaftsteil der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" von heute unerträglich. Sein Denkergebnis: Wir leben in einer Ökodiktatur, ja mehr noch, in einer Ökotyrannei. Denkergebnis? In seinem langen Text findet sich dieser bemerkenswerte Satz: "Es wächst eine Ökotyrannei in Deutschland, sie stützt sich auf eine grosse Mehrheit. Und die Bundesregierung steht an der Spitze." Ja, was denn nun? Ökotyrannei oder grosse Mehrheit der Bevölkerung? Wenn eine grosse Mehrheit der Bevölkerung über die Regierung ihre Politik gestalten lässt, dann nannte man das bisher Demokratie. Die möge uns erhalten bleiben, auch wenn die mehrheitsfähige Politik dem Journalisten von Petersdorff nicht schmeckt.
Vgl. auch das Peanut: Pfui Teufel, wie hässlich!

04.05.2011
Angela Merkel, Bundeskanzlerin, am 02.05.2011 in Berlin vor der Presse: "Ich freue mich, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten." Dieser eine Satz negiert die humane Vision des gesamten humanistisch-christlichen Abendlandes.

01.05.2011
"Das Projekt Europa wird von der herrschenden Klasse in einer Weise instrumentalisiert, so dass der Zerfall der Demokratie unausweichlich ist." Aus meinen "Glossen" zur Politik. Vgl. auch das neue Peanut: Die Super-Klasse.

28.04.2011
Die "Ethik des Überlebens" steht über der "Ästhetik des Alltags": Pfui Teufel, wie hässlich!

24.04.2011
"Seitdem man die Rationalität der Moderne halbiert hat, ist altmodisch ein notwendiger Kampfbegriff geworden." Aus meinen "Glossen" zur Moderne. - Bei Medard Boss gefunden: Wer Phänomene wie Liebe, Freude, Trauer, Wut oder Hass aus zellulären elektrischen Erregungsmustern hirnphysiologisch erklärt, verhalte sich wie jemand, der folgert, der Kippschalter an der Wand erzeuge das Licht in der elektrischen Deckenlampe, weil auf seine Betätigung hin deren Aufleuchten erfolge. So in "Grundriss der Medizin und Psychologie". Erstmals 1971, 3. Auflage 1999.

18.04.2011
Politiker, und nicht nur sie, haben Angst vor der letzten Klarheit: Atomenergie mit ihren räumlich und zeitlich jede Vorstellung sprengenden Zerstörungspotentialen ist prinzipiell von Menschen nicht zu verantworten, von keinem Menschen, sei er Wissenschaftler, Politiker, Journalist oder sonst wer. Diese Einsicht auszuspielen gegen mögliche Einschränkungen des aktuellen Wohlstandes, ist völlig ohne Massstab. Man will das Linsengericht der eigenen Wohlfahrt retten, indem man bereit ist, Schäden billigend in Kauf zu nehmen, die Jahrtausende ihre Wirkung tun. Die alten Griechen nannte eine solche Haltung Hybris, frevelhaften Übermut. Angesichts der unabsehbaren tödlichen Folgen der Atomenergie, ist das Wort Übermut heutzutage jedoch viel zu harmlos. Die Sprache versagt, um das angemessen zu benennen, wofür Einzelne beanspruchen, Verantwortung übernehmen zu können. Wer angesichts von Fukushima immer noch urteilt, der Wirtschaftsstandort, beispielsweise Deutschlands, müsse zur Zeit noch durch Kernenergie gesichert werden, kann nur krank sein; er leidet unter Apokalypseblindheit.

15.04.2011
Gegen die unbedachte Negation des pädagogischen Eros: "Pädagogischer Eros - das ist liebende Zuwendung im Sinne von Agape/Caritas, nicht körperliche Zudringlichkeit und sexuelle Inbesitznahme." Aus meinen "Glossen" zur Pädagogik.

