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Von der Last, ein Deutscher zu sein

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Von der Last, ein Deutscher zu sein

Ein Dank an Günter Grass


1940 wurde ich geboren. Mein Leben bestimmten seither drei Themenbereiche:

Die Scham, ein Deutscher zu sein,

der Stolz, ein Deutscher zu sein,

die Verzweiflung, ein Deutscher zu sein.


Die Scham, ein Deutscher zu sein

Das Wissen, dem Volk der Täter anzugehören, hat mich und soll mich nie verlassen. Meine Vätergeneration hat die Shoah, den Holocaust, zu verantworten. Meine Antwort darauf war und ist: „Nie wieder Auschwitz!“

Meine Vätergeneration hat auch den Zweiten Weltkrieg zu verantworten. Meine Antwort war und ist: „Nie wieder Krieg!“

Durch die Existenz von Atombomben hat sich mein Nein zum Krieg verfestigt. Angesichts der Vernichtungspotenziale der Nuklearwaffen, die immer noch weltweit in den Arsenalen der Militärs lagern, steht die Menschheit vor der Herausforderung:

Entweder sie schafft den immer möglichen (Atom-)Krieg ab, oder dieser schafft die Menschheit ab.

Die einzige ethisch legitimierbare Haltung ist die, mindestens Atompazifist zu sein. Ich bin Atompazifist.

Der Stolz, ein Deutscher zu sein

Ich bin stolz darauf, dass sich die meisten Deutschen, wenn auch gelegentlich recht spät, der Doppelschuld gestellt haben: Mit dem Holocaust und mit dem zweiten Weltkrieg haben Deutsche Tod und Leiden über Millionen von Menschen gebracht. Das deutsche Volk versuchte, sich zu bessern, und es hat sich gebessert.

Der Versuchung, selbst Nuklearmacht zu werden, haben wir erfolgreich widerstanden. Wir bemühten uns nach 1945, und wir bemühen uns heute, im Rahmen einer immer gefährdeten Demokratie rechtsstaatlich zu leben und unseren Beitrag für den Frieden der Völker zu leisten. Israel gegenüber tragen wir eine besondere Verantwortung.

Die Völkergemeinschaft hat das anerkannt und uns wieder in ihrer Mitte aufgenommen.

Heute gelten wir erneut als starke Nation. Es ist vorrangig eine Stärke unserer wirtschaftlichen Leistungen. Als Volk der Dichter und Denker haben wir das im Atomzeitalter überlebensnotwendige Niveau längst noch nicht erreicht. Das gilt allerdings auch für die Völkergemeinschaft insgesamt.

Im Bemühen, als deutscher Weltbürger im Rahmen meiner Möglichkeiten den mir zumutbaren Beitrag für eine gerechtere und befriedetere Welt zu leisten, war mir Günter Grass mit seinen Veröffentlichungen und Verlautbarungen stets ein hilfreicher Wegweiser und ein mich ermutigender Begleiter.

Die Verzweiflung, ein Deutscher zu sein

Muss ich nun an diesem Wegweiser und Begleiter Günter Grass verzweifeln?

Er schrieb ein Gedicht: „Was gesagt werden muss“. Ursprünglich sollte es in der „NEW YORK TIMES“, der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ und in „LA REPUBBLICA“ erscheinen. Gedruckt wurde es schliesslich in „La REPUBBLICA, in „EL PAíS“ und in der „SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG“.

Ein Sturm der Entrüstung brach los. Gedicht und Autor wurden zunächst unter einer Lawine der Empörung verschüttet.

Das Gedicht sei politisch und literarisch wertlos, es sei schlicht ekelhaft (Reich-Ranicki). Die Verse seien Ausdruck eines Hassgesangs (Raphael Gross). Für Frank Schirrmacher ist das Gedicht ein Machwerk des Ressentiments, ein Dokument der Rache. Für Jan Fleischauer ist die im Gedicht zum Ausdruck kommende brennende Sorge um Weltfrieden und Gerechtigkeit nichts als die Etikette einer politisch bewegten Existenz, eben nur Mummenschanz. Für den Zentralrat der Juden in Deutschland ist das Gedicht ein aggressives Pamphlet der Agitation. Thomas Schmid wirft dem „Kaschuben Grass“ in der WELT AM SONNTAG Undankbarkeit und Verbohrtheit vor: „Wie einst den Poeten, die Stalin und den (sic!) Schauprozesse lyrisch umrankten, hat auch bei Grass die vorgefasste Meinung die Sprache schwer beschädigt: Es holpert, es wabert, es kommt in jenem hohen Ton des J’accuse daher, der lange schon hohl, angemasst und peinlich ist“. Und für Rolf Biermann ist das Grass-Gedicht nur dumpfbackiger Polit-Kitsch, eine grässliche deutsche Stinkbombe. Günter Grass ist nur noch sein „zerfreundeter Freund“.

