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K zwischen Resignation und Hoffnung

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K gehörte noch zu der Generation von Kriegskindern, die nach dem Zweiten Weltkrieg ein Leben lang mit den Narben schlecht verheilter Verletzungen leben musste. Das erklärt vieles in seinem Verhalten, bis heute.  K fragt sich, ob es diese alten Kriegserfahrungen sind, weshalb ihn die Tragödien etwa im Irak oder in Syrien so gar nicht loslassen? Der Krieg ist heute überall: Jemen, Nordafrika, Somalia, Afghanistan, Nigeria, die Zentralafrikanische Republik und der Kongo, der Südsudan. Die Liste wäre fortzusetzen, fortzusetzen auch mit der nicht endenden Kette von Terroranschlägen, da war 9/11 New York mit den einstürzenden Zwillingstürmen, da waren die Mörder von Charlie Hebdo, die Bilder aus dem Bataclan, da war Nizza mit den niedergewalzten Feiernden auf der Promenade des Anglais, und immer wieder Palästina und Israel.

Weshalb berührt diese Krisenkarte der brutalen Konflikte die meisten Menschen so wenig?

Während der Flucht 1944/45 hatte K hungern müssen, auf ihn wurde geschossen. Neben und vor ihm und hinter ihm wurde gestorben. Auch Säuglinge traf es. Erinnert er sich selbst an diese Tragödien oder erinnert er das Erlebte in den Erzählungen seiner Mutter, er weiß es nicht. Was er weiß ist, dass sie präsent sind, eingegraben in sein Gedächtnis, und der kleinste Anlass genügt, um sie wieder abzurufen. Sie werden oft abgerufen.

Denn auch heute wüten Halbmenschen. Wieder verwandeln Seelen-Krüppel ihresgleichen in Körper-Krüppel. Gefoltert wird auch. Sie alle brüllen das barbarische Paradoxon: Es lebe der Tod! Und sie handeln danach.

Wer sich hier nicht empört, dachte K, wer hier nicht nach Abhilfe ruft, ist er nicht selbst ein Krüppel, ein seelischer Krüppel, dem es gelingt, ohne Skrupel den Geschäften des Alltags nachzugehen, wie wenn es das von Menschen gemachte Leiden und Sterben nicht gäbe?

Wie schaffen sie das nur, wegzuschauen? Aleppo – auch das Elend dort, es lässt sie kalt. K ist voll von Scham darüber, was Menschen Menschen antun können. Er findet keine Ruhe inmitten dieses weltweiten Mordens. Das belastet und trübt sein Leben.

K möchte inzwischen von den Verdrängern lernen. Auch er will seine Ruhe. Aber er weiß genau, dass das nicht geht, nicht gehen darf. Und so wird er sich weiter empören und in seiner Empörung, sit venia verbo, verzweifeln. Man sagte ihm, er sei nicht erwachsen geworden. Dann sei’s drum. Er kann und er will nicht wegschauen, nicht verdrängen und vergessen.

K machte sich bewusst, dass die damals noch mit Klassikern vollgestopften Eliten den ersten und zweiten Weltkrieg auch nicht verhindern konnten. Im Gegenteil, mit Hölderlin und Goethe im Tornister wollten sie siegen. Das ging mehr als daneben. Diese geistige Tradition auszuradieren, wie es gegenwärtig geschieht, ist keine Antwort auf das Versagen. Es ist ja nicht die ethische Substanz der klassischen Bildung, die versagte, es waren die Menschen, die an ihr scheiterten. Man müsste die Tradition also anders aneignen als die Väter- und Großvätergeneration, wenn man wirklich Frieden und Gerechtigkeit wolle. Denn Menschen mit hohem Verstand und niedrigem Herzen sind immer Verstandesegoisten. Bestenfalls denken sie großartig, auf jeden Fall handeln sie kleinlich und zerstörerisch. Sie sind eine unversiegliche Quelle des Bösen. Was aber leisten unsere Schulen und Hochschulen? Die Ausbildung des Verstandes. Was versäumen sie? Die Emporbildung der Herzen. Die kognitive Aneignung der klassischen Bildung erreicht nicht die Herzen. Und deshalb war sie kein Damm gegen die Unmenschlichkeit.

K wagte es nicht, alles zu sagen, was er je über sich und die Welt gedacht hatte. Spräche er es aus, man würde ihn für verrückt erklären und einsperren.

Noch bevor er den aufrechten Gang erlernt hatte, hatte man ihm schon das Rückgrat gebrochen. Davon war K  überzeugt. Seine Liebe zum Leben und zu den Menschen wurde, noch bevor sie sich voll entfalten konnte, in Bitterkeit verwandelt.

K sah, wozu der Mensch umstandslos taugt. Zum Hassen und Töten. Immer fühlt sich jemand auf dieser Welt vom Leben betrogen und verraten. Immer sinnen einzelne und Gruppen auf Rache. Die großen Tragödien leben von diesem Mechanismus: Othello – verraten; Hamlet – verraten; Lear – verraten. Auch die biblischen Geschichten sind voll von Verrat: Adam – verraten; Esau – verraten; Juda – verraten; Joseph – verraten; Moses – verraten. In allen menschlichen Geschichten findet sich der Verrat mit seinen grausamen Folgen der Raserei und des Blutvergießens, der kleinen und großen Zerstörungen mit unendlichem Leid und Schmerz im Gefolge. Der Mensch quält sich und seinen Nächsten und zerstört alles, was ihm in den Weg kommt. Nie sieht er seine Opfer an. Nähme er das Grauen wirklich wahr, das er anrichtet, er müsste vor Schreck mit seinen Zerstörungsorgien aufhören. Dazu bedürfte es dann nicht einmal einer Moral.

K versuchte, genau hinzuschauen. Nur dann gelang es ihm, auch die Untertöne des Elends dieser Welt zu sehen, die im geschäftigen Alltagsbetrieb so gern übersehen werden.

K übte sich also  im genauen Wahrnehmen. Er wurde geradezu zum Liebhaber von Wahrnehmungen. Dadurch erweiterte sich für ihn nicht nur die Welt, sie fügte ihm durch das Mehr an Wahrgenommenem auch beträchtlich mehr Schmerzen zu.

Die Freude, die Dinge genauer zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu riechen und zu schmecken, wurde belastet durch die gleichzeitige Steigerung der Wahrnehmung von Leid.

K war immer wieder erstaunt, was alles übersehen wurde. Schaut hin, schaut doch genauer hin, dachte er dann, und ihr könnt den Schmerz dieses Kindes, den Kummer dieser Mutter, das Elend dieses Mannes nicht ignorieren. Nichts rechtfertigt es, dass Menschen Menschen Schmerzen zufügen. Keine Ideologie, keine Weltanschauung, auch keine religiöse Tradition.

