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Identität und Rolle

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Identität und Rolle
Soziologisch-pädagogische Reflexionen zum Bildungsprozeß

1. Die Frage nach dem „subjektiven Faktor“

Der Bildungsprozeß ist mehr als Wachstum, Reifung, Entfaltung, als Prägung, als Lernen. Der Bildungsprozeß ist auch mehr als Entwicklung, sofern sie verstanden wird als Stufenfolge, Gestaltwandel, als Wiederholung ähnlicher Verhaltensweisen, Einstellungen, Haltungen, als Differenzierung und Strukturierung, als Schichtung, Prägung, Verfestigung. Der Bildungsprozeß meint eine spezifisch pädagogische Kategorie, in welcher der biologische Aspekt der Erb-„Bildung“ (Wachstum/Reifung) ebenso wie der soziologische Aspekt der Fremd-„Bildung“ (Prägung/Lernen: Sozialisation) und der individual-psychologische Aspekt der Selbst-„Bildung“ (Selbstwahl-Akte der Person) in eine sachangemessene Zuordnung zu bringen sind .

Von diesen drei Faktorengruppen im Bildungsprozeß ist der Selbstwahl-Faktor, der subjektive Faktor, in der jüngsten Vergangenheit in den wissenschaftlichen Reflexionen zunehmend zum Problem geworden .

Seit der „realistischen Wendung“ der fragwürdigerweise so genannten „geisteswissenschaftlichen Pädagogik“ zur modernen Erziehungswissenschaft sind die Methoden und Gegenstände der traditionellen Pädagogik ins Kreuzfeuer der Sprach-  und Wissenschaftskritik des Positivismus geraten . Wilhelm Flitner bemerkt dazu in seiner „Rückschau auf die Pädagogik in futurischer Absicht“: „Die jüngere Generation steht nunmehr im Bann der (vorwiegend amerikanischen) empirischen Soziologie, der (meist ebenfalls aus Nordamerika vermittelten) Psychoanalyse und des Neomarxismus“ .

Methodisch sind für den Erziehungswissenschaftler die empirischen Forschungsmethoden bedeutsam geworden, in gegenständlicher Hinsicht die gesellschaftlichen, insbesondere auch polit-ökonomischen Aspekte von Erziehung und Bildung. Die Einbeziehung empirischer Forschungsmethoden, soziologischer und polit-ökonomischer Fragestellungen bereicherte die pädagogische Forschung um unverzichtbare Perspektiven; problematisch wird diese Forschung jedoch, wenn sie sich absolut setzt, wie das in einer Reihe erziehungswissenschaftlicher Arbeiten erfolgt ist.

In ihr wird dann verkannt, daß z.B. Soziologie, sofern sie sich als Wissenschaft von den sozialen Strukturen der Gesellschaft begreift und sich daher an der strukturell-funktional orientierten amerikanischen Soziologie der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ausrichtet, den Menschen prinzipiell nur in besonderen Aspekten in den Blick bringt . Der Mensch wird in solchem soziologischen Verständnis gedeutet als „homo sociologicus“ bzw. „homo oeconomicus“, der er als „kollektive Existenz“ immer auch ist - unberücksichtigt bleibt nur die traditionelle Frage nach der „individuellen Existenz“, nach dem inmitten gesellschaftlicher Bedingungen auch noch verantwortlich handelnden Einzelnen, nach dem „subjektiven Faktor“.

Für die Frage nach der Bedeutung des „subjektiven Faktors“ wurde allerdings bisher auch in den gesellschaftstheoretischen Orientierungen keine befriedigende Antwort gefunden, obwohl man zunehmend um eine Integration dieses Aspektes bemüht ist: Entweder blieb er im Kontext liberaler Konzeption angesichts der Widerstände der Wirklichkeit Idee, oder aber er verschwand in der Dialektik gesamtgesellschaftlicher Bewegungen . Obwohl gerade in den gesamtgesellschaftlich relevanten Theorieversuchen der letzten Jahre der „subjektive Faktor“ und dessen Bedeutung zumindest auf der Ebene kollektiver Handlungsversuche zunehmend zum Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen wurde, der subjektive Faktor mithin immer auch Element gesamtgesellschaftlicher Ansätze war, kommt er unter dem Aspekt des handelnden Subjekts nie recht zu sich selbst .

Für soziologische und politologische Theoriebildung, die vor allem auf gesamtgesellschaftliche Aspekte bezogen ist, kann diese Vernachlässigung des handelnden Subjekts als eine aspektspezifische Begrenzung des Erkenntnisgegenstandes noch hingenommen werden, eine pädagogische Reflexion ohne Berücksichtigung des subjektiven Faktors beraubte sich jedoch ihres spezifischen Forschungsgegenstandes. Ohne der Ideologie einer Hypostasierung des „freien“ Subjektes anheimzufallen, sind also pädagogisch und soziologisch die „Dimensionen möglicher Freiheitsgrade des Handelns“ (Jürgen Habermas) für den Einzelnen zu thematisieren.

