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Pädagogik im Atomzeitalter

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Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Grundgedanken der

„Pädagogik im Atomzeitalter“

von Peter Kern und Hans-Georg Wittig


Von Andrea Rothfelder



Im Sommersemester 2002 legten Peter Kern und Hans-Georg Wittig an der Pädagogischen Hochschule Freiburg i.Br. zum ersten Mal eine Dokumentation unter dem Titel „Pädagogik im Atomzeitalter – Nachbemerkungen zur PH-internen Vervielfältigung eines vergriffenen Buches“ vor.

Diese Dokumentation sollte die Notwendigkeit der Weiterbeschäftigung mit Themen der „Pädagogik im Atomzeitalter“ in Erinnerung rufen und zugleich auch Kunde geben von der Rezeptionsgeschichte dieses Buches. Inzwischen haben die beiden Autoren vielfältige positive Reaktionen auf diese Dokumentation erhalten. Sowohl aus Kollegenkreisen als auch von Studierenden wurde es begrüßt, dass zusammenfassend über ihre Arbeit Auskunft gegeben wurde.

In Zeiten zunehmender Selbstvermarktung sollten - so wurde gefordert - auch sie ihre Leistungen deutlicher öffentlich machen. Kern und Wittig baten mich, dieser nicht nur studentischen Bitte mit diesem Papier nachzukommen. So lege ich hier eine erweiterte Fassung vor in der Hoffnung, dass vernehmbar werde, welchen existentiellen Herausforderungen sich heute Pädagogik zu stellen hat.

Für Kern und Wittig rechtfertigt nur dieses Motiv die hier vorliegende Dokumentation der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der „Pädagogik im Atomzeitalter“ sowie ihres Engagements, das den institutionellen Rahmen der Pädagogischen Hochschule weit überschritt und fruchtbare, interdisziplinäre Begegnungen auch außerhalb rein pädagogischer Arbeitsfelder ermöglichte.

(Ein Hinweis zur Darstellung: Der folgende Text entstand in der Zeit, als Kern und Wittig noch lehrten; 2005 gingen sie in den Ruhestand und beendeten ihre Arbeit an der PH Freiburg i.Br.)

Inhalt:

1.0 Worum es ging: Überleben der Gattung und das Leben des Einzelnen in Würde / 2.0 Worum es immer noch geht: Gegen individuelle Miseren und kollektive Katastrophen / 2.1 Das weltpolitische Defizit der Pädagogik / 2.2 Das anthropologische Defizit der Pädagogik / 2.3 Pädagogik als Produktionsfaktor oder Pädagogik in globaler Verantwortung? / 3.0 Zur Rezeptionsgeschichte der „Pädagogik im Atomzeitalter“ / 3.1.0 Eine insgesamt positive Bilanz / 3.1.1 Zustimmung und anregende Kritik / 3.1.2 Der Arbeitskreis „Friedenspädagogik“ in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft / 3.1.3 Standortbestimmung: Die „Pädagogik im Atomzeitalter“ bekommt den Status einer eigenständigen Theorie / 3.1.4 Die „Pädagogik im Atomzeitalter“ im Gespräch mit anderen Disziplinen und Arbeitsfeldern / 3.1.5 Im Dialog mit Gleichgesinnten / 3.1.6 Herausforderungen an die Wirtschaft und an die Kirche / 3.1.7 Dissertationen im Umfeld der „Pädagogik im Atomzeitalter“ / 3.2.0 Ablehnung und Missverstehen / 3.2.1 Unzutreffende Theorie und kein Praxisbezug? / 3.2.2 „Traditioneller“ Gebrauch des „Vernunft“-Begriffs? / 3.2.3 „Absolutsetzung des eigenen Standpunktes“? / 4.0 Zwei ergänzende Texte / 5.0 Was Not tut: Pädagogik als Leben erhaltende und Leben fördernde Wissenschaft

 

1.0 Worum es ging:

Überleben der Gattung und das Leben des Einzelnen in Würde

Die Monographie "Pädagogik im Atomzeitalter" erschien 1982 im Herder Verlag, Freiburg; 1984 wurde der Text abermals aufgelegt, dieses Mal erweitert um eine Antwort auf die Argumente tradierter Sicherheitspolitik: „Gründe für den Atompazifismus“ (Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter. Wege zum Frieden. Erweiterte Neuausgabe, 1984). Eine weitere Auflage hätte eine Umarbeitung insbesondere der Inhalte zur damaligen  politischen Situation notwendig gemacht, zu der den Autoren aus vielerlei Gründen Zeit und Kraft fehlten. (Insbesondere sind hier die Lehr- und Prüfungsverpflichtungen im Fach „Allgemeine Pädagogik“ an der PH Freiburg zu nennen: die notorische Unterbesetzung in diesem Fach führt zu extrem hohen Belastungen, die für Veröffentlichungen nicht mehr viel Zeit lassen. Im Zuge der laufenden Reformen kämpft eine neue Generation von Lehrenden hier für mehr Freiräume für Forschung. Wenn das nicht zu Lasten der Lehre geht, ist das nur zu begrüßen.)

Für die Lehre von Peter Kern und Hans-Georg Wittig ist der Text der „Pädagogik im Atomzeitalter“ vor allem im Hinblick auf die pädagogisch-anthropologischen Aussagen nach wie vor notwendig und hilfreich. Letztlich ist die „Pädagogik im Atomzeitalter“ mit dem anthropologischen Grundlagentext „Notwendige Bildung“ (1985) zusammen zu lesen, in dem das Konzept einer „metaphysisch offenen integrierenden pädagogischen Anthropologie“ von Hans Wittig aufgenommen und für die Gegenwart fruchtbar gemacht wird (vgl. Hans Wittig 1968; Peter Kern 1985, S. 13–69; zu den dort verarbeiteten anthropologischen Grundlagen vgl. auch die frühe Arbeit von Hans-Georg Wittig: Wiedergeburt als radikaler Gesinnungswandel. Über den Zusammenhang von Theologie, Anthropologie und Pädagogik bei Rousseau, Kant und Pestalozzi, 1970).

Insgesamt geht es in der „Pädagogik im Atomzeitalter“ um einen Beitrag zur Friedens- und Ökopädagogik, die Kern und Wittig nicht als eine Bindestrich-Pädagogik begreifen. Im Gegenteil: Sie gehen davon aus, dass die Gehalte und Ziele einer recht verstandenen Friedenspädagogik und Ökopädagogik die Bedingung der Möglichkeit jeder künftigen Pädagogik sein müssen und sein werden, sofern wir als Gattung langfristig überhaupt Zukunft haben wollen und haben werden.

Für die Lehre an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg bedeutet das, dass Kern und Wittig nicht eine „Spezialdisziplin Friedenspädagogik/Ökopädagogik“ lehren. In ihrem Fach „Allgemeine Pädagogik“ bieten sie das ganze Spektrum der allgemeinpädagogisch relevanten Themen an: Geschichte der Pädagogik, Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie, Forschungsmethoden, Pädagogische Anthropologie, Bildungstheorie, pädagogische Ethik usw. Und das Konzept der integralen Pädagogischen Anthropologie zwingt darüber hinaus noch dazu, die plural zersplitterten pädagogischen Hauptrichtungen darzustellen und in eine innere Ordnung zu bringen:

Geisteswissenschaftliche Pädagogik,

empirische Erziehungswissenschaft,

prinzipienwissenschaftliche Pädagogik,

kritische Erziehungswissenschaft,

strukturalistische und poststrukturalistische Erziehungswissenschaft,

systemtheoretische und konstruktivistische Erziehungswissenschaft.

Dies alles wird dann allerdings nicht in unverbindlicher Beliebigkeit dargestellt, sondern der existentiellen Frage ausgesetzt: Welchen Beitrag vermögen diese pädagogischen Arbeitsfelder und Theoriekonzepte für eine „zukunftsfähige Bildung“ zu leisten?

Peter Kern und Hans-Georg Wittig lehren und forschen an einer Pädagogischen Hochschule. Indem sie dies tun, erfahren sie, dass es ihr Fach „Allgemeine Pädagogik“ nur noch dem Namen nach gibt. (Inzwischen ist es als eigenständiges Fach im Prinzip verschwunden. Ein erstaunlicher Vorgang für eine Pädagogische Hochschule.)

Inhaltlich ist das Grundlagenfach „Allgemeine Pädagogik“ vielfach aufgespalten, spezialisiert. Zugleich sind beide Autoren in dieser inhaltlichen Vielfalt ihres Faches auf die Mitarbeit zahlreicher Einzelwissenschaften angewiesen, die sich ebenfalls zunehmend spezialisieren. Sie kennen ihr Fach also kaum noch als Ganzes. Jede Spezialisierung treibt eine Flut von Veröffentlichungen hervor, die man als einzelner kaum mehr sinnvoll bewältigen kann. In der PH Freiburg insgesamt werden noch zahlreiche andere Disziplinen – ihrerseits hoch spezialisiert – gelehrt. Sie liegen nach Gegenstand und Behandlungsart gelegentlich weit auseinander. Zusammengehalten werden sie organisatorisch durch die Institution „Pädagogische Hochschule“ und durch die Zumutung, dass jede einzelne Studentin, jeder einzelne Student selbst diese Vielfalt und Heterogenität zu integrieren habe. Diese Integration könnte – wenn man sie denn überhaupt wollte – nur gelingen, wenn alle Einzelaussagen auf einen gemeinsamen Mittelpunkt bezogen wären: auf den „relativ autonomen Grundgedankengang der Kunst des Erziehens, Lehrens und Bildens“, wie das noch Wilhelm Flitner forderte (Wilhelm Flitner 1976, S.2). Diesen Grundgedanken herauszuarbeiten wäre die ureigene Aufgabe der „Allgemeinen Pädagogik“. Statt ihr in der PH Freiburg dazu den von der Sache her gebotenen Raum zu geben, damit ein pädagogisches Studium eben als ein „pädagogisches“ überhaupt erst möglich wird, haben die Verantwortlichen in den Gremien mehrheitlich diese „Allgemeine Pädagogik“ organisatorisch zerstört. Orientierungslosigkeit wird im Kontext von postmoderner Beliebigkeit als wissenschaftliche „Tugend“ ausgegeben. Entsprechend beliebig und unverbindlich erscheint den Studierenden das Fach „Pädagogik“ insgesamt. Kern und Wittig haben sich gegen diese Entwicklung – nicht nur in der PH Freiburg – immer gewehrt.

Sie beanspruchen für sich, eine „Allgemeine Pädagogik“ zu lehren, die für pädagogische Studiengänge ein umgreifendes Orientierungswissen bereithält. Zugleich messen sie diese „Allgemeine Pädagogik“ an den Herausforderungen des „Atomzeitalters“. Sie lehren also eine existentiell begründete Pädagogik. Dass sie damit von einigen Kolleginnen und Kollegen in der PH Freiburg als „Gesinnungspädagogen“ abqualifiziert werden, ist längst noch kein Sachargument gegen sie. Vielmehr ist bemerkenswert, dass gerade die Lehrenden, die für wertfreie Offenheit und Pluralität votieren, dieser Position gegenüber den „Wert“ vertreten: diese Position soll nicht sein. Dass sie sich damit in einen performativen Selbstwiderspruch verstricken, vermögen sie nicht zu sehen.

Geschrieben wurde die „Pädagogik im Atomzeitalter“ in einer konkreten historischen Situation: mit dem NATO-Nachrüstungsbeschluss wurde Anfang 1980 eine „neue" Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland provoziert (vgl. Peter Kern 1997b, S. 26 ff.). Diese Bewegung vermochte Tausende von Menschen aller Gruppierungen zu mobilisieren. Sie wurde schließlich zum politischen Faktor, dem auch - wenigstens für eine kurze Zeit - die internationale Politik Rechnung tragen musste. Eben für diese kurze Zeit der Geschichte begriff eine große Zahl von Menschen - übrigens nicht nur im damaligen Westdeutschland, sondern gerade auch in den USA - was es heißt, im Atomzeitalter zu leben (vgl. Walter Jens Hg.: In letzter Stunde. Aufruf zum Frieden, 1982; - vgl. Jonathan Schell: Das Schicksal der Erde. Gefahr und Folgen eines Atomkriegs, 1982). Und in der damaligen UdSSR war es Michail Gorbatschow, der sich für diese globalen Herausforderungen sensibilisieren ließ (vgl. Michail Gorbatschow: Perestroika, 1987).

Mit der wissenschaftlichen Entdeckung vielfältiger Möglichkeiten, die Menschheit als ganze, ja das Leben überhaupt zu vernichten, hat nämlich ein von Grund auf neues Zeitalter begonnen. Die Bezeichnung dieser neuen Situation als „Atomzeitalter“ verweist auf die Atom-Physik als Beispiel des neuen Wissens, auf die Atom-Energie als Beispiel der durch dieses Wissen freigesetzten Macht und auf die Atom-„Bombe“ als Beispiel der aus dieser Macht sich ergebenden globalen Gefährdung.

In der „Pädagogik im Atomzeitalter“ werden jedoch nicht nur die Herausforderungen des jederzeit möglichen atomaren Holocausts diskutiert, sondern auch die globalen Probleme der Ökologie, die sozialen Probleme einer weltweiten Gerechtigkeit und die Herausforderungen des exponentiellen Wachstums der Menschheit insgesamt. Die wirtschaftlichen Wucherungsprozesse und das Elend der armen Länder sind also weitere Herausforderungen im Atomzeitalter.

Die Gesamtheit der Beschädigungen und Gefährdungen des Haushalts der Natur einschließlich der immer möglichen Atomkriegsgefahr haben Kern und Wittig als „Ökokrise“ bezeichnet (Kern/Wittig 1984a, S. 24). Die vorherrschende Antwort auf diese Herausforderungen sehen sie in einem nur weiterhin krankmachenden Krisenmanagement (ebenda, S. 26 ff.).

Diese Antworten reichen nicht an die Wurzeln. Die Autoren zeigen, dass die Ursachen des selbstzerstörerischen Erfolges in der Machtkonkurrenz der Menschen untereinander und in der europäisch-neuzeitlichen Zivilisation mit ihrem weltweit zur Herrschaft gelangten Wissenschaftsverständnis liegen, das nicht mehr an „vernünftige“ Ziele rückgebunden ist.

Carl Friedrich von Weizsäcker: „Die wissenschaftliche und technische Welt der Neuzeit ist das Ergebnis des Wagnisses des Menschen, das Erkenntnis ohne Liebe heißt. Diese Erkenntnis ist an sich weder gut noch böse. Ihr Wert hängt davon ab, in den Dienst welcher Macht sie tritt. Ihr Ideal war, frei von jeder Macht zu sein. So hat sie den Menschen schrittweise aus seinen instinktiven und traditionellen Bindungen gelöst, aber ihn nicht in die neue Bindung der Liebe geführt“. Das äußerste Erlebnis dieser Bindungslosigkeit hat von Weizsäcker „Nihilismus“ genannt (C.Fr. v. Weizsäcker, 1958, S. 126).

Vor diesem Gesamthintergrund sprechen Kern und Wittig im Blick auf die herrschende etablierte Erziehungswissenschaft von einem doppelten Defizit:

- Das weltpolitische Defizit der Pädagogik zeigt sich angesichts der individuellen Miseren und der kollektiven Katastrophen in verkürzten Zielen und verfehlten Inhalten.

- Das anthropologische Defizit wird anschaulich im je verkürzten Verständnis vom Menschen.

Demgegenüber begründen die Autoren als Grundlage für das Weiterleben im Atomzeitalter als Bildungsziele „vernehmende Vernunft“ und „vernunftgeleitete Solidarität“ (Kern/Wittig 1984a, S. 45 ff.) mit den daraus abgeleiteten notwendigen Einzelzielen „Befähigung zu gewaltfreiem Widerstand“ und „Einübung in ökologische Selbstbegrenzung“ (ebenda, S. 75 ff.).

Ihre Reflexionen beschließen sie in der „Pädagogik im Atomzeitalter“ mit methodischen Antworten auf das weltpolitische und das anthropologische Defizit moderner Pädagogik: Lernen für eine befriedete Zukunft – theoretische Ermöglichung und praktische Verwirklichung (ebenda, S. 112 ff.).

So der Text 1982 und in der erweiterten 2. Auflage von 1984.

Gibt es heute, zu Beginn des 3. Jahrtausends, noch das weltpolitische und das anthropologische Defizit der Pädagogik?

 

2.0 Worum es immer noch geht:

Gegen individuelle Miseren und kollektive Katastrophen


Die mit dieser Doppelformel beschriebene Problemlage ist nicht verschwunden. Im Gegenteil: global gesehen hat sie sich verschärft.

