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Welches Wirtschaftssystem erschliesst uns eine gelingende Zukunft?

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Welches Wirtschaftssystem erschliesst uns eine gelingende Zukunft?


Die sozialistische Planwirtschaft hat sich in der Geschichte selbst widerlegt. Die kapitalistische Marktwirtschaft ist dabei, sich zu widerlegen.


Der ökonomische Ultraliberalismus der Chicagoer Schule, auch Neoliberalismus genannt, um Milton Friedman wurde politisch umgesetzt von Ronald Reagan, Margaret Thatcher und  - problematisch genug, -  mit US-amerikanischer Hilfe von Augusto Pinochet.


Reagonomics und Thatcherismus wurden auch in Europa zum Mass der Wirtschaft mit ihrem neoliberalen Credo: Unbegrenzte Freiheit für jeden Einzelnen, freier, also kapitalistischer Markt, der sich allein durch den Wettbewerb steuert, und ein radikaler Anti-Etatismus, also keine Eingriffe durch den Staat.


Der durch eine solche Wirtschaftstheorie angerichtete Flurschaden ist inzwischen beachtlich: Soziale Ungleichheit mit sich entsprechend verschärfenden sozialen Spannungen, Instrumentalisierung der Menschen im Dienste purer Marktziele, Umdefinition der Natur zur Ware und damit einhergehend ein todbringender ökologischer Raubbau sind nur einige der Folgen des Neoliberalismus.


Die Kritik an diesem lebensfeindlichen Wirtschaftskonzept wird immer lauter. Und das nicht nur aus dem Lager der ideologischen Gegner, der sogenannten Linken.  Nein, die Kritiker kommen aus dem eigenen konservativen wirtschaftsnahen Umfeld. Nur ein Beispiel: Der studierte Volkswirt Roger de Weck. Er ist Präsident des traditionsreichen Graduate Institute of International and Development Studies in Genf. Er lehrt am College of Europe in Brügge und Warschau. Er war Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT und des Zürcher TAGES-ANZEIGERS. In seiner konzentrierten Studie „Nach der Krise“ von 2009 stellt er unmissverständlich fest, dass das Wirtschaftssystem, das unser Leben zur Zeit prägt, versagt. Roger de Weck zeigt, dass sich dieser Kapitalismus von Grund auf ändern müsse.  Der Kapitalismus neoliberaler Prägung komme wie eine Religion daher, postuliere die Unfehlbarkeit des Marktes wie einen Glaubenssatz und übersehe die zerstörerischen Nebenwirkungen eines Casino-Kapitalismus des schnellen Geldes und des Diktats der kurzen Fristen. Roger de Weck will eine „Erneuerung des Kapitalismus“. Er soll zukunftsfähig gestaltet werden. Und so enden seine Überlegungen mit diesen Sätzen: „Eine ausgewogene, stabile, nachhaltige, nüchterne, demokratische, liberale und globale Wirtschaftsordnung ist der Mühe wert. Man nennt sie ökosoziale Marktwirtschaft.“


Der Kapitalismus pur muss also gezügelt werden. Nicht durch den Rückfall in den gescheiterten Widerpart der staatlich gelenkten Planwirtschaft, wohl aber doch durch korrigierende Eingriffe des Staates.


Das gesuchte Konzept gab es bereits. Es war die „Soziale Marktwirtschaft“. Sie war weder rein sozialistisch noch rein kapitalistisch. Sie war eine Marktwirtschaft, die sich dem Sozialen verpflichtet wusste. In ihr folgte man nicht der Chicagoer Schule des Neoliberalismus, sondern der Freiburger Schule eines Ordo-Liberalismus um Walter Eucken und Wilhelm Röpke. Zusammen mit Alexander Rüstow und Alfred Müller-Armack entstand dieses Wirtschaftskonzept der „Sozialen Marktwirtschaft“: Der „Sinn der sozialen Marktwirtschaft“ ist es, „das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden.“ Ludwig Erhard setze das als Wirtschaftsminister in der Adenauer-Ära politisch erfolgreich um.


Heute können wir nicht naiv zu dieser Sozialen Marktwirtschaft zurückkehren. Insbesondere die ökologischen Herausforderungen erzwingen eine radikale Neubesinnung auch dieser Form des Wirtschaftens. Um unserer Zukunft willen können wir nicht länger die Natur als Ware behandeln, die man rücksichtslos zur Gewinnmaximierung vermarktet. Auf diese Weise macht man die Natur zum Steinbruch blosser Marktinteressen. Man beutet sie erbarmungslos aus. Man zerstört sie.


