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"Hilfe, die Welt geht unter!" - "Du spinnst!"

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„Hilfe, die Welt geht unter!“ – „Du spinnst!“


Lange haben wir Menschen die Natur verfolgt, haben sie für unsere Begehrungen naiv und beharrlich extensiv genutzt. Wir haben uns zum bedingungslosen Herren und Eigentümer der Natur aufgeschwungen. Wir waren über die Jahrhunderte hin nahezu alle davon überzeugt, dass wir über der Natur stünden, dass wir sie schamlos beherrschen dürften und könnten.

Aus dieser ausbeuterischen Haltung heraus wurde eine einmalige Geschichte des „Fortschritts“ geschrieben.


Im fortschrittslosen Kreislauf des Immergleichen

Das war nicht immer so. Im Paläolithikum lebten die Menschen noch mit der Natur und in der Natur. Man eignete sich das an, was man in der Natur vorfand. Jäger und Sammler nahmen von der Natur nur das, was diese ihnen ohne folgenschwere Eingriffe gab. Man stand der Natur nicht herrschsüchtig gegenüber. Der Mensch verstand sich als Glied des „Kosmos“, er war Teil einer glanzvollen, schmückenden Welt-Ordnung, in die er vernetzt eingeordnet war.

Jahrtausende lang ereignete sich Geschichte im fortschrittslosen Kreislauf des Immergleichen.

        Der grenzenlose „Fortschritt“ seit dem Neolithikum

Das änderte sich mit der neolithischen Revolution. Aus Jägern und Sammlern wurden Hirten und Ackerbauern. Der Mensch lernte, sich von der Natur zu emanzipieren. Er begann aktiv, die Natur in seine Dienste zu nehmen. Er zwang sie, mehr herzugeben, als sie bisher bereit war, ihm zur Verfügung zu stellen.

Die neolithischen Stadtgesellschaften eröffneten den fragwürdigen Siegeszug der Menschheit über die sie tragende Natur. Der Mensch wurde zunehmend zum Besitzer und Eigentümer der Natur, mit der er immer mehr nach seinem Belieben umsprang.

Die abenteuerliche Geschichte eines schier grenzenlosen „Fortschrittes“ nahm ihren Lauf.

Landwirtschaft, also Ackerbau und Viehzucht, führte zur Erweiterung des Zeit-Horizontes: Aussaat und Ernte mussten geplant werden. Die investierte Arbeit in den Boden und in die Viehzucht hatte das Besitzdenken zur Folge. Die erhöhte Produktivität wurde in ihrem Ertrag als Eigentum gesichert. Dieser Prozess verstärkte sich noch durch Arbeitsteilung, die ihrerseits den Handel hervorbrachte, was schliesslich zur Geldwirtschaft führte. Die Aufteilung des oft knappen fruchtbaren Landes wurde durch Vermessen und Rechnen ermöglicht.

Erhöhte Güterproduktion, Landbesitz und Handel erzwangen die Fixierung des Besitzes durch die Schrift. Es kam zur Verwaltung. Und es dauerte nicht lange, da standen sich Besitzende und Nicht-Besitzende gegenüber.

Angesichts knapper Güter und im Blick auf Gefahren, die von der Natur ausgehen, kam es zur Herrschaft, nicht nur des Menschen über die Natur, sondern auch des Menschen über den Menschen. Diese Herrschaft wurde bald religiös sanktioniert.

Die Konsequenz dieser Entwicklung war die Herausbildung von Machtkonkurrenz. Machtkonkurrenz ist die bedingungslose Verfolgung der furchtgetriebenen und verstandgesteuerten Partikularinteressen der Einzelnen innerhalb einer Gruppe und zwischen Gruppen. Die Folge waren organisierte Kriege, die mit ihrem Befehlsgehorsam die hierarchisch strukturierten Gesellschaften spiegelten.

Man steigerte und steigert vorbeugend Mittel gegen Gefahren, die sowohl von der Natur ausgehen als auch, aufgrund der Güterknappheit, vom Menschen.
Also: Der verstandbegabte Mensch kann sich künftige Gefahren vorausschauend vorstellen. Verknüpft er diese Vorstellungen mit dem Affekt des Erschreckens, dann kommt es zur Furcht. Motiviert diese Furcht den Verstand, dann kommt es zur furchtgetriebenen verstandgesteuerten Machtkonkurrenz, die keine natürlichen Grenzen mehr kennt.
Um das Leben zu sichern, reichen natürliche Wachstumsprozesse nicht mehr aus; es bilden sich Formen des quantitativen Wirtschaftswachstums aus, die in Wahrheit  todbringende Wucherungsprozesse sind.