Während gegenwärtig zahlreiche erziehungswissenschaftliche Arbeiten sich dadurch auszeichnen, daß sie im Rahmen eines in dieser Konsequenz mißverstandenen Primats soziologischer Fragestellungen den subjektiven Faktor fast völlig ausblenden, gehen die Versuche, diesen in die soziologische Dimension zu integrieren, auch „unterhalb“ der gesamtgesellschaftlichen Theorieebene weiter. Gerade ein -  für die sozialwissenschaftlich geöffnete Pädagogik -  zentraler Begriff, der der Rolle, wurde dabei in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt. Diese soziologischen Fragestellungen und Erkenntnisse könnten den Erziehungswissenschaftler vor fragwürdigen Einseitigkeiten bewahren.


2. Vororientierungen zum Begriff der sozialen Rolle

Die sozialwissenschaftliche Diskussion, auch im Hinblick auf die Rollentheorie, stand lange Jahre im Zeichen der Einflüsse der strukturell-funktionalen Theorie, wie sie u. a. durch Parsons und Merton vertreten wird.

Lothar Krappmann  fragt im Hinblick auf diese vorherrschende Diskussion des strukturell-funktional erfaßten Rollenbegriffs nach dem Verbleib des Subjektes und trägt damit entscheidend zu einer, wenn auch schon vorbereiteten, Wiederaufnahme des „Rollenthemas“ in der soziologischen Szene bei, nachdem dieses vor dem Hintergrund intensiver Diskussionen in den fünfziger Jahren in den Bestand fragloser Selbstverständlichkeiten übergegangen war. Zu diesem Zweck arbeitet L. Krappmann den Begriff der „Identität“ in der wissenschaftlichen Literatur auf und stellt diesen dem geltenden Rollenbegriff gegenüber. Er macht deutlich, daß im Rollenbegriff, sofern er in der Nachfolge der kulturanthropologischen Tradition steht (Linton), „gleiches Verhalten verschiedener Menschen in der gleichen Position und Konformität zu Normen“ erklärt wird. Diese im Rahmen der strukturell-funktionalen Theorie entwickelte Fragestellung blendet das Subjekt, die Eigenleistung und Spontaneität des Subjektes,  weitgehend aus.

Uta Gerhardt macht darauf aufmerksam, daß es Linton weniger um die Positionen und Rollen eines Menschen gehe, „sondern um seinen allgemeinen Status, d. h. seine Position im Gesamtgefüge der Gesellschaft“ . Es sollen also die von den Individuen abstrahierbaren Grundmuster der Interaktion herausgearbeitet werden.

In der deutschen Rezeption der angloamerikanischen Rollenkonzeption wurde dann eine Gleichsetzung von Status und Position vorgenommen; zugleich erfolgte die Diskussion bereits im Bezugsrahmen des Problems der subjektiven Beziehung zur eigenen und fremden sozialen Rolle.

Drei Formen dieser Rezeption sind zu unterscheiden:

    das anthropologische Konzept der Rolle, in ihm wird davon ausgegangen, „daß der Mensch schon als solcher in Rollen konstituiert wird“ ; der Einzelne entfalte sich immer in Bezug auf bestimmte Rollenerwartungen;
    das reifizierte Konzept der sozialen Rolle, in dem die Gesellschaft und ihre Rollenzumutungen als „ärgerliche Tatsache“ dem Einzelnen gegenübergestellt werden;
    das vertragliche Rollenkonzept, das „einerseits das Moment der zeitlichen Begrenzung der Rollenverpflichtung geltend macht und andererseits die Rollenunterwerfung als eine akzeptierte Mehrheitsentscheidung erklären will“ .

Dieses dritte Konzept wird durch Claessens vom ersten Modell (Tenbruck) und zweiten Modell (Dahrendorf) abgehoben. Insbesondere das Moment wird betont, daß die Menschen in der industriellen Gesellschaft ihr Verhalten als Rollenverhalten begreifen.

Dieser Gedanke, die Rolle der Rolle vor dem Hintergrund der sozio-ökonomischen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zu sehen, wird von Willms weiter verfolgt. Für ihn steht die Rollentheorie in der Nachfolge der Vertragstheorie. Willms führt aus, daß der Vertrag die „Figur der Sozialvernunft des abstrakten bürgerlichen Subjekts“ war, „das autonom bestimmend auch eine Sozialbeziehung als gemachte auffassen wollte, als selbstgemachte“. Insofern zielt diese Auffassung der Rolle auf Momente des „Sich-frei-Machens“ von neuen Zumutungen; man kann sich, wenn man will, „in die Anonymität, in nicht greifbare Privatheit, zurückziehen“ .

