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Eine Ausbildungselster

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Eine Ausbildungselster

Fernsehmacher trauen uns Zuschauern nicht viel zu, schon gar nicht die Fähigkeit, sich von schwierigeren Themen ansprechen zu lassen. Vor allem aber hält man uns für konzentrationsarme und jederzeit ablenkungsbereite Zapper-Philippe.

Erfreulich, dass es angesichts dieses herablassenden Blickes auf uns noch Spartenprogramme gibt. „Kulturzeit“ von 3sat gehört dazu. Immer wieder erhebt sich in diesem Programm der niveaubeladene Albatros schwerfällig über das laue Alltagsgeplapper in der Medienlandschaft. Und manchmal kommt es noch besser. Man vermeidet sogar die beliebige Aneinanderreihung von Themenhäppchen, indem man sich zusammenhängend einer Sache widmet. Solche Sendungen heissen „Kulturzeit extra“ und dauern in der Regel gut 30 Minuten. Immerhin.

Am 18.10.2012 moderierte Tina Mendelsohn eine solche Sendung zum Thema „Tempo Bildung“. Es sollte wohl eine kritische Bestandsaufnahme des Umbaus der europäischen Universitäten werden. Dieser radikale Umbau trägt den anspruchsvollen Titel „Bologna-Reform“.  Man kann, je nach Bewertung, jetzt 10 Jahre Bologna feiern oder eben auch beweinen. .

Was für eine trübe 3sat-Sendung!

Die Kulturzeit-Redaktion hat einen neugierig machenden Selbstanspruch unter der Überschrift „Idee“ formuliert: „Brisante Themen, komplexe Sachverhalte: Kulturzeit befasst sich mit dem, was die Welt bewegt, ohne erhobenen Zeigefinger, scheut nicht die Auseinandersetzung, ist weder um Fragen noch Antworten verlegen, versucht, komplizierte Zusammenhänge zu deuten und verständlich zu vermitteln.“ Komplizierte Zusammenhänge deuten und verständlich machen? Das ist an diesem Abend gründlich danebengegangen. Der Flamme der Aufklärung fehlte jeder Sauerstoff; das Licht flackerte bedenklich unsicher. Man fischte im Trüben. Nur gelegentlich leuchtete ein zündender Gedanke auf, der dann prompt ohne Resonanz blieb.

Ein Schwerpunkt der Sendung war eine als Gespräch geadelte Abfragerei durch die Moderatorin Tina Mendelsohn. Sie liebt das, so ihre Selbstauskunft auf der 3sat-Homepage, weil sich aus solchen Gesprächen „idealerweise“ ein „echter Erkenntnisgewinn“ ergebe. Der Erkenntnisgewinn an diesem Abend war weder echt noch unecht, es gab keinen, nur Verwirrung.

Der Präsident der Justus-Liebig Universität Gießen, Prof. Dr. Joybrato Mukherjee, durfte widerspruchsvoll die Bologna-Reform verteidigen und zugleich demontieren. Demgegenüber wurde Dr. Andreas Döringhaus, Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Würzburg, mit seinen kritischen Beiträgen erfolgreich erst gar nicht wahrgenommen.

Die These von Döringhaus, dass die Bologna gebeutelten Universitäten zu Orten der Verdummung geworden seien, weil man Bildung erfolgreich verhindere, behagte nicht, weder dem Kontrahenten Mukherjee noch der Moderatorin. Wie auch, wenn man stolz darauf ist, dass man eine einheitliche europäische Hochschullandschaft aus dem Boden gestampft hat: Alles ist gleich strukturiert, alles wird gleich organisiert, alles hat gleiche Module, alles wird gleich verwaltet und vor allem: alles kann immer überprüft und kontrolliert werden. In Zeiten des real existierenden Kommunismus wäre das ein hübsches Beispiel für gelungene Planwirtschaft gewesen.

Andreas Döringhaus, und hier brannte die Aufklärungsflamme kräftig und hell, stellte unaufgeregt und deshalb eindringlich fest, dass die Bologna-Universität keine Idee von sich selbst habe. Man wisse überhaupt nicht mehr, was eine Universität sei und sein solle. Die Reformer hätten sich mit erschreckender Radikalität vom Bildungsgedanken verabschiedet, so dass die Zielsetzung universitärer Bildung völlig aus dem Blick geraten sei. Es gehe nicht mehr um Bildung, sondern nur noch um Kompetenzen, die in einer verwalteten und straff durchorganisierten Ausbildungsinstitution unter Zeitdruck den jungen Menschen aufgezwungen würden.

Dass diese Ausbildungsinstitution noch den Titel „Universität“ führt, ist ein Etikettenschwindel. In Universität steckt das lateinische Wort „universitas“, was auf die Gesamtheit einer umgreifenden Bildung verweist. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Nicht einmal ein „Studium Generale“ gelingt noch.

Andreas Döring machte auf ein Muster aufmerksam. Heute hätten wichtige Institutionen und Organisationen überhaupt keine Idee ihrer selbst mehr. Es gäbe nur noch verwaltete Funktionsabläufe in den Universitäten ebenso wie in den Schulen, die auf rasch verwertbare Kompetenzen zielen. Auch Europa werde nur verwaltet. Was Europa als Idee sein könne, der dann die Verwaltung zu dienen hätte, wissen wir nicht mehr.