Ambivalenz des „Fortschritts“

Auf dem Gipfel dieser sich inzwischen nahezu überall ausbreitenden „Fortschritts“-Geschichte wird diese heutzutage zum Problem. Sie verliert aufgrund ihrer lebensfeindlichen Nebenwirkungen ihre Faszination. Der „Fortschritt“ erscheint als ambivalent. Die wohlstandsorientierten Lebensstile der reichen Nationen werden zunehmend dem Kreuzfeuer der Kritik ausgesetzt. Immer mehr Menschen begreifen, dass die bedingungslose Naturbeherrschung in Naturentfremdung umgekippt. Symptome einer nicht mehr zu übersehenden Naturzerstörung addieren sich zur Möglichkeit einer erdumspannenden ökologischen Katastrophe. Alles, so befürchten viele, ende letztlich in der Zerstörung der Natur, und dieser Zerstörung werde schliesslich auch der Mensch zum Opfer falle.

Man sieht die Menschheit Kurs auf den Eisberg nehmen und ruft erschrocken: „Hilfe, die Welt geht unter! Wir müssen radikal unseren Kurs ändern; wir müssen umsteuern und uns neue zukunftsfähige Lebensstile aneignen!“

Andere dagegen sehen in solchen Appellen nur eine hysterische Panikmache und antworten der ökologischen Kassandra trocken: „Du spinnst!“


Worum es geht: Globale Gefährdungen?

Die Zankäpfel sind bekannt.

Hier eine unvollständige Liste der drängendsten ökologische Probleme:

Natürliche Lebensräume werden durch den Menschen zerstört: Wälder, Feuchtgebiete, Korallenriffe…
Natürliche Lebensräume werden in Zivilisationsflächen verwandelt: Ackerland, Weiden, Dörfer, Städte, Strassensysteme, Industriegebiete, Golfanlagen, wir betonieren den Lebensraum zu…
Wilde Lebensmittel werden dezimiert: Überfischung, Zerstörung von Muschelbänken…
Die genetische Vielfalt zahlreicher Populationen wird reduziert: Wilde Tierarten, wilde Pflanzenarten, also vielfältiges Artensterben…
Ackerböden, die dem Nutzpflanzenanbau dienen, werden zerstört: Wasser- und Winderosion, Versalzung, Versteppung…
Süsswasserressourcen sind gefährdet: Absenken des Grundwasserspiegels, Wasserknappheit, Dürren; abzusehen: Kriege um Wasser…
Luft, Wasser, Böden sind gefährdet: Massenhafte Herstellung giftiger Chemikalien, deren Wirkungen und Interaktionen kaum bekannt sind, Seveso, Bhopal; Zunahme diffuser Erkrankungen, Allergien, aber auch: Krebs…
Die Nahrungsmittel sind einer schleichenden Vergiftung ausgesetzt: Einsatz von Pestiziden, von Chemikalien bei der Mast, Antibiotikaresistenz…
Die Ozonschicht wird geschädigt durch von Menschen hergestellte Gase: C02 –Problematik…
Die Müll-Problematik ist national und international völlig ungeklärt: Verseuchung der Böden und des Grundwassers, Mülltourismus…
Durch massenhafte Mobilität werden Naturräume wie auch Kulturräume bedrängt und zerstört: Umweltschäden durch An- und Abreisen vor allem im Auto,  im Flugzeug und durch Kreuzfahrt-Riesen (Schweröle!)…
Noch völlig unberechnete globale Eingriffe in den Haushalt der Natur durch den internationalen Automobilismus: Ressourcenverbrauch, Energieverbrauch durch Verbrennung fossiler Brennstoffe…
Überhaupt: Umweltschäden durch einen immensen Einsatz fossiler Brennstoffe: Nicht nur durch Mobilität, sondern auch durch Heizung und Produktion in Fabriken…
Ungesicherter Einsatz neuer Technologien: Gentechnik, Nanotechnik, aber auch Rückkoppelungen auf den Menschen durch die Computertechnologie…
Heraufkunft der Klimakatastrophe: Erderwärmung, Abschmelzen der Pole und die Folgen, Desertifikation, verstärkte Naturkatastrophen…
Insgesamt: Exponentielles Wachstum der Weltbevölkerung mit entsprechend erhöhtem Energie- und Ressourcenverbrauch: Die Menschheit braucht heute schon mehr als einen Globus, um ihre Begehrungen befriedigen zu können…
Gefahren der so genannten friedlichen Nutzung der Kernenergie: Sellafield, Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima…
Ungelöste Endlagerungsproblematik: Asse…
Gefährdung von Natur und Mensch durch zahllose Kriegsschauplätze: auch durch Einsatz chemischer Waffen…
Leben in der Endzeit, die jederzeit ins Zeitenende umkippen kann: Leben mit der Atombombe: Bikini-Atoll, Hiroshima, Nagasaki…

