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Stimmungen

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Stimmungen: Angst – Glück - Liebe

 

„Stimmungen“, „Gestimmtheiten“, „Grundbefindlichkeiten“ sind Ausdruck des Ganzen unseres Daseins. Die Person als unteilbares Ganzes, als Individuum, ist immer schon hineingehalten in Lebens-Grund-Stimmungen. Person-bestimmende Stimmungen dürfen auf keinen Fall verwechselt werden mit „Launen“. Blosse Launen sind etwas Beiläufiges, Stimmungen dagegen etwas Wesentliches, mein Leben insgesamt Be-Stimmendes. Ich bin immer ge-stimmte Ganzheit, die als Werk der Natur, als Werk der Gesellschaft und als Werk seiner selbst von der mich bestimmenden Gestimmtheit konstituiert wird.

Wir können in den grossen Stimmungen der „Angst“, der „Liebe“ oder des „Glückes“ sein. Der Grundbefindlichkeit der „Angst“ entspricht dann - nach Wilhelm Dilthey - das Menschenbild des weltanschaulichen „Naturalismus“ bzw. „Positivismus“; der Grundbefindlichkeit der „Liebe“ entsprechen der „ethische Idealismus“ bzw. der „Idealismus der Freiheit“; und der Grundbefindlichkeit des „Glückes“ entsprechen der „ästhetische“ bzw. „objektive Idealismus“ ( vgl. Peter Kern/Hans-Georg.Wittig: Notwendige Bildung. 1985, S.13-69 ).

Dieses Hineingehalten-Sein in Stimmungen bestimmt also fundamental die Art des Erkennens, Entwerfens, Entscheidens und Handelns.

Wie aber steht es mit diesen Stimmungen pädagogisch? Werde ich be-stimmt: Be-stimmt durch Ursachen: Determinismus? Vor-bestimmt durch jenseitige Be-stimmung: Prädestination? Vorbe-stimmung, die ggf. nachlaufend als Schicksal angenommen wird, amor fati: Fatalismus? Be-stimme ich mich selbst: Selbst-Bestimmung - aus welcher Grundbefindlichkeit heraus, aus „Angst“, aus „Liebe“, aus „Glück“?  Welche Gestimmtheit führt zu meiner Be-stimmung? Gibt es eine sinnvolle Auslegung des Menschen nur aus der Gestimmtheit der „Angst“ ( vgl. Martin Heidegger: Sein und Zeit. 1927 )? Wenn ja, dann würde verständlich, warum Martin Heidegger nie eine Ethik schreiben konnte: Die moralische Selbst-Bestimmung aus der Grundbefindlichkeit der „Liebe“ blieb ihm fremd; „Umkehr“ von der „Angst“ zur „Liebe“ war ihm offensichtlich keine Erfahrung, was dann auch seine empörende Haltung zum Nationalsozialismus verständlicher werden liesse.

Oder gelten demgegenüber Otto Friedrich Bollnows Einsichten in „Das Wesen der Stimmungen“, die „gehobene“ von „gedrückten“ Stimmungen zu unterscheiden wissen, so dass die Auslegung des Menschen aus der Grundbefindlichkeit der „Angst“ nur das Fragment menschlicher Möglichkeiten sichtbar werden lässt, dem zwingend die gehobene Stimmungen, u.a. die der „Liebe“, zuzuordnen sind ( Bollnow, 1956 )?

Johann Heinrich Pestalozzis „sittliche Gemütsstimmung“ verweist auf seine Selbst-Erfahrung, die auch die unsrige sein kann: Ich bin „verdorbenes“ Werk der Natur und Werk der Gesellschaft, das sich im Krieg aller gegen alle befindet; ich bin hineingehalten in die Grundbefindlichkeit der „Angst“, die in bedingungsloser „Selbstsucht“ ihren Ausdruck findet. Diese „Stimmung“ ist nicht „sittlich“: Sie führt notwendigerweise in Prozesse individueller Miseren und kollektiver Katastrophen. Ich kann aber auch hineingehalten sein in die Grundbefindlichkeit der „Liebe“. Diese „Liebe“ überwindet die „Selbstsucht“; Leben-bewahrendes und Leben-förderndes Erkennen, Entwerfen, Entscheiden und Handeln werden möglich: Ich lebe aus einer „sittlichen Gemüts-Stimmung“.

Der Terminus „Gemüt“ verweist noch darauf, dass mit den Stimmungen Wert-Erfahrungen verbunden sind, die primär nicht erkannt, sondern empfunden werden: Wert-Empfindungen gehen den Wert-Erkenntnissen voran. Und solche Wertempfindungen erlauben die Erfahrung eines Gradualismus im Anspruchsniveau der Werte, von wertrangniederen zu wertranghohen und wertranghöchsten. Für Johann Heinrich Pestalozzi ist die „Liebe“ die wertranghöchste Stimmung, die dem Menschen in seiner Evolutionsgeschichte bisher erfahrbar wurde.

 

Peter Kern

 


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