K las einmal von einem  jüdischen Arzt, der sich der Beschneidung seines Sohnes am achten Tag nach der Geburt verweigerte. Diese Geschichte wurde ihm zum Paradigma für alles Leid dieser Welt.

Was, fragte sich K, mag diesen Mann bewogen haben, sich gegen die Jahrtausende alte religiöse Tradition seines Volkes zu stellen?  Kaum Argumente, überlegte K, denn für jedes Argument gegen die Beschneidung findet sich auch ein Argument für die Beschneidung. Auf dieser Ebene kommt man schwerlich voran. Hier tummeln sich munter die Verstandesakrobaten. Sie sind immer ohne vernünftige Lösung geblieben. Die Wahrheit ist eben keine Frage der Argumentation.

Bevor der jüdische Arzt zu argumentieren begann, hat er sein Kind  wahrgenommen. Er hat sein Baby als Baby gesehen. Er hat seinem gerade geborenen kleinen Lebewesen die Chance gegeben, dass es sich von sich aus zeigen konnte, unverstellt von Traditionen, Dogmen, Theorien. Erst in der Ausschaltung aller an den Säugling  herangetragenen Setzungen, konnte der Vater achtsam und empathisch wahrnehmen, was vor ihm lag: Ein hilfsbedürftiges, zartes, süßes Menschenkind, das man durch den Schnitt verletzen würde. Er wusste aus Erfahrung: Der Kleine würde schreien, schreien, wie all die anderen Kleinen geschrien haben, die wehrlos den Schnitt in ihr Fleisch und ihre Seele  erleiden mussten und immer noch erleiden müssen.

Im Augenblick der Beschneidung kommt den jüdischen Eltern die Empathie für ihr Kind abhanden. Nur so ist der Eingriff überhaupt möglich. Mit Empathie würde die Hand des Schneidenden keine Chance haben. Mit Empathie käme es zur Hemmung. Nur in einem Akt unmenschlicher Überwindung wird die Schmerz und Pein auslösende Tat möglich. Auch überzeugte Juden, die an der Beschneidung unverrückbar festhalten, empfinden den Vorgang selbst als grausam und blutig. Und doch bestehen sie weiter darauf. Sie sind nicht mehr beim verletzten schreienden Kind, sie sind bei ihrer Tradition, bei ihren Dogmen, sie sind bei ihrer Religion.  Wären sie beim Kinde, so würden sie wahrnehmen, dass ihre Beschneidung dem kleinen Geschöpf unendlichen Schmerz zufügt. Und jede unverstellte Regung des Herzens wird das und kann das nicht wollen. So muss das Naheliegendste, die elterliche behütende und schützende Fürsorge für ihr Kind, durch das Fernste einer seltsamen religiösen Tradition erstickt werden.

Das acht Tage alte Baby vor den Eltern rührt jede empfindsame Mutter, jeden empfindsamen Vater. Es evoziert den natürlichsten aller natürlichen Impulse: Das Wunder aller Wunder, das es diesen neuen Erdenbürger gibt, muss heilig gehalten werden. Das Neugeborene muss ganz, muss heil, bleiben, es darf nichts an ihm abgeschnitten werden. Eltern haben es vor solchen Eingriffen zu bewahren, zu beschützen, zu behüten. Sie nehmen es in ihre Hut, indem sie es in fürsorgender Zärtlichkeit berühren, achtsam halten, scheu und voller liebender Zuwendung streicheln. Sie signalisieren ihm durch körperliche Zuwendung: Bei uns bist du geborgen, bei uns bist du sicher aufgehoben. Wir lieben dich.

Kann diese Liebe den schmerzhaften Schnitt ins Fleisch wollen? Sieben Tage lang durfte das kleine Wesen die Erfahrung grenzenloser Geborgenheit machen. Am achten Tag wird diese Zuwendung verraten, die Geborgenheit aufgekündigt. Mit dem Beschneidungsmesser wird nicht nur ein Stück Fleisch abgeschnitten, sondern auch das fürsorgende liebende Band der Eltern zu ihrem Kind wird durchschnitten. Der Erwachsene wird zum Feind seines eigenen Kindes. Der Augenblick dieser Trennung mag noch so kurz sein, die Tränen des Schmerzes mögen noch so rasch versiegen, später mag der Beschnittene noch so unberührt aus der religiös motivierten Tortur hervorgegangen sein – für einen Augenblick galt das Paradoxon: Weil ich dich, mein Sohn, liebe, schneide ich in deinen Leib. Damit ist die Epiphanie der zärtlichen Berührung durch die Eltern jäh unterbrochen und ins Gegenteil verkehrt worden.

Wer genau hinschaut, dachte K, kann die Beschneidung nur als tragische Geschichte von Verrat und Verlusten lesen, von Verlust an Empathie, von Verlust an Liebe, von Verlust an körperlicher Unversehrtheit, von Verlust von Vertrauen und Geborgenheit. Mit acht Tagen macht das kleine Erdenkind die existenzielle Erfahrung: Leben heißt, verletzt zu werden. Leben heißt, verraten zu werden. Das ist zu früh. Und es ist auch gar nicht notwendig.

K war überzeugt, dass in diesem kleinen Scheitern aus religiöser Tradition das große Scheitern überall auf der Welt seine Wurzeln hat: Wir schauen nicht genau genug hin. Wir übersehen zu viel. Wir theoretisieren zu viel. Wir verdrängen zu viel. Wir Menschen sind nicht empathisch genug.

K dachte, dass die Abstraktion ein großes Übel unseres Daseins sei. Die abstrakte Sicht auf die Welt nimmt den Gewalttätigkeiten, nimmt der Folter und den Kriegen das körperliche Leiden und die Endgültigkeit des Todes. Jede Abstraktion entfernt sich vom Konkreten. Abstraktes berührt unsere Herzen nicht mehr. Abstraktionen sind theoretisch, sie bleiben existenziell unverbindlich. Abstraktes berührt uns nicht als Person. Es verharmlost. Es ist Krieg. Na, und? Der eine konkrete Soldat mit seinem Eigennamen erleidet einen Bauchschuss. Die Eingeweide quellen hervor. Reflexhaft drückt er sie noch zurück. Die Schmerzen machen ihn rasend. Er brüllt, er jammert, er wimmert, er stirbt. Dieser eine, der da elendiglich verreckt, berührt und lässt K denken: So soll kein Mensch sterben! Das Abstraktum Krieg lässt K und alle Menschen kalt. Aus ihm ist kein Funken der Empörung herauszuschlagen. Im Gegenteil: Man denkt lapidar, so ist es halt, Kriege gab es schon immer, und es wird sie weiterhin geben. Krieg ist aber keine anthropologische Konstante.

K dagegen spürte auf seiner Seele die Peitsche, die auf die gekrümmten Rücken von Millionen schlug und immer noch schlägt.