Wie will man das aushalten?

Wenn das stimmt, dann gibt es darauf nur eine einzige Antwort: „Wenn eine Art von Lebewesen, die mit der Möglichkeit der Rationalität begabt ist, plötzlich entdeckt, dass sie immer rasanter dabei ist, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören und damit letztlich sich selbst, dann kann es für diese Art von Lebewesen nichts Wichtigeres geben, als möglichst schnell alle Lernprozesse zu fördern, die geeignet sind, diese Gefahr abzuwenden“ (Hans-Georg Wittig).

Weit gefehlt! Die globalen Gefährdungen werden nicht von allen als solche akzeptiert. Sie werden immer wieder von einigen bestritten, geleugnet, als sachlich ungerechtfertigte Panikmache abgetan.

Technokratische Optimisten oder untergangsprognostische Pessimisten?

Es gibt Stimmen, die den Kassandra-Rufen ihr „Du spinnst!“ entgegenschleudern. Zu ihnen gehört der britische Zoologe Matt Ridley. Mit seinem populärwissenschaftlichen Buch „The Rational Optimist“, 2010 bei Harper erschienen, hält er dagegen: Auf 364 Seiten singt er durch die Menschheitsgeschichte hindurch das „Triumphlied“ des ungebrochenen Fortschrittsdenkens. Er weiss, „wie der Fortschritt entsteht“ und „wie der Wohlstand vermehrt wird“: Durch quantitatives Wirtschaftswachstum. Das Bruttosozialprodukt muss steigen, und alles ist in bester Ordnung. Man könne dann feststellen: Die Welt sei „besser“ geworden und sie werde „noch besser“ werden, wenn, ja wenn man nicht vom Pfad der Tugend des quantitativen Wirtschaftswachstums abkomme.

Leider verdüsterte sich das Bild, zu Unrecht, wie Matt Ridley behauptet. Im 20.Jahrhundert macht er einen bedenklichen „Wendepunkt“ aus. Er konstatiert den Einzug des „Pessimismus nach 1900“. Seit dieser Zeit würde das öffentliche Denken zunehmend „von ständigen Paukenschlägen des Pessimismus übertönt.“  „Seit ich erwachsen bin (Ridley wurde 1958 geboren), höre ich, dass Armut zunehmen wird, uns Hungersnöte bevorstehen, sich die Wüsten ausdehnen, Seuchen, Kriege um Wasserrechte, die unvermeidliche Erschöpfung der Ölvorräte, Mineralienknappheit, sinkende Spermienzahl, das Abnehmen der Ozonschicht, saurer Regen, ein nuklearer Winter, Rinderwahnsinn, Computerviren, Killerbienen, Fische, die ihr Geschlecht wechseln, die Erderwärmung, die Übersäuerung der Meere und sogar Asteroideneinschläge drohen, die unserem glücklichen Zwischenspiel auf Erden ein Ende mit Schrecken bereiten werden. Ich erinnere mich an keine Phase, in der angesehene und ernst zu nehmende Angehörige der Eliten nicht die eine oder andere dieser Ängste mit einem Paukenschlag formuliert und die Medien sie nicht hysterisch nachgeplappert hätten. Ich kann mich auch an keine Zeit erinnern, in der nicht irgendwer gemahnt hätte, wir könnten nur überleben, wenn wir das tollkühne Ziel des wirtschaftlichen Wachstums aufgäben“ (S.368 der deutschen Ausgabe, Deutsche Verlagsanstalt München 2010).

