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Totalschaden

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Totalschaden

Das waren noch Zeiten, als im antiken Rom Personenverkehr mit Wagen verboten war. Die alten Römer wussten noch um den Wert eines Menschenlebens.

Das sieht in der autobesessenen Moderne ganz anders aus. Deutschland zählt seit der Motorisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts über eine Million Verkehrstote. Durch das Auto wurde eben mal die Bevölkerung Münchens ausradiert. Damit sind wir noch nicht Spitzenreiter in der Todesstatistik. Die USA stehen auf dem Siegertreppchen: Zwischen 1900 und 2010 wurden bei ihnen im Strassenverkehr  über dreieinhalb Millionen Menschen getötet. Addiert man die Gesamtopferzahlen für diesen Zeitraum in den Ländern USA, China, Indien, Russland, Brasilien und Deutschland, dann kommt man auf die stattliche Summe von knapp 13 Millionen Toten.

Damit wir uns nicht missverstehen, das sind keine Zahlen aus dem Geschichtsbuch über Schlachtentote aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Völkern, nein, das sind die Opferzahlen von unseren automobilen Schlachtfeldern des unfriedlichen Strassenverkehrs. Die lackglänzende und viele Pferdestärken mächtige Blechbüchse Auto ist also bei Licht besehen eine Massenvernichtungswaffe, eine wirkmächtige und folgenreiche Massenvernichtungswaffe, und das auch in so genannten Friedenszeiten. Von den ökologischen Nebenwirkungen des Automobilismus sei in diesen Überlegungen einmal  abgesehen.

Der technische Fortschritt, der das Automobil möglich machte, und dem wir – fragwürdig genug – die „freie Fahrt“ der „freien Bürger“ verdanken, verursacht täglich ein riesiges Massaker. Unsere Strassen sind ein Schlachthaus. Auf ihnen wird massenhaft gestorben, und das unter besonders grausamen Umständen.

Das European Transport Safety Council (ETSC) hat festgestellt, dass Strassenverkehrsunfälle in der EU für Bürgerinnen und Bürger unter 50 Jahren „die hauptsächliche Todesursache und auch die hauptsächliche Ursache für eine Einlieferung ins Krankenhaus“ sind. In der EU ist also nichts tödlicher und ungesünder als das Auto. Allein in Deutschland wurden seit 1906 knapp 74 Millionen Menschen durch das Auto verletzt, davon etwa 14 Millionen schwer. Schwerverletzte sind solche, die intensivmedizinisch versorgt werden müssen.

Das alles nehmen wir nicht wahr. Wir blenden es aus. Wir verdrängen es. Nur derjenige, den das riesige Massaker trifft, das sich Tag für Tag, Stunde für Stunde, Sekunde für Sekunde  auf den Strassen dieser Welt ereignet, ist betroffen: Hat er einen lieben Angehörigen zu betrauern, wurde er selbst verletzt, so hält er einen Moment inne. Je nach Temperament und seelischer Robustheit wird er jedoch schon bald wieder am  Roulette des motorisierten Wahnsinns teilnehmen.

Über die knapp 3000 Terror-Toten in New York regt sich die Welt auf, zu Recht. Über Millionen Verkehrs-Tote regt sie sich nicht auf, zu Unrecht.

Weshalb bleibt die Empörung aus? Weshalb gibt es keinen Aufschrei gegen diese zur Selbstverständlichkeit gewordene Leid bringende Form der Mobilität?

Es ist ganz offensichtlich gelungen, dem Automobilismus  einen Sonderstatus in unserem Denken zuzuweisen. Wir messen mit zweierlei Mass.

Wenn ein Jugendlicher einen Betonbrocken von einer Autobahnbrücke wirft und dieser einen PKW trifft und neben der Fahrerin auf dem Sitz landet, dann fällen die Gerichte ein klares Urteil: Fünf Jahre Jugendhaft wegen versuchten Mordes. Unser Rechtsempfinden stimmt zu. Die Dummheit und Rücksichtslosigkeit des Jugendlichen hätte in der Tat tödliche Folgen haben können. Hat die Dummheit und Rücksichtslosigkeit eines Autofahrers tödliche Folgen, dann bleibt die entsprechende Strafe aus. Wenn ein betrunkener Autofahrer mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und dabei zwei neben der Fahrbahn befindliche Frauen zu Opfern macht, - die eine stirbt, die andere wird schwer verletzt -, dann kommt der Verursacher von Tod und körperlichem Leid mit einer Bewährungsstrafe davon. Verkehrs-„Unfälle“ mit tödlichem Ausgang gelten eben nur als „Fahrlässigkeit“. Die Gerichte tun alles, um den Autofahrer zu schützen.

Damit die tötenden deutschen Autofahrer Deutschland nicht zu einem Land der Kriminellen werden lassen, wird alles versucht, die lebensfeindlichen Auswirkungen des Automobilismus zu verharmlosen. Haarklein wird dann gar vom Bundesverfassungsgericht durchbuchstabiert, dass der Begriff „Waffe“ auf ein Kraftfahrzeug nicht anzuwenden sei. In dubio pro Auto. Das beruhigt uns dann alle. Denn jeder, der ein Auto führt, ist ein potentieller, nun ja, „Mörder“. Ein Menschenleben ist im Zeitalter des Automobilismus eben nicht viel wert.

Literaturhinweise:

Vgl. Klaus Gietinger unter Mitarbeit von Markus Schmidt: Totalschaden. München 2010

Hermann Knoflacher: Virus Auto. Die Geschichte einer Zerstörung. Wien 2009

Hanspeter Padrutt: Die Autopest. Zürich 1978

Peter Kern


Vgl. auch: Nicht nach Venedig




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