Die notwendige Abkehr vom ökonomischen Ultraliberalismus der Chicagoer Schule darf sich also nicht bei den Ideen der Freiburger Schule der Sozialen Marktwirtschaft beruhigen. Die ökologischen Herausforderungen sind mit zu berücksichtigen. Was Not tut ist also eine freie, soziale und ökologische Marktwirtschaft.


Das schliesst eine radikale Kritik an der Ideologie des ungebremsten quantitativen Wirtschaftswachstums ein. Wirtschaft kann in einer endlichen Welt nicht unendlich wachsen. Wir dürfen, zunächst und vor allem in den reichen Regionen dieser Welt,  nicht mehr so weiter leben wie bisher. Unsere westlichen Lebensstile sind nicht zukunftsfähig. Wir müssen unser energie- und ressourcenintensives Konsum-Leben ändern.


Damit stehen wir vor einer ethischen Herausforderung. Wir müssen neu bestimmen, wie wir leben sollen und wie wir leben können. Die ökologisch-soziale Marktwirtschaft braucht ein ethisches Fundament.


Hans-Georg Wittig und ich haben in unserer Studie „Pädagogik im Atomzeitalter“ eine solche Ethik skizziert. Wir gehen davon aus, dass die Menschheit überleben will und dass sie in Würde leben will. Das führt uns zum Konzept einer Öko-Ethik, die uns die Pflicht auferlegt, so zu leben, dass wir die Lebensbedingungen für heutiges und künftiges Leben nicht zerstören. Deshalb müssen wir lernen, dass der Besitz und der Verbrauch von Gütern kein Selbstzweck ist wie das beim quantitativen Wirtschaftswachstum der Fall ist, sondern dass die erwirtschafteten Güter Mittel für Ziele sind, die wir erst wieder neu bestimmen müssen.


Diese Ziele können angesichts der Grenzen des Wachstums nicht vorrangig materieller Natur sein. Insgesamt kommt alles darauf an, diese Ziele mit den geringsten Mitteln zu erreichen und gerecht zu verteilen (öko-soziale Marktwirtschaft).


Bei den Zielen, die nicht in die Falle des quantitativen Wirtschaftswachstum geraten, dürfte es sich um ranghöhere Bedürfnisse handeln wie kultivierte Musse, sinnvolle soziale Aufgaben, Emporbildung zur Gelöstheit weiser Vernunft. Solchen Zielen sind keine materiellen Grenzen gesetzt, hier ist qualitatives Wachstum möglich und wünschenswert. Die Befriedigung der grundlegenden, aber rangniederen vitalen Bedürfnisse z.B. nach Nahrung, Bekleidung, Wohnung, technischer Mobilität erfordert materielle Güter, deren Menge prinzipiell begrenzt ist.


Die zunehmende Konzentration auf diese materiellen Ziele, der Primat der ökonomischen Interessen vor den nicht-ökonomischen Interessen, hat deshalb in der europäisch-neuzeitlichen Zivilisation zu verschärften Verteilungskämpfen geführt, also zu gesteigerter Machtkonkurrenz mit der Folge individueller Miseren und kollektiver Katastrophen.


Die normative und damit allgemeinverbindliche Konsequenz aus der Öko-Ethik für die Wirtschaft ist also, neuartige und zukunftsfähige Lebensstile zu entwickeln, die mit den Bedürfnissen der Menschennatur, der Gesundheit der uns alle tragenden Natur und mit den Rohstoffvorräten dieser Welt vereinbar sind.


Der Imperativ lautet: Ökologische Selbstbegrenzung.


Natürliches Wachstum vollzieht sich organisch. Die Grenze dieses Wachstums ist durch Mutation und Selektion bestimmt. Quantitatives Wirtschafts-„Wachstum“ ist in diesem Verständnis kein natürliches Wachstum, sondern ein künstlicher Wucherungsprozess aufgrund mangelnden Selektionsdrucks. Das führt prinzipiell in tödliche Sackgassen.