Wir haben eine klassische Lagerbildung: Auf der einen Seite die untergangsprognostischen Pessimisten, auf der anderen Seite die technokratischen Optimisten.
Es versteht sich von selbst, dass die Anhänger je ihrer Position davon überzeugt sind, dass nur ihre Sicht der Dinge die sachlich zutreffende sei. Und so wirft man sich gegenseitig allerlei Unfreundlichkeiten vor: Der je Andere sei eben naiv, irrational, nehme nur selektiv wahr, ignoriere die Fakten, übertreibe, ziehe die falschen Schlüsse, er spinne, ja, er sei total verrückt.

Wenn es keine Argumente gibt, hier zu einer überzeugenden Entscheidung zu kommen, dann enden wir in einem blinden Dezisionismus, das Ganze wird zu einer Glaubensangelegenheit. Um sich in einem solchen Glaubenskrieg einzurichten, steht nun wahrlich zu viel auf dem Spiel.
Ich will versuchen, aufzuklären. Wer meine Kulturseite besucht, der weiss, dass ich mit Sicherheit nicht in das Lager der technokratischen Optimisten gehöre. Bin ich deshalb schon ein untergangsprognostischer Pessimist?

Technokratische Optimisten

Die technokratischen Optimisten bilden nun ihrerseits keinen monolithischen Block. Innerhalb der Gruppe der technokratischen Optimisten gibt es eine Reihe von Spielarten.
Die eine Gruppe leugnet schlichtweg, dass es nennenswerte Gefahren gebe. Die untergangsprognostischen Pessimisten seien doch alle Panikmacher. Nichts, aber auch gar nichts, sei eingetreten: Waldsterben? Man besuche nur den schönen Schwarzwald, und man wird auf Schritt und Tritt anschaulich vom Gegenteil überzeugt. Die Erdölreserven gingen zur Neige? Das prognostizierte doch der Club of Rome schon für 2002, und die Quellen sprudeln 2012 immer noch kräftig. Die Krebsrate steige im Umfeld von Kernkraftwerken? Wissenschaftlich nicht bewiesen. Klimawandel? Vielleicht, dann aber nicht durch den Menschen verursacht. Nuklearer Winter? Nicht eingetreten.

Alles nur Miesepeterei, alles nur Panikmache.

Wer so denkt, der ist dann konsequenterweise für ein weiterhin ungebrochenes quantitatives Wirtschaftswachstum. Und das unter den Bedingungen einer neoliberalen Marktwirtschaft. Nur so könne der Fortschritt gewährleistet werden. Nur so gebe es auch global mehr Wohlstand.

Innerhalb der technokratischen Optimisten gibt es dann noch solche, die sehr wohl anerkennen, dass wir in einer globalen Katastrophe enden, wenn wir so weiter machen wie bisher. Das gilt auch für Matt Ridley, wenn er einräumt: „Die Pessimisten haben insofern recht, als die Menschheit tatsächlich in der Katastrophe enden wird, wenn sie so weitermacht wie bisher“ (S.368). Wer so denkt, der  akzeptiert, dass es Leben bedrohende Nebenwirkungen des quantitativen Wirtschaftswachstums gibt. Man muss nur versuchen, diese Leben bedrohenden Nebenwirkungen auszuschalten.

Es werden Konzepte einer ökologischen Modernisierung angeboten. Durch Effizienzoptimierung soll der ökologischen Herausforderung begegnet werden. In diesem Zusammenhang wird über ein qualitatives Wirtschaftswachstum nachgedacht. Man setzt auf Innovationen, die allerdings im Horizont des tradierten Denkens bleiben. Ridley: „Meine These lautet, dass die menschliche Spezies als Ganze eine kollektive Problemlösungsmaschine geworden ist, die Probleme löst, indem sie ihr Vorgehen ändert, und zwar durch Erfindungen, die meist durch den Markt angeregt werden“ (S.369). Mit weniger Energie und geringerem Rohstoffverbrauch sollen qualitativ hochwertigere und damit langlebigere Produkte angeboten werden, die voll recycelt werden können. Auf diese Weise soll die Belastung der Natur durch die Wirtschaft minimiert werden.
An Wachstumsrücknahme ist dabei nicht gedacht.