 

2.1.0   Das weltpolitische Defizit der Pädagogik

Im Blick auf das weltpolitische Defizit klärt u.a. der jährliche „Worldwatch Institute Report: Zur Lage der Welt. Daten für das Überleben unseres Planeten" auf (Lester R. Brown 1981 ff.). Und was gegenwärtig kritisch zur ökonomischen Globalisierung gesagt wird, bezieht sich auf die ökonomischen und sozialen und ökologischen Problemlagen im Atomzeitalter: vgl. u.a. Elmar Altvater/Birgit Mahnkopf: Grenzen der Globalisierung, 1996; Noam Chomsky: Profit over People. Neoliberalismus und globale Weltordnung, 2000; Robert Kurz: Schwarzbuch Kapitalismus, 1999; Oskar Negt: Arbeit und menschliche Würde, 2001; Joseph Stiglitz: Die Schatten der Globalisierung, 2002; Carl Amery: Global Exit. Die Kirchen und der Totale Markt, 2002.

Der bedingungslose Kapitalismus, der „Totale Markt“ mit seinem „Mammonismus“ zerstört zunehmend die Lebensbedingungen auf dieser Erde. „Die kosmische Ironie der Gegenwart enthüllt sich: Während der Mammonismus nach Jahrtausenden der Camouflage, der partiellen Siege, des regionalen Vordringens endlich alle seine Gegner zur bedingungslosen Kapitulation, zum Kotau vor seinem Thron gezwungen, vielleicht sogar überredet hat, plumpst er selbst in die biosphärische Falle, steckt in einer Reuse der Realität, die das Gerede vom ‚Ende der Geschichte‘ in einen tiefschwarzen, aber höchst passenden Sarkasmus verwandelt: Die Spezies rasselt durchs Weltgeschichtsexamen, das Fach ‚Menschheitsgeschichte‘ wird (als vielleicht nützlicher Irrläufer, als warnendes Märchen) aus der Evolution gestrichen. Was den grausamen Lebensbedingungen des Spättertiärs und der Eiszeit nicht gelang – dem Menschen des Totalen Marktes gelingt es nunmehr mit Hilfe seiner herrlichen Errungenschaften, und es gelingt ihm mehr, als es sich der halbverhungerte Vorzeitjäger oder der massakrierende Despot je hätten träumen lassen: Er reißt Myriaden von Lebensformen ins eigene Ende mit.“ (Carl Amery 2002, S. 29 f.).

Auch die atomare Situation hat sich seit dem Erscheinen der „Pädagogik im Atomzeitalter“ 1982 nicht verbessert. Wer der Auffassung ist, dass sich mit dem Zusammenbruch des real existierenden Kommunismus/Sozialismus wenigstens die atomare Bedrohung verringert habe, täuscht sich gründlich. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat im Blick auf den im Jahr 2002 aktuellen Konflikt der beiden Atombomben-Länder Indien und Pakistan das Notwendige eindringlich gesagt: „Solange Atomwaffen existieren, müssen wir ernsthaft mit einem Atomkrieg rechnen“ („Das radioaktive Kaninchen“: DIE ZEIT, 13. Juni 2002, S.33; vgl. auch A. Roy: Die Politik der Macht, 2002). Damit wiederholt sie Einsichten von Günther Anders aus dem Jahre 1959 über das Leben in der Endzeit, in der wir Menschen uns jederzeit selbstverschuldet das Zeitenende bereiten können (vgl. Günther Anders: Endzeit und Zeitenende. Gedanken über die atomare Situation, 1972).

 

2.2.0   Das anthropologische Defizit der Pädagogik

Ebenfalls wurde das anthropologische Defizit nicht überwunden. Nur ein Beispiel sei angeführt.

Dieter Lenzen legt eine „Orientierung Erziehungswissenschaft“ vor und versucht darin, die Frage zu beantworten, was diese Erziehungswissenschaft „kann, was sie will“ (Dieter Lenzen 1999). Zur „Orientierung am Studienbeginn“ gibt er einen Aufriss erziehungswissenschaftlicher Konzeptionen, der so gebaut ist, dass im Prinzip die jeweils nachfolgende Konzeption als Antwort auf die vorangegangene zu begreifen ist, so dass in der Genese dieser erziehungswissenschaftlichen Konzeptionen der historisch letzten auch die höchste Geltung zukommt.

Die Abfolge bei Lenzen lautet:

Erziehungswirklichkeit verstehen: Geisteswissenschaftliche Pädagogik; Erziehungswirklichkeit erklären: Empirische Erziehungswissenschaft; Erziehungswirklichkeit normieren: Prinzipienwissenschaftliche Pädagogik; Erziehungswirklichkeit kritisieren: Kritische Erziehungswissenschaft; Erziehungswirklichkeit strukturieren: Strukturalistische und Poststrukturalistische Erziehungswissenschaft; Erziehungswirklichkeit konstruieren: Systemtheoretische und Konstruktivistische Erziehungswissenschaft; und schließlich: Reflexive Erziehungswissenschaft (ebenda, S. 120 ff.).

Lenzen repräsentiert selbstverständlich den genetisch letzten und damit für ihn in der Geltung höchsten Stand erziehungswissenschaftlicher Forschung: „Es ist ein reflexiver Standpunkt, der sich besonders der strukturalistischen und der systemtheoretischen Tradition sowie ihrer Zusammenführung im Konstruktivismus verpflichtet weiß“ (ebenda, S. 8).

Kann aus diesem wissenschaftstheoretischen Verständnis heraus das anthropologische Defizit der Pädagogik überwunden werden? Ist es von hier her möglich, auch einen pädagogischen Beitrag zur Befriedung des Menschen mit sich selbst, der Menschen untereinander und der Menschen mit der sie tragenden Natur zu leisten? Lässt sich von dieser wissenschaftlichen Position aktueller Erziehungswissenschaft eine zukunftsfähige Bildung entwerfen und begründen? Liegt dieser Erziehungswissenschaft eine Anthropologie zugrunde, die dazu befähigt, die rettenden Möglichkeiten für ein gelingendes Leben zu vernehmen?

Ganz offensichtlich nicht.

Bei Dieter Lenzen ist nachzulesen: Wer Erziehungswissenschaft studiert in der Meinung, „dass es darauf ankomme, etwas Bestimmtes (in der Regel etwas Gutes) für die Menschheit, die Gesellschaft, die Mitmenschen zu wollen, und dass es Aufgabe des Studiums sei, Wege zu zeigen, wie dieses Gute zu erreichen sei“, der möge doch, „bitte“, auf ein Studium der Erziehungswissenschaft „verzichten“. „Gutmenschen mit Helfersyndrom können vielleicht in der Kirchengemeinde, bei Amnesty International oder bei den Anonymen Alkoholikern wertvolle Dienste leisten, ein wissenschaftliches Hochschulstudium benötigen sie dafür nicht“ (ebenda, S. 26).

Friedenspädagogik und Ökopädagogik will etwas Bestimmtes, nämlich mindestens jenes „Gute“, dass die Menschheit nicht selbstverschuldet ihre Gattungsgeschichte abbricht. Das ist für sie ein universalisierbarer Wert, der letztbegründet ist. Für Dieter Lenzen dürfte das der Ausdruck höchster Unwissenschaftlichkeit sein. Sofern er sich u.a. in Denkbahnen etwa eines Lyotard bewegt, unterschlägt Lenzen zugleich, dass der Gegenpol zu Lyotards Denken, also zu einer Position der Postmoderne, in der heutigen philosophischen Diskussion das Konzept der „reflexiven Letztbegründung“ durch Karl-Otto Apel und Wolfgang Kuhlmann ist (vgl. Walter Reese-Schäfer 1988, S. 40 f., S. 90; man vgl. auch das „Funkkolleg Praktische Philosophie/Ethik“ unter der Leitung von Karl-Otto Apel und Dietrich Böhler, 1980).

Der Hinweis von Dieter Lenzen, dass der von ihm vertretene Standpunkt der „wissenschaftlich zur Zeit“ „aussichtsreichste“ „zu sein scheint“ (Lenzen 1999, S. 8) verkennt die grundlegende Einsicht von Genese und Geltung einer Aussage. Für die Humanwissenschaften gilt nun einmal, dass der genetisch letzte Stand der Forschung längst nicht immer der in der Geltung höchste sein muss, ganz im Gegenteil. Überzeugend hat das Vittorio Hösle mit seiner Spiraltheorie der Philosophie herausgearbeitet (vgl. Vittorio Hösle: Wahrheit und Geschichte, 1984).

Dieter Lenzen vermag also gar nicht verbindlich zu sagen, was Pädagogik „kann“ und „will“. Folgt die Pädagogik einem anderen Wissenschaftsverständnis und damit auch einer anderen Anthropologie als der durch Lenzen vertretenen, dann „kann“ Pädagogik einen Beitrag für eine gelingende Zukunft leisten und sie „will“ das dann auch, mehr noch: Sie „soll“ es dann sogar.

Das von Peter Kern und Hans-Georg Wittig gegen das anthropologische Defizit der etablierten Erziehungswissenschaft herausgearbeitete und wissenschaftlich begründete universalisierbare Maß „vernehmende Vernunft“ gibt der Pädagogik jene „Orientierung“, die notwendig und möglich ist, damit überhaupt gelingende Zukunft sein kann. Die von den Autoren im Rückgriff auf die lange Tradition der „Achsenzeit“ entfaltete Anthropologie ermöglicht „zukunftsfähige Bildung“ (vgl. Karl Jaspers 1983; vgl. Hans-Georg Wittig 1984; 2002; vgl. auch Peter Kern 1994; vgl. vor allem das anthropologische Grundlagenwerk „Notwendige Bildung“, 1985).

Was bedeutet es im Übrigen, wenn eine wissenschaftliche Position daran gemessen wird, ob sie in der aktuellen Zeit die „aussichtsreichste“ sei? Wer so denkt, der hat sich längst den Marktgesetzen unterworfen. Im Blick auf eigene Karriere, Macht und Geltung ist er der Versuchung des Opportunismus im Wissenschaftsbetrieb erlegen. Mittelzuweisungen sind ihm sicher, weil er im Totalen Markt, im „Raubtierkapitalismus“ systemkonforme Verwendung findet. „Die Wehrlosigkeit der Wissenschaft gegen solche Verwendung ist nicht nur die Wehrlosigkeit des Ohnmächtigen. Es ist die Verführbarkeit der Wissenschaft selbst, deren Postulat der Voraussetzungslosigkeit und der Erkenntnisoffenheit allzu leicht in Wertfreiheit umschlägt“(Carl Amery 2002, S. 57). Die so verführte Wissenschaft beschleunigt, gewollt oder ungewollt, die „Atrophie des Nichtökonomischen“ (ebenda, S. 69) – mit verheerenden Folgen.


2.3.0   Pädagogik als Produktionsfaktor oder Pädagogik in globaler Verantwortung?


Was von Kern und Wittig 1982/1984 als weltgeschichtliches und anthropologisches Defizit in der Pädagogik namhaft gemacht wurde, ist also bis heute in der etablierten Erziehungswissenschaft immer noch ein blinder Fleck.

Angesichts dessen, was dadurch nach wie vor auf dem Spiele steht, sowohl für die individuellen Bildungsprozesse als auch für den Bildungsprozess der Gattung selbst, wie auch für die uns Menschen tragende Natur, von der wir selbst immer auch ein Teil sind, ist es dringend erforderlich, dass die „Pädagogik im Atomzeitalter“ weiter in der Diskussion bleibt.

Theodor W. Adorno urteilte 1966 in einem Vortrag mit dem Titel „Erziehung nach Auschwitz“: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung“ (Adorno 1969, S. 85). Diese Forderung - so richtig sie ist - macht nur Sinn, wenn das Leben der Gattung überhaupt weiterhin möglich bleibt; deshalb ist Adornos Diktum zu variieren: die Forderung, dass (gelingendes) Leben überhaupt sei, ist die allererste an Erziehung.

Insofern geht es in der Pädagogik von Kern und Wittig in jeder Hinsicht um eine „Not-wendende“ Pädagogik, eben um eine „Notwendige Bildung“ (Kern/Wittig 1985). Das Attribut „notwendig“ verweist auf beides, sowohl auf den transzendentalen Aspekt von Notwendigkeit, der eine rationale Fundierung der Bildung erfordert, als auch auf den etymologischen Aspekt von „notwendig“, in dem ein dem Primat der praktischen Vernunft verpflichteter Bildungsbegriff sich den moralischen Herausforderungen seiner Zeit stellt, um dazu beizutragen, auch pädagogisch die jeweils zu beschreibende „Not zu wenden“ (vgl. dazu Michael Großmann: Wertrationalität und notwendige Bildung, Frankfurt/M. u.a. 2003, S. 19 ff.).

Anthropologisches und weltgeschichtliches Defizit sind in Kerns und Wittigs Konzept von Pädagogik somit aufgehoben.

 

3.0 Zur Rezeptionsgeschichte der „Pädagogik im Atomzeitalter“

Darüber hinaus sollte die "Pädagogik im Atomzeitalter" in der Lehre an der Pädagogischen Hochschule Freiburg wieder verfügbar sein, weil das Konzept viele Impulse in der friedenspädagogischen und ökopädagogischen Diskussion gegeben hat. Heute, 2010, nach dem altersbedingten Ausscheiden von Kern und Wittig aus dem aktiven Hochschuldienst, geschieht das durch den Lehrbeauftragten Dr. Michael Kalff. Ferner wurden und werden Kerns und Wittigs Gedanken auch  in der Öffentlichkeit rezipiert - in der Erwachsenenbildung insgesamt, in der Lehrerfortbildung, aber auch in der Wirtschaft. Indem an die Rezeptionsgeschichte der Arbeit erinnert wird, kann der nachwachsenden Generation von Studierenden gezeigt werden, welcher existentielle Ernst die pädagogische Wissenschaft schon einmal prägte. Zugleich wird sichtbar, wie weit man sich heute, am Anfang des 3. Jahrtausends, davon wieder in leichtfertiger Weise entfernt hat. Um für eine gelingende Zukunft zu arbeiten, braucht man Gelassenheit und einen langen Atem.


3.1.0   Eine insgesamt positive Bilanz

Einige Stellungnahmen zur „Pädagogik im Atomzeitalter“ seien notiert.

Vollständigkeit wird nicht angestrebt.

Das von Kern und Wittig erarbeitete Konzept der „Pädagogik im Atomzeitalter“ erfuhr insgesamt eine positive Aufnahme. Die Notwendigkeit, insbesondere das „weltpolitische“ Defizit der etablierten Erziehungswissenschaft zu überwinden, wurde anerkannt. Im Blick auf das „anthropologische Defizit“, das die Autoren mit ihrer „metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie“ zu überwinden versuchen, gibt es eher kontroverse Auseinandersetzungen.

Im Folgenden werden einige Autorennamen fett geschrieben werden. Das zeigt an, dass es sich um Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner handelt, die sich in der einen oder anderen Weise direkt mit der Position von Peter Kern und Hans-Georg Wittig befasst haben.

3.1.1   Zustimmung und anregende Kritik

Zustimmung ist, so sagen die Autoren, mit Freude entgegengenommen worden.

Alfred K. Treml sieht, dass Kern und Wittig „das wichtige Thema der Entwicklungspädagogik öffentlich“ gemacht haben. „Dadurch, dass die Verfasser dabei ganz konventionell vorgehen und auf bekannte Koryphäen und Klassiker zurückgreifen, besteht gar die Chance, von der konventionellen institutionalisierten Pädagogik zur Kenntnis genommen zu werden.“ (Was ganz offensichtlich nicht gilt, wie u.a. das Beispiel Lenzen zeigt.) Demgegenüber argwöhnt Treml, dass selbst diese, wie er urteilt an Koryphäen und Klassikern orientierte Pädagogik nicht ausreicht, um „der Herausforderung unserer funktional differenzierten Weltgesellschaft angemessen zu begegnen.“ (1982, S.106).

Im Fachorgan der Schweizerischen Gymnasiallehrer, „Gymnasium Helveticum“, konnten Kern und Wittig die Zentralaussagen ihrer „Pädagogik im Atomzeitalter“ unter dem Titel „Sokrates im Atomzeitalter“ veröffentlichen (Kern/Wittig 1983, S. 70 ff.). Der verantwortliche Herausgeber, Alexander Heussler, schreibt in seinem Vorwort an die Leser dazu u.a.: „Mit ‚Sokrates im Atomzeitalter‘ von Peter Kern und Hans-Georg Wittig lege ich Ihnen Gedanken vor, die den Vorzug der überlegten Deutlichkeit und der Geradlinigkeit besitzen. Beides ein Gewinn im verwirrenden Marktlärm von heute mit seinen teils schrillen Tönen, wo die Richtigkeit der Überlegungen und Argumente oft von der Höhe der Phonzahl bewiesen zu werden scheint. Dennoch, Deutlichkeit und Geradlinigkeit sind Wagnisse für alle, die an ihnen beteiligt sind. ... Mich fasziniert die Konsequenz einer geistigen Tradition, die von Sokrates über Heinrich Pestalozzi und Mahatma Gandhi bis zu C.F. von Weizsäcker reicht, die Kohärenz übereinstimmenden Denkens durch Jahrtausende aus reichen und verschiedenen Quellen zur Durchdringung und möglichen Lösung eines unserer überwältigenden Gegenwartsprobleme: die Gewinnung des Friedens“ (Alexander Heussler 1983, S. 69).