Der Begriff der sozialen Rolle, verknüpft mit dem der sozialen Position, entfaltet sich folglich in der Alternative von Rollenkonformität und Rollennonkonformität. Freilich bleibt die Rollennonkonformität, nach Willms, gegenwärtig verstellt. Da Willms Begriff und Verwendung der sozialen Rolle historisch begreift, sieht er sogleich die Hypothek der bürgerlichen Gesellschaft: Der Rollenbegriff (Vertrag), der die Offenheit und Dynamik der industriellen Gesellschaft der vertragstheoretischen Epochen im emanzipativen Sinne beschreiben konnte, hat sich heute zur „herrschenden Idee“ einer „herrschenden Schicht“ gewandelt. Dabei wird unterstellt, daß „das System ,industrielle Gesellschaft’ eben nicht ,offen und dynamisch’, sondern manipulativ und repressiv“ ist .

3. Ich-Identität und soziale Identität: Kriterien zur Spezifizierung des Begriffs der sozialen Rolle

Lothar Krappmann versucht, stark in Anlehnung an Jürgen Habermas , mit Hilfe der Kategorie der „Identität“ den Rollenbegriff aus der politischen Verstrickung, wie sie Willms aufzeigen konnte, zu lösen. Vorwegnehmend sei gleich gesagt, daß er gerade die von Willms angezielten Dimensionen der Herrschaft, der Institutionalisierung von Herrschaft, der, um im Sprachkontext der Interaktionisten, denen Krappmann verpflichtet ist, zu bleiben, Definitions-Macht stark vernachlässigt, die vor allem auch Claessens  in Verbindung mit dem Rollenbegriff anspricht. Krappmann wirft den der kulturanthropologisch- funktionalistischen Richtung nahestehenden Konzepten der sozialen Rolle vor, daß in ihnen die Konformität mit vorgegebenen Normen, die an Positionen (Status) gebunden werden, betont würde.

Krappmann versucht, sein Rollenverständnis bzw. seine Rollendefinition von der Bindung an die Kategorie der sozialen Position zu lösen und versteht die soziale Rolle, in Anlehnung an Bernstein, Ruesch und Bateson  als ein von spezifischen Interaktionsprozessen unabhängiges Interpretationsangebot zwischen Interaktionspartnern, das jedoch in der spezifischen Interaktionssituation von den Interagierenden erst bestätigt bzw. strukturiert werden muß, und zwar im Rahmen eines kommunikativen Prozesses. Die soziale Rolle wird folglich als normative Erwartung verstanden, die zunächst unabhängig von Personen und Situationen besteht, dann aber bei der Inszenierung des Verhaltens/Handelns eben durch diese Bedingung relativiert wird.

Dieser Rollenbegriff, in dem Rolle als ein Bündel gemeinsam vertretener Interpretationen erscheint, die die Kommunikation zwischen Interaktionspartnern strukturieren, ohne sie jedoch zu determinieren, geht auf den vor allem von G. H. Mead als role-taking bezeichneten Prozeß zurück . Rollennormen werden also nicht als verbindlich erwartete Verhaltensweisen verstanden, sondern als Interpretations- bzw. Deutungsangebote, die in den Kommunikationsprozeß zwischen Interaktionspartnern eingehen. Kommunikatives Handeln zwischen Interaktionspartnern, die sich an Normen orientieren, welche unabhängig von einem gerade aktuellen Interaktionsprozeß bestehen, soll hier als Rollenhandeln bezeichnet werden .

Diese Deutungs- bzw. Interpretationsangebote, die mit dem Begriff der Rolle umschrieben werden können, stellen Erwartungen der Interaktionspartner an das Individuum dar und werden von Krappmann in Anlehnung an Goffman mit Hilfe der beiden Begriffe „soziale Identität“ und „personale Identität“ differenziert. „Der Begriff der sozialen Identität bezieht sich auf die Normen, denen das Individuum im gegenwärtigen Interaktionsprozeß gegenübersteht, der Begriff der persönlichen Identität dagegen auf die dem Individuum zugeschriebene Einzigartigkeit“ .

Das Individuum kann nun weder den Erwartungen an seine personale Identität noch den Erwartungen an seine soziale Identität voll entsprechen. Das hängt einerseits mit der jeweiligen Bedürfnislage der Individuen zusammen, d. h. mit dem Versuch und der Notwendigkeit, die eigenen Bedürfnisse nicht nur zu artikulieren, sondern auch durchzusetzen; es hängt andererseits aber auch mit der Stellung des Individuums im sozialstrukturierten Interaktionsgefüge zusammen, die das Individuum mit unterschiedlichen, zum Teil divergierenden Erwartungen konfrontiert, die ihrerseits mit unterschiedlichem Sanktionspotential ausgestattet sind .

Dieser sowohl unter emanzipativen als auch integrativen Gesichtspunkten bestehenden Unmöglichkeit für das Individuum, den Erwartungen voll zu entsprechen, trägt Krappmann in Anlehnung an Goffman und Habermas mit den beiden Begriffen der „phantom normalcy“ und der „phantom uniqueness“ Rechnung. Phantom normalcy bedeutet das Bemühen des Individuums, sich so zu verhalten, „als ob es die Normen erfüllte“, phantom uniqueness den Versuch, „Einzigartigkeit darzustellen und dennoch Erwartungen und Symbole mit anderen zu teilen“ .