Zu diesen ökologischen Modernisierungsversuchen gehört der theoretische Entwurf einer symbiotischen Weltwirtschaft von Howard V. Perlmutter, 1983, ebenso wie das Konzept der Dualwirtschaft der zwei Gesichter der Arbeit von Joseph Huber, 1984. Auch Ernst Ulrich von Weizäckers Versuch, einen doppelten Wohlstand durch halbierten Naturverbrauch, den so genannten „Faktor vier“, 1995, zu erzielen, bleibt noch im Horizont einer Effizienzoptimierung. Nichts anderes gilt für den Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung, den die Studie des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie unter dem Titel „Zukunftsfähiges Deutschland“ vorlegte, 1996. Auch wenn der Untertitel einen „Wohlstand ohne Wachstum“ verspricht, so bleiben die Überlegungen von Meinhard Miegel in seinem Buch „EXIT“ , 2010, ebenfalls der effizienzoptimierten ökologischen Modernisierung verhaftet.

Es ist noch an eine weitere Spielart des Optimismus zu erinnern. Es ist weniger ein technischer Optimismus. Es handelt sich  bereits um eine Übergangsposition in eine spirituelle Dimension, von der freilich zu sagen ist, dass sie eine geistige Grundhaltung voraussetzt, die realistischer Weise eben nicht vorausgesetzt werden kann: Die Gelassenheit und Machtlosigkeit eines recht verstandenen Buddhismus. 1977 entwarf E. F. Schumacher unter dem Titel „Rückkehr zum menschlichen Mass – Small is beautiful“ dieses Konzept einer Politik der Ent-Industrialisierung.

Für den tradierten Wirtschaftswissenschaftler ist der grundlegende Erfolgsmassstab die Gesamtmenge an Gütern, die in einem bestimmten Zeitraum hervorgebracht wird. Das für ihn allein gültige Ziel ist ökonomisch produktive Arbeit. Vom alternativen Standpunkt Schumachers aus erscheint damit die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt. E. F. Schumacher urteilt deshalb, dass für die tradierten Wirtschaftswissenschaften und dementsprechend für die konkrete Wirtschaft in der Praxis Güter wichtiger als Menschen und Konsum wichtiger als schöpferisches Tun ist.. Damit würde aber der Schwerpunkt vom Arbeiter auf das Ergebnis der Arbeit verlagert, d.h. vom Menschlichen weg hin zum Untermenschlichen. Von einem buddhistischen Standpunkt aus fordert Schumacher deshalb eine Neubewertung der Arbeit, damit diese für den einzelnen Arbeiter wieder sinnvoll, für die Gesellschaft nützlich und für die Ordnung des Ökosystems ein harmonischer Teil dieses Systems werde. Der Grundgedanke dieser Wirtschaftsauffassung heisst „Einfachheit“ und „Gewaltlosigkeit“; Dezentralisation und sanfte Technik. Da der Verbrauch nichts anderes ist als ein Mittel zum Wohlbefinden des Menschen, müsste das Ziel das Erreichen eines Höchstmasses an Wohlbefinden mit einem Mindestmass an Verbrauch sein. Zügelloses quantitatives Wirtschaftswachstum erscheint aus dieser Sicht als etwas Inhumanes und Lebensfeindliches.

Untergangsprognostische Pessimisten

Kritiker wie Niko Paech wenden gegen alle Spielarten des technischen Optimismus, die das quantitative Wirtschaftswachstum zur Grundlage haben, ein, dass die Einsparpotentiale durch Effizienzsteigerung aufgrund einer exponentiell wachsenden Weltbevölkerung zunichte gemacht würden.

Wer so wie Paech denkt, der muss eine Postwachstumsökonomie anstreben, die das naturschädigende Produktionswachstum zurücknimmt. Das bedeutet zugleich auch das Ende der heutigen Konsumgesellschaften. Aus der Übergangsposition von Schumacher kommt das „Small is beautiful“ zur Geltung. Weniger ist mehr. Gesucht wird eine asketische Welt-Kultur, in der sich der Einzelne in ökologischer Selbstbegrenzung bewährt.