Günter Grass sei geblieben, was er freiwillig geworden war, der SS-Mann, der 60 Jahre lang über seine Mitgliedschaft als 17jähriger bei der Waffen-SS geschwiegen habe (Rolf Hochhuth), er sei der Verfälscher seiner eigenen Nazi-Vergangenheit (Daniel Jona Goldhagen). Henryk M. Broder sieht im Nobelpreisträger Grass den Prototypen des gebildeten Antisemiten. Broder behauptet argumentationsfrei, dass Grass schon immer ein Problem mit den Juden hatte. Beate Klarsfeld arbeitet gar mit einem Hitler-Verweis. Sie zitiert aus einer Drohrede Hitlers aus dem Jahre 1939, die dieser gegen „das internationale Finanzjudentum“ gehalten hatte, und fährt dann fort, wenn man die Formel „das internationale Finanzjudentum“ durch „Israel“ ersetze, „dann werden wir von dem Blechtrommler die gleiche antisemitische Musik hören.“ Der Vorsitzende des Medienhauses Axel Springer, Mathias Döpfner, schrieb in der „Bild“-Zeitung, Grass verbreite im raunenden Ton der Moralisten politisch korrekten Antisemitismus.  Volker Weidermann fragt aus „erzwungenem Anlass“ Marcel Reich-Ranicki: „In der Tageszeitung DIE WELT stand neben dem Bild von Günter Grass die Überschrift ‚Der ewige Antisemit‘. Ist da etwas dran?“ Reich-Ranicki antwortet: „Na klar ist da etwas dran. Er hat diese Gemeinheit geschrieben, und diese Gemeinheit  ist von ihm aus gesehen ungemein erfolgreich…Und dass er jetzt die Juden attackiert, das ist kein Zufall. Er hat etwas verstanden, was ein anderer vor ihm genau so verstanden hat. Und dieser andere ist Martin Walser. Er hat verstanden: Wenn man die Juden attackiert, kann man allerhand damit erreichen.“ Bei Grass seien Dichten und Verlautbaren nicht mehr zu trennen, schreibt Thomas Steinfeld in der „Süddeutschen Zeitung“ – eben ein deutsches Schicksal. Schliesslich fordert Hans Ulrich Gumbrecht: „Damit der Antisemitismus von Günter Grass den radikalen Pazifismus so vieler Deutscher nicht beleben kann, sollten wir aufhören, von seinem Gedicht zu reden.“

Das alles ist eine starke Volte: Hitler, Stalin, Grass und Antisemitismus. Das ist ein Grabgesang erster Klasse. Wer das verkraften muss, braucht starke Nerven.

Haben sie alle überhaupt noch im Blick, worum es Günter Grass in der Sache ging? Geht es in diesem erregten Journalisten-Pingpong noch um Israel und den Iran, um Gerechtigkeit und Frieden? Nein. Sieglinde Geisel urteilt in der „NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG“ (NZZ) vom 08.04.2012 erfreulich distanziert und klar: „Mit solchen Stürmen aus heisser Luft degradiert sich das Feuilleton zum Wasserglas. Es geht nicht um Israel, sondern um die ritualisierte Debatte, wie Deutsche über Israel reden dürfen. Der Reflex erstickt die Reflexion…Vor lauter Erregung über Skandal und Gegenskandal hat sich das Thema der Auseinandersetzung still von der Bühne geschlichen“.

Holen wir es auf die Bühne zurück.

Worum es geht

Es geht um Planspiele, die von Militärs geübt werden, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls nur noch Fussnoten sein könnten. Dahinter stehe das behauptete Recht auf den Erstschlag. Diesen Erstschlag masse sich gedanklich die Regierung Israels an, allen voran ihr Ministerpräsident Netanjahu, so Günter Grass.