Diese Als-ob-Situation des Individuums in zwei wesentlichen, wenn nicht entscheidenden Dimensionen bedeutet einen Balance-Akt des Individuums. Diesen durchzuhalten, ist die Bedingung für das, was Krappmann Ich-Identität nennt. „Ich-Identität erreicht das Individuum in dem Ausmaß, als es, die Erwartungen der anderen zugleich akzeptierend und sich von ihnen abstoßend, seine besondere Individualität festhalten und im Medium gemeinsamer Sprache darstellen kann“.

Die Verklammerung von sozialer Identität und persönlicher Identität, „welche allererst eine stabile Verankerung der Person in ihrem Lebensbereich ermöglicht“ , stellt sich auch nach Oevermann, wiederum in Anlehnung an Goffman, als „Aufrechterhaltung einer Balance zwischen den beiden Identitäten“ dar. „Wir behaupten eine soziale Identität, indem wir jeweils mit den Gegenspielern relevanter Bezugsgruppen im Hinblick auf die normierten Erwartungen ,identisch’ zu sein versuchen und gleichwohl Anstrengungen unternehmen, um diese Identität mit anderen als eine gebrochene, eben als Scheinnormalität sichtbar zu machen -  sonst müßten wir mit dem Verlust der persönlichen Identität bezahlen ( Reifizierung ). Andererseits können wir diese nur behaupten, indem wir gegenüber allen relevanten Bezugsgruppenmitgliedern den sozialen Abstand einer Nicht Identität als eine fiktive Einzigartigkeit sichtbar machen - sonst müßten wir mit dem Verlust der sozialen Identität bezahlen ( Stigmatisierung )“ .

Die Möglichkeit von Ich-Identität ist also eingespannt in das Netz sozialer Verpflichtungen einerseits und das der individuellen Lebensgeschichte andererseits.

Ich-Identität wird in diesem Kontext nicht als psychologische Variable oder psychologische Kategorie verstanden. Die Leistung der kritischen Interpretation der in jeder Interaktionssituation zunächst unvermittelt einander gegenüberstehenden Erwartungen wird von Krappmann mit der strukturellen Notwendigkeit erklärt, die Beteiligung des Einzelnen an Kommunikations-Interaktions-Prozessen überhaupt zu sichern. Diese Leistung, die in der Arbeit von Krappmann mit der Kategorie der ,Identität’ bezeichnet wird, ist notwendig, „damit eine Basis für kommunikatives Handeln zustande kommt, die allen Beteiligten ein gewisses Ausmaß an Befriedigung ihrer Bedürfnisse erlaubt“ .

Es ist an diesem Modell von Interaktionsprozessen deutlich zu sehen, daß es dem Anspruch der Emanzipation von Individuen verpflichtet ist, d. h., daß es die Möglichkeit impliziert, soziale Normen kreativ interpretierend zu überschreiten, und zwar immer im Bezugsrahmen der kommunikativ auszuhandelnden Bedürfnislagen. Gleichzeitig ist aber auch zu erkennen, daß diese Möglichkeit an das gebunden ist, was Habermas herrschaftsfreie Kommunikation nennt . Nicht nur die im Sozialisationsprozeß erworbenen Fähigkeiten der Rollendistanz usw. sind dabei bedeutsam, sondern auch die Fragen nach der Definitionsmacht, nach der Durchsetzbarkeit der eigenen Interpretation, d. h. aber auch nach den Freiräumen, Spielräumen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse dem Einzelnen überlassen. (In der vorliegenden Arbeit blenden wir die Diskussion dieser Fragen weitgehend aus .)

Die kritische Interpretation, die erst die Basis für kommunikatives Handeln zwischen Interaktionspartnern schafft, setzt Rollendistanz, Ambiguitätstoleranz und Identitätsdarstellung im Sinne der konstruktiven „Manipulation“ konfligierender Kräfte und Kontrolle äußerer Einflüsse voraus .

Die von Krappmann vorgelegte Diskussion des Identitätsbegriffs hat die Absicht, darzustellen, daß Normen grundsätzlich der Interpretation bedürfen. An die Stelle der Frage nach der Konformität mit vorgegebenen Normen -  wie im Rahmen der kulturanthropologisch-funktionalistisch orientierten Rollentheorie -  werden die Fragen der „gemeinsamen Verständigung über eine Interpretation der Normen“ gesetzt .

In den traditionellen Rollenbegriff, der in enger Verbindung zum Positionsbegriff entfaltet wurde, gehen zwei fundamentale Theoreme ein: 1. das „Integrationstheorem“  - Übereinstimmung von Rollendefinition und Rolleninterpretation durch die Beteiligten - und 2. das „Konformitätstheorem“ -  Übereinstimmung zwischen institutionalisierten und internalisierten Werten -  mit der Konsequenz der automatischen Erfüllung von Nonnen .