11.04.2011
Mit Kopfschütteln den viel gerühmten Gerhard Roth gelesen: "Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt", 2011. Auf dem hinteren Buchumschlag wird aus der Zeitschrift Cicero zitiert: "Gerhard Roth - der wichtigste lebende deutschsprachige Naturwissenschaftler". Mag ja sein, auf jeden Fall kein Pädagoge/Erziehungswissenschaftler. Selten habe ich so viel Unausgegorenes zu und über mein Fach lesen müssen, und das in der autoritären Attitüde des Besserwissenden. Dabei geraten ihm nahezu alle pädagogischen Kategorien und Grundbegriffe heillos durcheinander. Er weiss nicht, wovon er spricht: Bildung, Ausbildung oder Weiterbildung? Lehren, unterrichten oder erziehen? Bildungsziele, Erziehungsziele oder Unterrichtsziele? Didaktik oder Methodik? Ein ganzes Kapitel ist den "zeitgenössischen didaktischen Konzepten" der Pädagogik gewidmet. Darin bleibt das Entscheidende unaufgeklärt: Dienen sie, wie gut oder schlecht auch immer, nur den Lernprozessen im Unterricht oder auch den Erziehungsprozessen für eine gebildete Persönlichkeit? Und dann: Zeitgemäss? Die eigene Didaktikerzunft hat sich längst von diesen disparaten Ansätzen verabschiedet; man arbeitet an einem Integrationsmodell. Strohpuppen aufstellen und anzünden, das gibt zwar viel Feuer, aber kein Licht der Aufklärung. In Gerhard Roths anthropologischem Reduktionismus geht der Mensch als Mensch fröhlich unter; der Autor merkt es nicht. Für einen Empiriker ist Roth gegenüber der Lehrerzunft erstaunlich besessen von normativen Ansprüchen; es wimmelt nur so von "müssen" und "sollen". Dafür weiss er mit harter Hand Kinder zu führen: Wer nicht spurt, der wird aus der Klasse geschmissen. Lieber Herr Kollege, das ist sogar juristisch bedenklich, da die Aufsichtspflicht nicht mehr gewährleistet ist, von der pädagogischen Bankrotterklärung ganz zu schweigen. Der Ertrag für die Praxis der Lehrerschaft bleibt weit hinter den erfahrungsgesättigten Einsichten der gerade zu Unrecht gescholtenen Reformpädagogik zurück. Am Ende reicht es nur noch zu trivialen "Tricks". Nach der Lektüre fiel mir eine meiner "Glossen" zur Wissenschaft ein: "Der anschwellende Penis erklärt ebenso wenig die Begierde wie die Hirnfunktion den Willen." Bitte, nicht auch noch in der Pädagogik alle Kategorien durcheinander bringen!

09. 04. 2011
Angesichts der Katastrophe in Fukushima möchte ich an ein Buch von Al Gore erinnern, das 2009 in München auf Deutsch erschien: "Wir haben die Wahl. Ein Plan zur Lösung der Klimakrise". Dort wird begründet, dass die Klimakrise lösbar sei, denn das Energiepotenzial von Sonne, Wind und Geothermie ist unebgrenzt vorhanden. Was fehle, sei der politische Wille, diese alternativen Energien auch wirklich zu nutzen. Ist jetzt die Zeit gekommen, dass man in der Politik endlich weltweit umdenkt und überzeugend handelt?

04. 04. 2011
Der mutige Versöhner zwischen Palästina und Israel, der Friedensaktivist, Schauspieler und Filmregisseur Juliano Mer-Khamis wurde heute in Dschenin, Westjordanland, vor seinem Theater für Jugendliche erschossen. Der mögliche Frieden im Nahen Osten wurde mit dieser brutalen Tat um eine grosse Hoffnung beraubt. Mer-Khamis sagte einmal, es sei besser, auf den Beinen zu sterben, als auf den Knien zu leben.

Zur Causa "Hartmut von Hentig - Odenwaldschule": Ein bemerkenswerter Aufsatz von H.v.Hentig in der Zeitschrift AKZENTE: "Ist Bildung nützlich?" In diesem Text wird "Bildung" zur Exkulpationsstrategie missbraucht.
Einen sehr guten und zugleich atemberaubenden Überblick über den Pädophilenskandal an der Odenwaldschule gibt Christian Füller: Sündenfall. Wie die Reformschule ihre Idee missbrauchte. Köln 2011. Im 1. Kapitel "Verbrechen und Verschweigen" werden Berichte von Betroffenen vorgelegt. Das 2. Kapitel behandelt "Das System Becker", also des damaligen Schulleiters und Lebenspartners von Hartmut von Hentig. Im 3. Kapitel wird kopfschüttelnd gestaunt über "Nicht aufklären, nicht wissen, nicht handeln". S.9: "In der Schule gab es ein klandestines Verteilsystem, das Jungen zielgerichtet in das Haus ihrer Verführer und Vergewaltiger lotste. Auch Lehrer und Eltern wussten viel mehr über das System, als sie bis heute zugeben wollen. Nur wenige haben sich offenbart, und was sie nun zu sagen wissen, ist schwer zu fassen. Zu den potenziellen Mitwissern und Nichtverhinderern gehört die pädagogische, politische und wirtschaftliche Elite."