Jürg Kielholz, damals in der Abteilung Lehrerfortbildung am Pestalozzianum in Zürich tätig, schrieb im Folgeheft derselben Zeitschrift unter der Überschrift „Das sokratische Gespräch als pädagogischer Weg in der Friedens- und Umwelterziehung“: „Unter dem Titel ‚Sokrates im Atomzeitalter‘ im gh 2/1983 zeigen die Autoren P. Kern und H.-G. Wittig Möglichkeiten der sokratischen Gesprächsführung (Mäeutik) in der Pädagogik, insbesondere in der Friedens- und Umweltpädagogik, auf. Um meinen Eindruck vorwegzunehmen: Mit großem Gewinn habe ich diesen Beitrag gelesen. Die Ausführung der Verfasser – übrigens ein nachahmenswertes Vorbild, pädagogische Texte zu zweit zu schreiben – stärken mein Vertrauen in die moralischen Kräfte des Menschen und ermutigen mich, im Blick auf leitbildhafte Menschen wie Sokrates oder Gandhi, in meiner Erziehungsarbeit mit Kindern und Erwachsenen die Kräfte des Gewissens vermehrt zu stützen und zu fördern“ (Jürg Kielholz 1983, S. 158).

Franz Alt nimmt Kern und Wittig mit der „Pädagogik im Atomzeitalter“ in seinem Bestseller „Frieden ist möglich“ positiv wahr, 1983, S. 59, 118, ebenso Robert Aspeslagh 1984, S. 118. Vgl. auch Gisela Miller-Kipp, heute Professorin an der Universität Düsseldorf: „Vom Theorieanspruch der Friedenserziehung“: „Es ist zu begrüßen, dass damit in der Tat brennende Probleme für die Erziehungswissenschaft aufgegriffen und so die politische und ethische Dimension der Disziplin in ihr selbst angemahnt werden (Kern / Wittig 1982)“ , 1984a, S. 611. Das steht immerhin im Hauptorgan der etablierten institutionalisierten Erziehungswissenschaft, in der „Zeitschrift für Pädagogik“.

Helmut Gollwitzer urteilt in den Frankfurter Heften, 1983, Heft 5, S. 79, dass die „Arbeit der beiden Verfasser höchst bedeutsam“ sei. „Sie klärt die Inhalte der Einsicht, von der die Umkehr angetrieben werden muss, zu der sie führen muss, und für deren Praktizierung sie frei machen muss. Der Ruf zum Vernünftigwerden wird inhaltlich gefüllt mit dem, was sich aus der ökologischen und der Rüstungs-Gefahr ergibt. Und dies nicht nur mit den auch sonst heute genug zu bekommenden Informationen und Argumenten für die Erkenntnis der Weltgefahren und also dieser Menschheitsstunde, sondern es werden die Denk- und Lernschritte vorgeführt, die von einem diffusen Alarmiertwerden zu präziser Erkenntnis der Aufgaben, vor allem auch der nötigen Veränderung der persönlichen Grundhaltung und der Verhaltensweisen verhelfen sollen. Für solches Verhelfen soll Pädagogik ja hilfreich werden. Darum kann dieser Entwurf nicht abgetan werden mit der skeptischen Frage: Wie kann Pädagogik solch große Dinge tun? Denn sie soll die großen Dinge, die heute nötig sind, ja nicht alleine tun, sie hat aber sehr wohl innerhalb der nötigen grossen Umstellung ihren Platz und ihre sinnvolle Aufgabe, ebenso wie eine Psychologie des Friedens, zu der Horst Eberhard Richter so Erhellendes geschrieben hat. Muss es zu einer massenhaften Umkehr kommen, so bestehen die Massen doch nur aus Einzelnen. Am Einzelnen arbeiten Psychologie und Pädagogik.“ Helmut Gollwitzer zitiert dann aus der „Pädagogik im Atomzeitalter“, S. 53: „Der Übergang ... vom gesellschaftlichen zum sittlichen Zustand kann nur durch Einzelne erfolgen ... Je mehr Einzelne nun mit der Möglichkeit von Vernunft und Liebe ernst machen, und je mehr diese Einzelnen sich politisch engagieren und auch in Schlüsselpositionen gelangen, um so humaner dürfte das gesellschaftliche Zusammenleben werden“. Gollwitzer fährt in seiner Besprechung fort: „Wenn Psychologen durch Kollegen wie Horst Eberhard Richter und pädagogisch Tätige aller Art durch diesen Entwurf der ‚Pädagogik im Atomzeitalter’ sich dazu drängen lassen, ihrer Arbeit diese gesellschaftliche Dimension und diese Zukunftsrelevanz zu geben, sind wir einen Schritt weiter.“

Professor Dr. Bernhard Maurer hebt hervor, 1983, S. 33: „Eine kopernikanische Wende unserer Einstellung zum Leben fordern die beiden Pädagogen angesichts der weltweiten Herausforderung der Menschheit durch das Atomzeitalter und die Ökokrise. Sie konstatieren ein doppeltes Defizit in der modernen Pädagogik, das charakterisiert ist ‚durch ein weltpolitisches, das uns versäumen lässt, die tödlichen Wirklichkeiten wahrzunehmen, und durch ein anthropologisches, das uns hindert, die rettenden Möglichkeiten zu vernehmen‘. ... Ein Bewusstseinswandel ist notwendig: der Mensch muss wieder lernen, seine Vernunft ‚vernehmend‘ zu gebrauchen; im Unterschied zum Verstand, der instrumental denkt, sucht sie das Ganze und denkt integrativ. Der rechte Gebrauch der Vernunft setzt die Überwindung der Ich-Befangenheit voraus; er lässt Gelassenheit gewinnen und führt zu einer erneuerten Beachtung der Mitmenschen und zu der Erkenntnis, dass dessen Bedürfnisse ebenso ernst zu nehmen sind wie die eigenen. Ihre Konsequenz ist angesichts der Grenzen des Wachstums und der ökologischen Krise die Verantwortung für alles Lebendige und die Kritik einer einseitigen, nur auf Handlungskompetenz bedachten Pädagogik.“ Maurer schließt: „Dem Taschenbuch ist eine weite Verbreitung zu wünschen!“

Peter Münster urteilt ebenso zustimmend, 1983, S. 57 f., wie auch Gottfried Orth, 1983, S.83 f., der sein Urteil mit diesem Hinweis beschließt: „Dass die beiden Autoren ... die Richtung aufgewiesen haben, in der ‚Pädagogik im Atomzeitalter ihrer geschichtlichen Verantwortung gerecht werden kann‘, bleibt ihr Verdienst und lässt hoffen, dass ihre Argumente auch wirklich einen Diskurs entfachen. Dass sie längst überfällig ist, beweist täglich der Zustand unserer Welt.“

A. Nolte urteilt im ibw Journal 1983: „Das Taschenbuch ‚Pädagogik im Atomzeitalter‘ weist auf Mangelerscheinungen und Fehlstellen in der augenblicklichen erziehungswissenschaftlichen Diskussion hin. Das Bemühen der Autoren geht weit darüber hinaus, lediglich modische und aktuelle pädagogische Impulse zu geben. Sie beziehen bewusst und engagiert eine extreme Position ...“. Im Blick auf die konkrete Umsetzung meldet Nolte allerdings, das sei nicht verschwiegen, Bedenken an. Er sieht Überforderungen.

Gisela Miller-Kipp widmet der „Pädagogik im Atomzeitalter“ in einer weiteren Auseinandersetzung eine umfangreiche Analyse: „Für die Zukunft lernen – oder – von den Defiziten der Pädagogik hierzulande“, 1984b; S. 480-487. Der Ertrag ihrer Überlegungen geht dahin, dass das Konzept von Kern und Wittig eine Aufgabe enthält, „die anzupacken der Erziehungswissenschaft hierzulande heutzutage wohl anstände“, doch ergänzt sie sogleich: „Dass sie sich damit öffentliches Wohlwollen sicherte, ist nicht zu erwarten; im Gegenteil wird sie kontroverser Diskussion gewiss sein dürfen“ (ebenda, S. 486). Und um das sogleich zu bestätigen notiert sie noch: „Wenig Wohlwollen von politischer Seite, aus der Kultusbürokratie, haben auch Kern/Wittig erfahren. Deshalb sei hier betont, dass alle immanente Kritik an diesem Buch dessen Verdienst nicht schmälern soll, der Erziehungswissenschaft eine überfällige Aufgabe nachdrücklich gestellt und ihr damit den gesellschaftlichen Horizont zurückgewonnen zu haben“ (ebenda, S. 487).

Der Hinweis auf die Kultusbürokratie bezieht sich auf eine unqualifizierte Einmischung des damaligen baden-württembergischen Ministers für Kultus und Sport, Gerhard Mayer-Vorfelder, in die pädagogische Arbeit von Peter Kern und Hans-Georg Wittig; vgl. Gisela Miller-Kipp, Friedenserziehung. Ein Fall von Klimavergiftung (1985, S.18). Darauf wird am Schluss dieses Papiers nochmals zurückzukommen sein.

An anderer Stelle urteilt Gisela Miller-Kipp über die Position von Peter Kern und Hans-Georg Wittig im Rahmen einer Sammelbesprechung friedenspädagogischer Literatur von 1980 bis 1986, dass „das Recht von Pädagogen zu politischem Engagement aber völlig unbestritten“ sei, „wie auch, dass ihre Profession mittelbar politisch ist und politisch, i.e. gesellschaftlich verantwortet werden muss“ (Gisela Miller-Kipp 1986, S. 794). Im Detail meldet Miller-Kipp immanente Kritik an; dies gilt auch für die Rezeption in ihrer Habilitationsschrift „Wie ist Bildung möglich?“ von 1992, S. 32, 35, 36, 37, 45, 71, 141; zur Literatur vgl. S. 202).

Im Blick auf die Möglichkeit eines Atomkrieges nimmt Andreas Flitner in seinem Aufsatz in der „Zeitschrift für Pädagogik“ unter dem Titel „Friedenserziehung im Streit der Meinungen“, 1986, S. 776 unmissverständlich Stellung und bezieht sich auch auf Kern und Wittig: Angesichts der Installation neuer Atomwaffen urteilt er: „Ob dieser Schritt rational und moralisch erträglich ist, ob man eine Verteidigungspolitik überhaupt noch als solche bezeichnen und rechtfertigen kann, die die Totalzerstörung des eigenen wie des gegnerischen Lebens einkalkuliert: das sind Fragen, mit denen sich heute jeder nachdenkliche Mensch beschäftigen muss (Kern / Wittig 1982; Tugendhat 1983; Spaemann / Schrader 1983). Dass sich bei denen, die sich dem Nachdenken und der Auseinandersetzung mit diesen Problemen in einer längeren Bildungszeit gründlich widmen können, den Abiturienten und Studenten, die Zweifel an der Rationalität und moralischen Begründbarkeit dieser Politik in besonders hohem Masse melden, brauchte niemand zu verwundern.“ Andreas Flitner nimmt noch zweimal auf Kerns und Wittigs Position Bezug (1987, S. 85, 248 und 1990, S. 618), und die Autoren hatten auch Gelegenheit, auf Grund einer Einladung in sein Seminar in Tübingen, mit ihm und seinen Studierenden ihre Pädagogik zu diskutieren.

Ein Baustein der „Pädagogik im Atomzeitalter“ ist der „Lernbericht des Club of Rom“. Dazu veröffentlichten Kern und Wittig auf Einladung der „Zeitschrift für Pädagogik“ 1981 eine ausführliche Besprechung; ebenso Alfred K. Treml (Zeitschrift für Pädagogik: Kern/Wittig 1981, S. 127–138; A. K. Treml 1981, S. 139–144). Auf der Suche nach Antworten an die „Anforderungen an die Schule der Gegenwart“ knüpft Max Liedtke im Blick auf die „Konsequenzen für die pädagogische Qualifikation des Lehrers“ daran an und notiert: „Das ‚innovative Lernen‘ solle den Menschen ... in die Lage versetzen, auf neuartige Situationen vorbereitet zu sein und so im entscheidenden Augenblick möglichst rasch reagieren zu können. Schon Kern/Wittig und A.K. Treml haben auf Einseitigkeiten und Problemverkürzungen des ‚Lernberichts‘ hingewiesen. Obwohl der ‚Lernbericht‘ das Dilemma unserer gegenwärtigen Situation als ‚Missverhältnis zwischen Macht und Weisheit‘ ansieht und obwohl für die Bewältigung der Gegenwartsprobleme entsprechend keineswegs lediglich eine neue ‚Lerntechnologie‘ vorgeschlagen, sondern ausdrücklich auf die Vervollständigung des Bildungsbegriffs durch eine ‚ethische Dimension‘ gefordert wird, bleibt der ‚Lernbericht‘ gleichwohl in seinen Lösungsvorschlägen zu sehr der kognitiven Seite des Problems verhaftet“ (Max Liedtke 1982, S. 299).

Ferner sei verwiesen auf Wilfried von Bredow / Rudolf H. Brocke: Krise und Protest. Ursprünge und Elemente der Friedensbewegung in Westeuropa (1987, S. 215, 231) und auf Volker Buddrus / Benedikt Sturzenhecker: Den Tiger Uni reiten. Ideen für Fortgeschrittene, die trotz allem weiterstudieren wollen (1987, S. 177, 275). Ausführlich nimmt Peter Heitkämper auf Kern und Wittig Bezug: Peter Heitkämper: Die bioenergetische Schule (1996, S. 169, 170, 348).


3.1.2   Der Arbeitskreis „Friedenserziehung“ in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft

Schon damals, während der hohen Zeit der „neuen“ Friedensbewegung und der beginnenden Ökobewegung, waren es kaum die Vertreter der etablierten Erziehungswissenschaft, die sich des weltpolitischen Defizits ihrer Zunft annahmen. Innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft gab es einen nur kleinen Kreis, der sich in einer Arbeitsgruppe „Friedenspädagogik“ zusammenfand.

1982 erging an rund eintausend TeilnehmerInnen des Kongresses der „Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft" (DGfE) die Einladung, sich zum Thema „Erziehungswissenschaft und Zukunft" zusammenzufinden (Initiative von Prof. Dr. Hans Dietrich Loewer). Die Einladung wurde begründet mit der Bedrohung der Menschheit durch Wettrüsten, Ausplünderung der Natur, Vernichtung der Umwelt. Es meldeten sich neun - ja, es wurde richtig gelesen – nur „9“ Interessenten von etwa 1000 Angeschriebenen. Gisela Miller-Kipp kommentiert: "Ein beschämender Vorgang; unterstellt das Thema 'Zukunft' ist auch für Erziehungswissenschaftler nicht obsolet, so zeigt er an, dass Publikationschancen und Mittelzuweisungen das Erkenntnisinteresse lenken. Denn dort, wo die geboten werden, was die zitierte Initiative nicht konnte, mangelt es nicht an Zulauf. Selbstdarstellung und Selbsterhaltung, nicht Zukunftsarbeit, scheinen die Devise. Mit solchem Gebaren bestätigt die Erziehungswissenschaft, dass ihr ein 'weltpolitisches Defizit' zurecht nachgesagt wird“ (Miller-Kipp 1984b, S. 480; vgl. auch Peter Heitkämper / Reinhold Helfert: Leerstellen der Erziehungswissenschaft: Überlebensprobleme, in: Buddrus/Schnaitmann (Hg.): Friedenspädagogik im Paradigmenwechsel, 1991, S. 124–147).

Es sind insbesondere Volker Buddrus, Lutz van Dick, Arnold Köppcke-Duttler, Peter Heitkämper, Klaus Rehbein, Rolf Huschke-Rhein, Heinz Schernikau, mit denen Kern und Wittig in diesem Umfeld des friedenspädagogischen Arbeitskreises der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) zusammenarbeiteten und die auf ihre Studien Bezug nahmen und nehmen. Wenn sie es nicht vorzogen, sich außerhalb der Universität zu engagieren, wie Lutz van Dick, sind sie, sofern sie es nicht schon damals waren, inzwischen allesamt Professoren. (Dass keine Kollegin darunter ist, sagt das nicht auch etwas über die Emanzipationsbewegung von Frauen?).