Dieser Rollenbegriff ist auf partikulare Rollenbereiche bezogen und verweist auf die industriegesellschaftlich bedingte zunehmende Funktionsdifferenzierung und die damit verknüpften teilbereichsbezogenen Normierungen, die sich zu Positionen verdichten .

Der von Krappmann verwendete Begriff der sozialen Identität soll darüber hinausgehend auf den Tatbestand verweisen, daß wir gegenüber den meisten Interaktionspartnern Rollenerwartungen haben, „die nicht in den Rechten und Pflichten ihrer Position aufgehen“ . Die soziale Identität bzw. die partikularen sozialen Identitäten sollen dabei begrifflich analytisch nicht nur „strukturelle Verhaltenserwartungen“ umreißen, sondern auch „situationsbedingte und persönliche Merkmale“ und darauf bezogene Erwartungen einschließen .

Dieser Verweis auf situations-  und personbezogene Erwartungen bringt in die Rollenanalyse, die soziale Rollen als von der Einzelperson ablösbare, unabhängige Figurationen versteht, das Moment der Persönlichkeit hinein. Soziale Rolle und Rollenspiel, d. h. ihre wechselseitigen Beziehungen, werden also bedeutsam, vor allem unter dem Aspekt der „Spielräume des Einzelnen“.

Um diese Beziehung, die als dialektische, gerade unter dem häufig genannten Gedanken der durch Rollen repräsentierten „ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft“, wichtig ist, auch begrifflich faßbar zu machen, schlägt H. P. Dreitzel vor, „die soziale Identität eines Menschen“ als den „in der jeweiligen Situation relevante(n) Teilaspekt der Ich-Identität“ zu begreifen . Er versteht darunter denjenigen „Aspekt der Ich-Identität, der im Hinblick auf die in einer bestimmten Situation aktuelle Rolle jene individuelle Gestaltung des Rollenspiels bestimmt, die wir als Ich-Leistung charakterisiert haben“ .

Die Gleichsetzung des Begriffs ,soziale Identität’ mit Aspekten der Ich-Identität soll schließlich die in der rollentheoretischen Diskussion geführte Kontroverse -  etwa zwischen Dahrendorf und Tenbruck -  weiter entschärfen, indem damit ausgedrückt wird, „daß sich die Persönlichkeit immer in Bezug auf bestimmte Rollenerwartungen entfaltet und niemals Persönlichkeit ,als solche’ ist“ .

Dreitzel verwendet also den Begriff der sozialen Identität bereits bezogen auf Ich-Leistungen. Er will den Positionsbegriff und daran geknüpfte soziale Erwartungen nicht grundsätzlich zugunsten des Begriffs der ,sozialen Identität’ in Goffmans oder Krappmanns Sinne aufgeben, sondern der Situationsbegriff soll das spezifische Bindeglied in dem dialektischen Verhältnis der Person sein: einerseits ist man in die sozialen Beziehungen eingebunden, andererseits aber ist man Person mit einer Lebensgeschichte und einer darauf bezogenen Identität. Diese sozialen Bindungen und deren normative Verpflichtungen sollen prinzipiell emanzipativ transzendiert werden können (exzentrische Positionalität des Menschen, Plessner) .

Mit dem Verständnis der sozialen Identität als rollenbezogene Objektivation der Ich-Identität schließt Dreitzel im Prinzip an Feststellungen von Krappmann an: „Ist die subjektive Interpretation der Rolle auf dem Hintergrund der anderen Rollen, die dem Individuum gleichfalls angesonnen werden, und der Lebensgeschichte, die es sich konstituiert hat, wegen der Rigidität des Normensystems nicht möglich, so sind Identität und Interaktion in Gefahr. Das Individuum kann dann möglicherweise seine balancierende Ich-Identität angesichts von Rollenerwartungen, die es in der ihm vorgegebenen Weise übernehmen muß, nicht mehr aufrechterhalten und muß entweder seinen Identitätsanspruch aufgeben oder aus der Interaktion ausscheiden“ .

Dreitzel läßt es dabei jedoch nicht bewenden, sondern versucht, die Bedingungen der Möglichkeit von identitätsbezogenen Äußerungsformen von Individuen zu strukturieren, und zwar durch eine Rollensystematik und Rollendifferenzierung vor dem Hintergrund des Anteils der normativ erwarteten Ich-Leistungen im Rahmen von Rollenerwartungen. Er kommt zu strukturellen Unterscheidungen von sozialen Rollen, indem er die sie strukturierenden normativen Erwartungen in Gestaltungs- , Qualitäts-  und Vollzugsnormen scheidet, und zwar - in der angegebenen Reihenfolge -  vor dem Hintergrund des allerdings nur formal bestimmbaren Anteils der eingehenden Ich-Leistungen. Diese stellen -  als Ausdruck der Intentionalität jedes Rollenverhaltens -  eine spezifische ,Leerstelle’ dar und setzen „ein bestimmtes Maß an Rollendistanz im Sinne einer Distanzierung von bloß Erwartetem voraus“ .