Eine solche Position setzt einen Super-Paradigmenwechsel voraus, ähnlich dem vom Paläolithikum zum Neolithikum, nur eben in umgekehrter Richtung. „Die gesamte Tendenz der Evolution seit dem Neolithikum muss umgekehrt werden. Nicht morgen muss sie umgekehrt werden, denn dann ist es zu spät, sondern heute“, diagnostiziert Gregory Fuller in seinem Buch „Das Ende“, 1993, S.70. „Der westliche Lebensstandard müsste aufgegeben, unser Leben müsste fast paläolithisch werden“, S.81.
Fuller bedenkt auch die Realisierungschancen und kommt zu einem vernichtenden Urteil: „Einzig der sofortige Super-Paradigmenwechsel könnte das Überleben der Spezies, vielleicht, garantieren. Der Planet müsste umorganisiert, der Egoismus müsste unterdrückt und alle Partikularinteressen zum Schweigen gebracht werden. Bei einem vernünftigen Wesen wäre das möglich.“

Wie formulierte doch Hans-Georg Wittig: Angesichts der Gefährdung allen Lebens auf unserem Globus  gebe es nur eine einzige Antwort auf die globale Gefährdung des Lebens, nämlich unverzüglich  alle Lernprozesse zu fördern, die geeignet sind, diese Gefahr abzuwenden. Das setzt vernünftige Menschen voraus.

Zu schön, um wahr zu sein.

Gregory Fuller sieht nüchtern, dass wir Menschen in aller Regel eben keine vernünftigen Wesen seien. Nicht einmal der selbst verursachte Gattungstod liesse uns zur Vernunft kommen. Er schreibt: „Wir aber wurden geboren als denkende und fühlende Wesen, die ihre Selbstsucht nur ausnahmsweise hinter das globale Allgemeininteresse zurückzustellen vermögen. Gandhi war ein solcher Mensch, und Christus und Buddha und Martin Luther King. Aber wie viele Gandhis leben heute, haben jemals gelebt? Der aller Einsicht zum Trotz zu fordernde Super-Paradigmenwechsel widerspricht unserer geistig einfachen, pragmatischen, selbstsüchtigen, hochemotionalen Natur.“ Fullers Konsequenz: „Den Vollzug des Super-Paradigmenwechsels halte ich…für unmöglich“, S.91.

Damit haben wir die Gruppe der technokratischen Optimisten verlassen. Wir befinden uns jetzt im Lager der untergangsprognostischen Pessimisten.  
Die radikalste Position vertritt hier Ulrich Horstmann. Er sieht im Menschen nur noch „das Untier“, 1983. Es wird auf Erden erst wieder Frieden sein, wenn sich die Gattung Mensch von diesem Globus verabschiedet hat. Horstmann skizziert deshalb „Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“. Darin entlarvt er die Selbsttäuschungsmechanismen einer aufgeklärten Vernunft, die eben nur ein kalter und selbstsüchtiger Verstand ist.  Dagegen setzt Horstmann die nüchterne Einsicht, dass sich das Untier Mensch in der modernen Waffentechnologie die Mittel verschafft habe, um schnell und konsequent den menschlichen Evolutionsprozess beenden zu können. Diesem Globus könnten wir Menschen nur noch mit der kollektiven Selbstvernichtung der Menschheit einen Dienst erweisen. Horstmanns anthropofugales Denken macht den Menschen überflüssig. Er wird sich nicht nur physisch vernichten; es wird auch jede Erinnerung an ihn ausgelöscht werden. Die Natur wird weiter ihren Gang gehen – wie wenn es uns nie gegeben hätte. Nur einen Moment noch denkt Ulrich Horstmann darüber nach, ob die Menschheit nicht vielleicht doch noch dem eigenen Inferno entkommen könne. Wie Fuller verwirft er diesen Gedanken sogleich. Denn „ein Abweichen von den eingespeicherten Abläufen, eine Umprogrammierung“ würde „wahrhaft übermenschliche kollektive Energien“ voraussetzen, „eine Revolution unseres gesamten Denkens, Fühlens und Wertens.“ Das sei „unwahrscheinlich“, S.111.

Hoffende Spiritualisten

Mindestens zwei Spielarten sind hier zu unterscheiden. Da ist einmal an die Anhänger des New-Age-Denkens zu erinnern, und dann gibt es in dieser Gruppe die Philosophie des Attentismsus eines Martin Heidegger.