Beim Menschen ist die ererbte Vernunft der Affekte durch Sprache und Verstand aus der Bahn geraten. Die dadurch verlorengegangene natürliche Verhaltensregulierung, die das Tierreich noch kennt, muss durch gesellschaftliche Regulierungen ersetzt werden. Als Werk der Gesellschaft wurde der Mensch inzwischen so mächtig, dass er dem Selektionsdruck durch die ihn umgebende Natur nicht mehr ausgesetzt ist. Deshalb muss nun an die Stelle der natürlichen Begrenzung die Selbstbegrenzung aus ökologischer Vernunft treten, wenn wir nicht wollen, dass wir uns selbst und die Natur zugrunde richten.


Es geht also um Einsicht („logos“) in den Haushalt der Natur und des Menschen in ihr, d.h. in die Bedürftigkeit aller beteiligten Lebewesen und ihr wechselseitiges Aufeinanderangewiesensein („oikos“). Um diesen Haushalt der Natur zu bewahren, ja zu pflegen, ist die Zurücknahme der unnatürlichen Wucherungsprozesse auf das dem Menschen zukommende Mass erforderlich („Begrenzung“), eine Zurücknahme, die, solange sie nur durch Herrschaft erzwungen wird, instabil bleibt, letztlich also auf die Vernunft möglichst vieler Einzelner angewiesen ist („Selbst-„).


„Ökologische Selbstbegrenzung“ verweist – normativ – darauf, wie wir leben sollen: „small“. Indem wir dieser Norm folgen, werden wir unserer ranghöheren Bedürfnisse innewerden und – eudämonistisch – erfahren, wie wir leben können: „beautiful“.


Das macht eine Revolution der Denkungsart jedes Einzelnen und einen sofortigen Super-Paradigmenwechsel unserer gesamten modernen Gesellschaft notwendig. Gelänge diese doppelte Revolution, dann wäre das Überleben unserer Spezies in Würde möglich. Bei einem vernünftigen Wesen sollte das möglich sein.


Allein, bei realistischer Betrachtungsweise müssen wir anerkennen: Wir sind keine vernünftigen Wesen, von wenigen Übermenschen wie etwa Mahatma Gandhi abgesehen.
Als Ludwig Erhard, der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, in deutlich weniger brisanter Zeit seine Appelle zum Masshalten an die westdeutschen Bürgerinnen und Bürger richtete, wurde er von allen Seiten lächerlich gemacht.


Auf die Vernunft der Einzelnen ist kein Verlass. Auf diese Weise wird es nicht zum überlebensnotwendigen Super-Paradigmenwechsel kommen.


Bleibt noch der Staat. Statt individueller Selbstwahlakte zur Vernunft also politische Taten: Der Gesetzgeber erzwingt die notwendigen Massnahmen für zukunftsfähige Lebensstile durch Gesetze. Dann geht es nicht mehr um öko-soziale Marktwirtschaft, sondern um Öko-Sozialismus und Öko-Diktatur.

 
Wir können zum Anfang dieser hier vorgelegten Überlegungen zurückgehen: So wie die sozialistische Planwirtschaft scheiterte, so würde auch ein Öko-Sozialismus scheitern, erst recht eine Öko-Diktatur, denn die durch Herrschaft erzwungene Revolution der Denkungsart bliebe prinzipiell instabil. Wann immer es auch nur möglich erscheint, würde man die erzwungenen ökologischen Begrenzungen egoistisch umgehen.


Zukunft? Wohl eher „Das Ende“.

Wir haben uns einzuüben in eine heitere Hoffnungslosigkeit im Angesicht der ökologischen Katastrophe. Das macht individuelles Engagement nicht überflüssig. Es hilft dem Einzelnen, sinnvoll diese sinkende Welt zu bestehen. Das grosse Ganze wird es nicht retten.


Literatur


Gregory Fuller: Das Ende. Von der heiteren Hoffnungslosigkeit im Angesicht der ökologischen Katastrophe. Zürich 1993
Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter. Wege zu innovativem Lernen in der Ökokrise. Freiburg i.Br. 1984 in 2. erw. Auflage
Hans Küng: Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht. München /Zürich 2012 (Taschenbuchausgabe. Erstdruck  München 2010)
Roger de Weck: Nach der Krise. Gibt es einen andern Kapitalismus? München 2009

E. F. Schumacher: Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen für Wirtschaft und Technik. "Small is Beautiful". Reinbek 1977

vgl. "Hilfe, die Welt geht unter!" - "Du spinnst!"

vgl. Wirtschaftstheoretische Aspekte


Peter Kern






 


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