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Vernunft allein macht nicht glücklich

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Jan-Martin Wiarda fährt für das „Zeit-Magazin“ den „Honda Insight 1.3i-DSI“. Das ist ganz offensichtlich ein sparsames Auto, mit Plastikcharme des Armaturenbretts, mit wohl zu weichen Sitzen, vor allem aber mit verdammt wenig Spritverbrauch. Er bleibt nach acht Kilometern Stadtverkehr während der Rushhour unter der 5-Liter-Marke. So teilt es uns Herr Wiarda in seiner Zeit-Kolumne mit. Und er erklärt uns auch, wie das möglich ist: Der „Insight“ hat eine aerodynamische Tropfenform, und er ist ein Hybrid-Auto mit kleinem Benzinmotor und noch kleinerem Elektromotor. Beim Bremsen saugt er die abgebaute Energie wieder auf; vor jeder Ampel, die zum Halt zwingt, stellt er sich von selbst ab. Eine ausgeklügelte Technik, die jedes Umweltherz höher schlagen lässt. Die Digitalzeichen des Tachometers danken es dem Fahrer, wenn er schonend, also nachhaltig fährt: Sie sind dann von einem beruhigenden Grün eingerahmt. Kurzum: Wir haben ein Auto vor uns, das technisch in eine zukunftsfähige Welt weist, unter den heutigen Bedingungen also ein durchaus relativ „vernünftiges“ Auto.

Doch zur Überraschung des Lesers stellt Herr Wiarda fest: „Vernunft allein macht nicht glücklich.“ Um dieses erstaunliche Urteil fällen zu können, bemüht er seine Frau, die neben ihm im Auto sitzt. Sie will kein so sparsames Auto, sie will bequemere Sitze, kein Plastik vor der Nase, vor allem aber will sie schneller fahren. Umgehend lässt sich Herr Wiarda von ihr anstecken und tritt das Gaspedal kräftig durch, bis der Tachometer warnend rot aufleuchtet: Zum Teufel mit der Natur und der Zukunft! Unser Kolumnist will nicht „vernünftig“, er will „glücklich“ sein.

Die Vernünftigen sind also Miesepeter, Langweiler, Asketen gar, also Glücksvernichter. Seine Frau und er, sie sind doch keine von diesen lebensfeindlichen Gutmenschen, die immer dann, wenn das Leben lebenswert zu werden beginnt, alles verbieten wollen. Schnell Autofahren: Nicht mehr erlaubt. Wie weit es die Grünen doch schon gebracht haben! Nein, Frau und Herr Wiarda halten dagegen: Rauf aufs Gaspedal, denn, so urteilen die Wiardas, „Vernunft allein macht nicht glücklich“.

Die Wiardas fahren gern schnell, sie begehren den Geschwindigkeitsrausch. Im Begehren steckt sprachlich „Begierde“, „Gier“. Nicht länger bekommt uns jedoch die immer grenzenlosere Beschleunigung. Einige lernen gerade, dass eine Leben erhaltende Entschleunigung mehr unseren menschlichen Bedürfnissen entspricht.

In unserer verwöhnten Konsumgesellschaft fragen aber immer noch zu wenige, ob wir das Begehrte für ein gelingendes Leben überhaupt brauchen. Sind wir der schnellen Fahrt wirklich bedürftig?

Wir begehren das schnelle, ruhelose, intensive Leben – und sind möglicherweise, es sei antik philosophisch formuliert, der „Ruhe der Seele“ bedürftig.

Führt die schnelle Fahrt zum Glück? Glück wird erst erfahrbar, wenn ich mich aus meiner egozentrischen Selbstbefangenheit gelöst habe, und den Anderen wahrzunehmen vermag. Der Andere: Das sind alle von meiner schnellen Fahrt Betroffenen, denen ich durch mein Handeln Zukunft verbaue: die Mitmenschen, die uns tragende Natur, das noch nicht geborene künftige Leben, ja ich selbst schädige mich durch unnötigen Ressourcenverbrauch und durch die Verpestung von Luft, deren wir für ein gelingendes Leben bedürftig sind.

Glück setzt also die Erfahrung von Gelöstheit voraus: Ich kann heiteren Herzens von „Begehrungen“ lassen. Dann ist der Verzicht auf die schnelle Fahrt nicht länger asketischer Verzicht, sondern der Ursprung von wahrem Glück.

Weniger ist mehr.

Das, was die Wiardas sich von der schnellen Fahrt erhoffen, nämlich Glück, wird sich gerade nicht einstellen. Bestenfalls Lust. Wer diese befriedigen will, der möge doch um der Zukunft willen Achterbahn fahren.

So gilt des Philosophen Satz: Begehrungen, deren Befriedigung der Eudämonie - des Glückes, der Glückseligkeit – beraubt, entsprechen nicht unserer wahren Bedürftigkeit – mit tödlichen Folgen.

Vernunft

Glück


Peter Kern


Literatur


Jan-Martin Wiarda: Vernunft allein macht nicht glücklich, in: ZEIT-Magazin, Nr.32, 30.07.2009, S.37

Bereits 1977 schrieb der Schweizer Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Hanspeter Padrutt, eine philosophische Besinnung über das Auto, die heute, 2010, an Gültigkeit nichts eingebüsst hat: Hanspeter Padrutt: Macht uns das Auto unabhängig? In: NZZ, 23./24. Juli 1977

Dazu passt: Nicht nach Venedig.

Ergänzungstexte:

Audio

Vernunft allein macht nicht gluecklich

 


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