Israel, das nie dem Atomwaffensperrvertrag beitrat, besitze, wenn auch offiziell geheim gehalten, nach Einschätzung von Geheimdiensten und politischen Beobachtern seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Atomwaffen. Die Schätzungen über die Anzahl der nuklearen Sprengköpfe schwanken sehr. Zahlen von 50 bis zu 500 werden genannt. Bisher durfte noch nie ein offizieller Beobachter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) die israelischen Nuklearanlagen betreten.

Seit in den USA und in Israel in Planspielen ein Erstschlag gegen Iran geübt wurde, ist es fraglich, ob die Bewertung von Geheimdiensten noch in Geltung ist, dass Israels Atomwaffen nur zur Abschreckung dienen sollen.

Öffentlich wird allerdings diskutiert, dass ein Angriff Israels auf das iranische Regime von Ahmadinedschad und seine Nuklearanlagen nicht mit Atomwaffen geführt werden würde, sondern mit bunkerbrechenden Bomben und Raketen.

Anlass für solche militärischen Planspiele der israelischen Politik und des israelischen Militärs ist die Bedrohung Israels durch die iranische Regierung. Die Bedrohung wird in zweifacher Hinsicht wahrgenommen. Einmal in den Verlautbarungen Ahmadinedschads, Israel von der Landkarte auszulöschen, also als Volk und Nation zu vernichten, und zum anderen in der israelischen Wahrnehmung der möglichen Umsetzung dieser verbalen Bedrohung durch den möglichen Besitz einer Atombombe Irans.

Ich lasse jetzt undiskutiert, ob die Auslöschungsrhetorik auf einem Übersetzungsfehler beruht, wie es im Internet immer wieder nachzulesen ist, ich erinnere allerdings daran, dass der israelischen Politik rhetorische Kraftmeierei auch nicht fremd ist. 2003 schlug der jetzige israelische Aussenminister Avigdor Liebermann vor, „alle Palästinenser in Busse zu packen und im Toten Meere zu ertränken“. Ich lasse auch undiskutiert, dass die Existenz einer Atombombe in Iran bisher noch nicht  einwandfrei nachgewiesen werden konnte.

Ich unterstelle also beide Bedrohungen als gegeben. Unter diesen Bedingungen steht in der Tat die Existenz des Staates Israel auf dem Spiel.

Was bedeutet dann der von der israelischen Regierung in den Blick genommene Erstschlag für den Weltfrieden?

Die Antwort hängt davon ab, ob es ein traditioneller Präventivschlag mit konventionellen Waffen ist oder ob es ein Erstschlag mit atomaren Waffen werden könnte.  Hans Ulrich Gumbrecht erinnert daran, dass das Wort „Erstschlag“ in das Repertoire nationalsozialistischer Kriegsrhetorik gehöre. Dieser Hinweis verfängt hier nicht. Seit der atomaren Hochrüstung zwischen West und Ost wurde das Wort „Erstschlag“ zum Terminus eines nuklearen Präventivschlages. Und alles kam und kommt seither für die handelnden Politiker darauf an, dass der Aggressor mit der Zweitschlagskapazität des Angegriffenen rechnen muss, so dass Atomwaffen ihren Sinn nur darin hatten und haben, als Abschreckung zu dienen. Atomwaffen erfüllen also ihren Zweck, wenn sie nicht eingesetzt werden. Wenn das aber gewiss ist, erfüllen sie ihren Zweck auch nicht. Ihr Einsatz muss immer möglich sein, darf aber nie wirklich werden. Dass ein solcher Zustand höchst labil und gefährlich ist, liegt schon in seiner Konstruktion. Wir wissen aus der jüngsten Geschichte, dass die Menschheit bisher mehr als „Glück“ hatte, dass es nicht zum Einsatz von Atomwaffen kam. Das ist eine höchst dürftige Sicherheit, mit der wir uns da angesichts der unvorstellbaren Zerstörungspotenziale zufrieden geben.

Gegen den Geist des Atomwaffensperrvertrages stellten die USA Mini-Nukes her und unterliefen auf diese Weise das immer labile Gleichgewicht des Schreckens, so dass für einige zündelnde Politiker und Militärs auch eine atomare Auseinandersetzung wieder denkbar wurde. Welche Rolle spielt hier Israel? Welche militärischen Optionen hat es? Die Weltöffentlichkeit weiss es nicht.

