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"Bereichere Dich!"

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"Bereichere Dich so viel Du kannst und geniesse rücksichtslos Dein Leben!"

Man muss es schon anerkennen, die Wissenschaft nimmt eine Vorreiterrolle in unseren Gesellschaften ein. Kaum eröffnet die Gen- und Gehirnforschung kühne Manipulationen am Menschen, schon hat das Auswirkungen auf die Ethikdiskussion. Allerdings nicht so, wie man meinen möchte. Wer davon ausgeht, dass die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse sich vor den Imperativen einer traditionellen Ethik zu rechtfertigen hätten, der irrt sich. Kants Kategorischer Imperativ etwa taugt den Vorwärtsstürmern nicht als ethischer Massstab. Bei seiner Anwendung könnte ja herauskommen, dass man so manches aus den Forschungslabors kritisieren müsste. Forsch dekretiert man deshalb: Nicht die Wissenschaft habe sich nach ethisch legitimierten Normen zu richten, nein, umgekehrt werde ein Schuh draus: Es sei die Ethik, die sich nach der Wissenschaft richten müsse. Anders gesagt: Der pfiffige Verstand erfinde sich nachträglich seine Maximen zur Rechtfertigung seiner Auswüchse.

Ja, wenn das gesellschaftliche Sein das ethische Bewusstsein prägen soll, dann wird es allerhöchste Zeit, die Ethik nicht nur der Wissenschaft anzupassen, sondern auch den Verhältnissen des Alltags. Dieser Alltag wird bestimmt von Handlungsweisen, die nun wahrlich nicht mit dem Kategorischen Imperativ Kants zu vereinbaren sind: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Der Politikstar Dominique Strauss-Kahn in Frankreich, der Märchenprinz des spanischen Königshauses, Iñaki Urdangarin, oder der emporgespülte Christian Wulff in Deutschland verkörpern exemplarisch einen Lebensstil, von dem sich ein Immanuel Kant nur angewidert abgewandt hätte. Die zwielichtige Geschäftigkeit eines Sexbesessenen, die Milliardenvernichtung eines masslosen Spielers oder die raffgierige Schnäppchenjägerei eines Politikers taugen wahrlich nicht für eine allgemeine Gesetzgebung. Und doch finden sie ihre Verteidiger: Wir seien schliesslich alle keine Engel und Heiligen.

Indem vor allem in so genannt gehobenen Kreisen ein Christian Wulff in Deutschland seine Verteidiger findet, wird sichtbar, was in unserer gesellschaftlichen Realität das Handeln bestimmt: Grenzenloser Egoismus, Raffgier, Austrickserei, Lug und Betrug, masslose Eitelkeit und ein unbedingter Machtwille. Die Rechtfertiger und Beschwichtiger  finden sich selbst in Wulff wieder. Und indem sie ihn als Opfer der Medienmeute hinstellen, die doch ihrerseits auch nicht anders sei als ein Wulff und jeden Vorteil mitnähme, etablieren sie alle miteinander einen neuen ethischen Imperativ. Nur Reste eines verblassenden Anstandes hindern sie noch daran, ihn auch konsequent auszusprechen: „Bereichere Dich so viel Du kannst und geniesse rücksichtslos Dein Leben!“

Längst hat dieser Imperativ universale unbedingte Geltung, zumindest im Grossraum der von der ökonomischen Globalisierung befallenen Welt. Dieser neue ethische Imperativ gebietet, auf nichts und niemanden mehr Rücksicht zu nehmen. Vorbilder für diese neue Ethik sind die schwerreichen Nomaden, die von den Gagen, Boni und Gratifikationen profitieren, die ein Kant nur als Ausdruck massloser inhumaner Exzesse wahrgenommen hätte.

Die Wirkung auf die Jugend ist durchschlagend. Gefragt, was er werden wolle, antwortete der Jugendliche früher mit einem soliden Beruf, heute sagt er trocken: berühmt und reich wolle er werden. Berühmtheit und Reichtum als Beruf. Das ist der Ertrag der Pokerspiele unserer Eliten. Und so werden auch die Zeiten bald vorbei sein, in denen die Fallhöhe der erwischten Einzelnen, der Strauss-Kahns, der Iñaki Urdangarins oder der Christian Wulfffs, noch die Häme der Massen ermöglichte. Bald werden wir alle dem neuen Imperativ des „Bereichere Dich so viel Du kannst und geniesse rücksichtslos Dein Leben!“ folgen.

Wissen wir überhaupt noch, was wir damit aufgeben?  Immanuel Kants Kategorischer Imperativ galt einmal allgemein und unbedingt. Er war kein hypothetischer Imperativ.

Hypothetische Imperative gelten auch allgemein, aber nur bedingt: Wenn ich ein hohes Alter erreichen will, dann nur unter der Bedingung, dass ich meine Gesundheit erhalte.

Der Kategorische Imperativ gilt demgegenüber allgemein und unbedingt als blosse Form eines allgemeinen Gesetzes. Erinnern wir uns an eine andere Formulierung des Kategorischen Imperativs: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Dieses Gesetz ist auf jeden Inhalt anwendbar.

Kann ich wollen, dass alle Menschen stehlen? - Nein: Du sollst nicht stehlen! Kann ich wollen, dass alle Menschen lügen? - Nein: Du sollst nicht lügen!

Hans Küng wendet Kant in seinem Weltethos auf unsere Zeit an und formuliert vier unverrückbare Weisungen: Erstens die Verpflichtung zu einer Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben. Zweitens die Verpflichtung zu einer Kultur der Solidarität und zu einer gerechten Wirtschaftsordnung. Drittens die Verpflichtung zu einer Kultur der Toleranz und zu einem Leben in Wahrhaftigkeit. Und viertens die Verpflichtung zu einer Kultur der Gleichberechtigung und zu der Partnerschaft von Mann und Frau.

Wenn Christian Wulff den ihm mit fragwürdiger Argumentation juristisch zugesprochenen „Ehrensold“ annimmt, dann handelt er nicht mehr im Sinne der alteuropäischen Ethik. Dann ist sein Massstab der neue „kategorische Imperativ“: „Bereichere Dich so viel Du kannst und geniesse rücksichtslos Dein Leben!“. Er ist dann ein Vorbild. Das Vorbild für die Befolgung der neuen Ethik. Was wollte der Jugendliche werden? Reich und berühmt. Dann kann er auf Christian Wulff als den neuen Stern der neuen Ethik zugehen.

Peter Kern



 


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Er hatte eine Spontaneität, die dem dressierten Bürger nur peinlich war.