K sah seine Zeit durch den Ikaruseffekt gekennzeichnet: Der technische Fortschritt sucht die Katastrophen, und die Natur bremst diese Moderne aus. Vom Untergang der Titanic über Hiroshima und Nagasaki bis hin zu Tschernobyl und Fukushima – nichts als Hybris. Wenn es sein musste, vermochte K mit gekonnter Hysterie die Apokalypse herbeizurufen.

Der viel zu frühe Krebstod seiner Mutter und der günstige Umstand, seinen Vater früh verlassen zu können, gaben K die Freiheit, das Leben nach seinem eigenen Willen zu formen. Rücksichten auf ein Elternich musste K nie nehmen, er hatte keines. Und seine Pflegeltern waren für ihn freiwillig akzeptierte Lebenspartner. Sie erlangten nie die Herrschaft über ihn, die leibliche Eltern so unangenehm lähmend und erdrückend machen können. Seinen neuen Eltern schuldete er keine heuchlerische Liebe, nur Dankbarkeit, und die gab er großzügig und gern. So übte die Institution Familie auf K keine ambivalente Macht aus. Tucholskys tiefgründige Lästerei über die Familie, die in Europa zu scheußlichen Klumpen geballt vorkomme und ihre Hauptaufgabe darin erblicke, ihre Nasen in die Angelegenheiten der jeweils anderen Familienmitglieder zu stecken, hatte für K keine Bedeutung. K konnte also vergleichsweise frei in die Welt schauen. Er hatte nie gelernt, das Elend der Lieblosigkeit durch Ideologien oder religiösen Wahn zu rechtfertigen.

Wenn K  in Momenten der Schwäche zu Worten abgekühlte rotglühende Wut ausspie, dann sagte er die Wahrheit, seine Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ja, ja, K antizipierte sofort den Einwand: Die Wahrheit gäbe es nicht; jede Wahrheit sei relativ. Wahrheit gäbe es nur als Vermutung und im Plural als bloße Konstruktion.

Solche Einwände ließ K nicht gelten, jedenfalls dann nicht, wenn es um Überleben und Leben in Würde ging. Wer sich aufschwingt und über das Leben insgesamt nachdenkt, der kommt zu der universalisierbaren Einsicht, dass Leben sein solle und dass es ein Leben in Würde sein müsse.

Und daraus ergäben sich sehr wohl auch konkrete Handlungsorientierungen wie etwa die, dass Frieden rechtzeitig und immer ohne Waffen, vor allem ohne ABC-Waffen,  zu schaffen sei, oder auch die, dass eine Unkultur der Verbrennungsmotoren dem Klima grundsätzlich schadet, dass eine solche Motorisierung also überwunden werden müsse, und das sehr rasch.

Kaum jemand wollte diese Wahrheit hören. Und wer sie hörte, erklärte K zum pathologischen Fall. K sei ein Spinner. K sei krank, hieß es dann.

Dass diese Ignoranten und ihre Welt längst in Agonie lagen, sie nahmen es nicht wahr. Ihre Krankheit des Verdrängens hielten sie für das Normalste von der Welt. Lüge und Betrug, Ausbeutung und Unterdrückung, Mord und Totschlag – so sei es eben, das Leben. Weder Zweifel noch Verzweiflung suchten diese Selbstgerechten heim. Sie waren Halbmenschen, Entartete.

Die Einsicht in die Gesamtentartung des Menschen bis hinab in die Unterwelt des Viehs, war kein neuer Gedanke. Originell war K damit nicht. Nur war der Gedanke schon deshalb überholt und falsch, nur weil er schon früher gedacht wurde?

Für K war das ganze Leben über dem gähnenden Abgrund des Nichts errichtet worden. Es erschien ihm in seiner modernen Raserei nur noch sinnlos.

K war kein Krakeeler, ein Querkopf aus Vernunft wollte er sein. Oft rutschte er aus Enttäuschung ab ins Nörglerische. Das verbuchte er als Versagen.

Ks Feuereifer für die hohe Sache des Friedens, der Gerechtigkeit und der Zukunftsfähigkeit litt immer wieder am Mangel geistiger Vornehmheit. Dann fehlte seinem Engagement der kühle Blick. Wie aber, fragte er sich,  kann man ohne Leidenschaft bleiben, wenn es ums Überleben geht?

K ernährte sich lange von seinen Ideen einer befriedeteren und gerechteren Welt. Doch je älter er wurde, umso mehr beschlich ihn der Gedanke, dass sein Widerstand gegen das Unterdrückende und Inhumane in der Gesellschaft billiger Jargon sein könnte, nichts weiter als folgenlose Protest-Attitüde.

K fehlte die Macht, um gegen die Macht erfolgreich zu sein. Diese Einsicht hätte zu Konsequenzen führen müssen. Sie blieben zu lange aus.

In Ks jungen Jahren war für ihn das Leben eine festliche Erwartung gewesen. Dass diese nicht in Erfüllung gehen würde, wusste er damals noch nicht. Und das war auch gut so. Wie sonst hätte er weiter leben können? Später hatte er sich an die Enttäuschungen gewöhnt.

Einmal noch war er voller Zuversicht. Es war die kurze Zeitspanne der Friedensbewegung gewesen, die ihn ein letztes Mal hoffen ließ. Mutlangen. Lange hielt der Mut zum Widerstand gegen den jederzeit möglichen Atom-Krieg nicht an. In dieser Bewegung waren zu viele dabei, die nur mitliefen, zu wenige, die mitlitten. Man hatte sich von der Gefahr der Atombomben berühren lassen, erschüttert über deren Zerstörungspotential waren sie nicht. Die schöne Parole Frieden schaffen ohne Waffen wurde bald als peinliche intellektuelle Entgleisung denunziert.

Die Remilitarisierung des Denkens nahm immer wieder Fahrt auf. 1914 taumelten die Deutschen voll von Begeisterung in den 1. Weltkrieg. Die Ernüchterung kam rasch. Die Jugend verblutete in Verdun. Am 1. September 1939 verführte Hitler die Deutschen zum 2. Weltkrieg. Die jungen Männer verbluteten in Stalingrad. Am 1. September 2014 war die deutsche Politik wieder bereit, Waffen in Kriegsgebiete zu schicken. Jetzt lässt man andere verbluten. Der Ruf Nie wieder Krieg! war längst verhallt, als hätte es nie Millionen Kriegstote gegeben.

Kaum jemand empörte sich. Auch K ging nicht mehr auf die Straße.

Ks Illusionen einer befriedeteren Welt gingen immer wieder im Rauch neuer Kriege auf. Lumpige Machtmenschen besudelten stets von neuem die Welt. Die Mauern seiner Hoffnung stürzten dann voller Verbitterung ein.

