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English spoken

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English spoken

O weh, sie haben die akademische Welt des Geistes umgekehrt. Barbar ist, wer nicht englisch spricht. Waren im alten Griechenland all diejenigen Barbaren, die die griechische Sprache nicht beherrschten, so sind es heute diejenigen, die kein Englisch können. Gestützt auf die Vorherrschaft der empirischen Naturwissenschaften spricht die akademische Welt diese neue universal gültige Wissenschaftssprache.

Es ist nicht mehr das Latein der Römer und des Mittelalters oder gar das alte Griechisch Athens, von dem man sich akademische Ausbildung erhofft. Nicht einmal die eigene Muttersprache wird als tauglich empfunden, die neuen Forschungsergebnisse aus den Werkstätten der Wissensproduktion zu transportieren.

Ohne Englisch geht nichts mehr.

Wer gehört werden will, publiziert in Englisch und reist zu internationalen Kongressen, auf denen englisch gesprochen wird. Selbstverständlich wird auch in Englisch gelehrt, selbst dann, wenn alle Beteiligten Schweizer, Deutsche oder Dänen sind. In Deutschland haben rund 460 der 2011 erhobenen 640 internationalen Masterstudienprogramme Englisch als alleinige Unterrichtssprache, und von den 294 international strukturierten Promotionsprogrammen finden 184 ausschliesslich auf Englisch statt.

Es heisst, nur so sei internationale Anerkennung zu erreichen. Englisch also als „Benefit“, auch als Karrierevorteil.

Vorbei die Zeiten, als deutsche Studenten Dänisch lernten, um Kierkegaard im Original lesen zu können und Dänen Deutsch lernten, damit sie Hölderlin und Goethe besser verstehen konnten. Unsere Muttersprachen werden an den Hochschulen lautlos sterben wie jene Tiere, deren tote Körper man nicht mehr findet.

Die Schönheit, der Witz und die Raffinesse lokaler Kulturen geraten unter die totalisierende Weltsicht einer einzigen Sprache, die an den Universitäten im hidden curriculum, im verborgenen Lehrplan, vor allem eines transportiert: das berechnende Denken der Beherrschung von Natur und Mensch.

Englisch dient der Effizienzoptimierung und der Wettbewerbsfähigkeit.

Wir stehen an den Abbrüchen einer zweitausend Jahre alten Tradition. Die Hochschulen hören auf, der Ort der universitas  zu sein.

Hans-Ulrich Rüegger:  „Was in der universitas vereint – wörtlich in eins gewendet – ist, umfasst eine Gesamtheit von Vielen, Einzelnen, Verschiedenen. Es umfasst in der weitesten Bedeutung die ganze Welt, die universitas rerum. Es umfasst in mittelalterlichen Gelehrtenkreisen die Gemeinschaft der Lehrer und Schüler, die universitas magistrorum et scholarium. Und es umfasst in der Neuzeit die Gesamtheit der Wissenschaften, die universitas litterarum.“

Das Ganze zu umfassen, war der Anspruch akademischer Bildung als Latein die universale Wissenschaftssprache war, und das galt immer noch als die universitäre Bildung im Horizont der Muttersprachen stattfand. Damals ging es in den Universitäten ums „Ganze“, heute nur noch um eine sich beschleunigende Ökonomisierung.  Die Hochschulen haben sich damit selbst zum Warenhaus an der Einkaufsstrasse des Pragmatismus und Positivismus gemacht.  

Da kommt Englisch als neue Wissenschaftssprache gerade zur rechten Zeit, nicht das wortreiche und wortmächtige Englisch eines Shakespeares, auch nicht das von einem hohen Geist geadelte Oxford-Englisch. Es ist eher das dahin genuschelte Amerikanisch, das mit seinen wissenschaftlich aufgeladenen hoch abstrakten Fachtermini Karriere macht.

Dass zu diesen unanschaulichen Konstruktionen den Studierenden  keine muttersprachlichen Begriffe mehr einfallen, bleibt mit seinen gefährlichen Konsequenzen den eifrigen Transformateuren der Studiengänge verborgen.

Wer der Öffentlichkeit nicht mehr in seiner Muttersprache erzählen kann, was er im Masterstudiengang lernt, der entzieht die universitären Forschungsergebnisse der öffentlichen Kontrolle. Er installiert  die Herrschaft einer theoretischen Elite, die aus einer lebendigen Demokratie eine totalitäre Expertokratie macht. Diese kennt immer nur eine Lösung, weil sie auf komplexe Lebensfragen von vornherein nur die eine technokratisch-verrechenbare Antwort sucht. Das Credo solcher Experten lautet dann auch: TINA. There Is No Alternative! Politiker sind hier gelehrige Schüler.

