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Anästhesie für die Seele

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Anästhesie für die Seele

Alle wollen sie fliegen. Geschäftsleute und Urlauber. Auch Heerscharen von Pensionären zieht es in die weite Welt. Nur Fluglärm, den wollen sie nicht. Wie auch. Er ist ohrenbetäubend, er pulverisiert jede Konzentration, er verhindert das Gespräch am Mittagstisch, und er vernichtet jeden regenerierenden Schlaf. Fluglärm macht krank.

Fluglärm sei notwendig. Darauf pochen mit menschenverachtender Rationalität Investoren, Banker, Wirtschaftsbosse und Politiker aller Couleur. Sie eint das eine Credo: Man müsse hin hinnehmen, den Fluglärm, er sei der Preis, den wir für den ökonomischen Fortschritt zu zahlen hätten. Punkt. Man fordert Solidarität. Da müsse schon einmal eine Minderheit ihr Opfer für das Gemeinwohl bringen.

Dieses Argument ist für die Betroffenen gemein. Wohlergehen lassen es sich hingegen der Investor, der Banker, der Wirtschaftsboss und der Politiker, denn sie alle wohnen nicht in den Flugschneisen der brüllenden Riesenvögel unserer technischen Zivilisation.

Der Frankfurter Flughafen müsse wachsen, nur dann wachse auch Deutschland. Und dass Deutschland wirtschaftlich wachsen müsse, stehe doch ausser jeder Frage. Es geht also primär um die Wirtschaft, dann noch um Arbeitsplätze. Im Horizont dieses Denkgefängnisses wird jede kreative Diskussion, wird jede Suche nach Alternativen als illusionär erstickt.

Merke: Der Mensch ist für die Wirtschaft da. Wer davon überzeugt ist, die Wirtschaft habe dem Menschen zu dienen, outet sich nur als Fusskranker des Abendlandes. Humanität, i bewahre! Persönliche Befindlichkeiten, welch ein Luxus im Kampf um Märkte und Moneten. Wer den Kampf David gegen Goliath wagt, also menschliches Wohlergehen gegen quantitatives Wirtschaftswachstum auszuspielen versucht, darf auf keinen glücklichen Ausgang hoffen. Der Markt siegt.

Nur wenn die Eliten unversehens von ihrem eigenen Ökonomie-Monopolie eingeholt werden, ist plötzlich alles anders. Dann regt sich auch bei ihnen der Widerstand gegen den Fluglärm. Wer konnte es nur wagen, die Flugrouten so zu ändern, dass auch die Reichen beispielsweise an der Goldküste des Zürichsees vom Fluglärm heimgesucht werden. Statt des calvinistischen Segens von oben kommt nun von dort  ein Gebrumme und Gedröhne, ein Sausen und Pfeifen, einen Heulen und Donnern, das die Wohlsituierten gar nicht mögen. Jetzt sind auch sie Opfer der Segnungen des von ihnen so gepriesenen wirtschaftlichen Fortschritts. Und schon reagieren sie ganz normal und ganz vernünftig: Sie mögen den Fluglärm nicht. Er beeinträchtigt ihr Leben. Er macht auch sie krank. Indem sie sich gegen die Zumutung des Fluglärms in ihrer Wohngegend kenntnisreich und gut vernetzt wehren, bleibt jedoch die Solidarität mit den weniger einflussreichen Opfern andernorts aus. Wenn sie diese zuliessen, müssten sie über die Systemfehler unserer prosperierenden Lebensstile überhaupt nachdenken. Das überfordert sie.

Die Hypothese von der Notwendigkeit des quantitativen Wirtschaftswachstums ist für sie schleichend und unmerklich in eine These übergegangen: Diese Form des Wirtschaftens muss sein! Doch Obacht. Die Fülle der Indizien einer zunehmenden Prosperität ersetzt keinen Beweis, dass quantitatives Wirtschaftswachstum wirklich den Menschen und dem Leben überhaupt dient. Quantitatives Wirtschaftswachstum verdankt seine Existenz einer Konfession.

Solange wir alle in den reichen Regionen auf diesem Globus  nicht unsere Lebensstile radikal ändern, solange werden uns die ungewollten Nebenwirkungen unseres ökonomischen Wohlstandes hartnäckig und folgenreich heimsuchen. Da gibt es ja nicht nur den Fluglärm, da trifft uns mit gleicher Wucht der Dauerlärm unserer automobilisierten Städte, der Gestank der Abgase, da trifft uns heimtückisch, nicht mit unseren Sinnen wahrnehmbar aber hoch wirksam, das Gift aus ungezählten Chemiefabriken, fein verteilt, bis in unsere Nahrung hinein. Von Tschernobyl und Fukushima ganz zu schweigen.

Diese Aussenweltverschmutzungen haben längst auch unsere Innenwelten erreicht. Umweltverschmutzung und geistig-seelische Innenweltverschmutzung sind inzwischen eine unheilige Allianz eingegangen. Sie steigern sich wechselseitig und treiben sich so zu ungeahnten Resultaten an. Wir geben uns dem Rausch einer ökonomischen Wachstumsideologie hin, ohne zureichend zu merken, dass diese täglich immer mehr unseren Geist benebelt und unsere Seelen narkotisiert. Wir sind unempfindlich geworden für das, was ein – antik-philosophisch gedacht –  "gutes Leben" sein könnte.

Peter Kern

Dieser Beitrag wurde von KRITISCHES-NETZWERK.DE übernommen.



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