Rollendistanz wird bei Dreitzel dann scharf geschieden von „der Ablehnung oder auch Distanzierung von einer Position“. Letztere führt zu abweichendem Verhalten, erstere hingegen setzt die Identifikation mit einer Position im Rahmen sozial strukturierter Interaktionszusammenhänge voraus, ist jedoch mit der Forderung der Eigengestaltung gekoppelt. Ich-Identität bzw. Ich-Leistungen, die Rollendistanz voraussetzen, bleiben bei Dreitzel an die Rollenstruktur als „gemeinsamen Nenner“ der Situationsinterpretation bzw. subjektiver Situationserlebnisse gebunden .

Fassen wir -  in der Sprache von Jürgen Habermas - zusammen: Habermas hat im Hinblick auf die ideologisch einseitig gefaßte Rollen-Konzeption von der „Gefahr des Soziologismus“ gesprochen. Er macht auf darin unberücksichtigt gebliebene Aspekte aufmerksam, in denen es nicht zuletzt um das Verhältnis des geschichtlich existierenden Menschen zu seinen Rollen geht. In Frage zu stellen seien im strukturell-funktionalen Rollen-Konzept das Integrations- , das Identitäts-  und das Konformitätstheorem. Diese „drei Grundannahmen der Rollentheorie vernachlässigen drei Dimensionen möglicher Freiheitsgrade des Handelns. Das Integrationstheorem schließt aus, daß wir eine stabil eingespielte Interaktion nach Graden der Repressivität bewerten. Das Identitätstheorem schließt eine Differenzierung nach Graden der Rigidität der Rollendefinition und des entsprechenden Interpretationsspielraumes aus. Das Konformitätstheorem schließt eine Unterscheidung nach Graden der Autonomie des Handelns aus“ .

4. Rollentheorie und Pädagogik

Der Begriff der sozialen Rolle ist im Kontext der von der modernen Erziehungswissenschaft übernommenen Sozialisationstheorien bedeutsam geworden. Wie differenziert die einzelnen Sozialisationstheorien auch immer sind, insgesamt wird als „Sozialisation“ die Aneignung der in einer jeweiligen geschichtlichen Gesellschaft verwirklichten Rollen, damit zugleich die der darin wirksamen Normen und Werte aufgefaßt. In einer weitverbreiteten Orientierung über erziehungswissenschaftliche Fragen, im Funkkolleg, das Wolfgang Klafki maßgeblich mitgestaltete, werden drei Merkmale des Sozialisationsprozesses aufgeführt: „1. in formaler Hinsicht die Reduzierung des Spielraumes möglicher Verhaltensweisen eines Menschen, welche 2. inhaltlich bestimmt ist durch die Übernahme kulturspezifischer Normen und Werte, die 3. im Verlauf eines Lernprozesses eingeübt und 4. durch soziale Interaktion übermittelt werden“.

Im Rollen-Modell solcher Sozialisationstheorien wird der Mensch aufgefaßt nur als Glied „kollektiver“ Gebilde; diese Sozialisation begreift den Menschen ausschließlich unter dem soziologischen Aspekt der Fremd-„Bildung“ als „Werk der Gesellschaft“. Diese „Selbstverwirklichung“ des Menschen -  als solche ohne Zweifel u. a. auch in diesem Aspekt faßlich -  wird, sofern man sie nur in diesem Aspekt auffaßt, zum bloßen sozialen Reagieren; das Handeln der Person gerinnt zum bloßen Verhalten als einer im jeweiligen Sozialgefüge ausgelösten Funktion. „Making social“ -  dieser in der modernen Erziehungswissenschaft verbreitete Begriff einer im verdinglichten Rollenbegriff befangenen Bildungssoziologie läßt eine ursprüngliche sokratische Reflexion des einzelnen Menschen nicht mehr zu .

Vor dem Hintergrund einer solchen Soziologismus-Euphorie werden die Reflexionen der kritischen Rollentheorie für den Pädagogen bedeutsam. Diese Kritik ergibt, wie die Diskussion neuer soziologischer Ansätze sichtbar werden ließ, die Einsicht, daß geschichtliches Menschsein in der strukturell-funktional konzipierten Rollentheorie unzureichend erfaßt wird.

Damit erinnert man im Lager der Soziologie selbst an weithin vergessene oder zurückgewiesene Wahrheiten wie diese: Der Mensch sei zwar, aber keinesfalls nur, unter dem biologischen Aspekt der Erb- „Bildung“ ein "Werk der Natur" (1. Faktorengruppe im Bildungsprozeß); der Mensch sei zwar, aber keinesfalls nur, unter dem soziologischen Aspekt der Fremd-„Bildung“ ein "Werk der Gesellschaft" (2. Faktorengruppe im Bildungsprozeß), so sehr er auch durch die Realität seiner geschichtlich-gesellschaftlichen Situation bestimmt werde; der Mensch sei, werde er zureichend beansprucht in Akten der Selbst-Wahl und Selbst-Reflexion, seiner inneren Möglichkeit nach immer auch zugleich unter dem individual-psychologischen Aspekt der Selbst-„Bildung“ ein "Werk seiner selbst". In eben dieser seiner wesentlichen Möglichkeit durchbreche der Mensch die ihm in Rollen-Positionen gesetzten Grenzen, in dieser seiner Möglichkeit werde er - wie gering auch immer -  „frei“, offen bleibt nur die Frage: frei wozu?

