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Hedonismus

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Hedonismus

Einige Notizen

Man sagt es rasch dahin: Viele Miseren in dieser Welt hätten ihren Grund im Hedonismus. Lustorientiert seien wir Menschen den jeweils augenblicklichen Genüssen haltlos hingegeben. Eine ausschliesslich hedonistische Lebenseinstellung bestimme die meisten von uns. Wer aber immer nur Lust haben will und Lust optimieren muss, der sei ein Egoist, heisst es. Er kreise egomanisch um seinen bedingungslosen Lustgenuss. Ansprüche einer theoretisch wie auch immer begründeten Ethik, die ihm seinen Lustgewinn einschränken möchten, lehnt er entschieden ab. Dieser Hedonist habe sich in einem - ihn nicht beunruhigenden -Amoralismus häuslich eingerichtet.

So erklärt Theodoros Atheos aus der kyreanischen Schule des Aristripp gegen Ende des 4. Jahrhunderts unverblümt offen, wenn es vorteilhaft sei, Diebstahl, Ehebruch oder Tempelraub zu begehen, dann sei es weise, so zu handeln, denn es verschaffe ja dem Akteur Lust.

Nun, dieser ethische Egoismus blieb in der Antike die Ausnahme. Die Begründer und Vertreter des antiken Hedonismus – Kallikles, Aristripp, Epikur – suchten das, was für den Menschen „gut“ ist. Sie suchten nach dem „agathón“. Das hatte mit dem Guten im ethischen Sinne - „kalón“ – noch nichts zu tun. Die antiken Hedonisten erklären, das für den Menschen Gute sei die Lust. Es führt zu Lust, einen brauchbaren Schuh anzufertigen. Und das ist gut. Misslingt die Herstellung des Schuhs, dann erfahren wir Unlust. Deshalb habe der Mensch Lust anzustreben, und vor der Unlust solle er fliehen.

Eine solche Bestimmung von Lust und Unlust sagt also zunächst gar nichts darüber aus, ob die angestrebte Handlung als ethisch „gut“ oder „böse“ gelte. Es ist also ein grosses Missverständnis zu meinen, der antike Hedonismus vertrete die Auffassung, was Lust verschaffe, das sei ethisch „böse“.

Damit nun solch ein Hedonismus nicht amoralisch wird, sei weise von der „Vernunft“ Gebrauch zu machen, sagt der antike Hedonist. Auch beim Streben nach Lust bleibe sie der alles entscheidende Massstab, denn so manche Lust, der wir nachjagen, ende schliesslich in Unlust. Das sei zu vermeiden.

Die Schwierigkeit, den antiken Hedonismus angemessen zu verstehen, beginnt bereits bei der Übersetzung des altgriechischen Wortes „hédoné“. Man gibt es im Deutschen wieder als Lust, als sinnliche Begierde, als Genuss, als Vergnügen und auch als Freude. „Lust“ ist jedoch anthropologisch etwas ganz anderes als „Freude“. Friedrich Schiller dichtete aus gutem Grunde „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium…“ und nicht „Lust, schöner Götterfunken…“.

Versuchen wir, das Ganze im Horizont des anthropologischen Dreischrittes zu verstehen.

Lust bzw. Freude sind zwei grundverschiedene Stimmungen des Menschen. Leben wir bedingungslos aus der Grundgestimmtheit der Lust, dann steigern wir unsere Haben-Mentalität bis zur Sucht. Wir leben aus einer Gier nach Lust. Diese letzten Sätze lassen sich nicht wiederholen, indem wir „Lust“ durch „Freude“ ersetzen, ohne das der Sinn beider Termini völlig durcheinander gerät. Nach „Freude“ kann man nicht süchtig sein, wohl aber nach „Lust“. Und „Freude“ kommt nie auf, wenn man  egoistisch anderes und andere für sich instrumentalisiert. In der Grundstimmung der „Lust“ suche ich nur mich selbst, kreise ich manisch nur um mich selbst, bin ich allein und ausschliesslich Adressat aller meiner Aktivitäten. „Freude“ dagegen wird mir geschenkt, indem ich - altruistisch – für ein anderes, für einen anderen da bin. Freude gehört zum Sein, Lust zum Haben. Deshalb wird Freude niemals zur Gier. „Lust“ erleben wir ganz elementar im „Werk der Natur“. Sie wird aktualisiert im „Werk der Gesellschaft“. „Freude“ dagegen wird im Horizont des „Werkes seiner selbst“ erfahren.

„Stimmungen“, „Grundbefindlichkeiten“, „Grundstimmungen“ sind Ausdruck des Ganzen unseres Daseins. Die Person als unteilbares Ganzes, als Individuum, ist immer schon hineingehalten in Lebens-Grund-Stimmungen. Person-bestimmende Stimmungen dürfen auf keinen Fall verwechselt werden mit „Launen“. Blosse Launen sind etwas Beiläufiges, Stimmungen dagegen etwas Wesentliches, mein Leben insgesamt Be-Stimmendes. Ich bin immer ge-stimmte Ganzheit, die als „Werk der Natur“, als „Werk der Gesellschaft“ und als „Werk seiner selbst“ von der mich bestimmenden Gestimmtheit konstituiert wird.

Wir können in den grossen Stimmungen der „Angst“ – und zu ihr gehört auch die Angst um die „Lust“ -, der „Liebe“ - zu ihr gehört die „Freude“ -, oder des „Glückes“ sein. Der Grundbefindlichkeit der „Angst“/“Lust“ entspricht dann – nach Wilhelm Dilthey - das Menschenbild des weltanschaulichen „Naturalismus“ bzw. „Positivismus“; der Grundbefindlichkeit der „Liebe“/“Freude“ entsprechen der „ethische Idealismus“ bzw. der „Idealismus der Freiheit“; und der Grundbefindlichkeit des „Glückes“ entsprechen der „ästhetische“ bzw. „objektive Idealismus“. Dieses Hineingehalten-Sein in Stimmungen bestimmt also fundamental die Art des Erkennens, Entwerfens, Entscheidens und Handelns.

Der Ertrag dieser Überlegungen:

„Lust“ ist die Grundstimmung des weltanschaulichen Naturalismus; „Freude“ die des weltanschaulichen ethischen Idealismus bzw. des Idealismus der Freiheit. Wird der Hedonismus am Phänomen der „Freude“ festgemacht, dann ist er ethisch „gut“. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise der ursprüngliche Epikur viel moralischer als all seine Epigonen des lustorientierten Epikurismus. Wird der Hedonismus allerdings am Phänomen der „Lust“ festgemacht, dann ist er ethisch problematisch, bis hin zum „Bösen“. Das deckt sich dann mit dem unphilosophischen Alltagsurteil, dass die hedonistische Lebenseinstellung etwas Negatives sei. Der darin zum Ausdruck kommende Egoismus führe zu den überall beschreibbaren innerweltlichen Miseren.

Peter Kern



 


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Bereits Honoré de Balzac wusste, dass im Kapitalismus die Menschen entweder Kassierer oder Defraudanten, also ausgebeutete Dummköpfe oder Schurken, würden.