Auf Kern und Wittig wird direkt Bezug genommen u.a. von Volker Buddrus / Gerhard W. Schnaitmann (Hg.) 1991, S. 16, 17, 137, 140, 196, 207, 240-261, 268, 383, 405, 432; Lutz van Dick (Hg.) 1984; 1986, S. 201, 220; Arnold Köpcke-Duttler 1984, S.1 f., 14; vgl. ders. 1982, S. 84, 109, 194, 195, 223, 224; Peter Heitkämper 1986, S. 133, 134; ders. 1987, S. 278, 279; Klaus Rehbein 1986; 1988, S. 28; 1995, S. 22, 23; Rolf Huschke-Rhein 1984, S.41, 47; ders. 1986, S. 395, 397, 414; ders., 1988a, S. 7, 207; ders., 1988b, S. 10-11; ders., 1990, S. 261; Heinz Schernikau 1984, S. 88; ders. 1987, S. 291, 292, 293, 294, 295.

Am ausführlichsten informiert Prof. Dr. Peter Heitkämper über Kerns und  Wittigs friedenspädagogischen und ökologischen Aktivitäten in „Friedenspädagogik. Arbeitsgruppe in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE ) von 1982 - 1990" (1990, über Peter Kern: S. 33 - 40 und über Hans-Georg Wittig: S. 57 - 61).

Diesen Arbeitskreis gibt es heute nicht mehr. Auch er wurde in Zeiten des „Raubtierkapitalismus“ Opfer des öffentlichen Wahrnehmungsverlustes für die überlebensnotwendigen Themen von Frieden und Ökologie. Das heisst aber nicht, dass die ehemaligen Mitglieder selbst zu Wendehälsen des Zeitgeistes geworden wären. Wer wirklich einmal in seiner Person von den Überlebensfragen der Menschheit berührt wurde, der kann sie in seinem, auch wissenschaftlichen, Denken und Tun nicht einfach wie einen getragenen Schuh wieder abstreifen. Dass solches Denken wissenschaftlich zu begründen ist, ist das bisher nicht widerlegte Angebot der Konzeption von Peter Kern und Hans-Georg Wittig.

 

3.1.3    Standortbestimmung: Die „Pädagogik im Atomzeitalter“ bekommt den Status einer eigenständigen Theorie

Die produktive Diskussion im Kontext der Friedens- und Ökopädagogik hat Mut zu weiterem Engagement gemacht, das vielfach rezipiert wurde:

Herbert Uhl nimmt Kerns und Wittigs Arbeit auf in seinen „Handapparat zum Themenkreis: Rüstung, Abrüstung und Sicherheit“ und weist ihr darin den Platz zu unter dem Thema „Gesellschaftliche und pädagogische Neuorientierung – Friedenserziehung und politisches Lernen“ (1983, S. 59).

Hermann Röhrs notiert die Autoren in der Bibliografie seiner Monografie „Frieden – eine pädagogische Aufgabe“ (1983, S. 378).

Brigitte Reich und Norbert H. Weber nehmen die „Pädagogik im Atomzeitalter“ auf unter die Einführungen, Grundlagen und Reader, wenn es um „Unterricht im Dienste des Friedens" geht (1984, S.323).

Hanspeter Padrutt verweist auf den in Kerns und Wittigs Texten diskutierten Wandel in der Grundhaltung des einzelnen Menschen (1984). Die Friedensbewegung wird von Padrutt als ein unerlässliches Element der Bewusstseinserweckung gesehen. An diese Aussage schließt er, S. 89, an: „Dass eine solche Bewusstseinserweckung einem Wandel in der Grundhaltung des einzelnen Menschen entspricht, haben Peter Kern und Hans-Georg Wittig in ihren ökologisch-pädagogischen Publikationen deutlich gemacht. Angeregt durch Carl Friedrich von Weizsäcker haben sie sich auch intensiv mit dem umfangreichen Werk von Mahatma Gandhi befasst, der auf verschiedenartige Weise die Friedensbewegung beeinflusst hat. Gandhi ist offensichtlich nicht nur als Lehrer des gewaltlosen Kampfes, sondern auch als sokratischer Auslöser einer ‚Revolution der Denkungsart‘ in der ‚Ökokrise‘ von grosser Bedeutung für die Grünen und für die ökologisch orientierte Pädagogik.“

Lutz van Dick sieht bei Kern und Wittig die bildungspolitische Bedeutung selbstorganisierter Lernprozesse im Atomzeitalter beschrieben (1986, S. 201).

Lutz Rothermel erörtert Kerns und Wittigs Position ausführlich unter dem Thema einer theoretischen Begründung ökologischer Friedenspädagogik: „Frieden als Gegenstand erziehungswissenschaftlicher Erkenntnis“ 1988; darin über beide Autoren insbesondere: „Ökologische Friedenspädagogik – Kern/Wittig“, vor allem S. 295 – 298, 312, 313, 314, 315; zur Literatur von uns vgl. S. 413).

Ludwig A. Pongratz verweist auf  die Position von Kern und Wittig (1988, S. 233) und Walter Hornstein gibt in der „Zeitschrift für Pädagogik“ 1988 „Sozialwissenschaftliche Gegenwartsdiagnosen“. Dort werden die Autoren, S. 395, der „ökologischen Pädagogik (Kern / Wittig 1982)“ zugerechnet. Hornstein moniert, dass eine solche Pädagogik sich nur als ein „Sondergebiet“ der Pädagogik installieren würde, gleichsam nur als Bindestrich-Pädagogik, so dass der Friedens- und Ökogedanke keine „systematische Berücksichtigung“ erhalte. In diesem Urteil finden sich Kern und Wittig nicht zutreffend wahrgenommen, da ihre „Pädagogik im Atomzeitalter“ ja gerade als eine die Pädagogik insgesamt grundlegende Konzeption entworfen wurde.

Eckard Meinberg notiert in seinem Buch „Das Menschenbild der modernen Erziehungswissenschaft“ 1988, S. 314 f.: „Eine ‚Ökopädagogik‘ zeichnet sich am erziehungswissenschaftlichen Theoriehorizont ab“, und er bezieht diese Aussage u.a. auf die Studie „Pädagogik im Atomzeitalter“ (ebenda, S. 415, 435). Damit macht er deutlich, dass Kern und Wittig zu den Pionieren dieser Disziplin zählen. Auf S. 454 unterläuft Meinberg ein oft zu beobachtender Fehler; er verwechselt Hans Wittig mit Hans-Georg Wittig. Die dort zitierten Arbeiten „Philosophische Anthropologie – wirklich unzeitgemäß?“ und „Pädagogische Anthropologie – Krise und möglicher Neuanfang“ stammen nicht von Hans Wittig, sondern von Hans-Georg Wittig.

Ulf Preuss-Lausitz bezieht sich in seiner Arbeit „Auf dem Weg zu einem neuen Bildungsverständnis“, 1988, auf die Auseinandersetzung von Peter Kern mit Wolfgang Klafkis Konzept der „Schlüsselprobleme“ (vgl. Peter Kern 1986) und schreibt, S. 403: „Die oberste Maxime jeder Bildung nach Hiroshima ist die Erhaltung des Lebens, eine ‚Liebe zum Leben‘ als Aufgabe der Bildung (Eppler 1986; vgl. auch v. Vf. 1986a, 1986b; Kern 1986.)“. Und etwas weiter unten auf dieser Seite steht: „Wie die qualitativ neuartige militärische Möglichkeit der Selbstzerstörung ist auch die ökologische Bedrohung so weit entwickelt, dass Bildung sich nicht auf eine gleichsam wohlwollende schulische Reflexion des ‚Schlüsselproblems‘ Ökologie beschränken kann, ohne dass eine wertende Position eingenommen und versucht wird, Argumente, Erfahrungen und Gefühle für die Erhaltung der Natur weiterzugeben (vgl. auch Kern 1986).“

Gerhard Mertens würdigt zusammenhängend die anthropologische Fundierung der ökologischen Implikationen der Kern-Wittigschen Theorie in seiner viel beachteten Studie „Umwelterziehung. Eine Grundlegung ihrer Ziele“, 1989. Unter dem Thema „Anthropologische Fundierung“ wird der Ansatz vorgestellt, S. 60-66; der Ertrag nach Mertens, S. 66: „Mit dieser von Kern und Wittig entwickelten Konzeption ist der Versuch einer anthropologischen Fundierung der Umwelterziehung zweifellos nicht nur angekündigt, sondern methodisch auch konsequent durchgeführt und in originärer Weise ausgestaltet. Die durch philosophische Reflexion (in) naturanthropologischer und kulturphilosophischer Hinsicht gewonnenen Bedingungskoeffizienten, Sinn- und Wertmuster menschlichen Seins und Seinkönnens fungieren als konkretisierende Interpretamente einer allgemein gehaltenen öko-ethischen Grundnorm und diese wiederum als ein diese Muster auf ihren humanen Gehalt hin auslegendes kritisches Korrektiv. So ergeben sich in der Tat Grundlagen einer ökopädagogischen Zielbestimmung.“ Anschließend werden von Gerhard Mertens „Anfragen und weiterführende Gesichtspunkte“ zur Position von Kern und Wittig diskutiert, S. 66-72. Leider wurde das anthropologische Hauptwerk „Notwendige Bildung“ von 1985 nicht berücksichtigt (vgl. die bei Mertens zitierte Literatur, S. 326). Kern und Wittig sind der Meinung, dass sich dann manche Anfrage erübrigt hätte.

Herwart Kemper weist in seiner Monographie „Erziehung als Dialog“ auf Kern und Wittig hin, 1990, S. 192.

Manfred Bönsch widmet den Autoren in seinem Eröffnungsaufsatz für das Symposium „Bildung und Erziehung an der Schwelle zum dritten Jahrtausend" unter 4.2 ein eigenes Kapitel: „Pädagogik im Atomzeitalter" (1994, S. 28, 45).

Hartmut Breß diskutiert „Ansätze ökologischer Bildung”. In einer „Deskription der wichtigsten Ansätze” erörtert er die „Umwelterziehung/Umweltbildung”, das „ökologische Lernen” und die „Ökopädagogik”. Die Ökopädagogik selbst erscheint ihm in drei Varianten; er diskutiert das „Reflexionskonzept von Beer und de Haan“, die „Öko-Bildung von Michelsen und Siebert“ und er beschreibt das Konzept der „Pädagogik im Atomzeitalter von Kern und Wittig“ (Breß 1994, S. 102 ff.).

Armin Bernhard unterscheidet fünf Positionen im friedenspädagogischen und ökopädagogischen Denken. „Im einzelnen sind in der Entwicklung ökologischer Begründungszusammenhänge folgende Argumentationsfiguren tragend“ (A. Bernhard 1995, S. 26): „1. Ökopädagogik“, „2. Moderne Allgemeinbildung als ökologische Bildung“, „3. Systemisch orientierte öko- und friedenspädagogische Ansätze“, „4. Pädagogik im Atomzeitalter“, „5. Ökologisches Lernen im Sinne einer bildungspolitisch verwendungsfähgen Konzeption“ (A. Bernhard 1995, S. 26 f.). Kern und Wittig repräsentieren für Bernhard die 4. Position. Zur „Pädagogik im Atomzeitalter“ heißt es: „Die anthropologisch-wertkonservativ angelegte Pädagogik im Atomzeitalter, von Peter Kern und Hans-Georg Wittig konzipiert, tritt für eine Umstrukturierung der Erziehungswissenschaft hinsichtlich ihrer fundamentalen anthropologischen und weltpolitischen Defizite ein. Die Ziele dieser Pädagogik im Atomzeitalter beziehen sich auf die Einübung in ‚Ökosophie‘ und ‚vernunftgeleitete Solidarität‘ ...“ (A. Bernhard 1995, S. 27; vgl. auch S. 34, 42).

 

3.1.4   Die „Pädagogik im Atomzeitalter“ im Gespräch mit anderen Disziplinen und Arbeitsfeldern

Nicht nur im Umfeld der „Allgemeinen Pädagogik“ wurden Kern und Wittig wahrgenommen.

Auf sie wird hingewiesen von Gerd Brenner in seinem Beitrag „Ökologisches Lernen in der Jugendarbeit“ (1985, S. 352).

Auch in der Pazifismus-Debatte werden beide Autoren rezipiert: Manfred Spieker: Die Verteidigung des Friedens gegen den Pazifismus (1983, S. 23), dort allerdings aus strukturkonservativer Sicht, die die innovative Denkweise von Kern und Wittig ablehnt.

Ebenso konnte der Ansatz der „Pädagogik im Atomzeitalter“ auch für ein neues Konzept von Didaktik Anregung sein: Werner à Brassard: Zukunft lernen (1998, S. 25, 155, 190).

Arnold Köpcke-Duttler diskutiert die Herausforderungen des Atomzeitalters nicht nur für die Pädagogik, sondern auch für Medizin und Rechtswissenschaften: „Pädagogik, Medizin und Rechtswissenschaften im Atomzeitalter (1984), vgl. den Hinweis auf Kern und Wittig S. 14.

Für die Erwachsenenbildung wurde die „Pädagogik im Atomzeitalter“ in einer ausführlichen Besprechung von Edeltraud Buchberger vorgestellt: P.Kern/H.-G.Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter, 1982, in: Erwachsenenbildung, 1984, S. 257f.

Vom 8.–10. Mai 1986 veranstaltete das religionspädagogische Institut Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Bischöflichen Schulamt in Rottenburg und der Kirchlichen Akademie der Lehrerfortbildung in Obermarchtal eine Tagung über die Herausforderung der neuen Technologien. Diese Veranstaltung erlaubte es Peter Kern, die Grundgedanken der „Pädagogik im Atomzeitalter“ im Rahmen der Lehrerfortbildung auf das spezielle Thema „Neue Technologien“ anzuwenden. Auf dieser Tagung referierten Prof. Dr. H.-J. Bullinger, Dr. K. Kornwachs, Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, Stuttgart; L. Troll und F. Stooß, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg; Dr. K. Dicke, Universität Kiel; Prof. Dr. A. Auer, Universität Tübingen; Prof. Dr. Peter Kern, PH Freiburg. Die Referate erschienen in der Reihe „Marchtaler Pädagogische Beiträge“, Rottenburg, 4/1986. Der Beitrag von Peter Kern findet sich auf den Seiten 47–57: „Der Weg in die Informationsgesellschaft“. Zu dieser Thematik vgl. auch Peter Kern: „Vom menschlichen Verstand und der künstlichen Intelligenz“, in: Computerworld Schweiz, Nr. 39, 20.10. 1986, S. 9–12.

Auch Otto-Paul Tscharner zeigt, wie Kern und Wittig mit ihrem Ansatz in der Lehrerfortbildung wirksam werden (1989, S. 11 f.).

Darüber hinaus wurden die Autoren sowohl in der GEW als auch im VBE diskutiert.

Während der 42. Pädagogischen Woche der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vom 29. September bis 3. Oktober 1986 in Cuxhaven-Duhnen arbeiteten Karl-Christoph Lingelbach, Universität Frankfurt, Willy Strzelewicz, Universität Hannover, Thomas Ziehe, Universität Hannover und Peter Kern, PH Freiburg zum Thema „Pädagogik und Politik“. Sie gingen der Frage nach: „Wie politisch muss der Pädagoge sein?“. Bemerkenswert war vor allem auch der Beitrag von Willy Strzelewicz: „Parteilichkeit und Parteinahme – eine vergessene Kategorie der Pädagogik?“. Die Referate und Arbeitsgruppenergebnisse sind abgedruckt im Arbeitsheft 25 der GEW, Bezirksverband Lüneburg, 1987. Peter Kerns Referat findet sich auf den Seiten 27–33: „Die Zukunft des Schülers als Verpflichtung des Lehrers – Die politische Dimension des Erziehungs- und Bildungsauftrags“; vgl. auch Peter Kern: „Zu welchem Frieden dürfen Lehrer erziehen?“ in dem von Günter Schreiner und Jochen Schweitzer herausgegebenen Auswahlband der Zeitschrift „Die Deutsche Schule“: „Friedensfähigkeit statt Friedlichkeit. Positionen zur Friedenserziehung“, 1986, S. 29–40.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) veranstaltete am 9. Juni 1988 in Lahnstein eine Tagung zum Thema „Schulleiter in pädagogischer Partnerschaft – Erziehung und Unterricht im epochalen Umbruch“. Die Hauptreferate hielten Wilhelm Ebert und Peter Kern. Eine Transkription des Tonbandmitschnitts der Referate und Diskussionen wurde veröffentlicht. VBE (Hg.): Schulleiter in pädagogischer Partnerschaft, Heft 88/4 in der Reihe VBE-Dokumentationen, Bonn 1988. Darin Peter Kern: „Prinzipien pädagogischer Schulleitung im Wandel – Pädagogik an der Schwelle ins 3. Jahrtausend“, S. 14–32; Diskussion S. 34–44.

Zur Lehrerfortbildung im Rahmen der „Pädagogik im Atomzeitalter“ ist auch die Einladung von Peter Kern in die Villa La Collina in Cadenabbia zu zählen. Zusammen mit dem Oberschulamt Freiburg hat die Konrad-Adenauer-Stiftung vom 4. – 7. Juli 1999 ein Seminar für pädagogische Beraterinnen und Berater ausgerichtet: „Bildung und Erziehung vor neuen Aufgaben“. Kern referierte am 5. Juli zum Thema „Eine ganzheitliche Bildungstheorie als Orientierung für eine gute Schule“.