Wir wissen nur dies: Der militärischen Fähigkeit,  gegenüber einem möglicherweise atomar angreifenden Iran eine Zweitschlagskapaizität entgegenstellen zu können, dient Israel die Anschaffung von U-Booten der „Dolphin“-Klasse, die Deutschland liefert. Mit den an Bord befindlichen Torpedorohren könnte die Besatzung vier atomar bestückte Marschflugkörper abfeuern. Damit wäre Israel im Fall der Fälle zu einem atomaren Gegenschlag fähig. Der Preis dürfte unabsehbares Leid nicht nur in Israel und Iran sein, sondern mindestens auch noch im gesamten Nahen Osten.

Wenn israelische Politiker und  israelische Militärs laut über einen Erstschlag nachdenken, dann vertrauen sie ganz offensichtlich der Abschreckungswirkung ihrer Atomwaffen nicht. Sie halten die Führung in Teheran für so irrational, dass sich diese auf einen atomaren Schlagabtausch einlassen könnte. Deshalb bereitet sich die jetzige Regierung in Israel auf einen nicht-nuklearen Erstschlag, also einen Präventivschlag vor, damit Iran gar nicht erst in den wirksamen Besitz von Atomwaffen kommen kann.

Günter Grass scheint an der Trennung zwischen konventionellem Präventivschlag und atomarem Erstschlag zu zweifeln: „Jetzt aber, weil aus meinem Land, / das von ureigenen Verbrechen, / die ohne Vergleich sind, / Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, / wiederum und rein geschäftsmässig, wenn auch / mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, / ein weiteres U-Boot nach Israel / geliefert werden soll, dessen Spezialität / darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe / dorthin lenken zu können, wo die Existenz / einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, / doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, / sage ich, was gesagt werden muss…Die Atommacht Israel gefährdet / den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“

Verfügt Ahmadinedschad  in dem hier zur Diskussion stehenden Konflikt,  jetzt schon oder später, auch über Atomwaffen, dann gilt dieses Urteil genauso für Iran.  Israel wie Iran zündeln mit atomaren Waffen. Das allein ist ungeheuerlich.

Allgemein formuliert: Jede Nation, die Atomwaffen besitzt, gefährdet den Weltfrieden, denn der Einsatz dieses Zerstörungsmaterials – von „Waffen“ und „Bomben“ zu sprechen verharmlost nur – kann prinzipiell nicht ausgeschlossen werden. Diese Gefahr wurde von der Völkergemeinschaft ja auch gesehen. Nur deshalb kam es zum Atomwaffensperrvertrag, der nicht nur die Weitergabe von nuklearen Waffen untersagte, sondern die Atomwaffenbesitzer aufforderte, ihre atomaren Arsenale schrittweise zu reduzieren, bis es keine Atomwaffen mehr auf diesem Globus gibt. Stattdessen: Nichtbeitritte, versteckte atomare Aufrüstung, kurz: hochgradige Gefährdung. Und das eben auch durch Israel und den Iran.

Hält man für möglich, dass sich die israelische Regierung zu einem atomaren Erstschlag hinreissen lässt, dann gilt, was Grass schreibt: „Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, / der das von einem Maulhelden unterjochte / und zum organisierten Jubel gelenkte / iranische Volk auslöschen könnte…“.

Christoph Sydow sagt in SPIEGEL ONLINE, diese Behauptung von Günter Grass sei falsch: „In Iran leben knapp 80 Millionen Menschen, keine Militärmacht der Welt kann dieses Volk auslöschen.“ Die Formulierung „Auslöschung des iranischen Volkes“ sei masslos übertrieben. Sydow kennt sich, leider, darin nicht aus, welche Wirkungen atomare Waffen entfalten können. Prinzipiell ist die Auslöschung auch eines so grossen Volkes durch Atombomben möglich. Die Argumente aus der Friedensbewegung der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts und die kompetenter Militärexperten, bis heute, scheinen längst in Vergessenheit geraten zu sein, sonst könnte man nicht so ungeschützt argumentieren. Sydow leidet unter Atomzeitaltervergessenheit. Wenn einmal, aus welchen Gründen auch immer, alles aus dem Ruder laufen sollte, dann werden nicht nur grosse Nationen ausgelöscht werden. Man sollte sich also wieder an die Bedeutung des Wortes „overkill capacities“ erinnern. Nicht jede Militärmacht kann den Iran auslöschen, wohl aber jede hinreichend mit Nuklearwaffen ausgestatte Atommacht. Ob Israels Atomwaffen dazu ausreichen würden – auch das weiss die Völkergemeinschaft nicht.