K wurde ungehalten, wenn Menschen von sich behaupteten, sie seien rundum glücklich. Waren sie in Wahrheit nicht unglücklich? Nur wussten sie es nicht. Was für eine Anmaßung von ihm, so zu denken, schoss es K durch den Kopf. War das nicht die Attitüde aller Totalitarismen? Und dennoch: Wären wir Menschen sensibel und aufmerksam genug, so würden wir alle wahrnehmen können, dass das Leben der meisten Menschen eine Abfolge von eben auch durch Menschen verursachten Qualen ist. Anthropogene Sorgen umstellen die Menschen, provozieren Kummer und Angst. Wie kann man unter solchen Bedingungen glücklich sein? Und doch schaffen sie das: Die Koexistenz des Multimillionärs neben dem ärmsten Slumbewohner, no problem für die Reichen und Superreichen.

Da diese Glücklichen sich nur körperlich begreifen, dachte K, geht das Leiden durch sie hindurch, ohne ihre Seele zu berühren. Solche rein vegetativen Existenzen werden dann durch ihr unbedachtes Tun Ursprung weiteren Leidens. Das war es, was K beunruhigte. K war es leid, immer wieder auf die Übel hinzuweisen, an denen die Menschheit litt und immer noch leidet. K kam dem Zynismus sehr nahe: Sollen sie sich doch in ihrer Stumpfheit zugrunde richten, die Glücklichen.

K war mit einer quälenden Vorstellungskraft ausgestattet. Er sah nicht nur das bestehende Elend der Lieblosigkeit, er antizipierte auch das kommende. Eine Heuristik der Furcht bedrängte ihn, noch Schlimmeres zu antizipieren. Das wollte er verhindern. Er pochte auf Veränderungen. Seine Mahnungen, eine andere, eine bessere Welt zu wollen, verdampften jedoch wie der vielzitierte Tropfen auf dem heißen Stein.

Den Zustand der Welt ändern zu wollen, erschien K in späteren Jahren als überrissener Anspruch. Und zwecklos war er obendrein. Nur eine Wandlung der Herzen brächte Besserung. Wer aber vermöchte das, die Herzen zu wandeln? Die Pädagogik, die das zu leisten imstande wäre, will bezeichnenderweise ja niemand, murmelte K.

Die Utopie einer menschlichen und darin solidarischen Menschheit ist wohl zu streichen, räsonierte K. Die Mehrheit der Menschen will nicht menschlich sein, und solidarisch schon gar nicht. Oder gilt dieser Satz nur für die deformierten Eliten? K sträubte sich gegen diese fatale Einsicht.

Wenn K der Hypertrophie der Egozentrik entkommen wollte, dann landete er notgedrungen bei der Hypertrophie des Politischen. War nicht, fragte sich K, das Private immer auch politisch? Beides musste er zu Wort kommen lassen, ungeschützt und exzessiv.

K hatte ein Bewusstsein von der Welt, wie sie sein könnte, während die Menschen um ihn herum nur das Bewusstsein von der Welt hatten, wie sie ist. Dass man durch sich selbst neue Tatsachen schaffen könne, also auch eine befriedetere und gerechtere Welt, das war diesen Menschen fremd. In ihnen war nur Zuneigung für das, was ist, und zu viel Abneigung gegenüber dem, was sein könnte. Ihnen mangelte es an der Öffnung hin zum Potenziellen, aus dem heraus eine bessere Welt möglich werden könnte. Sie wagten es nicht, bedingungslos  zu lieben. Und deshalb kannten sie auch nicht die Sehnsucht nach einem zukünftigen Reich der Liebe. Gern flohen sie aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit. Doch das Reich der Freiheit ohne wirkliche Liebe taugt nichts. Freiheit von ohne Freiheit zu hat schon immer in die Katastrophe geführt. Auch der so genannte freie Demokrat  war Gefangener seiner Selbstsucht. Was sie Liebe nannten, war letztlich nur ein Egoismus zu zweien. Der aber ermöglichte kein zukunftsfähiges Weltverhalten.

Mochte K für die Außenwahrnehmung auch ein Macho sein, so hatte er zugleich auch viel Feminines, denn eine Leidenschaft für das Harmonische war seine Erhebung, und seine Sehnsucht nach Lust führte ihn in den Vorhof der großen Liebe, die alles adelt.

K war kein Wissenschaftler, im Grunde war er ein verhinderter Künstler. Gern wäre er ein Denker gewesen, der, über die sinkende Welt schreibend, Literatur hervorbringt, voll von ironischer Streitlust und nicht ohne Freundlichkeit.

Hätte er es gewagt, dem Ruf der Kunst zu folgen, ihm wären die Umwege über die schlechte wissenschaftliche Propaganda erspart geblieben. Das Motiv eines ernsthaften Wissenschaftlers ist, wertfreie Erkenntnisse zu finden. Das Motiv eines ernsthaften Schriftstellers ist, ernsthafte Literatur zu machen. Wer als Wissenschaftler gegen die Gesellschaft rebellieren will, sollte das als Privatperson tun, nicht aber als Wissenschaftler. Wer als Schriftsteller gegen die Gesellschaft rebellieren will, hat nur eine Möglichkeit – gute Literatur zu schreiben.

Diese heilsame Selbstkorrektur der Literatur gab K leichtfertig aus der Hand, als er sich in die Wissenschaft drängen ließ. Nichts lässt sich leichter politisch instrumentalisieren als Wissenschaft, besonders gefährdet sind die Humanwissenschaften. Wenn die Suche nach Wahrheit zum Propagandagefasel für eine bessere Welt verkommt, wird die Welt nicht besser. Das Schicksal der wissenschaftsbegleiteten Friedens- und Ökobewegung wurde K zum traurigen Beleg für diese Einsicht. Ihr militanter Glaube an eine befriedetere, gerechtere und vor allem zukunftsfähigere Welt war nur eine andere Form der alten Scheiße: Wir haben Recht! Wer uns nicht folgt, ist unser Gegner und Feind!

K überkam mit den Jahren das beschämende Gefühl wissenschaftlicher Verfehlung und rationaler Unbeherrschtheit. Das wissenschaftliche Denken verallgemeinert, die Literatur dagegen meint immer nur den Einzelnen. Wissenschaft und Politik sehen immer alle, das heißt letztlich keinen. Die Literatur differenziert, sie sieht diesen konkreten Menschen dort in seiner singulären Situation. Wissenschaftler und Politiker müssen den Einzelfall übersehen, die Literatur macht ihn zu ihrem ausgezeichneten Thema.

Das Gute findet sich nicht im Allgemeinen, nicht in den großen Entwürfen und ideologischen Konstrukten. Das Gute ist nur möglich im Konkreten, im Einzelfall.

Die Wissenschaft hatte K nach solchen Erkenntnissen nur noch wenig zu sagen.