Für den New-Age-Anhänger sind alle technokratischen Optimisten, auch wenn sie die globalen Gefährdungen anerkennen, nichts anderes als weiterhin krankmachende Krisenmanager. Solchen Krisenmanagern mit ihren Effizienzoptimierungen fehle es an Utopien, an Visionen, die die Übel von Grund auf überwinden könnten. Für sie sind die heutigen Krisen bekämpfte Evolution, denn der Krisenmanager denke falsch; er denke antiquiert; er habe ein antiquiertes Weltbild. Solche Menschen stellten sich die Wirklichkeit immer noch als Newtonsche Weltmaschine vor. Sie hätten ein mechanistisches Bild vom Leben. Das müsse man und das könne man überwinden. Nicht durch eine subjektive Kraftanstrengung, sondern dadurch, dass wir evolutionsgeschichtlich in ein neues Zeitalter hineinkommen.
New-Age: das heisst „neues Alter“, „neues Zeitalter“. Gemeint ist eine Zeitenwende von epochaler Bedeutung. Die These geht dahin, dass wir heute in einem epochalen Umbruch lebten. Es wird Bezug genommen auf das platonische Weltenjahr. Das sei die Zeit, die die Sonne benötige, um, von der Erde aus gesehen, den ganzen Tierkreis zu durchlaufen. Für jedes Tierkreiszeichen brauche die Sonne etwa 2100 Jahre. In der sich jetzt ereignenden epochalen Zeitenwende träten wir ins „Wassermann-Zeitalter“. New-Age: Das ist das Wassermannzeitalter.

Die apokalyptischen Visionen mythischer Weltauslegung seien heute Wirklichkeit geworden. Die apokalyptischen Reiter trügen heute Namen chemischer Fabriken wie Seveso oder Bhopal,  Namen von Atomkraftwerken wie Tschernobyl oder Fukushima, Namen der atomaren kriegerischen Zerstörungskraft wie Hiroshima oder Nagasaki.
New-Age-Denker sind davon überzeugt, dass sich entweder das neue New-Age-Bewusstsein über die ganze Welt ausbreite – oder es werde bald überhaupt kein Bewusstsein mehr geben. Letztlich wird dieses neue Denken als ein Geschenk eben des Wassermann-Zeitalters gedeutet.

Und die Philosophie des Attentismus?

In der Vortragsreihe „Einblick in das, was ist“, 1962, besinnt sich Martin Heidegger darauf, dass alles, was ist, von der Vernichtung bedroht sei. Die aufgehäuften Atombomben könnten das Leben auf Erden jederzeit auslöschen.

Die Frage, ob der Mensch sich selbst diesen Untergang bereite oder nicht, sieht Heidegger rückgebunden an die Seinsgeschichte. In ihr schicke sich uns heute das Sein in einer besonderen Weise zu, nämlich in der Weise der modernen Technik, die Heidegger als „Gestell“ deutet. Der Mensch sei gestellt, beansprucht und herausgefordert von einer Macht, die im Wesen der Technik offenbar werde und die er selbst längst nicht mehr beherrsche. „Das Entbergen, das die moderne Technik durchherrscht, hat den Charakter des Stellens im Sinne der Herausforderung“, S.16.

Moderne Technik stelle der Natur nach, fordere sie heraus, bestelle sie nach Massgabe des menschlichen Willens zur Macht. Das Nachstellen, das Stellen der Natur erlaube dem Menschen nicht mehr, ihr zu entsprechen, sie auch sein zu lassen. Der Umgang mit der Natur ereigne sich im Medium der Berechenbarkeit – Besinnung sei dann von vornherein ausgeschlossen.

Die hier angedeutete metaphysische Technikauslegung verweist darauf, dass der neuzeitliche Mensch die Welt über die Technik als Gestell wahrnehme und auslege. Technik als Gestell verabschiede die Auffassung einer instrumentellen Technikinterpretation. Technik als Gestell sei selbst eine Weise, Welt auszulegen. Und diese Auslegung berge in sich tödliche Gefahren.

Nur noch ein Gott könne uns retten.

Für Heidegger war das nicht der Gott der Christen. Der Satz vom rettenden Gott verweist auf seine Metaphysik des Seins. Der Sinn all dessen, was ist, der Sinn des Seienden, wird für Heidegger durch ein zugrundeliegendes Sein vernehmbar. Über dieses Sein des Seienden könne der Mensch nicht willentlich verfügen. Das Sein, das jeweils in der Geschichte das Seiende bestimmt, sei gleichsam ein Geschenk der Seinsgeschichte selbst. Das Sein, das uns heute bestimme, sei das Gestell mit seinen tödlichen Folgen.

