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Klima-Arten-Matrix

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Klima-Arten-Matrix

Der anthropogen verursachte Klimawandel wird nicht mehr bezweifelt, jedenfalls nicht von eifrigen forstbotanisch ausgebildeten Städteplanern. Sie anerkennen, dass der Klimawandel jetzt schon bedenkliche Folgen hat, und sie prognostizieren, dass er noch bedenklichere Folgen haben wird. Also wappnen sie sich dagegen.

Da gibt es das ernsthafte Programm, „Klimawandel und Baumartenwahl in unseren Städten“. Nüchtern gehen die Forscher davon aus, dass die Gehölzarten, die in mitteleuropäischen Städten, Parks und Gärten stehen, aufgrund des Klimawandels in ihren Lebensbedingungen bedrohlich gefährdet sind. Schon heute haben sich für die Bäume, Sträucher und Büsche die städtischen Standortbedingungen enorm verschlechtert. Künftig wird der Stress für die Natur in den Städten noch erheblich zunehmen. Sommerliche Trockenstressperioden auf der einen Seite und winterliche Kälteperioden auf der anderen Seite wollen von den Bäumen ausgehalten sein.

Also macht man sich daran zu erforschen, welche einheimischen und welche nichteinheimischen Baumarten gegenüber den Herausforderungen des Klimawandels Bestand haben könnten. Es sollen überprüfbar die Baumarten benannt werden, die sich an die extremen städtischen Klimasituationen anpassen können. Um dieses Ziel zu erreichen, werden auf der Grundlage vorhandener belastbarer Publikationen über 250 der in mitteleuropäischen Städten verwendeten Gehölzarten im Blick auf den prognostizierten Klimawandel bewertet und eingeordnet. Man entwickelt eine Klima-Arten-Matrix (KLAM). Ich zitiere aus einer Studie des Instituts für Forstbotanik und Forstzoologie der TU Dresden:  Für diese Klima-Arten-Matrix „werden Trockenstress-Toleranz und Winterhärte in jeweils 4 Stufen als entscheidende Kriterien herangezogen, um die Gehölze zweidimensional in 16 Kategorien abnehmender Toleranz einzustufen (von Kategorie 1.1, den bestgeeigneten Arten, bis 4.4, den nur sehr eingeschränkt verwendbaren Arten). Damit liegt erstmalig eine fundierte Entscheidungsmatrix für Planungen der Gehölzverwendung in der Stadt unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels vor.“

Das ist ja fabelhaft. Man schlägt dem Klimawandel ein Schnippchen. Nicht dass man an die Ursachen ginge und Verstand, Forschungsgelder und universitäre Zeitressourcen dazu nutzte, den Klimawandel zu verlangsamen, um ihn schliesslich gar umkehren zu können, nein, man betreibt zeitgeistübliches Krisenmanagement. Man laboriert an Symptomen, heilt aber nicht. Die Botschaft der fröhlichen Wissenschaft: Klimawandel? Was soll’s. Den haben wir im Griff. Das managen wir schon. Und zwar wissenschaftlich exakt, mit einer genau berechneten Matrix: KLAM. Mich fröstelt.

Wäre ich noch im Dienst, ich würde sofort einen Forschungsantrag stellen. Ziel: Die Entwicklung einer Klima-Menschen-Matrix, die die Erstellung einer belastbaren Tabelle von Menschen-Klima-Typen erlaubt.  Wüstenerprobte Sahelbewohner könnten dann  in die neuen klimabedingten Trockenregionen geschickt werden, seefahrtstaugliche Schifferpopulationen in die neuen klimabedingten Überschwemmungsgebiete. Bei zureichender Differenzierung der Forschung liessen sich sicherlich auch feinstaubresistente Lungen empirisch dingfest machen. Es empfiehlt sich ein mehrstufiges System mit Unterkategorien abnehmender Verträglichkeitstoleranz, von bestgeeigneten Lungen für hohe Belastungszonen bis hinunter zu nur  sehr eingeschränkt verwendbaren Lungen in solchen Regionen. In einem Zusatzprojekt - man arbeitet ja schliesslich interdisziplinär - wären die dabei auftretenden logistischen Probleme zu klären. Es dürfte zu erwarten sein, dass beispielsweise viele aus Mexiko-Stadt in atemfreundlichere Regionen umgesiedelt werden müssten, wohingegen mancher Lunge aus ländlichen Gebieten diese Stadt zuzumuten wäre.

Was las ich einmal bei Carl Friedrich von Weizsäcker? „Die moderne Kultur ist in ihrer gegenwärtigen Entwicklungsphase eine Kultur ohne Weisheit, ohne Vernunft.“


Prof. Dr. Andreas Roloff / Dr. Stepahn Bonn / Dipl.-Forstwirt  Sten Gillner: Klimawandel und Baumartenauswahl in der Stadt – Entscheidungsfindung mit der Klima-Arten-Matrix (KLAM). Institut für Forstbotanik und Forstzoologie der TU Dresden. http://www.klimawandelgarten.de/files/vortrag-roloff.pdf

Carl Friedrich von Weizsäcker: Fragen zur Weltpolitik. München 1975, S.145


Peter Kern




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