Das war nun wirklich eine Fundamentalkritik an der Bologna-Reform. Joybrato Mukherjee liess diese Herausforderung unbeantwortet, Tina Mendelsohn lächelt sie mit einem hingemurmelten „sehr interessant“ weg, um dann ungerührt festzustellen, dass ihre beiden Gesprächspartner in der Sache doch gar nicht so weit voneinander entfernt seien. Das war mehr als ein logischer salto mortale.

Zu dieser steilen These konnte sich die Moderatorin deshalb versteigen, weil Mukherjee die von ihm verteidigte Bologna-Reform Stück für Stück selbst demontierte.  An den neuen Universitäten herrsche zu viel Druck, es sei zu viel reguliert und normiert worden. Ja, was denn nun?  Gehört er zu jener Sorte von Karrierewissenschaftlern, die immer rechtzeitig auf den Zug der Zeit springen? Vor zehn Jahren paukte er mit die Reform durch, heute kritisiert er sie. Na ja, nicht ganz. Dass sie aus dem Ruder laufe, liege an uns Deutschen, wir hätten sie mit typisch deutscher Gründlichkeit durchgesetzt. Ach so. Wir? Er und seinesgleichen haben uns Dozierenden und den Studierenden diesen Unsinn eingebrockt. Damit wir in einer globalisierten Welt ökonomisch wettbewerbsfähig werden. Wie das? Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit wurde doch von Absolventinnen und Absolventen der klassischen Diplomstudiengänge bis dahin überzeugend sichergestellt.

Fast am Ende ihrer Abfragerei stellte Tina Mendelsohn die alles entscheidende Frage, was denn die beiden Professoren überhaupt unter Bildung verstünden. Das kam reichlich spät. Nach allerlei widersprüchlichem Hin- und Hergerede vergewisserte man sich also doch noch des Mass-Stabes für die Klärung des Problems: „Bologna-Reform“, ja oder nein. Was versteht man in der neuen Universität überhaupt unter Bildung?

Da antwortete Mukherjee doch tatsächlich: Für ihn sei Bildung Persönlichkeitsentwicklung unter der Wahrnehmung der eigenen Erkenntnisinteressen. Um das zu erreichen, hat die Bologna-Reform doch alle Voraussetzungen zerschlagen!  Der Mann leidet unter Realitätsverlust. In den hoch komprimierten und nahezu alle Freiräume tilgenden streng durchorganisierten Modulangeboten soll Persönlichkeitsbildung möglich sein? In diesen verschulten Ausbildungsgängen, die unter krankmachendem Zeitdruck zu durchlaufen sind, soll man eigene Erkenntnisinteressen wahrnehmen können? Vor so viel qualitativer Individualität schreckt doch jeder Bologna-Reformer angstvoll zurück. Das war eine Sonntagsrede, dem kritischen Wind angeschmiegt, der inzwischen der Bologna-Reform entgegenweht.

Ganz anders Andreas Döringhaus. Er hatte ein mutiges Angebot auf die Frage der Moderatorin, was für ihn Bildung sei, freilich ein Angebot, dass sowohl Mukherjee als auch Mendelsohn überforderte: Die Bildungsarbeit an einer Universität, die diesen Namen verdiene, müsse, um mit dem Schriftsteller Musil zu sprechen, den Möglichkeitssinn schärfen, müsse Distanzleistungen hervorrufen, um der Reproduktion des fragwürdig Bestehenden zu entgehen. Die Universität müsse wieder ein Ort der Unangepasstheit werden, um kritische Geister hervorbringen zu können. Die Universität müsse häresiefähig werden, wenn sie ihren Bildungsauftrag in gefährdeter Zeit wahrnehmen wolle.

Bologna-Reform: Das führte in 10 Jahren zur  verschulten akademischen Einheitskirche für angepasste Funktionäre. Diese neue Universität ist ohne Esprit, ohne Visionen, ohne die notwendigen Freiheitsgrade für eine gelingende Bildung der Person.

Dieser Angriff blieb im Wesentlichen undiskutiert. Die Ausbildungselster Tina Mendelsohn liess stattdessen wieder ihre unverdauten Wissenssteine ordentlich rumpeln. Es gab einen kleinen Film über den grossen Wilhelm von Humboldt, dessen bildungspolitische Lebensleistung schon in der Anmoderation des Einspielers zu Grabe getragen wurde: „deutsche Bildungsseligkeit“.

Die Sendung „Tempo Bildung“ war nichts anderes als eine einzige Bildungskatastrophe, die die Moderatorin zu verantworten hat. Es wurden weder die Sachen geklärt, noch die Personen gestärkt. 38 Minuten lang wurden wir Zuschauer nur verwirrt, das freilich auf höherem Niveau.

Gleich zu Beginn der Sendung wurden einige junge Leute gezeigt, die den Ehrentitel „Gebildete“ verdient hätten. Sie haben der ökonomisch durchseuchten Reformuniversität den Rücken gekehrt, auf den allseits begehrten Berufsaufstieg in gehobene Positionen verzichtet. Sie helfen den Mitmenschen, vor Ort, ganz praktisch. Weltverbesserung im Kleinen, statt geiler Karrieren. Chapeau!

Peter Kern


Kulturzeit extra: Tempo Bildung vom 18.10.2012

Bildung – Ausbildung – Grundbildung

Emporbildung

Meine Kritik am Bologna-Reformprozess

Glossen, Aphorismen, Scholien, Notizen, Fundstücke: Mein kleines Gedankenkino zum Thema "Pädagogik".

 


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