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Rousseau - Das 'Talibanhafte' an J.-J. Rousseau

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Rousseau – Das „Talibanhafte“ an Jean-Jacques Rousseau

 Zu den Äußerungen des Hebelpreisträgers Karl-Heinz Ott über Rousseau

 Am 28. April 2012 erschien in der Lörracher Ausgabe der „Badischen Zeitung“ der Artikel „Als das Genie grandios scheiterte“ (S.24), der über das jüngste Lörracher „Bibliotheksgespräch“ berichtet und in dessen Zentrum die Äußerungen des künftigen Hebelpreisträgers Karl-Heinz Ott über Rousseau stehen.

Da heißt es:

„Rousseau ein Verrückter, ein Lächerlicher, dessen Thesen in Anbetung des großen Philosophen bis heute nicht auf ihren wirklichen Wert überprüft worden sind? Ein Seelenkrüppel, der wie alle, die unter Verfolgungswahn leiden, einer narzisstischen Selbstüberschätzung unterlag? Karl-Heinz Ott sagt: Ja, bei Rousseau, so der Freiburger Schriftsteller und Essayist, haben wir es mit einem Grotesken zu tun, dessen Werk stümperhaft sei und überschätzt. Ott geht sogar noch weiter und arbeitet das 'Talibanhafte' an Rousseau heraus. Das unhinterfragt Dogmatische, das etwa in der Forderung des Philosophen deutlich werde, das Theater zu meiden, weil es den Menschen, der nur allein und ohne Kontakt zur Gesellschaft zum guten Menschen werde, von sich selbst entferne.

Der im schwäbischen Ehingen geborene Karl-Heinz Ott, der im Mai 2012 den renommierten Hebel-Preis verliehen bekommt, hat mit 'Wintzenried' einen vergnüglichen Roman über Rousseau geschrieben, der, so denkt man beim Lesen, längst fällig gewesen ist und einen Menschen zum Thema hat, den man erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon gäbe. So sagt Ott auch selbst, der sichtlich Spaß hat an der Figur, die er in ihrer ganzen Absurdität schon als junger Mann im Visier gehabt habe. ...“

Ich erspare es mir, die Missverständnisse und Verdrehungen, die sich allein in den wenigen Zeilen über das Theater türmen, Schicht um Schicht abzuarbeiten. Mein Leserbrief an die Badische Zeitung vom 1. Mai lautet:

Wenn Ihr Artikel über das letzte „Bibliotheksgespräch“ zutrifft, war dieser „witzige und geistreiche Abend“ über Rousseau eine einzige geistige Bankrotterklärung. Bei derart üblem und verzerrendem Spott stellt sich die Frage, ob dieser Spott nicht weit mehr über den Spötter als über den Verspotteten aussagt.

Für Kant, über dessen Bedeutung wir nicht zu streiten brauchen, war Rousseau der große Anreger: „Rousseau hat mich zurechtgebracht.“ Ein ganzes Zeitalter, vielleicht das beste der europäischen Kulturgeschichte, ist durch ihn geprägt worden, auch der aus ihm hervorgegangene edle Johann Peter Hebel – von neueren Stellungnahmen zu Rousseau seitens Ernst Cassirers, Martin Rangs, auch Leonhard Ragaz' und Albert Schweitzers ganz zu schweigen.

Hat unsere Zeit wirklich nichts Besseres zu bieten, als das betagte Gesellschaftsspiel der Kleingeister, einen Großen nach dem anderen vom vermeintlichen Sockel zu zerren - egal ob's passt oder nicht - , unverdrossen weiterzuspielen und dabei die Lacher auch noch auf der eigenen Seite zu haben? Thomas Rietzschel hat dazu gerade ein passendes Buch geschrieben: „Die Stunde der Dilettanten. Wie wir uns verschaukeln lassen“.

Und für solcherlei lieblosen Spott, der jedes wirkliche Verstehen vereitelt, soll Herr Ott ausgerechnet den Hebel-Preis erhalten?

 Hans-Georg Wittig



 


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