Was dabei für Mensch und Gesellschaft herauskommt, hat uns die aktuelle Krise an den Finanzmärkten anschaulich vorgeführt.

Gerade auch in den Wirtschaftswissenschaften wird Englisch gesprochen und berechnend gedacht. Die Mainstream-Theorie der neoliberalen Wirtschaftstheoretiker hat sich inzwischen schlicht als ein Mythos herausgestellt. Der Markt und seine Marktteilnehmer sind alles andere als rational. Der Glaube an das sich selbst steuernde, rationale und deshalb effiziente Marktgeschehen schlug intellektuelle Purzelbäume. Grenzenloses Wirtschaftswachstum ohne Inflation und ein endloser Boom an der Börse wurden uns, wissenschaftlich abgesichert, versprochen.  

So etwas zeugt vom mangelnden Gebrauch der eigenen Vernunft.  Die Quittung kam prompt, die Blase platzte. Wer auch nur ein wenig von Philosophie, Anthropologie und Psychologie versteht, wusste das schon immer. Der hatte aber mehr studiert, als mathematisch-statistisch evaluierte Wirtschafts-Modelle, die vor lauter Abstraktheit den realen Menschen und den realen Markt aus dem Blick verloren haben. Es waren Aussenseiter, die Kritik übten. Dummerweise publizierten sie ihre Gegenthesen oft nicht in Englisch. Sie waren damit nicht auf der Höhe der Zeit. Sie wurden nicht wahrgenommen.

Nun, inzwischen sind die in englischer Sprache kommunizierenden Zeitgeistritter von ihrem hohen Ross gefallen und unsanft auf dem Boden der anthropologischen und psychologischen Tatsachen gelandet.

Die mit dem Zeitgeist imprägnierten Studiengänge sind nicht mehr geadelt von der Noblesse der Besinnung. Querdenken und der Entwurf von Gegenthesen zur gerade vorherrschenden Lehrmeinung gehören zu einem qualifizierten und qualifizierenden Studiengang. Werden dagegen Lehrende und Lernende zu Marionetten an den Fäden einer funktionalen Wissenschaftssprache, die philosophische Reflexion und Distanz zur konstruierten eigenen Disziplin nicht zulassen, dann kommt es zur Blamage, wie sie die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften gerade erleben müssen.  

Wer an den Universitäten im deutschsprachigen Raum nicht lernt, die angebotenen Theorien auf Deutsch zu erklären, hat möglicherweise gar nicht verstanden, was vollmundig auf Englisch angeboten wurde.

Die Forderung, die Muttersprache auch im akademischen Studium wieder in ihr Recht einzusetzen, hat also gute Gründe. Mehr Deutsch zu sprechen hat nichts mit Chauvinismus zu tun. Es ist eine Frage der Demokratie: Die Forschungsergebnisse müssen öffentlich diskutierbar sein, damit wir alle zu ihnen politisch Stellung nehmen können. Wenn es um lebenspraktische Fragen geht, sind wir als mündige Bürgerinnen und Bürger alle Experten, Experten eines guten Lebens, nach dem in den Universitäten kaum noch gefragt wird.  Deshalb  dürfen wir uns nicht durch fragwürdige Wissenschafts-Experten die immer möglichen Alternativen aus der Hand nehmen lassen. Wir müssen, wenn es uns notwendig erscheint, auch laut rufen: Der Wissenschaftskaiser ist nackt!  

Ganz offensichtlich fehlt dem heute praktizierten Wissenschaftsenglisch noch zu oft die Grazie und der Esprit für diesen immer dringlicher werdenden Ruf.

Besinnung tut also not. Mögen sich die Hochschulen selbstkritisch fragen, wie viel Englisch ihre Studiengänge vernünftigerweise vertragen.


Literatur

Vgl. Quo vadis universitas? Kritische Beiträge zur Idee und Zukunft der Universität
Herausgegeben von Hans-Ulrich Rüegger. Nr. 14, 23. Juni 2010: Universitas – was eint die Vielfalt? Von Hans-Ulrich Rüegger.

Marco Baschera: Wie viel Englisch verträgt die Schweiz? In. NZZ, Nr.236, 11./12.10.1997

Vgl. zur Problematik der heutigen Wirtschaft und der Wirtschaftswissenschaften die glänzende Studie des Theologen Hans Küng: Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht. München 2010; 2012 als Taschenbuch.

Peter Kern





 


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