Vgl. auch die „Jahresversammlung der Schweizerischen Konferenz der Rektoren kaufmännischer Berufsschulen“ vom 7.-8. September 1995 in Basel; dort das Referat von Peter Kern am 8.9.: „Fachkompetenz, Sozialkompetenz und Methodenkompetenz – Schlagworte ohne Inhalt oder Bildungsauftrag an Schulleitung und Lehrkräfte?“

Neuerdings werden Kerns und Wittigs pädagogische Überlegungen auch wegweisend in einem groß angelegten musikpädagogischen Werk: Michael Stecher: Probenpädagogik. Ein Buch für Querdenker (2001). Wiewohl diese Probenpädagogik u.a. Peter Kern und Hans-Georg Wittig als „meinen Wegweisern“ gewidmet ist und wiewohl der Kenner ihrer Schriften die vielfachen Anregungen unzweideutig identifizieren kann, fehlt leider ein Hinweis im Literaturverzeichnis auf die in diesem Buch genutzten Texte von Kern und Wittig.

Verwiesen sei noch auf die Rezeption im Handbuch „Praxis der Umwelt- und Friedenserziehung", von Jörg Calließ und Reinhold E. Lob herausgegeben (1987, Bd. 1, S. 652, 657; 1988, Bd. 3, S. 203, 208, 337, 339, 346, 353, 361).

Die anthropologischen und pädagogischen Grundlagen im „Handbuch zur Natur- und Umweltpädagogik“, herausgegeben von Michael Kalff (1997, vgl. auch 1998) gehen weitgehend auf den Ansatz in der „Pädagogik im Atomzeitalter“ zurück. Hier wird diese Friedens- und Ökopädagogik praktisch.

 

3.1.5   Im Dialog mit Gleichgesinnten

Als ermutigend haben die Autoren auch die Kooperation mit anderen Friedens- und Ökopädagogen erfahren. Gelegentlich wurden Kern und Wittig eingeladen an Sammelbänden mitzuarbeiten:

Peter Kern: „Lernschwellen auf dem Weg zum Engagement für einen gerechten Frieden" in dem von Albrecht Köhl herausgegebenen Band „Bürgerlicher Ungehorsam" (1983, S.95 ff.);

Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Sokrates im Atomzeitalter, hg. vom Redaktor Alexander Heussler (1983, S. 70 ff.)

Peter Kern/Hans-Georg Wittig: „Lernen im Atomzeitalter - Erschließt 'vernehmende Vernunft' Zukunft?" im Berichtsband von Lutz van Dick: „Lernen in der Friedensbewegung" (1984, S.120 ff.).

Hans-Georg Wittig: Anmerkungen zum Erlernen vernünftiger Verantwortung in unserer friedlosen Welt, in: J. Schwartländer (Hg.): Die Verantwortung der Vernunft in einer friedlosen Welt (1984, S. 145 ff.).

Peter Kern/Hans-Georg Wittig: Atompazifismus in der Kritik, in: MEDIATUS, 2/1984, S. 6–7; ebenfalls abgedruckt in: Arbeitskreis für Friedenspolitik und Friedenspädagogik e.V., Freiburg; Redaktion: Peter Göttler/Christine Merkel: Friedensbewegung am Scheideweg? Beiträge zu einer Politik der Friedensbewegung (1984, S. 95–100); zu diesem Band notiert Thomas Leif in seiner groß angelegten Studie „Die strategische (Ohn-) Macht der Friedensbewegung. Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen in den achtziger Jahren“, Opladen 1990, S. 216: „Die vorhandenen vorausdenkenden Analysen und Ratschläge konnten nicht im nötigen Maß mit den Diskussionen an der Basis verkoppelt und ‚übersetzt‘ werden, so dass nur selten eine inhaltliche Verzahnung zwischen ‚Theoretikern‘ und ‚Praktikern‘ zu einem produktiven Dialog führte. Eine Ausnahme bildete ein Lesebuch, das der Arbeitskreis Friedenspolitik und Friedenspädagogik herausgab. Unter dem Titel ‚Friedensbewegung am Scheideweg? Beiträge zu einer Politik der Friedensbewegung‘ veröffentlichte der Verein im Mai 1984 500 Exemplare eines gut strukturierten Bandes, der Nachdrucke der wichtigsten bis dahin erschienenen Strategietexte enthielt. Solch positive Beispiele, die Diskussionsprozesse zu Strategien hätten vertiefen und durch neue Sichtweisen bereichern können, blieben jedoch die Ausnahme“ (vgl. auch Thomas Leif, 1990, S. 211, 212, 275, 289).

Zum „Arbeitskreis für Friedenspolitik und Friedenspädagogik e.V.“, dessen Mitbegründer Peter Kern war, vgl. Peter Heitkämper (Hg.): Friedenspädagogik. Arbeitsgruppe in der Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) von 1982 – 1990 (1990, S.39 f.).

Hans-Georg Wittig: Geschichtlich notwendige Lernperspektiven für Gesellschaft und Schule. Ein Orientierungsversuch, in: Klaus Großmann / Comenius-Institut Münster (Hg.): Lernen für die Zukunft. Ansätze zu einem neuen Bildungsverständnis der gymnasialen Oberstufe (1985, S. 39–66).

Peter Kern/Hans-Georg Wittig: "Pädagogik im Atomzeitalter als Einübung in Ökosophie" in dem von Hellmut Becker herausgegebenen  Sammelband „Friedenspädagogik" (1985, S. 103-114).

Peter Kern: „Allgemeinbildung und Friede - Pluralismus oder allgemeinverbindliche Öko-Ethik?" in dem von Peter Heitkämper und Rolf Huschke-Rhein herausgegebenen Band „Allgemeinbildung im Atomzeitalter" (1986, S. 1-27).

In Eva Matthes Arbeit „Der Beitrag Wolfgang Klafkis zur Entwicklung der Pädagogik als Wissenschaft“ findet sich zu Kerns Auseinandersetzung mit der Haltung Klafkis zur Friedenspädagogik im Kontext der Diskussion um die „Schlüsselqualifikationen“ dieser Hinweis: „Nachdrücklich betont Klafki, dass bei der unterschiedlichen Behandlung von ‚Schlüsselproblemen‘ die jungen Menschen nicht auf bestimmte Lösungen festgelegt werden dürfen (Klafki 1985, S. 22), es vielmehr nur darum gehe, die jungen Menschen ‚problemsichtig‘ zu machen“ (Eva Matthes 1992, S. 181). In einer Fußnote ergänzt sie: „Angesichts des Ernstes und der Komplexität der von Klafki genannten ‚Schlüsselprobleme‘ könnten sich m.E. bei Jugendlichen dadurch allerdings schnell Gefühle der Orientierungslosigkeit sowie Verhaltensunsicherheiten einstellen, Klafki vertraut hier allerdings letztlich auf die Macht des besseren Arguments (vgl. Klafki 1985, S. 100). – Interessant ist die Kritik, die Klafki in diesem Zusammenhang von ‚links‘ erfährt: „In inhaltlicher Hinsicht verharre Klafki ‚in der Position eines Pluralismus, der liberal gemeint ist, sich aber als relativistisch verhängnisvoll auswirkt‘ (Kern 1986, S. 7). ‚Können wir uns‘ – so fragt Kern – ‚angesichts der Herausforderung des Atomzeitalters einen solchen unverbindlichen Pluralismus noch leisten?‘ (ebd., S. 4), um die aufgeworfene Frage in seinen weiteren Ausführungen zu verneinen.“ (Eva Matthes 1992, S. 206). Diesen Streit einebnend fährt Eva Matthes fort: „Im folgenden wird allerdings zu zeigen sein, dass Klafki diese ‚liberale Position‘ nicht stringent durchhält und Kern vielleicht näher steht als dieser annimmt.“ (Eva Matthes 1992, S. 206). Auf meine Nachfrage hin sagte mir Peter Kern dazu, dass im Blick auf die Mehrheit der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft zur Zeit der „neuen“ Friedensbewegung Wolfgang Klafki die Friedens- und Ökopädagogen durchaus mit erfreulicher Sympathie begleitete. Es gab viele Gespräche mit Wolfgang Klafki; Peter Heitkämper, Rolf Huschke-Rhein u.a. haben immer wieder versucht, ihn von der heute überlebensnotwendigen radikaleren Position des eindeutigen Engagements zu überzeugen. Vor allem sein Kollege in Marburg, Klaus Rehbein, suchte lange hier den Dialog. Kern erinnert sich mit Wehmut an ein legendär gewordenes Abendessen im Hause Rehbeins, an dem Klafki, Kern und Rehbein mit ihren Ehefrauen teilnahmen. Den ganzen Abend wurde existentiell um diese Frage gerungen. Es blieb der begründete Eindruck zurück, dass Wolfgang Klafki seine „liberale Position“ nicht verließ. – Aufschlussreich ist Eva Matthes Einordnung der Argumentation von Kern als „links“. Wir werden später noch sehen, dass sie auch als „bürgerlich“ und als „wertkonservativ“ eingestuft wird. Möglicherweise steckt in solcher Unsicherheit der Einordnung gerade das Eigenständige dieser Position!

Peter Kern: „Neue Ethik - Neue Wirtschaft? Zur Verantwortung der Friedenspädagogik" in dem von Volker Buddrus und Gerhard W. Schnaitmann herausgegebenen Band „Friedenspädagogik im Paradigmenwechsel" (1991, S. 244-261).

Peter Kern und Klaus Rehbein: Recht auf Frieden, 1986. Dazu E. Rühle: Vertrauen auf die Kraft der Logik. Was können wir Lehrer für den Frieden tun? In: Lehrerzeitung Baden-Württemberg, 21/1987, S. 510. Darin ausführliche Besprechung von Peter Kern/Klaus Rehbein: Recht auf Frieden.

Eine besondere Herausforderung an das Konzept insbesondere der Ökopädagogik war das Angebot von Prof. Dr. Karl-Reinhard Volz, Direktor des Instituts für Forstpolitik der Universität Freiburg i.Br., im Rahmen der Reform des Studienganges Forstwissenschaft in Freiburg eine einwöchige Studieneinheit „Grundlagen der Umweltpädagogik“ zu entwerfen (vgl. zur Studienreform Gerhard Oesten: Reform des forstwissenschaftlichen Studiums an der Universität Freiburg, in: Allgemeine ForstZeitschrift für Waldwirtschaft und Umweltvorsorge, 8/1994, S. 392-393; Siegfried Lewark: Ziele und hochschulpolitische Vorgaben, ebenda, S. 394-397; Siegfried Lewark: Aufbau des reformierten Studiengangs Forstwissenschaft, ebenda, S. 398-401; Jens Jacob: Didaktische Aspekte des Blockstudiums, ebenda, S. 402-405; zur Block-Einheit „Grundlagen der Umweltpädagogik“ vgl. die von Peter Kern unter Mitarbeit von Jutta Schär und Klaus Böswald erstellte Materialmappe für die forstwissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg. Die Pilotwoche fand vom 20.–24.11. 1995 in der Universität Freiburg statt und war ein großer Erfolg. Leider konnte Peter Kern der Bitte von Herrn Direktor Volz nicht entsprechen, diese Block-Einheit in den forstwissenschaftlichen Studiengang als festen Bestandteil mit seiner Person zu integrieren, weil der Rektor der PH Freiburg, Prof. Dr. Rudolf Denk diese so sinnvolle und fruchtbare Kooperation mit der Universität verunmöglichte.


3.1.6   Herausforderungen an die Wirtschaft und an die Kirche

Dass Peter Kern den in der „Pädagogik im Atomzeitalter“ und in der „Notwendigen Bildung“ vertretenen Ansatz auch in der Wirtschaft, in der Managementschulung, fruchtbar zu machen suchte und sucht, sei ebenfalls auszugsweise dokumentiert.

Zunächst der Hinweis auf zwei Bücher:

„Mut zur Zukunft. Die Wirtschaft zwischen tradierten Innovationsschüben und ökologischem Bewusstseinswandel“, herausgegeben von Peter Kern unter Mitarbeit von Walter Zulauf (1985).

Peter Kern: Ethik und Wirtschaft. Leben im epochalen Umbruch: Vom berechnenden zum besinnenden Denken? (1993 in 4. Aufl.; 1. Aufl. 1990); vgl. auch Peter Heitkämper: Peter Kern: Ethik und Wirtschaft, in: Das Parlament, Nr. 52-53, 21./28.12.1990: Das politische Buch, S. 22; ferner „Walter Hoeres zu einer Studie von Peter Kern: Warum der Manager der Zukunft nach Weisheit streben soll. Wirtschaftliche Interessen und ethische Prinzipien im Widerstreit?“, in: Deutsche Tagespost, Nr. 12, 25.1.1992, S. 10.

Sodann Aufsätze in Sammelbänden:

Peter Kern: Bildungsaufgabe für eine gelingende Zukunft: Die ganzheitliche Managerpersönlichkeit, in: Robert Hasenböhler/ Rolf Kiechl / Jean-Paul Thommen (Hg.): Zukunftsorientierte Management-Ausbildung (1994, S. 179-210).

Peter Kern: Begründung und Lehrbarkeit ökonomischer Moral und Ethik als pädagogisches Problem, in: Harald Geißler (Hg.): Unternehmensethik, Managementverantwortung und Weiterbildung (1997a, S. 141-164).

Notiert seien noch einige Veröffentlichungen, Hinweise und Pressemitteilungen, die aus Vorträgen bzw. Seminartätigkeiten für die Wirtschaft hervorgegangen sind.

Repräsentativ für dieses Engagement von Kern in der Wirtschaft ist das, was der Präsident des efficiency-Clubs Basel, Walter Zulauf, im Werbeorgan des „Hotels International Basel“, „Flash“, Nr. 56, 1988, S. 7 notiert: „Wir haben angesichts stattfindender und drohender Gefährdung der Menschheit als ganzer und der sie tragenden Natur gründlich neu nach dem Sinn von Wirtschaft für das Leben zu fragen. Zu dieser philosophischen Besinnung trägt Professor Kern seit Jahren mit seinen fundierten Vorträgen und Seminaren bei. Mit seinem Entwurf eines ‚ökosophischen Managements‘ fordert er die Wirtschaft immer wieder beredt und kenntnisreich heraus, die Machtförmigkeit bloß zweckrationalen Denkens zu ergänzen durch die Gehalte der alteuropäischen Tradition der 'Weisheit'. Vor allem durch seine monatlichen Leseabende für das Management trägt er zu einem Bewusstseinswandel bei, der Wirtschaft reintegriert in Gesellschaft und Leben.“ Vgl. auch: Peter Kern: Skizze zum Konzept „Ökosophisches Management“ (1996, S. 52-56).

Viele Jahre lang war Peter Kern Referent und Trainer bei der ESSO SCHWEIZ. Unter ihrem ehemaligen Generaldirektor Wolfgang Feldmann entwickelte er das Konzept „Inhaltsbezogene und persönlichkeitsbezogene Rhetorik“, das auf unterschiedlichen Niveaus zum festen Bestandteil der Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf allen Kaderstufen wurde. (vgl. Guido Gass: Training, in: ESSO-Revue, 43. Jg. , 1/1991, S. 11; Ch. Schwerzmann und Th. Gisler: ESSO Training, in: ESSO-Revue, 47.Jg., 3/1995, S. 8-9; vgl. R. Ott und L. Peter: ESSO-Training, in: ESSO-Revue, 48. Jg., 3/1996, S. 7; vgl. auch Peter Kern: Inhaltsbezogene Rhetorik, in: ESSO-Revue, 42 Jg., 1/1990, S. 8; im Vorwort dazu schreibt Guido Gass: „Prof. Dr. Peter Kern hat dieses Training eigens für unsere Firma entwickelt und durchgeführt und für die ESSO-Revue in einem kurzen Resümee die Thematik aufgezeigt und den Background etwas beleuchtet“.

Ebenso gehörten zum festen Bestandteil der ESSO-Trainings bis zur Umstrukturierung der ESSO SCHWEIZ durch das Projekt STRIPES die zusammen mit Prof. Dr. Kurt Biener, Universität Zürich, durchgeführten Seminare zum Thema „Arbeit und Lebensgestaltung“ (vgl. ESSO-Revue, 39.Jg., 4/1987, S. 9–11; ESSO-Revue, 40.Jg., 1988, S. 14-16; vgl. auch die Danksagung von Kurt Biener in seiner Monographie „Stress. Epidemiologie und Prävention“, 1990, S. 11: „Weiterhin bedanke ich mich bei Herrn Prof. Dr. phil. P. Kern (Freiburg/Br.) für seine pädagogischen Hinweise und für seine Unterlagen, haben wir doch als Referenten viele Stress-Seminare gemeinsam durchgeführt“.) Nicht unerwähnt sei auch die Studie von Peter Kern „Stressprophylaxe für Arbeitnehmer“ (1988, 112 Seiten). Dieses Gutachten über die Situation der Tankwagen-Chauffeure der ESS0 SCHWEIZ führte für die Betroffenen zu spürbaren Arbeitsplatzverbesserungen. Ein anderer Denkanstoß brachte ebenfalls einen wichtigen Bewusstseinswandel in die von Männern dominierte Welt am Schmidhof in Zürich, dem Hauptsitz der ESSO SCHWEIZ: Peter Kern: „Männergewalt und Frauengehorsam“, in: ESSO-Revue, 45.Jg., 3/1993, S. 6-7.