28. 03. 2011
Neun Gemeinplätze des Atomfreunds von Frank Schirrmacher (FAZ) kritisch bedacht.

24. 03. 2011
Leben wir zukunftsfähig? Wie sieht unser ökologischer Fussabdruck aus? Für die Schweiz. Für Deutschland.

16. 03. 2011
Nach der Nuklearkatastrophe in Japan wird endlich einmal wieder viel über das Atomzeitalter geschrieben, aber wenig gründlich darüber nachgedacht. Wenn die Wochenzeitung DER SPIEGEL Nr.11/2011 titelt "Das Ende des Atomzeitalters", dann missverstehen die Redakteure das Wesentliche ihres Themas. Solange es Verstand begabte Menschen gibt, wird es das Atomzeitalter geben. Man kann aus ihm nicht austreten wie aus einem Verein. Denn das physikalisch-technische Wissen, wie man Atomkraftwerke und Atombomben baut, wird die Menschheit bis an ihr Ende begleiten. Also ist jede Generation wieder neue herausgefordert, der Versuchung zu widerstehen, die unbehrrschbaren Techniken anzuwenden. Seit dem Beginn des Atomzeitalters ist das bisher noch nie gelungen. Was also nach den verheerenden Erfahrungen durch die Ereignisse in Tschernobyl und Fukushima bestenfalls sich ereignen könnte, ist, dass erstmals eine Generation ernst damit macht, alle Kernkraftwerke weltweit abzuschalten und alle Atomwaffen weltweit zu vernichten. Für die Atomkraftgewinnler und für die Rüstungsprofiteure wie auch für alle Ängstlichen, die panisch fürchten, die Lichter könnten ausgehen und ein böser Feind könnte uns vernichten, ergänze ich sofort: So vernünftig ist die Menschheit noch nicht! Man wird zur Tagesordnung übergehen, bis zur nächsten Katastrophe. Man zieht es offensichtlich vor, sich durch die eigenen Techniken zu vernichten, statt zukunftsfähige Lebensstile anzustreben. Aus meinen "Glossen" zur Postmoderne: "Wir denken nicht radikal genug, dafür zerstören wir umso radikaler." Aus meinen "Glossen" zur Ethik: "Verstand als leerer Scharfsinn rettet uns nicht. Erst wenn der Verstand Diener der Vernunft wird, ist er hilfreich."

13. 03. 2011

Wir leben im Atomzeitalter. Was ist das Besondere des Atomzeitalters? Die Bezeichnung der neuen weltgeschichtlichen Situation seit Abwurf der Hiroshima-Bombe als Atomzeitalter verweist auf die Atom-Physik als Beispiel des neuen Wissens, auf die Atom-Energie als Beispiel der durch dieses Wissen freigesetzten ungeheuren Macht und auf die Atom-Bombe als Beispiel der aus dieser Macht sich ergebenden globalen Gefährdung. Zweimal mit Günther Anders gesprochen: Wir können mehr herstellen als wir uns vorstellen können, was wir mit dem Hergestellten anstellen können. Und: Wir leben in der Endzeit in der wir uns jederzeit das Zeitenende selbstverschuldet bereiten können. Vgl. Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter. Wege zu innovativem Lernen angesichts der Ökokrise, 1. Aufl. 1982. (Zur Wirkungsgeschichte vgl. Andrea Rothfelder: Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Grundgedanken der "Pädagogik im Atomzeitalter" im Kapitel "Tätigkeiten ausserhalb der Hochschule..." auf meiner Homepage). Wer nach Tschernobyl und Fukushima immer noch für Kernkraftwerke votiert, der ist mit Apokalypseblindheit geschlagen. Ihm ist jede politische Handlungsmacht zu entziehen.


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Zufällig ausgewählte Glosse

Mahnung an jeden Denker: Sich vom Elan der Analogie nicht mitreissen zu lassen.