Freilich, auch in dieser Diskussion ist noch nicht sichtbar, inwieweit über die Dimensionen des role-making und role-taking, mit denen aspekthaft spontane Ich-Leistungen gegenüber verdinglichten Auffassungen des Rollen-Begriffs verdeutlicht werden sollen, unterschiedliche Personstrukturen berücksichtigt werden .

Wenn von der dem Individuum zugeschriebenen „Einzigartigkeit“ in der kritischen Rollentheorie die Rede ist, so kann das die Einzigartigkeit eines Pragmatisten genau so sein wie die eines Humanisten . Sofern der Mensch als "Werk der Gesellschaft" interpretiert wird, ist der sozial-psychologische Aspekt, der mit dem Rollenbegriff erfaßt wird, immer schon gesehen worden.

Wie aber wird -  auch die kritische  - Rollendiskussion mit dem Problem fertig, daß es in allen Rollen ethische Qualitätsunterschiede gibt, die pädagogisch nicht zu vernachlässigen sind?

In allen Rollen geht es in Akten der Selbstverwirklichung sowohl als „Man“ als auch als „Selbst“ um „Gut und Böse“, um Verantwortung und Schuld, denn in jeder Rolle sind wir tätig als erkennende und handelnde Person, die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung auswählt, sich entscheidet, diese oder jene zu realisieren, und die schließlich handelnd tätig wird.

Wie berücksichtigt man pädagogisch angemessen in diesen Diskussionen die lebensgeschichtlichen Erfahrungen der Wandlung ein und derselben Person vom durch verdinglichte Rollenzumutungen fremdbestimmten „Produkt“ tauschorientierter Sozialbeziehungen zum handelnden Subjekt, das menschliche Beziehungen und damit auch den individuellen Handlungssinn unter den Primat bisher nicht realisierter, wenn auch gesellschaftlich angelegter menschlicher Möglichkeiten im Sinne -  um es negativ zu formulieren - nicht tauschwert-  und tauschprinziporientierter Bedingungen stellt?

Angesichts solcher pädagogisch relevanter Fragen scheint auch die „kritische Rollentheorie“ der symbolischen Interaktionisten problematisch. Die Forderung nach Ich-ldentität, in der soziale und persönliche Identität eine Balance erreichen, bleibt eigentümlich formal und liefert das Individuum an jede Gesellschaftsordnung aus. Von der paradigmatischen Struktur her ist die Vermittlung von lebensgeschichtlich in der Person verankerten Vorstellungen, Erwartungen, Bedürfnissen etc. einerseits und sozialen Anforderungen andererseits als im Prinzip lösbar -  und zwar vermittelt über die Instanz der Ich-Identität   vorgesehen. Diese Lösung wird jedoch leider im Einzelnen nicht diskutiert .

Es wird nicht sichtbar, wann und unter welchen Bedingungen ein Individuum seine Balance aufzugeben hat, um sich beispielsweise von faschistischen gesellschaftlichen Bedingungen zu distanzieren, ja diese zu bekämpfen. Die Einbeziehung der Vokabeln „Emanzipation“, „emanzipativ“, bleibt material inhaltsarm. Ethisch könnte dem Individuum geradezu die Erfahrung der Stigmatisierung als Außenseiter geboten erscheinen, nicht aber die mehr oder weniger harmonisierende Kumpanei mit einer ethisch fragwürdigen Gesellschaftsordnung .

So bedeutsam - formal -  die Hereinnahme des Aspektes individueller, personenbezogener Leistungen in die Diskussion der Rollentheorie der symbolischen Interaktionisten ist, so fragwürdig bleibt   - inhaltlich -  die ausschließliche Rückbindung des Individuums an gesellschaftliche Bedingungen, die ihrerseits als restringiertes und sozial ungleiches Möglichkeitspotential nicht mehr wahrgenommen wird.

Eine solche inhaltliche Diskussion kann der Norm-Problematik nicht ausweichen. Diese Problematik wird in der Pädagogik, sofern sie sich noch der abendländischen Tradition verpflichtet weiß, thematisiert.

In dem Grade, in dem der Bürger unserer Demokratie als vernünftiges Subjekt verfällt, indem er lediglich in seiner Demokratie lebt, die verpflichtenden Maße dieser Demokratie in seiner Existenzweise jedoch vernachlässigt, in eben diesem Maße werden die Ansprüche des Staates, der Wirtschaft, der technischen Zivilisation vordringlich und mächtig.