Alle diese Engagements standen immer unter dem Anspruch der Ziele der „Pädagogik im Atomzeitalter“; vgl. Peter Kern: Arbeit und Leben: Bildungsarbeit in der Firma, in: ESSO-Revue, 44. Jg., 2/1992, S.7-8, dort S. 8: „... Angesichts etwa der Ökologieprobleme haben wir da alle noch einen weiten Weg zu gehen. Der Anfang aber ist vielerorts gemacht. Die ESSO SCHWEIZ ist hier seit langem vorbildlich: Als erste Firma auf dem Schweizer Markt führte sie bleifreies Benzin ein, sie senkte wiederholt den Schwefelgehalt bei Heizöl und Diesel, bot, sobald es möglich war, biologisch abbaubare Schmiermittel an, und heute, 1992, ist sie wiederum die erste Firma der Mineralölbranche des Schweizer Marktes, die in einem Depot eine Benzingas-Rückverflüssigungsanlage installiert, um unnötige Kohlenwasserstoff-Emissionen zu vermeiden. Eines der greifbaren Ergebnisse auch philosophisch begründeter ganzheitlicher Bildungsarbeit der ESSO SCHWEIZ? Wer Verantwortung für die Fort- und Weiterbildung trägt, will dies hoffen dürfen. Wer diese Fort- und Weiterbildung in den vergangenen Jahrzehnten tatkräftig unterstützte, plante, organisierte, mag in einem solchen Ergebnis den Sinn seiner Arbeit sehen.“ Dass auch eine lokale Affiliate wie die ESSO Schweiz im Zuge der ökonomischen Globalisierung ihre ökologisch-individuellen Spielräume verlieren musste, war die schmerzliche Erfahrung eines groß angelegten Change-Management-Prozesses, den die Zentrale in den USA bestimmte: STRIPES / SAP R3.

1997 wurde Peter Kern durch den neuen Generaldirektor der ESSO SCHWEIZ, Bernd Öhding, in das Projektteam für den Change-Management-Prozess „STRIPES / SAP R3“ berufen, der für die EXXON-Corporation in der Schweiz als Pilotprojekt durchgeführt wurde mit dem Ziel einer völligen Neustrukturierung der nationalen ESSO-Affiliates. Kern begleitete diesen Prozess als wissenschaftlicher Berater bis zum Abschluss von Release 1 und Release 2 im Jahr 2000; vgl. Peter Kern: Change Management: Umbruch, Veränderung, Wandel, in: ESSO Revue, 50.Jg., 1/1998, S. 5-6.

Im „Sparkassen-Werbedienst“, 4/1988 notiert die Redaktion auf Seite 86 u.a.: „Auf den Arbeitstagungen für Werbeleiter in Stuttgart im Frühjahr und Herbst 1987 referierte Professor Dr. Peter Kern über die Probleme des Menschen im Umgang mit den von ihm freigesetzten naturzerstörenden Kräften. Sein engagiertes Referat stand unter dem Titel ‚Leben im epochalen Umbruch – vom berechnenden zum besinnenden Denken‘“. Es folgt eine gekürzte Fassung dieses Referates (ebenda, S. 86–89).

Am 12. Oktober 1988 wurde Peter Kern von Rolf Schoeck, dem Vorsitzenden des Vorstandes der Landeskreditbank Baden-Württemberg eingeladen, anlässlich der gemeinsamen Sitzung von Verwaltungsrat und Beirat in Stuttgart einen Vortrag zu halten: „Ethik und Wirtschaft. Verändert sich die ökonomische Vernunft?“ Mit einem Vorwort von Rolf Schoeck erschien dieser Vortrag 1988 als Sonderdruck der Landeskreditbank Baden-Württemberg. Es schloss sich über einen längeren Zeitraum eine Seminartätigkeit für die Landeskreditbank an.

Aus diesen Engagements ergaben sich zahlreiche Vorträge zu wirtschaftsethischen Fragestellungen in verschiedenen Sparkassen der ganzen Bundesrepublik, die jeweils zu einem großen Presse-Echo in den regionalen Tageszeitungen führten.

Während der 25. Pharma-Kundentagung auf dem Bürgenstock, Schweiz, referierte Peter Kern am 30. September 1988 zum Thema „Transformation der ökonomischen Vernunft: Ethik für die Wirtschaft“. Unter diesem Titel erschien der Vortrag gekürzt in: IHA Institut für Marktanalysen. GfM Forschungsinstitut der Schweizerischen Gesellschaft für Marketing, Hergiswil/Luzern (Heft 1, 1989, S. 17–29); vgl. auch Peter Kern: Öko-Ethik, in: IHA Institut für Marktanalysen. GfM Forschungsinstitut der Schweizerischen Gesellschaft für Marketing, Hergiswil/Luzern (Heft 2, 1990, S. 4–6).

In diesen Zusammenhang gehört auch der Beitrag von Peter Kern und Hansjörg Schlegel „Ethik in der Pharmawerbung – Ein Denkangebot“, in: IG Pharma-Werbung. Bulletin Nr. 3, Zürich (1991, S. 4–7). Darin wird auch Bezug genommen auf die zahlreichen Ärzte-Seminare, die durch die Dr. Schlegel Pharmamarketing AG organisiert wurden und unter dem Thema „Ökosophische Praxisführung“ in Schulz, Schweiz durchgeführt wurden und heute, 2010 immer noch werden. Die inhaltliche Gestaltung dieser dreitägigen Seminare lag und liegt in der Hand von Peter Kern.

Vgl. auch das Pharmaleitertreffen von Hoechst, Markt Management Westeuropa, im Grand Hotel Dolder, Zürich, am 11. und 12. 12. 1991 unter der Leitung von Direktor Dr. Ditmar Lubini; dort am 11.12. das Referat von Peter Kern: „Wirtschaftsethik als Herausforderung an das Management?“

Anlässlich des 20-Jährigen Jubiläums veranstalte die EDP-Support AG, Schweiz, ein Seminar, auf dem Peter Kern ein Referat hielt zum Thema „Kein Überleben ohne radikales Umdenken?“. Dieses Referat wurde abgedruckt in „io Management Zeitschrift“, (5/1990, S. 79–82) und löste in derselben Zeitschrift eine Diskussion aus; vgl. Prof. Dr. Pierre Fornallaz, Langenbruck, io Management Zeitschrift (9, 1990, S. 19); Dr. Dieter Weichelt, io Management Zeitschrift (10, 1990, S. 23).

Die VDI-Nachrichten druckten 1990 den Beitrag von Peter Kern „Für eine praktische Vernunft in der Wirtschaft. Ökosophie im Management ist das Gebot von morgen“, VDI-Nachrichten, Nr.37, 14. September 1990, S. 24

Vom 30. – 31. Mai 1991 fand im Interalpen-Hotel der Firma Liebherr in Buchen / Tirol das von der Firma Liebherr ausgerichtete mittlerweile „12. Kontaktgespräch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft“ statt. Es sprachen Prof. Dr. Arnim Wolfram, Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, Prof. Wolfgang Leonhard, Sowjetexperte, Prof. Dr. Dr. Hinrich Seidel, Präsident der Europäischen Rektorenkonferenz und Präsident der Universität Hannover, Prof. Robert Fechtig, ETH Zürich. Peter Kern referierte während dieser Tagung am 31. 5. zum Thema „Zur Ethik in Ausbildung und Praxis“; vgl. Sonderdruck des Hauses Liebherr „12. Kontaktgespräch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft“, Telfs/Buchen (1991, S. 28–40).

1992 fand das gross angelegte Symposium der Trainer-Akademie-München (TAM) statt, auf dem Rolf Berth, Rudolf Kapellner, Peter Kern, Ervin Laszlo, Monique R. Siegel, Roland Spinola und Reinhard K. Sprenger referierten. Die Referate wurden als Sonderdruck herausgegeben von Helmut Fuchs, Winfried U. Graichen und Roland Spinola unter dem Titel „Paradigmenwechsel – Schlagwort oder Realität?“, 1992. Peter Kerns Beitrag findet sich zum Thema „Ethik in der Weiterbildung“ auf den Seiten 29–52.

1994 führte Peter Kern im Auftrag der TELA Papierfabrik AG, Balsthal und Niederbipp, Schweiz, eine Tagung zum Thema „Gesamtökologie und Unternehmenskultur“ durch. Kurt Meyer schreibt dazu in der Betriebszeitung „Tela-Zytig“ unter dem Titel „Das Oeko-Team der Tela stellt sich vor“: „Das Seminar ‚Gesamtökologie und Unternehmenskultur‘ mit Professor Kern im Januar 1994 hat den engagierten Kaderleuten ... gezeigt, dass es in kleinen Schritten möglich ist, das Zusammenspiel von Wirtschaftlichkeit und Ökologie zu verbessern. Dass es auch wirklich nötig ist, für dieses Zusammenspiel aktiv zu werden, hat ihnen der Kurs bewusst gemacht. Obwohl es nicht so geplant war, entstand auf Empfehlung von Professor Kern das Oeko-Team mit der Aufgabe, eine Anlaufstelle für ökologische Fragen in den beiden Betrieben in Balsthal und Niederbipp zu werden“ (Tela-Zytig, Nr.52, Juni 1995, S. 24-26; Zitat S.24). Aus diesen Anfängen entwickelte sich dann unter der mutigen Führung von Direktor Fritz Tanner ein außerordentliches ökologisches Engagement der Tela Papierfabrik mit auch hohen Investitionen für alle ökologischen Belange in der Firma (vgl. Marcel Hammer: „ARA Niederbipp wird an die Tela angeschlossen“ und ders.: „Umwelt-Management-System in der Tela“, beide Artikel in: Tela-Zytig, Nr. 55, 1996, S. 25-27).

Am 28. September 1995 fand in Köln für den Gerling-Konzern ein Symposium statt, an dem als Referenten teilnahmen Hermann Krämer, Mitglied des Vorstandes der VEBA AG, Düsseldorf, Herbert Schilling, Mitglied des Vorstandes der Gerling-Konzern Allgemeine Versicherungsaktiengesellschaft, Köln, Norbert Strohschen, Vorsitzender des Vorstandes der Gerling-Konzern Globale Rückversicherungs-AG, Köln, Ernst-Ludwig Winnacker, Ludwig-Maximilians Universität, München und Peter Kern von der PH Freiburg. Die Moderation hatte Klaus Bultmann, Mitglied des Vorstandes der Gerling-Konzern Globale Rückversicherungs-AG, Köln. Thema des Symposiums: „Unternehmerisches Handeln im Spannungsfeld von Anspruchsbewusstsein und Haftungsverschärfung“. Die Beiträge liegen als Sonderdruck des Gerling-Konzerns vor, Köln 1995. Den Beitrag „Ethik und Risiko“ von Peter Kern findet man auf den Seiten 19–26. In diesem Zusammenhang sei auch darauf verwiesen, dass Peter Kern von 1994 bis 1998, als er aus persönlichen Gründen wegen der Erkrankung seiner Frau seine Engagements reduzieren musste, regelmäßig für die Gerling Akademie Zürich, in der Marienburg in Köln Referent im Seminar „Risiko und Umwelt“ war; Thema: „Ganzheitliches Denken und Handeln angesichts globaler Herausforderungen: Ethik und Risiko“; vgl. beispielsweise die Seminarmappe für den 10. – 13. März 1998, Köln-Marienburg, Block 3, S. 1–44.

Am 7. November 1997 referierte Peter Kern auf dem Kongress „Institute of Leadership“ für die Skandia Leben AG zum Thema „Fachkompetenz versus Sozialkompetenz“. Der Vortrag wurde als hausinterner Sonderdruck im Rahmen aller gehaltenen Beiträge dieser Tagung veröffentlicht; Kerns Beitrag in Zürich 1997, Abteilung 5, S. 1–10.

In einem Schwerpunktheft „Bildung 2000“ der „ASU/BJU News: Von Unternehmern für Unternehmer“, 7/8 2000 konnte Peter Kern neben den Kultusministerinnen Monika Hohlmeier (S.6 ff.) und Annette Schavan (S.10 f.) und neben dem Beitrag von Peter Glotz (S. 16 f.), ständiger Gastprofessor der Universität St. Gallen, sein Statement „Bildung als Instrument der Wirtschaft?“ (S. 24 f.) veröffentlichen.

Am 14.09.2002 hielt Peter Kern auf Einladung von Prof. Dr. N.P. Lang den Schlussvortrag auf der 32. Jahrestagung der „Schweizerischen Gesellschaft für Parodontologie“ im Kursaal des Kongresszentrums in Bern. Unter dem Titel „Die Welt nach dem 11. September 2001“ formulierte er seine Gedanken zur „neuen“ Weltlage aus der Perspektive der „Pädagogik im Atomzeitalter“.

Am 20.03.2003 fand im Kongresshaus in Zürich das „2. Investmentforum“ statt: „money makes the world go round“. Es sprachen und diskutierten Peter Billerbeck, Geschäftsleiter der Servisa Sammelstiftung, Basel; Prof. Dr. Arie Hans Verkuil, Institutsleiter des „Institute for Sustainable Management“, Aargau; Sabine Doebeli, Leiterin Umwelt- und Sozialresearch ZKB, Zürich; Dr. Rudolf Rechsteiner, Nationalrat SP Basel; Paola Ghillani, CEO Max Havelaar Foundation (Switzerland), President FLO International; Christoph Zysset, Produktmanager Möbel Pfister, und Peter Kern, PH Freiburg. Die Leitung hatte Dr. h.c. Beat Kappeler, Mitarbeiter „NZZ am Sonntag“ und Kolumnist „Le Temps“. Peter Kern sprach über „Ökologische Selbstbegrenzung als nachhaltige Zukunftssicherung: Auf der Suche nach neuen Wohlstandsmodellen einer ‚sustainable society‘“. Vgl. dazu Roger Strässle: Zweites Investmentforum, in: Umwelt Focus, Nr.2, 2003, S.18 f.

Zweimal hatte Peter Kern Gelegenheit, amtierende Minister unmittelbar während eines Workshops in die Gedanken der „Pädagogik im Atomzeitalter“ und der „Notwendigen Bildung“ einzuführen; einmal in Deutschland Minister Schaufler während der Klausurtagung des Ministeriums für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie Baden-Württemberg am 8. Juli 1991 im Bildungszentrum Schloss Maurach, und dann in der Schweiz während des Regierungsratsseminars des Kantons Baselland über „Vernetztes Denken“ am 5. Juni 1992 im Hotel Bad Schauenburg.

Auch in Fachbeiträgen für die Wirtschaft wurde auf die Position von Peter Kern verwiesen:

Egon Häfliger: Der aktive Betrieb. Management by Conflicts (1981, S. 210, 226).

Bruno Krieg/ Dieter Buchser: Der Weg zu neuen Traditionen. Wie Mitarbeiter zur dynamischen Kraft von Unternehmern werden, proTransfer (1988, S. 189); vgl. auch Peter Kern / Bruno Krieg: Transfertraining und Transfermanagement, in: schweizer management magazin, (Nr. 4/1985, S. 49–51); Peter Kern/Bruno Krieg: Umsetzung der Transfertechnik, in: schweizer management magazin (Nr. 5/1985, S. 46-48).

Bruno Staffelbach: Management-Ethik. Ansätze und Konzepte aus betriebswirtschaftlicher Sicht (1994, S.453).

Klaus M. Leisinger: Unternehmensethik. Globale Verantwortung und modernes Management (1997, S. 235).

 

Während Peter Kern die Gedanken der metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie in die Wirtschaft trug, hat Hans-Georg Wittig insbesondere die friedenspädagogischen und ökologischen Konsequenzen als Synodaler in der Evangelischen Landeskirche Baden-Württemberg zur Diskussion gestellt.

So zum Beispiel mit seinem Vortrag anlässlich der Tagung des Synodalausschusses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Kehl am 30./31. 8. 1991; vgl.: Referat des Synodalen Dr. Wittig, Lörrach: „Nein zu Rüstungsexporten“, in: Verhandlungen der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, hg. vom Evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe, 1992, S. 223-228.