Als Jüngling, in den Tagen kulturgetränkter Geborgenheit und erster sinnlicher Ausschweifungen, in diesen Tagen des Erwachens, hatte er fast täglich ein Gedicht geschrieben. Hunderte kamen zusammen. Einige wurden zu seiner Überraschung sogar gedruckt, nicht nur in Studentenzeitungen, sondern auch in der Hannoverschen Presse. Ihr Feuilletonredakteur Friedrich Rascher sah in ihnen Potenzial.

Damals glaubte K, sein Leben werde er als Künstler bestehen.

Das wagte er dann doch nicht. Dem Sirenengeheul seines Pflegevaters widerstand er nicht: Du brauchst einen sicheren Job. Werde Beamter! Werde Lehrer! Nur ein solches Studium können wir Dir bezahlen. K wurde Beamter, K wurde nicht nur Lehrer, er wurde gar Dozent an einer wissenschaftlichen Hochschule. Später bedauerte er das sehr.  Aus der sicheren Burg einer beamteten Professur bastelte er sich eine fragwürdige Wissenschaftsexistenz zusammen, die ihm Legitimation genug schien, die Welt, wie sie war, zu kritisieren. Dass er als Künstler viel wirksamer hätte werden können, dämmerte ihm erst, als es schon zu spät war.

Andererseits war nicht zu übersehen, dass K für viele zeitgenössische Künstler kein Verständnis aufbrachte. Er fand sie substanzlos. Er wusste geistreich und fein über ihre Werke zu spotten. Ob er sie zu Recht herabsetzte, wer wollte das entscheiden in Zeiten, in denen die Kaiser immer neue Kleider anhatten und in Wahrheit nackt daherkamen. Eine gewisse Gereiztheit begleiteten Ks Ablehnungssuaden schon. Das sprach nicht für die Souveränität seiner Urteile.

K wunderte sich immer wieder von neuem, dass nicht mehr Menschen von einer Art Wahnsinn ergriffen werden, alles hinschmeißen, liegenlassen, aufstampfen und brüllen, um sich von der ihnen zugemuteten und auferzwungenen Last des falschen Lebens zu befreien.

Ks Abneigung gegenüber den Mitmenschen wurde immer größer. Er ertrug die angepassten Schmarotzer der deutschen Wohlstandsgesellschaft immer weniger, diese Neureichen und aufgedonnerten Schönen. Solche Kapital-Laffen mit ihrer freßsüchtigen Konsumattitüde, die, als Touristen getarnt, die ganze Welt überfielen, verursachten bei ihm nur noch Brechreiz. Wir sind wieder wer! Ja, verdammt nochmal, wer denn, fragte sich K und antworte für sich: Illusionslose Materialisten, Zyniker, ausgeblasen zu ewiger Subjektlosigkeit. Selbstherrliche Hohlköpfe ohne Herz und Hirn. Am deutschen Wesen wird auch dieses Mal die Welt nicht genesen, im Gegenteil. K war inzwischen tief davon überzeugt, dass der Absturz dieser wirtschaftsstarken Nation wieder nur eine Frage der Zeit sein werde.

Wenn er aufrichtig gegen sich selbst blieb, dann kam K zu der Einsicht, dass er in seinem Leben bestenfalls die mäßige Höhe einer halbgelehrten Mittelstandsexistenz erreicht hatte. Dass er im Meer der Ungebildeten mit seiner Halbausbildung glänzen konnte, sagte alles über die Gesellschaft, in der er lebte, nämlich nichts Gutes. Gelehrsamkeit und Scharfsinn gehören inzwischen vergangenen Zeiten an. Heute brilliert man mit Oberflächenphänomenen, rasch im Internet zusammengerafft und mit Showeffekten präsentiert.

Nicht nur in Politik und Wirtschaft, auch an Hochschulen häuften sich die Fälle intriganter Emporkömmlinge mit miserablen Kompetenzen. Der einst gute Ruf des Professors hatte längst Schaden genommen.

Die Zeiten, in denen noch der Gedanke lebendig war, dass jemand, der die naturwissenschaftlichen Realien vermittelte, sehr wohl ein Lehrer sein konnte, aber niemals ein Erzieher, schienen K endgültig vorbei. Ernüchtert stellte K fest, dass heute auch in den Humanwissenschaften erst gar nicht mehr erzogen werde. Der Zusammenhang zwischen den alten Sprachen und der Leidenschaft für das Humane, wer kannte ihn noch? In K waren noch rudimentäre Reste dieses Zusammenhanges lebendig. Die Welt der antiken Sprachen, die Studia humaniora,  hatte er noch betreten, aber wirklich bewohnt schon nicht mehr.

War der Prozess des Verfalls nicht deshalb in Gang gekommen, fragte sich K, weil dem Geistigen zu oft die befruchtende Berührung mit dem Leiblichen fehlte? Dann blieb auch das Edelste im Menschen blind und leer. Maulhelden bevölkerten fortan die Welt, Spruchheilige, die das christlich-humanistische Abendland in ein Komödienhaus verwandelten.

Die Ausflüchte geschwollener Bedenkenträger, sich nicht einzumischen, sich nicht engagieren zu müssen,  sind von komischer Verzweiflung: Nur keine Stellung beziehen!  Alles offenhalten! Sie finden immer ein Haar in der Suppe, die später andere auslöffeln müssen. Wie oft hatte K diese Erfahrung schon machen müssen, in den frühen Zeiten der Öko-Bewegung, im Engagement gegen die Atomkraft, im Kampf gegen den immer möglichen Atomtod. Dieser Hochmut ist reich an zynischen Nebengeräuschen.

K stellte sich überlegt und bewusst für allerlei Verdächtigungen zur Verfügung. Wer, wie er, ernsthaft von Liebe und Vernunft sprach und an universalisierbaren Werten festhielt, der war für die Avantgarde der Zeitgeistler aus der Zeit gefallen. Solche Leute fanden K bestenfalls rührend, wenn er auf das Vernunftbrevier der klassischen Aufklärung setzte und zu romantischen Ganzheitspredigten, wie sie es nannten, Zuflucht suchte. Tischte K den intellektuellen Trendsettern doch nur abgestandene Gänge aus historischen Menüs auf, die längst im Mülleimer der Geschichte gelandet waren. Dass man ihre Possen postmoderner Beliebigkeit gründlich widerlegen konnte, nahmen sie selbstredend nicht zur Kenntnis.

Was diese intellektuellen Trendsetter nicht verstanden, wenn sie K überhaupt wahrnahmen, war, dass er sie längst nicht mehr  als Gesprächspartner aufsuchte. Er hatte sie abgeschrieben. K arbeitete nicht für abgehobene Theoriebastler in Elitenischen. Er wollte jedermann und jedefrau erreichen. K ging es nicht um intellektuelle Schlachten, ihm ging es um konkrete praktische Einmischung. Er wollte, dass man sich auf die sinkende Welt einließ, um sie zu retten, oder bescheidener, um ihren Sturz wenigstens abzubremsen und zu verlangsamen. Er wollte, dass man im Meer des Unheils Inseln der Menschlichkeit bewohnbar machte. Wie die Akteure eines solchen Gutes das theoretisch begründeten, war ihm ziemlich egal.