Die in diesem Zusammenhang wichtige Frage, ob zur Kennzeichnung dieser Gesellschaftsordnung der Begriff (Spät- ) Kapitalismus oder Industriegesellschaft vorrangig ist, bleibt hier ebenso ausgeklammert wie die staatstheoretische Diskussion über Genese, Funktion und Reichweite staatlichen Handelns.

Der Bürger, der lediglich in seiner Demokratie lebt, ohne selbst demokratisch zu existieren, erschöpft sich als homo sociologicus und homo oeconomicus; in solchem nur kollektiven Dasein wird er jedoch „gewissenlos“ verbraucht

Sollen in umgekehrter Richtung die maßlos gewordenen Ansprüche des kollektiven Daseins eingeschränkt werden, so ist das u. a. nur möglich, wenn der Bürger wieder Ernst macht mit sich selbst als „individuelle Existenz“, wenn er als Einzelner sich erhebt -  immer wieder neu in konkreten Anspruchssituationen, die er bewältigen kann -  zum „Werk seiner selbst“: Der subjektive Faktor erhält so einen materialen Gehalt, der Bürger unserer Bundesrepublik lebte nicht nur in seiner Demokratie, sondern er vermöchte dann auch demokratisch zu existieren .

Solche Hinweise sollen nicht als „idealistisches“ Postulat gelesen werden; die Vermittlung der menschlichen Existenz muß mit gesellschaftlich angelegten Möglichkeiten erfolgen, denn nur die gesellschaftlich ausgegrenzten und damit „wirklich gewordenen“ Lebens-  und Handlungszusammenhänge bieten die Grundlage menschlicher Entscheidungsmöglichkeiten.

Es muß hier nicht betont werden, daß damit auch Fragen der Organisations-  und Durchsetzungsmöglichkeiten von Interessen mit thematisiert sind. Allerdings sind dabei die Fragen der Offenlegung menschlicher Möglichkeitspotentiale theoretisch und methodisch noch unausgeschöpft.

Die von der klassischen Pädagogik betonte Möglichkeit der „originalen Begegnung“ mit „freien“ Personen und die dadurch geweckte „freie“ Handlung ist hier ebenso gemeint wie der bewußt gemachte und damit unter zu benennenden Bedingungen zum handlungsleitenden Widerspruch werdende Anstoß jeder sozialen Ungleichheit .

Für den Pädagogen ist nicht die formal denkbare unendliche Komplexität von Welt (Luhmann) und die damit verbundene Lebensmöglichkeit von Bedeutung, sondern die historisch ausgegrenzte Welt, deren Möglichkeiten erst in ihren Widersprüchen sich entfalten und damit pädagogisch aufgenommen werden können, und sei es über die unmittelbare Begegnung mit Menschen, beispielsweise im Rahmen von Zweierbeziehungen, mit dem Versuch, menschliche Möglichkeiten zu verwirklichen, in denen wenigstens die tauschorientierte Selbstsorge augenblicksweise aufgehoben ist .

Angesichts der Erfahrungen von Relativismus und Historismus und angesichts der anthropologisch für jedermann einsichtigen Tatsache, daß der Mensch immer auch ein normenbedürftiges Geschöpf ist, sei abschließend die Frage erlaubt, ob möglicherweise eine historische Rückbesinnung in der Linie von der Existenzphilosophie über den Neukantianismus bis zu Kant selbst für die Normorientierung des modernen Menschen hilfreich sein könnte.

Daß es sich dabei nicht um Gehalte einer nur antiquarischen Historie handeln muß, hat erst kürzlich R. Lassahn in seiner „Einführung in die Pädagogik“ in den Blick gebracht, indem er an die normative Pädagogik erinnerte, die in der Denkbewegung des Neukantianismus sich entfaltete . Lassahn urteilt, daß es sich dabei nicht, wie H. Pfeil meinte , um „beklagenswerte Verirrungen eines hypertrophierten Denkens“ handele : „Nein, es war der gewaltsame Eingriff der NS-Barbaren, der hier einen Strang der besten Tradition deutschen Denkens zerstörte, ein Denken, das gerade an die hohen moralischen Anforderungen eines Kant anknüpfte“ .

Nochmals: Solche Erinnerungen können nach den in diesem Aufsatz entfalteten Gedanken nicht im heute üblich gewordenen abwertenden Sinn von „Idealismus“ verstanden werden; sie sind einzubinden in gesellschaftstheoretische und gesellschaftskritische Überlegungen - nur ohne die in solchen historischen Rückbesinnungen faßlich werdenden Gehalte wird es kaum eine herrschaftsfreiere, befriedetere Zukunft geben.

Peter Kern / Peter Runde
Erschienen in: Pädagogische Rundschau, 8 /1977, S. 705-719




 


Zufällig ausgewählte Glosse

„Ich bin nach wie vor zu hundert Prozent davon überzeugt, dass die menschliche Spezies mit ihrem kapitalistischen Wirtschaftssystem ökologisch letztlich untragbar ist.“ So der us-amerikanische Schriftstelle T.C. Boyle in einem Interview im Jahre 2005.