Ebenso ist Hans-Georg Wittigs Beitrag zum Thema „Rüstungsproduktion und Rüstungsexport“ im Rahmen der Berichterstattung des Bildungs-/Diakonieausschusses zu verstehen, der in „Verhandlungen der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden“, hg. vom Evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe, 1992 auf den Seiten 25-27 abgedruckt ist.

Und vom selben Geiste geprägt waren Wittigs Abschiedsworte an die Landessynode, nachzulesen in: „Verhandlungen der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden“, hg. vom Evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe 1994, S. 150-152.

Mit seinen Aktivitäten trug Hans-Georg Wittig maßgeblich dazu bei, dass die Landessynode der Evangelischen Landeskirche Baden energisch Schritte gegen eine Ausweitung der Rüstungsproduktion und des Rüstungsexportes forderte.

 

3.1.7   Dissertationen im Umfeld der „Pädagogik im Atomzeitalter“

Der Ansatz von Peter Kern und Hans-Georg Wittig wurde auch in einigen Dissertationen erprobt: Peter Münster: Wahrheit und Gewaltfreiheit als Wurzeln der Erziehung. Die Bedeutung Mahatma Gandhis für die Pädagogik im Atomzeitalter, Hamburg 1995; Michael Kalff: Zukunft gewinnen angesichts globaler Krisen. Westliches und buddhistisches Denken im Dialog: Auf der Suche nach neuen Wohlstandsmodellen einer „sustainable society“, Marburg 1999; Jörg Farnow: Zur pädagogischen Aktualität von Maturanas Autopoiesis Theorie. Kritische Anfragen aus der Sicht einer integrierenden pädagogischen Anthropologie des Atomzeitalters, Hamburg 2002; Michael Großmann: Wertrationalität und notwendige Bildung – Immanuel Kants praktische Philosophie in ihrer Bedeutung für eine heutige pädagogische Ethik, Frankfurt/M. 2003. Die anthropologischen Grundlagen, sofern sie sich auf pädagogische Reflexionen von Hans Wittig beziehen, wurden in der Dissertation von Karl-Heinz Huber bedacht: Bildung für eine gelingende Zukunft? Frankfurt/M. 2004.

 

3.2.0   Ablehnung und Missverstehen

3.2.1   Unzutreffende Theorie und kein Praxisbezug?

Die Rezeption der „Pädagogik im Atomzeitalter" kennt selbstverständlich auch ablehnende Stimmen. Armin Bernhard beispielsweise schreibt insgesamt eine Kritik der Friedenspädagogik in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft; auch Kern und Wittig sind aus seiner (neo-)marxistischen Wahrnehmungsperspektive nur Exponenten des „Mythos Friedenserziehung" (1988, vor allem S. 178 ff., 207, 212 ff.).

Werden beide Autoren von Bernhard aus einer ideologischen Sicht kritisiert, über die man trefflich streiten kann, so ist Joachim Kahlerts sozialwissenschaftliche Analyse „Alltagstheorien in der Umweltpädagogik", 1990, schon in ihrer methodischen Anlage völlig unzureichend. Als Gescholtene finden sich Kern und Wittig zwar in respektabler Gesellschaft: Ulrich Becks Thesen zur „Risikogesellschaft" (1987) unterliegen ebenso wie Ivan Illichs Thesen zur „drohenden Ökokratie" (1984) der berechnenden Kritik (zu Kern/Wittig vgl. Kahlert 1990, u.a. S. 100, 138, 149, 227, 251, 296); allein, die Argumente überzeugen gar nicht; im Gegenteil, die Arbeit von Kahlert steckt voller Mängel. Gerhard de Haan hat dazu das Nötige gesagt (1993, S. 148 ff. und Fußnote 19, S. 167 f.).

Gelegentlich hat die Kritik ihren Ursprung offensichtlich in sehr flüchtiger Lektüre, dann reicht es nicht einmal zum korrekten Zitieren; aus „P." wird „B." Kern, aus „Wege zu innovativem Lernen angesichts der Ökokrise" wird „Wege zu einem innovativen Lernen anlässlich der Öko-Krise"; entsprechend unscharf und entstellend ist die Argumentation selbst (Derbolav 1984, S. 66, 77).

Ähnlich unseriös verfährt Helmut Heid in seinem Beitrag „Ökologie als Bildungsfrage?” mit ökopädagogischem Denken (vgl. 1992, S. 121, 136). Was dort im Blick auf Kern, 1986, über „(gedankenlose) Liebe“ gesagt wird, unterschlägt alle von Kern und Wittig vorgelegten Präzisierungen; man muss nur die „Pädagogik im Atomzeitalter“ und die „Notwendige Bildung“ wirklich wahrnehmen, um sofort die Unhaltbarkeit der Argumentation von Heid zu erkennen.

Im Blick auf den bereits erwähnten Aufsatz „Sokrates im Atomzeitalter“, den die Autoren in der Zeitschrift „Gymnasium Helveticum“ veröffentlichten, gab es neben den beiden oben bereits genannten positiven Urteilen von Alexander Heussler und Jürg Kielholz auch ein ablehnendes Echo. H. U. Lappert und Th. Wirth vermögen in einer gemeinsamen Stellungnahme im Text von Kern und Wittig nur einen „Halbierten Sokrates“ wahrzunehmen (1983, S. 160 ff.). Gegen ihre Kritik gewendet fragen die Autoren zurück, ob möglicherweise nicht zureichend gesehen wurde, dass versucht wurde, Sokrates für die Herausforderungen des Atomzeitalters fruchtbar zu machen.

Ludwig Duncker spricht von der „didaktischen Rückständigkeit der Friedenserziehung" insgesamt, und in Bezug auf Peter Kern und Hans-Georg Wittig urteilt er, dass die didaktische Dimension „völlig ausgeklammert" sei, was bedeute, dass auch Kerns und Wittigs Texte „keine Hinweise enthalten, wie die spezifisch pädagogische Bedeutung der Friedensaufgabe schulpädagogisch handhabbar und wirksam gemacht werden kann" (Duncker 1988, S. 100). Ein solches Urteil bleibt völlig unverständlich. Duncker kann die „Pädagogik im Atomzeitalter“ nicht zu Ende gelesen haben. Das Büchlein schließt mit einem 5. Kapitel, in dem genau das verhandelt wird, was Duncker anmahnt: „Lernen für eine befriedete Zukunft – theoretische Ermöglichung und praktische Verwirklichung“ (1984a, S. 112–136). Oder meint er pragmatische Rezepte, mit denen die Autoren begründet nicht aufwarten? Im Übrigen thematisieren sie die Unzulänglichkeit der Institution Schule zur Erzielung von Einstellungs- und Verhaltensänderungen. Für eine gelingende Friedens- und Ökopädagogik müsste die Unterrichtsinstitution Schule um Erfahrungsräume des Weckens und Übens erweitert werden, damit die nur verstandesorientierte Lehre über friedenspädagogische und über ökologische Themen nicht zum bloßen „Maulbrauchen“ verkommt, sondern Vernunft existentiell vernehmbar macht.

(Darüber mehr in Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Notwendige Bildung 1985; dazu vgl. die Besprechungen von G. Auernheimer, 1986, S. 14-16.; L.A. Pongratz, 1987, S.410–412; P. Münster, 1987, S. 493–496; vgl. auch Hans Wittig: Didaktik als Gegenstand pädagogischer Skepsis 1971.)

Eduard W. Kleber sieht im Übrigen sehr wohl bei Kern und Wittig Umsetzungen in die Praxis, wenn er beide Autoren in seinen „Grundzügen ökologischer Pädagogik” mit ihrer Besprechung des Lernberichtes an den Club of Rome rezipiert (Kleber 1993, S. 38; wünschenswert wäre es gewesen, wenn zu Kerns und Wittigs von Kleber auf S. 36 abgedruckten Graphik die Quelle angegeben worden wäre; vgl. Kern/Wittig 1981, S. 133).

Dass der friedenspädagogische und ökopädagogische Ansatz sich in der Praxis bewähren kann, zeigt ausführlich Michael Kalff, und zwar nicht seinerseits wiederum theoretisch, sondern durch die Tat selbst in seinen zahlreichen umweltpädagogischen Aktivitäten und durch die Gründung der Naturschule Freiburg und ihrer Dependancen (vgl. Kalff: Handbuch zur Natur- und Umweltpädagogik 1997).

 

3.2.2   „Traditioneller“ Gebrauch des „Vernunft“-Begriffs?

Was sollen Kern und Wittig mit dem Hinweis von Gerhard de Haan anfangen, der Begriff der „vernehmenden Vernunft" würde „traditionell" gebraucht? (de Haan 1985, S. 24; vgl. auch S. 23, 26, 33, 227 ) Ja, Peter Kern und Hans-Georg Wittig geht es um die Bewahrung der ethischen Substanz von Antike und Christentum. Insofern mag man sie als „Wertkonservative“ im Sinne Erhard Epplers bezeichnen. Im Übrigen formulieren sie ihre Position im Kontext einer globalen Perspektive, die den Eurozentrismus überschreitet: sie stehen in der „Tradition“ dessen, was Karl Jaspers die Substanz der „Achsenzeit“ nannte (Jaspers 1983). Doch so positiv scheint de Haan mit dem Attribut „traditionell“ die Kern-Wittigsche Position gar nicht einzuschätzen. Denkt er hier an die Vernunftkritik der Postmoderne? (vgl. Wolfgang Welsch 1995: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft.) Dann wäre ihm gerade die gegen diese Position gerichtete Rehabilitierung der vernehmenden Vernunft u.a. durch den Ansatz der Transzendentalpragmatik entgangen.

An anderer Stelle bezweifelt de Haan die Aussagen in der ökopädagogischen Literatur, dass das Überleben der Menschheit bedroht sei; eine solche Aussage sei lediglich eine „Erzählung”, der jede rationale Basis fehle; in diesem Zusammenhang nennt er auch Kern und Wittig (de Haan 1993, S. 120). Was dazu heute auf hohem reflexivem Niveau zu sagen ist, kann dem Band „Ethik für die Zukunft. Im Diskurs mit Hans Jonas” entnommen werden (vgl. D. Böhler, Hg., 1994). Im Übrigen gilt immer noch das Diktum von Hans Jonas: um Leben zu bewahren und zu steigern („Emporbildung“, Pestalozzi), sei angesichts der technischen Möglichkeiten, es zu erniedrigen und zu zerstören, gegenwärtig und künftig immer eine „Heuristik der Furcht“ angezeigt (Jonas 1979, S. 63 ff.).

 

3.2.3   „Absolutsetzung des eigenen Standpunktes“?

Christian Graf von Krockow kommentiert den Aufsatz von Peter Kern und Hans-Georg Wittig „Die Friedensbewegung – zu radikal oder gar nicht radikal genug?“, der 1983 in der Beilage zur Wochenzeitung „das parlament: aus politik und zeitgeschichte“ erschien (von Krockow 1983, S. 20–22; in der Literatur, vgl. S.119, nennt er noch Hans-Georg Wittigs Aufsatz „Befähigung zu gewaltfreiem Widerstand als Hauptaufgabe der Erziehung nach Hiroshima“, 1973, S. 325 ff.).

Christian Graf von Krockow bespricht eine Reihe von friedenspolitischen und friedenspädagogischen Positionen und er behauptet, sie alle seien der „Versuchung des Absoluten“ erlegen. Diskutiert wird erstens ein Interview mit dem damaligen Bundessprecher der „Grünen“, Rainer Trampert, das in der Wochenzeitung DIE ZEIT erschien, zweitens der Aufsatz „Ökologie und Demokratie – ein Problem der politischen Kultur“ von dem Frankfurter Politikwissenschaftler Iring Fetscher, der in der Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ erschien, drittens das Buch „Frieden ist möglich – Die Politik der Bergpredigt“ von Franz Alt, viertens der oben schon genannte Aufsatz  und fünftens Bernd Guggenbergers Buch „Bürgerinitiativen gegen die Parteiendemokratie“ (von Krockow 1983, S. 15–27).

Von Krockow, S. 20: „Die Versuchung des Absoluten zeigt sich auch im vierten Beispiel. Peter Kern und Hans-Georg Wittig entwickeln in ihrem Aufsatz ‚Die Friedensbewegung – zu radikal oder gar nicht radikal genug?‘ eine ‚Öko-Ethik im Atomzeitalter‘“ (ebenda S. 20). In dieser Öko-Ethik sieht von Krockow eine „Absolutsetzung des eigenen Standpunktes“, damit werde „dem Andersdenkenden die Legitimität zu abweichenden Meinungen abgesprochen“. „Und was ‚ethisch‘ beginnt, will und muss in der eigenen Konsequenz doch wohl praktisch werden. Dies aber läuft wiederum auf die Proklamation des Widerstandes gegen alle Entscheidungen hinaus, die der eigenen Überzeugungsperspektive sich nicht fügen, also auf die Aufkündigung des inneren Friedens. Von der geforderten ‚Öko-Ethik‘ zum ökologischen Bürgerkrieg ist es ein kurzer, weil konsequenter Weg“ (ebenda, S. 22).

Ich zitiere diese Stelle hier so ausführlich, weil Kern und Wittig solche Kritik auch in mündlichen Diskursen zuweilen entgegengehalten wird.

Sie selbst fragen dann immer ganz erstaunt: Kann man nicht lesen? Will man nicht verstehen?

Zunächst einmal. Der Begriff des „Absoluten“ ist mehrdeutig. Aber auf eine gründliche philosophische Erörterung lässt sich von Krockow gar nicht ein. Die „Versuchung des Absoluten“, der Kern und Wittig erlegen seien, meint hier offensichtlich das, was auch „Absolutsetzung des eigenen Standpunktes“ heißt. In postmodernen Kontexten kann das nur die Versuchung zur „großen Erzählung“ sein, die aus dieser Wahrnehmungsperspektive immer Ausdruck des „Terrors der einen Wahrheit“ ist. Stattdessen wird gefordert, den „Widerstreit“ der pluralen Sprachspiele auszuhalten. Gelten solche Argumente auch gegenüber den Überlebensfragen der Menschheit? Oder wird mit solchen Argumenten das heute geforderte Niveau gegenüber den Herausforderungen des Atomzeitalters gar nicht erst erreicht? Fällt von Krockow mit seinen Überlegungen nicht in voratomare Zeiten zurück?

Ferner: Vernunft, die vernimmt, dass keine Atomwaffen sein sollen, ist nicht „absolut“, sondern ihr Imperativ gilt „unbedingt“. Unbedingt geltende Imperative zeigen sich im Laufe der Geschichte, sind deshalb also gerade nicht absolut; man denke nur an die schon erwähnte Theorie der „Achsenzeit“. Das Niveau der ethischen Imperative, das in der Achsenzeit erreicht wurde, macht auch unabhängig von den Überlebensfragen der Menschheit konfligierende Situationen entscheidungsfähig. Nehmen wir ein Alltagsbeispiel. Jemand ist der Überzeugung, Diskussionen „bringen nichts“; es sei richtig, die eigene Meinung durch Gewalt zu erzwingen. Diesem Andersdenkenden spreche ich die Legitimität seiner Meinung ab, ich leiste „Widerstand“, aber in der Regel nicht dadurch, dass ich meinerseits Gewalt anwende, denn dies erzeugt bekanntermaßen nur noch mehr Gegengewalt.

Schließlich: Es gilt in der Tat, das Postulat, „Leben soll sein“, will praktisch werden, sonst bliebe es nur ein unverbindliches Spiel im Beliebigen. Und insofern ist es zwingend, dass gegen lebensfeindliche Prozesse „Widerstand“ angemeldet wird. Aber Peter Kern und Hans-Georg Wittig bitten doch sehr darum, genau zu lesen. Unter dem übergeordneten Bildungsziel „Vernehmende Vernunft“ / „Vernunftgeleitete Solidarität“ lautet eines der notwendigen Einzelziele „Befähigung zu gewaltfreiem Widerstand“ (Kern/Wittig 1984, S. 75–96; vgl. Hans-Georg Wittig bereits 1973; auf S. 119 nennt von Krockow diese frühe Arbeit zum gewaltfreien Widerstand, ohne sie sachangemessen in seiner Argumentation zu berücksichtigen.)

Dass darin die „Aufkündigung des inneren Friedens“ liege, verbietet sich gerade durch die Bindung der Person an die vernehmende Vernunft. Das alles ist in Kerns und Wittigs Schriften argumentativ dargelegt worden. So bleibt auch die Aussage, von der durch Kern und Wittig begründeten Öko-Ethik zum „ökologischen Bürgerkrieg“ sei nur ein „kurzer, weil konsequenter Weg“ eine durch die Schriften nicht gedeckte Unterstellung von Christian Graf von Krockow. Wer als Mittel der Zielerreichung den gewaltfreien Widerstand thematisiert, kann keinen Bürger-„Krieg“ provozieren. Mehr noch: mit Gewalt ist der im Atomzeitalter überlebensnotwendige Bewusstseinswandel überhaupt nicht zu erreichen. Im Gegenteil. Deshalb diskutieren Kern und Wittig ja keine im engeren Sinne politische oder gar militärpolitische Lösung, sondern eine genuin pädagogische im Kontext einer Pädagogik, die Einsichten wecken möchte. Solche Argumente sind dem Politikwissenschaftler von Krockow so fremd, dass sich ihm deren Sinn überhaupt nicht erschlossen hat (vgl. ergänzend zu Kerns und Wittigs Arbeiten Peter Münster: Wahrheit und Gewaltfreiheit als Wurzeln der Erziehung. Die Bedeutung Mahatma Gandhis für die Pädagogik im Atomzeitalter, 1995).