Komme ich noch auf das andere Gegenargument zurück: Man kann behaupten, Israel wird keinen atomaren Erstschlag führen, sondern einen Präventivschlag mit konventionellen Waffen. Wie will man bei der Geheimhaltung der israelischen Militärs diese These verifizieren? Sie mag stimmen; sie muss nicht stimmen. Gibt es für diese These eine Garantie oder bleibt sie nur eine gern formulierte Hoffnung? Vielleicht hat Israel ja auch Mini-Nukes. Wird es diese einsetzen? Auch das wissen wir nicht.

Atompazifismus

Hans Ulrich Gumbrecht gibt der ganzen Debatte um das Gedicht von Günter Grass eine wuchtige Wende. Seine These, in der WELT AM SONNTAG vom 08.04.2012 veröffentlicht: „Dem Inhalt nach hat Grass ja nur geschrieben, was offenbar die Mehrheit der Deutschen, die Mehrheit der deutschen Intellektuellen, genau wie er sieht“.

Das sei eine Position, die sich auch nicht von der vieler jüdischer und sogar israelischer Intellektueller unterscheide. (Das gilt selbstverständlich nicht für die israelische Regierungspolitik, was leicht am Einreiseverbot für Grass abzulesen ist.)

Während Gumbrecht selbst einen Präventivschlag Israels durchaus für legitim erachtet, sieht er in der ihm diametral gegenüberstehenden Position des Günter Grass und seiner Gesinnungsgenossen einen „radikalen Pazifismus“ am Werke. Grosszügig attestiert er diesem Pazifismus, dass er eine „erhabene Option für Individuen“ sein mag, aber „er kann und darf nicht Staatsraison werden. Denn dann massten sich Politiker an, nach der Erschöpfung aller Möglichkeiten des Verhandelns dem Leben der Bürger ihres Landes den bestmöglichen Schutz gegen Gewalt von aussen zu verweigern“.

Dieses Argument will unter den Bedingungen des Atomzeitalters bedacht sein.

Auszugehen ist von der Tatsache, dass auch nach der Überwindung des politischen Ost-West-Konfliktes weltweit immer noch so viele nukleare Waffen zum Einsatz kommen können, dass das Leben ungezählter Menschen nicht mehr in Würde möglich sein wird (Fallout), ja dass das Überleben der Menschheit als ganzer den Wetten der Militärs geopfert werden könnte.

Vorrangiges Ziel aller Politik muss es seit dem Eintritt der Menschheit ins Atomzeitalter also sein, das Leben des einzelnen in Würde und das Überleben der Gattung als ganzer sicherzustellen.

Wege zu diesem  Ziel sind unilaterale Schritte einer gradualisierten Abrüstung, eine Konvergenz der gesellschaftlichen Verhältnisse der befeindeten Nationen, möglicherweise auch die Errichtung einer Weltregierung, die als zentrale Weltmacht ein Waffenmonopol innehat. Eine weitere Befriedung von Feinden besteht im immer möglichen Versuch, die tradierte Machtpolitik zu überwinden. Dazu gehört dann zwingend eine radikale Kritik am Besitz von Atomwaffen überhaupt.

Führt keiner dieser Schritte oder eine Kombination von ihnen zum angestrebten Ziel der Ächtung wenigstens der Atomwaffen, dann ist ein nuklearer Weltbrand prinzipiell nicht ausgeschlossen. Sein Eintritt ist dann nur eine Frage des Zeitpunktes.

Solche Einsichten haben zum Konzept des Atompazifismus geführt. Solange die atomare Abrüstung (Denuklearisierung) politisch nicht wirksam durchgesetzt wird, ist das Überleben nur dann gesichert, wenn einseitig auf den Besitz von Atomwaffen verzichtet wird. Der vernunftbegabte Einsichtige wählt im Blick auf die Atomwaffen die Position des Atompazifisten, der sich dem Besitz und der Einsatzmöglichkeit dieser Waffen grundsätzlich verweigert.  Nur so ist im Atomzeitalter die Qualität unserer Lebensmöglichkeiten, frei von Strahlung, sichergestellt (Leben in Würde). Vor allem aber bleibt Leben überhaupt möglich (Überleben der Menschheit als ganzer).