Ks Wahrheitsbegriff war banal: Richtig und gut ist das, was das Leben schützt, fördert und erhöht, böse dagegen ist das, was Leben beschädigt und zerstört. Drohnen, Killerdrohnen, die zielsicher Menschen treffen und töten, können niemals gut sein, vor allem dann nicht, wenn sie Unschuldige treffen, Alte und Frauen und Kinder. Ein solches Töten ist unvernünftig. Von dieser simplen Alltagserfahrung konnte ihn kein noch so raffiniert argumentierender Verstandesegoist abbringen. Stundenlang könnte K weitere Beispiele nennen.

Wenn es um Frieden und Gerechtigkeit ging, gebärdete sich K lange als zorniger Kämpfer. Pausenlos war er gegen alles und jeden, sobald er diese Ideale verletzt sah. Und er sah sie überall verletzt. Ungefragt brachte er dann seine Meinung dazu unter die Leute. Er war voller Widerspruchsgeist und energischer Streitlust. In seinem Kampf für Frieden und Gerechtigkeit war er kein umgänglicher Mann.

Sein Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse nahm nochmals zu, als er in seinen Kampf für eine bessere Welt noch die Ökologie integrierte. Wer die uns alle tragende Natur für das Linsengericht unseres blöden Wohlstandes zerstört, der war fortan sein Feind. Dass er sich dabei auch selbst bekämpfen musste, war den gesellschaftlichen Verhältnissen geschuldet. Es gab kein richtiges Leben im falschen, auch für K nicht. Die Dreistigkeit wie alle das Leben beschädigten, kotzte ihn an. Sich selbst konnte er manchmal am allerwenigsten ertragen.

Die Beweise, dass man so nicht weitermachen konnte wie bisher, wurden mit jedem Jahrzehnt erdrückender. Geändert wurde nichts. Im Gegenteil, der neoliberale Kapitalismus wütete zynischer als alles bisher Dagewesene. Um das Überleben der Gattung scherten sich die omnipotenten Macher nicht, und ein Leben in Würde war ihnen piepegal. Der Profit musste stimmen, dann war ihre Welt in Ordnung. Ks Rebellion gegen diesen todbringenden Unsinn war so unerschöpflich wie aussichtslos.

K wurde zum raunenden Beschwörer des Imperfekts. Er war durch und durch Pädagoge, nicht im alltäglichen Verständnis des Schulmeisters, nicht einmal in dem des akademischen Lehrers. Was er an seiner Hochschule trieb, war alles andere als Erziehungswissenschaft. Für seinen Lehrstuhl hätte man eine neue Bezeichnung finden müssen. Etwas zwischen Aufklärung und Lebenshilfe trieb ihn an. K verstand sich als jemand, der dem Nächsten beistehen wollte, damit er sich emporbilden könne. Ja, Emporbildung, das war seine zentrale Chiffre im Horizont von Herzensbildung, Vernunft und Liebe. Schon diese altmodischen Worte disqualifizierten ihn in den Augen seiner Kolleginnen und Kollegen.

Ks Lebenswille wurde immer wieder durch seine Selbstbeobachtungen gebrochen. Der Dämon der Nachdenklichkeit lähmte seine Spontaneität. Er war ein grüblerischer Mensch. Was ihn anspornte und ihm Halt gab, war der Optimismus der Aufklärung, die Hoffnung auf Menschenverbesserung durch Emporbildung. Das machte ihn zum Pädagogen jenseits aller Schulmeisterei. K sang das Lied vom guten Menschen in einer Tonlage, die wohl ein wenig zu hoch war. Umso tiefer stürzte er immer dann ab, wenn er sah, wie wenig er und seinesgleichen auszurichten in der Lage waren. Wie wenig? Ach, nichts vermochten sie, rein gar nichts. Der Welt blieb ein Augiasstall. Niemand konnte ihn ausmisten.

Ks intellektueller Ekel vor dem Menschen nahm in dem Maße zu, wie ihm bewusst wurde, dass ein allgemeiner Wille zur Emporbildung das Elend in der Welt wenden könnte. Nicht einmal einen Versuch wollten die Verantwortlichen eingehen, das Bildungssystem zukunftstauglich zu machen. Es änderte sich nichts. Das Elend blieb, was es war, das Elend der Massen.

K war bestrebt, aus diesen unsauberen Verhältnissen einigermaßen rein hervorzugehen. Dass er sich dabei zwischendurch auch mit schmutzigem Wasser waschen musste, konnte er nicht vermeiden.

Zur Zufriedenheit mit der Welt ließ sich K nicht überreden. Stoa und Psychoanalyse verrichteten ihr Werk an ihm vergeblich. Er hatte sich dazu entschlossen, als Kopf-Rebell zu leben, eine Lebensform, die keinen Marktwert mehr hatte.

K vereinte in sich die depressiven Formen des beschädigten Lebens mit einem futuristischen Utopismus, was ihm die Depression ersparte.

K war schüchtern. Er versuchte, sein unsicheres Auftreten durch übertriebene Liebenswürdigkeit zu kompensieren. Wer ihm wohlgesonnen war, übersah diese Schwäche, wer ihm übel wollte, bereitete ihm die größten Qualen. Nur ein barmherziger Freund konnte ihn dann vor Schlimmerem bewahren.

Ks Scheu vor neuen Begegnungen war grenzenlos. Vor allem Begegnungen mit Unbekannten ließen ihn zittern. Vorlesungen, Seminare und öffentliche Vorträge waren ihm eine Pein. Sicher fühlte er sich nur, wenn er auf Menschen traf, die er schon kannte und deren Herz in seinem Rhythmus schlug.  Ruhig war er nur dort, wo er schon gewesen war. Niemand vermutete das. Von außen betrachtet, wirkte er souverän. Seine öffentlichen Auftritte waren elegant, seine Rhetorik brillant, jedenfalls sagte man ihm das immer wieder. Dass er während seiner Reden und Seminare tausend Tode starb, niemand bemerkte das.