Unter den Pädagogen ist es Micha Brumlik, der den Trend bestärkt, dass „die Pädagogik von letzten wieder auf vorletzte Fragen verwiesen worden“ sei (Brumlik 1992, S. 45). Nicht ohne Polemik formuliert er: „So war noch die sogenannte ‚Friedenspädagogik‘ der 80er Jahre dadurch gekennzeichnet, dass sie in umfassenden Entwürfen zu neuen Bewusstseinsstellungen in bezug auf nukleare Abrüstung, ökologisch verantwortliches Wirtschaften und basisdemokratisches Politikverständnis aufrief (vgl. KERN/WITTICH (sic!) 1984; Huschke-Rhein 1984; Buddrus/Schnaitmann 1991). Wer den Autorennamen offensichtlich nur vom Hörensagen kennt und statt „Wittig“ „Wittich“ schreibt, wer zudem im Literaturverzeichnis aus „Pädagogik im Atomzeitalter“ „Erziehung im Atomzeitalter“ macht und aus Rolf Huschke-Rheins „Systemischer Pädagogik“ eine „Systematische Pädagogik“ (Brumlik 1992, S. 57), der hat ganz offensichtlich so schludrig gearbeitet, dass man ihm nachsehen muss, wenn er in einer wissenschaftlich begründeten Position nur einen politischen „Aufruf“ wahrzunehmen vermag.

Nicht minder problematisch ist die – wiederum falsche – Nennung der „Pädagogik im Atomzeitalter“ in Edmund Kösels Studie „Die Modellierung von Lernwelten. Ein Handbuch zur Subjektiven Didaktik“. Dort firmieren Kern und Wittig im Literaturverzeichnis unter dem neuen Titel „Friedenspädagogik im Atomzeitalter“ (Kösel 1993, S. 401). Der Sache nach passen sie dort nun gar nicht hin, stemmt sich Kösel doch aus seinem Wissenschaftsverständnis des radikalen Konstruktivismus genau gegen das, was Kern und Wittig vertreten – gegen jedes Bildungsziel, das mit einem Anspruch der Universalisierbarkeit auftritt. Zur Einschätzung des radikalen Konstruktivismus möge man die Freiburger Dissertationen von Jörg Farnow konsultieren: Zur pädagogischen Aktualität von Maturanas Autopoiesis Theorie, Hamburg 2002; Michael Großmann: Wertrationalität und notwendige Bildung, Frankfurt/M. 2003; Ferdinand Messner: Konstruktivistische Erwachsenenbildung: Darstellung, Analyse und Kritik aus integrativer Perspektive, Freiburg 2002.

 

4.0     Zwei weitere Texte

Der Kopie der „Pädagogik im Atomzeitalter", die den Studierenden der PH Freiburg wieder zugänglich gemacht werden sollte, fügen die Autoren noch zwei Aufsätze hinzu, in denen aus aktuellerer Sicht der Standort der Friedens- und Ökopädagogik im Rahmen der tradierten Erziehungswissenschaft skizziert wird:

1993 wurde Peter Kern gebeten, für italienische Leser eine Standortbestimmung der Pädagogik in Deutschland vorzunehmen. Der Titel wurde durch die Auftraggeber formuliert: „Die vorherrschenden Tendenzen und Strömungen der deutschen Pädagogik". Die Arbeit erschien in zwei Teilen 1994 in "Il Quadrante Scolastico", Nr. 61, S. 33 ff. und Nr. 62, S. 42 ff .

Und 2001 wurde Hans-Georg Wittig gebeten, für die Festschrift aus Anlass des 40jährigen Jubiläums der Pädagogischen Hochschule Freiburg einen Beitrag zu schreiben, dem er den Titel gab „Zukunftsfähige Bildung – Herausforderung und Chance“ (Perspektive PH Freiburg, hg. vom Rektor, Redaktion Michael Klant und Herbert Uhl, 2002, S. 37–40). In diesem Text wird die Position von Kern und Wittig in äußerster Kürze noch einmal aktuell zum Ausdruck gebracht.

(Zur 25-Jahr-Feier der Pädagogischen Hochschule Freiburg vgl. Peter Kern: Pädagogik aus ökosophischer Haltung, 1987, S. 303 ff.)

 

5.0   Was Not tut: Pädagogik als Leben erhaltende und Leben fördernde Wissenschaft

Im Kontext postmoderner Theoriebildung, im Umfeld des radikalen Konstruktivismus, angesichts einer formal bleibenden Systemtheorie und im Blick auf die psychoanalytische Postulierung des „Anderen der Vernunft“ erscheint vielen das pädagogische Engagement für eine gelingende Zukunft des Einzelnen und der Gattung als ganzer nur als das hilflose „idealistische“ und darin unwissenschaftliche Gemurmel altmodischer „Gutmenschen“. Es ist schon erstaunlich, dass die Vertreterinnen und Vertreter der etablierten Erziehungswissenschaft just jenen intellektuellen Moden folgen, die keinen zureichenden Grund für die Emporbildung des Einzelnen und der Gattung ermöglichen.

Im Blick auf  Tatbestände, die in der „Pädagogik im Atomzeitalter“ als weltpolitisches und als anthropologisches Defizit bezeichnet wurden, fragt Carl Amery: „Aber wo bleibt, in all diesen irrationalen Stürmen, eigentlich der leidenschaftslose Blick, die Rationalität der voraussetzungslosen Wissenschaft? Bräuchten wir nicht vor allem jetzt, in der gegenwärtigen Krise, die wirklichen life sciences, die Leben schützenden und voranbringenden Wissenschaften?“ (Carl Amery 2002, S. 52) Also das, was sich heute so objektiv und wertfrei gibt, auch in der herrschenden Erziehungswissenschaft, ist alles andere als voraussetzungslos.

Eine Wissenschaft, die ihre Rationalität nicht an den ökonomischen Zeitgeist verrät, kommt sehr wohl zu Leben erhaltenden und Leben fördernden Erkenntnissen. Man kann sie u.a. in der Diskurstheorie von Habermas nachlesen, man kann sie im Prozess der Rehabilitierung der Vernunft im Umfeld der Transzendentalpragmatik von Karl-Otto Apel studieren, man kann sie im neuen Konzept des objektiven Idealismus durch Vittorio Hösle zur Kenntnis nehmen. Insbesondere Apel und Hösle sind bemüht, eine verbindliche Ethik solidarischer Verantwortung transzendental-pragmatisch und objektiv-idealistisch zu begründen, eine Ethik, die eine Antwort ist auf die Herausforderungen der ökologischen Krise der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation. Damit wenden sie sich gegen eine „moralfreie Erfolgstechnologie“, gegen eine Verabsolutierung der objektivistisch-szientistischen Begründungsweise des Wissens und Handelns. Man studiere nur Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie: Transzendentalpragmatik, Letztbegründung, Ethik (Vittorio Hösle 1994).

Solche wissenschaftlichen Arbeiten sind als Bestätigung der „Pädagogik im Atomzeitalter“ und der „Notwendigen Bildung“ zu lesen. Bis zu einem gewissen Grade versuchen Kern und Wittig in ihren Arbeiten, die Frage von Vittorio Hösle nach der Verantwortung der Philosophie für die Pädagogik zu beantworten: Welche Verantwortung hat sie im Atomzeitalter wahrzunehmen? Es sei deshalb hier auf den direkten Dialog zwischen Vittorio Hösle und Hans-Georg Wittig ausdrücklich hingewiesen: Hans-Georg Wittig: Vernünftige Ethik für eine aus den Fugen geratene Welt. Zu Vittorio Hösles großer Synthese von „Moral und Politik“, in: Bernd Goebel / Manfred Wetzel (Hg.): Eine moralische Politik?. Vittorio Hösles Ethik in der Diskussion (2001, S. 267 ff.) und dazu die „Replik“ von Vittorio Hösle, (ebenda, S. 291 ff.).

Forschung, Lehre und öffentliches Engagement von Peter Kern und Hans-Georg Wittig könnten unter das Thema gestellt werden:

Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Pädagogik.

Michael Großmann hat in seiner exzellenten Freiburger Dissertation nachweisen können, dass eine verbindliche pädagogische Ethik nicht nur notwendig, sondern auch wissenschaftlich begründbar ist: „Wertrationalität und notwendige Bildung – Immanuel Kants praktische Philosophie in ihrer Bedeutung für eine heutige pädagogische Ethik“, Frankfurt/M 2003.

Und aus diesem Geist heraus befragt immer wieder Hans-Georg Wittig herausragende Gestalten der Geschichte, welchen Beitrag sie in ihrem Werk und durch ihre Person für eine gelingende Zukunft geleistet haben, bzw. welchen Beitrag sie heute leisten könnten, würden wir sie uns existentiell aneignen: Mahatma Gandhi (1984); Janusz Korczak (1988), Albert Schweitzer (1990), Leonhard Ragaz (1992), Jean Paul (1994).

Bestünde Pädagogik nur aus berechnendem Denken – sie alle würden im Blick auf die von ihnen vertretenen Werte in einer quantifizierenden Feldstudie als „nicht signifikant“ bedeutungslos werden (vgl. in diesem Zusammenhang auch Hans Wittig: Existentielle Empirie, 1986).

Hat die aktuelle etablierte Pädagogik/Erziehungswissenschaft in unserer Not uns wirklich nicht mehr zu sagen als dies, dass die anthropologisch notwendige und pädagogisch mögliche „Emporbildung“ des Einzelnen unwissenschaftlich sei?

Wenn „Allgemeine Pädagogik“ marginalisiert wird, bis sie schließlich modisch durch „Instructional Design“ ersetzt wird, dann mag man, gerade auch wenn die Lehre in Englisch erfolgt, international anschlussfähig geworden sein – ein pädagogischer Beitrag für eine gelingende Zukunft wäre das alles nur, wenn solche Trends ein pädagogisch-anthropologisches Fundament hätten, von dem aus man sich den wirklich bedrängenden Herausforderungen der Zeit stellte, wenn man also auch das weltpolitische Defizit der aktuellen Erziehungswissenschaft produktiv überwinden würde.

Diese überlebensnotwendige Überwindung kann empirische Tatsachenforschung jedoch prinzipiell nicht erreichen; sie bleibt zu Recht im Kontext deskriptiver Sätze. Das ist kein Nein gegenüber der empirischen Forschung, ganz im Gegenteil. Peter Kern hat selbst einmal ein umfangreiches empirisches Forschungsprojekt im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn und der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Hannover mit geleitet; vgl. Klaus Puzicha und Marianne Schatz-Bergfeld (Hg.): Bedingungen politischer Sozialisation, Teil 2, darin: Peter Kern und Peter Runde unter Mitarbeit von R.G. Heinze und K. Holzscheck: „Typologie der Bildungs- und Lernvoraussetzungen in der politischen Erwachsenenbildung“, 1980, S. 255–404. Auch die Hermeneutik hat im Blick auf die Überlebensfragen der Menschheit ihre Grenzen; sie ist auf die Faktizität des Interpretandum angewiesen, sie kann also nur verstehen, was ist. Fragen wir jedoch nach der Rechtfertigung des Verstandenen, nach dessen Geltung, dann geht es um Einsicht aus Gründen. Ohne transzendentalphilosophische Reflexion gibt es hier keine Antworten. Diese Antworten für die Pädagogik zu suchen und zu geben, ist die vornehmste Aufgabe einer recht verstandenen „Allgemeinen Pädagogik“.

Ohne eine so verstandene „Allgemeine Pädagogik“ werden bestenfalls pädagogische Instrumente zur Stabilisierung des Zeitgeistes gereicht: „Bildung“ als Faktor der ökonomischen Standortsicherung Deutschlands, „Bildung als Spezialtraining für die Gladiatoren der Marktarena“ (Carl Amery 2002, S. 47). Das überlebensnotwendige Umdenken, der notwendige radikale Bewusstseinswandel kommt so nicht einmal als pädagogische Aufgabe in den Blick. Man bleibt im Horizont der Gesetze des „Totalen Marktes“ gefangen, der alle Lebensbereiche längst monetarisiert hat, man denkt nur noch in den Kategorien dieses ökonomischen Systems. Und in den Köpfen auch der etablierten Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler hat sich das Credo des marktgerechten Zentraldogmas festgebrannt: TINA: There is no alternative (vgl. insgesamt Carl Amery 2002).

Noch bestätigt die hektische Diskussion um die Pisa-Studie ein solches Urteil. Der groß angelegte Vergleich selbst orientiert sich an Kategorien, die dazu angetan sind, die individuelle, regionale und internationale Machtkonkurrenz nur zu verschärfen. Der diese Studie implizit bestimmende „Bildungs“-Begriff zielt bestenfalls auf zu optimierende Ausbildungsprozesse in den Bereichen von Wissen und Können, die im Blick auf Leben fördernde bzw. Leben zerstörende Prozesse ambivalent bleiben (vgl. bereits Peter Kern: „Eine notwendige ‚realistische‘ Wendung: Die Überwindung der gegenstandstheoretischen und methodologischen Blick-Befangenheit in der Vergleichenden Pädagogik“, in: ders.: Einführung in die Vergleichende Pädagogik, 1973; vgl. dazu  Fritz Seidenfaden in: Pädagogische Rundschau, 3/1974, S. 262–263; Wolfgang Mitter in: Zeitschrift für Pädagogik, 2/1974, S. 321-325).

Um der Gegenwart des Individuums und um der Zukunft der Gattung willen beteiligen sich Peter Kern und Hans-Georg Wittig nicht an der Demontage des ethisch legitimierten Sollens.

Viele Freunde macht man sich mit einer solchen Position nicht.

Als Peter Kern sich in den 80er Jahren in der neuen Friedensbewegung öffentlich engagierte, denunzierte ihn der damals amtierende Minister für Kultus und Sport bei dem damals amtierenden Rektor, der erfreulicherweise so viel Zivilcourage besaß, den Ministerbrief weiter zu geben, so dass der Vorgang publik gemacht werden konnte (vgl. Gisela Miller-Kipp: Friedenserziehung. Ein Fall von Klimavergiftung, 1985, S. 18). Und als 1984 Peter Kern von der Bundeswehrhochschule Hamburg zu einer Gastprofessur eingeladen wurde, hatte Thomas Kleine-Brockhoff, heute Mitarbeiter der Wochenzeitung DIE ZEIT, Anlass am 2./3.6.1984 dieses in der Badischen Zeitung zu schreiben: „Der Protestbrief war geharnischt. Die Professoren der Hamburger Bundeswehrhochschule nahmen gegenüber Verteidigungsminister Wörner (CDU) kein Blatt vor den Mund. Von ‚oktroyierter Regelung‘ und ‚Eingriff in ureigene Bereiche der Hochschulselbstverwaltung‘ war da die Rede. Der Grund: Wörners Ministerium hatte ‚aus technischen Gründen‘ sein Veto gegen die Berufung des Freiburger Pädagogik-Professors Peter Kern für eine Gastprofessur im Frühjahrstrimester 1984 eingelegt – ein Vorgang, der in der gut zehnjährigen Geschichte der Hochschule, so erinnern sich Professoren, noch keine Parallele hat. Bei diesem Bonner Ukas, weiß man in Hamburg, geht es nicht nur um eine Personalie: Es handelt sich um ein Politikum. Mit Kern, einem exponierten Vordenker der Friedensbewegung, sollte nämlich den Hamburger Studenten getreu liberaler Tradition die Gelegenheit gegeben werden, dessen Vorstellungen einer ‚neuartigen Pädagogik angesichts des Atomzeitalters‘ kontrovers zu diskutieren.“ Selbstredend setzte sich mit dem Recht des Stärkeren Minister Wörner durch. Kern konnte nicht nach Hamburg gehen.

Die „Pädagogik im Atomzeitalter" hat also in jeder Hinsicht nicht an Aktualität eingebüßt.

Im Gegenteil. Sie ist aktueller denn je.

 

 

Andrea Rothfelder unter Rückgriff auf Materialien von Peter Kern und Hans-Georg Wittig; für das „haus-des-verstehens.ch“ leicht überarbeitet.

Erstdruck in: Andrea Rothfelder, Das Konzept der Metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie von Peter Kern und Hans-Georg Wittig. Materialien für eine zukunftsfähige Bildung. Sonderdruck. Freiburg i.Br.2005.

 


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