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Emporbildung

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Emporbildung

Wir Menschen sind das erziehungsbedürftigste und zugleich auch das erziehungsfähigste Lebewesen, das es auf unserem Globus gibt.

Erziehungsbedürftig sind wir, weil wir mit unserer Geburt noch nicht annähernd lebensfähig sind. Wir sind eine extrauterine Frühgeburt.

Im „Werk der Natur“ kommen wir zu uns selbst durch Wachstumsprozesse unserer Leiblichkeit.

Im „Werk der Gesellschaft“ lernen wir, uns anzupassen und einzufügen in die geschichtlich je individuelle Lebenssituation. Die Wachstumsprozesse werden zugleich durch diese Sozialisationsprozesse überformt.

Bleibt der Einzelne nur „Werk der Natur“ und „Werk der Gesellschaft“, so ist er doppelt fremdbestimmt. Er wird nur das, was Natur und Gesellschaft aus ihm gemacht haben. Er ist eingekerkert in diese doppelte Heteronomie. Er bleibt anthropologisch unfrei.

Gegenüber dieser anthropologischen Unfreiheit, auch inmitten jeder politischen Freiheit, haben wir als Menschen die Möglichkeit, mehr zu werden, als Natur und Gesellschaft imstande sind aus uns zu machen. Wir können in spezifischen Erziehungsprozessen die Erfahrung machen, uns autonom selbst zu bestimmen, indem wir wenigstens einigen  Antrieben der Natur und einigen Anforderungen der Gesellschaft gegenüber „Nein“ sagen können. Wir müssen nicht immer auf alle Reize der Natur reagieren; wir müssen nicht immer blind funktionieren und das tun, was die gesellschaftlichen Verhältnisse von uns fordern. Der Mensch kann als Einzelner durch Erziehung ein „Werk seiner selbst“ werden. Er erfährt gegenüber der doppelten Heteronomie die Möglichkeit menschlicher Autonomie.

Als dieses „Werk seiner selbst“ werden wir anthropologisch frei vom bedingungslosen Streben nach Daseins-Lust im „Werk der Natur“ und vom bedingungslosen Streben nach Daseins-Sicherheit im „Werk der Gesellschaft“. Wir überwinden dann in je konkreten Anspruchssituationen die rücksichtslose Selbst-Sorge unserer furchtgetriebenen und verstandgesteuerten Machtkonkurrenz, die immer in individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen endet. Wir werden jetzt in unserem umgreifend gedachten Bildungsprozess frei zur altruistischen Du-Sorge aus der Erfahrung einer spirituell gedeuteten Grundgestimmtheit, die die philosophische Tradition „Liebe“ nennt. Diese ist mehr und anderes als Sexualität und Erotik. In ihr und durch sie machen wir die Grunderfahrung uns unbedingt bindender Normen. Diese neuartigen Werterfahrungen nenne ich Grundbildung gegenüber der blossen Ausbildung in den Bereichen von Wissen und Können. Die Optimierung von Wissen und die Perfektionierung von Können bleiben im Blick auf ihre Anwendung ethisch ambivalent. Sie können Leben fördern, sie können es auch zerstören. Erst die Grundbildung gibt der Ausbildung ihre ethisch legitimierte Ausrichtung. Grundbildung orientiert sich also an einer Vertikalspannung. Das Auseinanderhervorgehen der Person aus Wachstumsprozessen („Werk der Natur“) und Sozialisationsprozessen („Werk der Gesellschaft“) hinauf zu einer den Einzelnen verpflichtenden ethischen Grundbildung („Werk seiner selbst“) nenne ich Emporbildung. Emporbildung meint das Prozesshafte an der umgreifenden Einheit von Ausbildung und Grundbildung, die zusammen Bildung ausmachen.

Veranschaulichen wir uns das Gesagte an einem Beispiel.

Ich begehre als „Werk der Natur“ den Rausch der Geschwindigkeit. Dieser kann durch ein schnelles Auto befriedigt werden. Durch Sozialisation in einem reichen Land habe ich gelernt, dass man ein Auto haben muss. Durch Erziehung zur Grundbildung werde ich ein „Werk meiner selbst“ und mache gegen die gesellschaftlichen Ansprüche die Werterfahrung, dass ich wegen der massiven lebensfeindlichen Nebenwirkungen des Automobils keines haben sollte. Ich stehe vor einem moralischen Konflikt. Entschliesse ich mich zur autofreien Lebensgestaltung, dann bewähre ich mich vor dem ethischen begründeten Imperativ. Ignoriere ich ihn, dann scheitere ich als Person. Oft suche ich auch einen Kompromiss. Ich fahre so wenig wie nur irgend möglich mit dem Auto. Als existentiell Emporgebildeter wird mich das allerdings nicht beruhigen können.

vgl. auch: Vernunft allein macht nicht glücklich

              Nicht nach Venedig

Peter Kern





 


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