K komponierte seine Vorlesungen sorgfältig. Sie folgten einer strengen Sachlogik. K nötigte auf diese Weise seine Studierenden zum konzentrierten Zuhören. Diese Konzentration war ohne Überforderung nicht zwei Stunden lang aufrechtzuerhalten. Zur Entlastung verfiel K  in eine disziplinlose Weitschweifigkeit. Das geschah immer dann, wenn das Sachthema einen saftigen Bezug zur Gegenwart zuließ. K fand immer einen solchen Bezug. Dann konnte es schon einmal passieren, dass die objektive Darstellung des Vorlesungsgegenstandes auf der Strecke blieb. Aus der wissenschaftlichen Vorlesung wurde ein unterhaltsames Kabarett. K war aufsässig auf eine lebendige, weitertragende Art. Die Studentinnen und Studenten genossen das. Nicht wenige kamen nur dieser Abschweifungen wegen. Überhaupt, über mangelnden Zulauf konnte er sich nicht beklagen. Ks Hörsaal war stets voll besetzt.

Ks Vortragsstil hatte die Herkunft aus dem Willen abgelegt. Man sah ihm die vorbereitende Anstrengung nicht mehr an. Die Sprache floss frei und wie selbstverständlich. Ein Manuskript brauchte er nicht. Alles kam aus einer Leichtigkeit, die das Publikum dazu verführte anzunehmen, K könne aus dem Stand ohne Mühe solch eine vollendete Leistung vollbringen.

K verstrickte sich in ein unbefriedigendes Vortragsleben, auch in der Wirtschaft,  und in eine kämpferische Lehrtätigkeit. Er hatte ein begeistertes Publikum, dem es gelang, ihn in seiner Sprachkunst zu bewundern, ohne praktische Konsequenzen daraus zu ziehen. Ks geschliffene Begründungen für einen überlebensnotwendigen radikalen Bewusstseinswandel parierten diese Denkfeinde aus einem Glauben an den Status Quo. K war wortmächtig ohne Macht. Sein Engagement für die bessere Sache wurde vernommen und blieb dennoch ungehört. Dem sturen, finsteren, hartherzigen Glauben an den unbegrenzten materiellen Fortschritt konnte Ks Protest nichts anhaben. Ihre ökonomisch gepanzerten Einstellungen ließen sich durch keine Heuristik der Furcht verunsichern. Zweifel kannten diese Selbstzufriedenen nicht. Ihr enthusiastischer Beifall nach seinen Reden und ihre anschließenden Lobsprüche ins Blaue hinein, nahmen den Redner nicht ernst. Er wurde zum schmückenden Beiwerk ihrer Alltagsgeschäfte. K mutierte zum Narren.

K hatte sich die finstere Scheu des Emporkömmlings bewahrt. Unter Intellektuellen fühlte er sich nicht wohl. Intellektuelle schienen ihm gefährliche, leicht zu Verrat neigende Raubtiere zu sein. Zu viele von ihnen erlebte er als zynische Spieler. Und ihre Eitelkeit war grenzenlos. Wenn er sich dann schweigend zurückzog, versank er in der Wahrnehmung der Lauten und Erfolgreichen in Bedeutungslosigkeit.

Selten hatte K das Bedürfnis, seinen Wohnort zu verlassen. Nur wenn im Frühjahr die ART Basel die Tore öffnete, fuhr er mit der Regionalbahn S6 zu dieser weltbekannten Kunstmesse. Die Ausstellungshallen waren beblüht mit unbekannten Schönen aus aller Herren Länder. Diese weiblichen Kunstwerke, die um Bewunderung buhlten und in den gewagtesten Kleidern nach Anerkennung schrien,  stimulierten K mehr als die Bilder an den Wänden und die Skulpturen am Boden. Diese Welt der Schönen und Reichen mit ihren roten Sondereintrittskarten für jede VIP-Longe atmete die zur Selbstverständlichkeit gewordene Eitelkeit der Erfolgreichen. Sie nahmen sich so wichtig, dass K sie nicht mehr ernst nehmen konnte. Sie heuchelten ein Engagement, das nur mühsam ihre Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber verdecken konnte.  Auf diese Weise wurden die Schönen selbst zu wandelnden Ausstellungsstücken einer Avantgarde ohne Seele. Das zärtliche Versprechen eines Lächelns misslang ihnen. Ihr Blick war stets eine Spur zu geschäftig. Sie machten sich selbst zur Ware unter Waren. K fuhr enttäuscht zurück in sein Haus, nicht ohne Hoffnung, im kommenden Jahr auf größere Lebendigkeit und ehrlichere Herzenswärme zu treffen. Auf diese Weise bewahrte  er für sich die freudige Erregung einer immer möglichen menschlichen Überraschung. Immer noch hoffte er, dass der von Schönheit überraschte Verstand zur Vernunft käme.

Es war der Mut zum Vergeblichen, der K immer wieder neu antrieb, das Notwendige wenigstens zu denken: Die Menschheit bedarf eines radikalen Bewusstseinswandels. K erinnerte sich dann, dass der archaische Torso in Rilkes Gedicht uns beharrlich zuruft: Du musst dein Leben ändern!

Ks wiederholungsgetränkte Zorn auf den ungezügelten Kapitalismus änderte an den herrschenden Verhältnissen nichts, umso mehr aber an ihm selbst. Er wurde zum polternden Griesgram, dem man tunlichst aus dem Wege ging. Mit seinen massiven Drohungen zwang er sein Umfeld zu stummer Unterwerfung. Überzeugen konnte er nicht einmal seine näheren Mitmenschen. K vereinsamte  in seiner Kritik. Er war es, der zum Outlaw wurde, nicht das kranke System.

K bewährte sich nicht immer durch das Hören und Gehorchen in Gehorsam auf die Wahrheit der Vernunft. Wohl vernahm er, wie er leben sollte, doch sein Handeln entsprach dem Ruf des Gewissens nicht immer.  Er versagte vor sich selbst, wenn er der Betriebsamkeit des Man verfiel.

K wusste genau, wann seine Freundlichkeit ihren Grund in Gefallsucht hatte. In jungen Jahren war das oft der Fall. Schon damals lehnte er sich deshalb als gescheiterte Person ab. Wird er heute, selten genug, rückfällig, überkommt ihn eine bittere Scham.

Die Unfähigkeit, das vergängliche Leben anständig zu leben, provoziert allenthalben den Wahnsinn, es selbstverschuldet zu belasten und zu verkürzen. Unmenschlichkeit steht täglich auf der Agenda. Für das Linsengericht ihrer Wohlfahrt und ihrer Eitelkeit sind Menschen ganz offensichtlich bereit, sich gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen. Selbstredend sind immer die anderen die Höllenbewohner. K hatte ein Mittel dagegen, unermüdlich wiederholte er es: Emporbildung. Doch niemand wollte etwas davon wissen.

K begann, die Frustration zu durchleiden, die schon seinem akademischen Lehrer  nicht erspart geblieben war. K war im Begriff, dessen Schicksal zu wiederholen. In seiner wütenden Hilflosigkeit wurde auch K unleidlich und ungerecht.