Zur Zeit der atomaren Hochrüstung zwischen Ost und West, zur Zeit des sogenannten Wettrüstens, führte die Einsicht in die Sicherung des Lebens überhaupt zu dieser anspruchsvollen Überlegung, in der die historisch kurzfristigen Partikularinteressen einer Nation bzw. eines ganzen politischen Blockes zugunsten der Wahrnehmung eines geschichtlich langfristigen Gesamtinteresses überwunden wurden:

Selbst wenn man von der höchst fragwürdigen Annahme ausgeht, durch eine einseitige Abrüstung des Westens und die ihr folgende Errichtung einer kommunistischen Weltherrschaft werde die gesamte gegenwärtig lebende Generation zu einem menschenunwürdigen Leben verurteilt, wäre es doch ein völliger Mangel an historischem Denken, darüber hinaus anzunehmen, dies werde für alle künftigen Generationen so bleiben. Ein Atomkrieg jedoch würde entweder die menschliche Geschichte ein für allemal beenden, also das Zeitenende herbeiführen, oder für die Überlebenden und ihre Nachkommen unerträgliche Konsequenzen von unabsehbarer Dauer haben.

Der Ertrag dieser Reflexion: Atomwaffen gefährden den Weltfrieden grundsätzlich. Sie sind zu ächten. Gegebenenfalls muss man einseitig auf sie verzichten. Das ist die Haltung des Atompazifisten.

Indem Hans Ulrich Gumbrecht nicht zwischen „radikalem Pazifismus“ und „Atompazifismus“ unterscheidet, erreicht er mit seinen Überlegungen genau das Gegenteil von dem, was er anstrebt. Im Atomzeitalter ist die bellizistische  Lösung eben gerade nicht der „bestmögliche Schutz gegen Gewalt von aussen“, jedenfalls dann nicht, wenn Atomwaffen in die Planspiele der Militärs einbezogen werden.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung

Was bedeutet das alles für den aktuellen Konflikt zwischen Iran und Israel?

Indem die eine Nation, Israel, bereits über Atomwaffen verfügt, die andere, Iran, sie wahrscheinlich anstrebt oder gar auch schon hat, sind beide Staaten in der Situation eines „kleinen“ atomaren Wettrüstens mit allen negativen Folgen für den Weltfrieden, die wir aus dem „grossen“ Wettrüsten zwischen Ost und West zur Kenntnis nehmen mussten.

Unilaterale Schritte zur nuklearen Abrüstung sind nicht in Sicht. Israel verweigert sie, es beharrt auf dem Besitz seiner Atomwaffen. Iran glaubt man die Beteuerung nicht, keine Atomwaffen anzustreben.

Eine Kongruenz der gesellschaftlichen Verhältnisse ist ebenfalls in absehbarer Zukunft nicht zu erwarten. Noch steht eine Demokratie einer Diktatur gegenüber.

Die Überwindung der tradierten Machtpolitik wird in beiden Lagern von nur sehr wenigen Menschen angestrebt, die dann noch von der jeweils herrschenden Politik unnachsichtig verfolgt werden, so dass auf diesem Feld auch keine Lösung in nächster Zeit erhofft werden kann.

Bleibt also nur die zentrale Macht, um den Konflikt zu deeskalieren. Diese zentrale Macht ist zwar keine Weltregierung mit einem Waffenmonopol, wohl aber eine internationale Organisation mit einem zukunftsweisenden Vertrag: die UNO mit ihrem Atomwaffensperrvertrag. Angesichts des desolaten Zustandes der UNO haben beide Seiten jedoch kein Vertrauen in diese Konfliktlösungsmöglichkeit. Iran behindert und Israel verhindert die notwendigen Kontrollen. Um einen minimalen Bewusstseinswandel auf beiden Seiten im Interesse des Weltfriedens international einzuklagen, bedürfte es also entweder der Stärkung der UNO oder einer neuen Organisation, die weltweit das Atomwaffenmonopol bekommt, damit der labile Zustand des Atomwaffenbesitzes endlich überall beendet wird. Wir bedürfen also einer Instanz, die die Macht besitzt, die Ziele des Atomwaffensperrvertrages durchzusetzen. Das heisst konkret: Ende der atomaren Aufrüstung und energische Abrüstung – in allen Atomwaffenländern.