Dieses Gestell könne der Mensch aus eigener Anstrengung nicht überwinden. Ob wir einmal wieder das Seiende aus einem lebensfreundlicheren Sein heraus erfahren dürfen, liege nicht bei uns Menschen. Wir könnten nur darauf warten. Insofern ist Heideggers Seinsmetaphysik Ausdruck der Hoffnung auf eine wirklich zukunftsfähige Spiritualität, die uns aus den individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen herausführen könnte. Wir haben es hier mit einer Philosophie des Attentismus zu tun. Uns bliebe nur, so urteilte Heidegger im berühmten SPIEGEL-Gespräch, uns daran abzumühen, an schmalen und wenig weit reichenden Stegen eines Überganges zu bauen. (Das Gespräch wurde 1966 geführt und erstmals im Todesjahr Martin Heideggers 1976 gedruckt.)

Wer spinnt?

Nun, erstaunlich ist zunächst einmal, in welchem Umfang die schon eingetretenen und die möglichen Katastrophen anerkannt werden: Das Überleben der Menschheit als ganzer steht auf dem Spiel, und das Leben in Würde jedes Einzelnen ist gefährdet.

Bis auf die Untergruppe der neoliberalen Wirtschaftseuphoriker üben alle Kritik an den heute vorherrschenden ressourcenintensiven und energiehungrigen Lebensstilen unserer Konsumwelt.

Die technokratischen Optimisten sind davon überzeugt, durch anthropozentrische Eingriffe das Unheil abwenden zu können, das auch sie auf uns zukommen sehen. Mit einer ökologischen Modernisierung wollen sie die Zukunft offen halten.

Die untergangsprognostischen Pessimisten dagegen sehen keine Zukunft. Was uns noch retten könnte, wäre ein Super-Paradigmenwechsel im Sinne einer strukturellen Ökologie. Dieser radikale Paradigmenwechsel setzt allerdings eine innere Verfasstheit der Menschen voraus, die weit und breit nicht in Sicht ist. Der Mensch ist zwar vernunftbegabt, aber er ist nicht vernünftig. Deshalb das erbarmungslose Urteil der untergangsprognostischen Pessimisten: „Es ist zu spät.“

Die hoffenden Spiritualisten sehen keine Rettung der sinkenden Welt durch menschliche Anstrengungen, wohl aber glauben sie an nicht-anthropozentrische Eingriffe ins Weltgeschehen, die der Erde und der Menschheit noch eine Zukunft schenken könnten.

Wer spinnt? Wer ist nicht recht bei Verstand? Wer ist ohne Vernunft?

Wollte man diese Fragen in Bezug auf die hier dargestellten Positione beantworten, dann müsste man viele erkenntnistheoretische Vorarbeiten leisten. Das will ich in diesem Text nicht tun.

Nur denen, die überhaupt leugnen, dass es vom Menschen gemachte globale Gefährdungen gibt, möchte ich beispielhaft nur dieses zu bedenken geben: Es ist richtig, dass die Möglichkeit eines nuklearen Winters prognostiziert wurde. Und es ist ebenso richtig, dass dieser nukleare Winter bis heute nicht eingetreten ist. Das ist allerdings kein Grund zu frohlocken, wie wenig belastbar diese ökologische Prognose sei. Da die Atom-„Bomben“ noch nicht aus der Welt geschafft wurden, ja mehr noch, da sie nie mehr aus der Welt zu schaffen sein werden, weil das Wissen darüber, wie sie zu bauen sind, unsere weitere Geschichte begleiten wird, wird die Menschheit, solange sie Bestand hat, mit der Möglichkeit des atomaren Winters leben müssen. Wir dürfen nicht auf die Verifizierung des „Experimentes nuklearer Winter“ warten. Tritt er ein, treten wir aus der Geschichte aus. Insofern haben wir uns, wollen wir überleben, einzuüben in eine Heuristik der Furcht, die den schlimmsten Fall antizipiert, damit wir auch alles, aber wirklich alles tun, damit er nicht eintritt. - Die Realität sieht leider anders aus.
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In diesen Text sind Überlegungen eingegangen, die ich bereits an anderen Orten veröffentlichte:
Peter Kern: Ethik und Wirtschaft. Leben im epochalen Umbruch: Vom berechnenden zum besinnenden Denken. Frankfurt am Main 1990, 4., unveränderte Auflage.
Peter Kern: „High-Tech“ und Ökopädagogik, in: Demokratische Erziehung. 12.Jahrgang 1986, Heft 7-8, S.50-55.
Und zusammen mit Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter. Wege zu innovativem Lernen angesichts der Ökokrise. Freiburg i.Br. 1984. 2., erweiterte Auflage.


Peter Kern




 


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