Während der Assistentenzeit hatte sein Professor ihm zu viel Wissen zugemutet. Es war mehr, als K mit seiner noch dürftigen Lebenserfahrung hatte verarbeiten können. K wirkte fortan aufdringlich frühreif. Ausgebildet wie er plötzlich war, redete er an Hand von angelernten Kenntnissen. Die waren nicht falsch. Im Gegenteil, und sie standen ihm reichlich zur Verfügung. Nur wirkten sie aufgesetzt. K war nicht authentisch. Ks gelehrtes Reden kam nicht gut an. Wer ihn nicht persönlich kannte, hielt ihn für arrogant. Nur langsam änderte sich das. Erst als er das Schweigen gelernt hatte, näherten sich ihm Gleichgesinnte mit Sympathie, ja mit Liebe.

Was K so gern vermocht hätte und an dem er so sichtbar scheiterte, den reinen Ernst seiner Themen keusch ins Geistreiche und Funkelnde zu übersetzen. Wieviel leichter wären die Gespräche mit ihm gewesen. K kam zu schwer daher. Früher hätte man ihn faustisch genannt. Erst im Alter lockerte er sich. Da argwöhnte er, dass er sich und seine Aufgaben nicht mehr ernst genug nähme, dass er resigniert habe.

Wenn K nicht sagen musste, was ihm wirklich wichtig war, was er eigentlich dachte, war er ein launiger und bisweilen geistreicher Unterhalter, ein Plauderer von Erfahrungs-Gnaden. Seine Geschichten waren keine Buchgeschichten, es waren erlebte, geadelt durch sein Leben. Sie waren ungeschönt derb, also noch nicht durch die Poliermaschine der bürgerlichen Wohlanständigkeit geglättet worden. Gerade deshalb entfalteten sie ihren besonderen Reiz insbesondere bei Damen sogenannt höherer Kreise. Deren Sehnsucht nach ungefiltertem Leben war grenzenlos. Immer lief ihnen ein Schauder den Rücken hinunter, wenn er von seiner Flucht erzählte oder davon, wie er als Fastnochkind von einer Frau verführt worden war. Sagte K dagegen, was ihn wirklich bewegte, sprengte er jede Gesellschaft. Er verdarb allen die gute Laune. Dann wunderte er sich, dass nicht alle so dachten wie er. Die grausamen Nachrichten aus der Welt hatte ihm noch niemand widerlegen können. Ausgewichen sind sie ihnen fast alle. K lernte zu schweigen. Auf diesem Schweigen plätscherte dann das Lachen der Lauen und Lahmen, die nur ihre Ruhe im persönlichen Genießen haben wollten.

K musste aufpassen, dass er mit seiner Sensibilität nicht zu einem pseudodevoten Betroffenheitsvirtuosen wurde. Mit seinem Verständnis für Bedrängte und Gescheiterte war er nicht nur der willkommene Helfer. Aus dem Seelentröster drohte gelegentlich der Seelenbelästiger zu werden. Jedes Gespräch trieb er sogleich in die psychische Tiefe. K drang in die Seele seiner Gesprächspartner mit mikroskopischer Genauigkeit ein. Er nahm die Menschen ernst. Und so traf er immer auf offene Ohren. Wieviel blieb in unserer Gesellschaft doch ungesagt. K war für die Verschütteten wie ein Befreier.

Nachdem K die Zeitungen gelesen und die Nachrichten gehört hatte, dann dem Livestream des Aktuellen im Internet gefolgt war, legte er voller Ohnmacht die Neuigkeiten zu den alten Ungeheuerlichkeiten von gestern und vorgestern. Die Welt wurde nicht besser. Seit Jahrhunderten verwitterte die Menschlichkeit am behauenen Stein. Die Inschrift wurde blasser und blasser. Ecce homo. Der Schrecken vor dem Elend nutzte sich ab. Das Hauen und Stechen und Morden wurde wieder einmal etwas Selbstverständliches. Sie schlugen wieder Köpfe ab und verbrannten wieder ihresgleichen bei lebendigem Leibe. So ist er eben, der Mensch. Homo homini lupus.

Das kollektive Denken ist unvernünftig. Es treibt Aktivitäten hervor, die viel Schaden und noch mehr Leiden verursachen. Die meisten dieser Handlungen, davon war K mit guten Argumenten überzeugt, sind schlicht überflüssig. K kultivierte seinen Hass auf solche Tätigkeiten. Ganz oben auf seiner Abschussliste der Alltagsdummheiten stand das Autofahren, gefolgt vom Massentourismus. Es hatte ihm noch niemand erklären können, weshalb beispielsweise Pensionäre mit überdimensionierten Autos, mit Kreuzfahrtschiffen und interkontinentaltauglichen Flugzeugen wie Heuschrecken in fremde Länder einfallen müssen, um, nachhause zurückgekehrt, darüber zu klagen, dass es kein gutes deutsches Bier am Urlaubsort gab und dass die Abfertigung der kilometerfressenden Ausflügler am Zoll, in der Wartehalle der Reederei oder im Flughafen zu lange dauerte. Über den von ihnen verursachten CO2-Ausstoß hatten diese Reisenden noch nie nachgedacht. Wie auch. Waren diese Alten doch vollauf damit beschäftigt, vor sich selbst zu fliehen.

Die ereignisarme Monotonie seiner Tage bereitete K keine Unruhe. Er liebte den Rhythmus des Bekannten. Die ewige Wiederkehr des Gleichen gab seinem Leben Halt. Er brauchte die Ausschläge nach oben und unten in seinen späteren Jahren überhaupt nicht mehr. Sein Abenteuer bestand darin, überhaupt noch zu leben. Er betete den Gott der kleinen Dinge an. Das genügte ihm. Große Reisen hatten ihm noch nie viel gesagt, und nun vermisste er sie gar nicht mehr. Langeweile kannte er überhaupt nicht.

Ks Rückzug aus den Banalitäten des Alltags führte ihn in eine angstfreie Isolation. Aus dieser Einsamkeit blickte er scharf auf das, was ihn umgab. Nur weniges konnte er billigen. K gelang es immer, von den Mitmenschen enttäuscht zu sein. Am meisten aber war er von sich selbst enttäuscht. K war maßlos in seiner Selbstkritik. Er fand, dass er in seinem Leben unter seinen Möglichkeiten geblieben war. Was er einst hatte werden wollen, und das er schon zu sein begonnen hatte und dann doch nicht erreichte, blieb unerfüllt.

Der Preis, den er für seinen Rückzug aus dem Leben zahlte, war hoch. K umgab in den späten Jahren der Nimbus der Kälte. Den Lohn, den er für diese selbst gewählte Lebensart erhielt, war dafür umso bemerkenswerter. Inmitten der beschädigten Leben gelang ihm, wie ihm ein Freund sagte, eine Existenz in erstaunlicher Würde.

 


Zufällig ausgewählte Glosse

Die heutigen Wissenschaftler sind zu sehr Techniker, zu wenig Schöngeister.