Und genau darum geht es auch Günter Grass, wenn er zum Verzicht auf Gewalt aufruft und fordert, „dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle / des israelischen atomaren Potentials / und der iranischen Atomanlagen / durch eine internationale Instanz / von den Regierungen beider Länder zugelassen wird. / Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, / mehr noch, allen Menschen, die in dieser / vom Wahn okkupierten Region / dicht bei dicht verfeindet leben / und letztlich auch uns zu helfen.“

Danach könnte aus einer Kriegspolitik eine Friedenspolitik werden, die nicht länger auf Konfrontation setzt, sondern eine Überwindung der geschichtlich aufgetürmten Gegensätze anstrebt, die im Verlauf der Geschichte auch wieder abgebaut werden können. Regimechange durch militärische Intervention ist dagegen keine Lösung. Afghanistan oder Irak sollten uns eine Lehre gewesen sein.

Meine besondere Verantwortung Israel gegenüber besteht darin, es vor der völlig unkalkulierbaren kriegerischen Intervention zu warnen. Nicht Krieg, sondern Verständigung: Das lehrte mich im Internationalen Haus Sonnenberg im Harz der Jude Hans Lamm, Journalist und Publizist. Ich verdanke diesem väterlichen Freund meine Freundschaft zu Israel. Ich verdanke ihr aber auch die kritische Distanz zu allem, was den Frieden behindert oder gar verhindert.


Literatur

Christoph Sydow: So falsch liegt Günter Grass. SPIEGEL ONLINE.04.04.2012

Joachim Günter: Günter Grass mahnt wieder. NZZ ONLINE. 04.04.2012

Frank Schirrmacher: Was Grass uns sagen will. FAZ. 04.04.2012

Henryk M. Broder: Nicht ganz dicht, aber ein Dichter. DIE WELT. 04.04.2012

Esteban Engel: Grass-Gedicht stösst weltweit auf Empörung. BADISCHE ZEITUNG. 05.04.2012

Thomas Fricker: Abstossend und peinlich. BADISCHE ZEITUNG. 05.04.2012

Tim Schleider: Wenn Günter Grass Gedichte schreibt. STUTTGARTER ZEITUNG. 05.04.2012

Jan Fleischauer: Schuldverrechnung eines Rechthabers. SPIEGEL ONLINE 05.04.2012

Steack verteidigt Grass. SPIEGEL ONLINE. 05.04.2012

Nazijägerin Klarsfeld zieht Vergleich zu Hitler. SPIEGEL ONLINE. 06.04.2012

Arno Frank: Hoffentlich die letzte Tinte. SPIEGEL ONLINE. 06.04.2012

Micha Brumlik: Der an seiner Schuld würgt. TAZ. 06/07.04.2012

Stefan Künzli: Muschg verteidigt Grass. DER SONNTAG. 07.04.2012

Bettina Schulte: Der Luther unserer Tage? Mit seinem Gedicht deutet Grass in Wahrheit Geschichte um. BADISCHE ZEITUNG. 07.04.2012

Hans Ulrich Gumbrecht: Was im Schweigen lauert. WELT AM SONNTAG. 08.04.2012

Wolf Biermann: Günter Grass, Du zerfreundeter Freund. WELT AM SONNTAG. 08.04.2012

Marcel Reich-Ranicki: Es ist ein ekelhaftes Gedicht. Interview mit Volker Weidermann. FAZ. 08.04.2012

Thomas Schmid: Der revisionistische Günter Grass. WELT AM SONNTAG. 08.04.2012

Jak: „Man kann über die Front gegen Grass nur staunen. TAGES-ANZEIGER. 08.04.2012

Silke Burmester: Oh, Du deutscher Dichter! SPIEGEL ONLINE. 08.04.2012

Sieglinde Geisel: Immer schön die Erregungskurve oben halten. NZZ. 08.04.2012

Andreas Buro / Christoph Krämer / Mohssen Massarrat: „In Busse packen und ertränken“. Leserbrief. TAZ. 10.04.2012


Zur ethischen Begründung der Position des „Atompazifismus“ vgl. Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter. Freiburg i.Br. 1984 in 2., erw. Auflage

Peter Kern




 


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Du bist, wie Du bist. Nein, Du bist potentiell mehr. Mache das, was Du kannst, zu Deinem Gesetz, was Du sollst: Du musst Dein Leben ändern. Rilke. Auch Sloterdijk?