• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Freiheit der Person

E-Mail Drucken PDF





Im Haus-des-Verstehens werden drei Freiheitsbegriffe unterschieden:

Freiheit des Menschen

Freiheit des Bürgers

Freiheit der Person


Hier: Freiheit der "Person"



Es sind zwei grosse Traditionen in unserer europäischen Kulturgeschichte, die christliche und die auf den Geist der Antike bezogene humanistische, die den Menschen darauf hin beanspruchen, als „Person“ frei zu werden, d. h. den Zirkel der Selbstsorge zu sprengen. Zwei Traditionen: verschiedenartig in den Bildern und Begriffen ihrer Deutung der menschlichen Existenz, jedoch übereinstimmend in der Substanz ihrer Auffassung dieser Existenz - deshalb geschichtlich oft ineinander verwoben.

Wenn man den in einer Vielzahl christlicher und humanistischer Deutungen durch die Jahrhunderte hin überlieferten Anspruch auf das darin enthaltene zentrale anthropologische Modell hin analysiert, so lässt sich zweierlei feststellen.

Zum ersten wird gesagt: in konkreten Situationen werde der Mensch wieder und wieder solcher Imperative inne, die sich seiner Selbstsorge nicht nur nicht fügen, ihr vielmehr radikal widersprechen; es seien das - wie immer gedeutete - Imperative „unbedingter“ Art, die auf die in der Selbstsorge ermittelten Daseins- „Bedingungen“ nicht die mindeste Rücksicht nehmen. Imperative etwa der Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Güte, Tapferkeit, Besonnenheit. Im Vernehmen solcher Imperative werde uns das eigentliche „Selbst“ unserer Person fasslich; doch fänden wir uns allzuoft von unserer Selbstsorge zurückgerissen, dieses „Selbst“ als Mass unserer Existenz zu wählen.

Zum andern wird gesagt: Diese Imperative unbedingter Art seien ohne Zweifel die im Wertrang höheren. Entzögen wir uns ihnen dadurch, dass wir uns unserer Selbstsorge fügen, so würden wir diese Nicht-Achtung der unbedingten Imperative in unserer Existenz als persönliche Schuld, als unser Versagen, erfahren.

Die anthropologischen Kategorien, in denen die den Menschen in neuer Weise befreienden Akte erfasst werden, sind Selbstwahl bzw. Glaube. In anthropologischer Hinsicht bezeichnen beide Begriffe etwas Identisches: dass der Mensch in konkreten Situationen gegen den Protest seiner Selbstsorge unbedingte Ansprüche seines Gewissens zur Substanz seiner eigenen Entschliessung und Selbstverwirklichung macht.

Glauben - als Person sich anvertrauen - besagt dann sehr viel mehr als das, was wir mit diesem Wort meinen, nämlich: sich als Person unbedingten Gewissensimperativen anvertrauen, diese Gewissensimperative zur Substanz je eigener Entschliessungen machen - was immer einem dabei in der konkreten Situation widerfahre.

Der Begriff Selbstwahl besagt entsprechend, dass wir in konkreten Situationen unser eigentliches Selbst - das Selbst unserer Person, das uns im Gewissensimperativ erst fasslich wird - selbst wählen, von allem lassend, was aus der Selbstsorge heraus gegen eine solche wagnishafte Wahlhandlung aufbegehrt.

Bedenkt man diese Hinweise, so wird in dieser anthropologischen Sehweise fasslich:

(1) In diesen Akten des Glaubens bzw. der Selbstwahl ändert sich die Dominanz, das Herrschaftsverhältnis, unter den beiden Polen bzw. Zentren im Aufbau der Person. Vor diesen Akten war das Zentrum geistiger Aktivität - alles Deuten und Reflektieren, alles Entwerfen und Entschliessen - in der Struktur der Sorge den tiefenseelischen Antrieben dienstbar. In diesen Akten des Glaubens bzw. der Selbstwahl ändert sich das Verhältnis der Zentren zueinander; im Wagnis der Person, sich unbedingten Gewissensansprüchen anzuvertrauen wird - zumindest zeitweise - die bis dahin unbestrittene Dominanz von unten her aufgehoben, wird die Herrschaft von Antrieben der seelischen Tiefenschicht bestimmten Selbstsorge im Ernst wirklicher Existenz gebrochen.

(2) Dieser Sachverhalt lässt etwas anderes verständlich werden. In der neuartigen Freiheit unserer selbst - in der „Freiheit der Person“ - werden wir einer neuartigen Wertgestimmtheit inne. In unseren Stimmungen werden wir empfindungsmässig dessen inne, was wir in unseren jeweiligen Strukturen als "Mittelding“ je selbst sind. Sind wir in unserer Selbstsorge von den Antrieben der seelischen Tiefenschicht her bestimmt, empfinden wir das in den Qualitäten der Lust bzw. Unlust: von elementarem Daseinsjubel, vom dionysisch-ekstatischen Rausch bis zum Ärger, zur Verdrossenheit, Verzweiflung, Angst. Sind wir dagegen - und sei es nur augenblicksweise - in der Verfassung, in der wir Akte des Glaubens bzw. der Selbstwahl verwirklichen, dann finden wir uns andersartig gestimmt; dann werden wir der Freude inne, einer weltüberlegenen Heiterkeit, zuhöchst - in der reinsten Motivation unserer selbst - der Liebe, die man oft metaphysisch zu deuten versucht hat als einen „Funken vom Licht Gottes“, als „Licht von unerschaffenem Licht“.


(3) Diese Aussagen über die "Freiheit der Person" werden missverstanden, wenn man daraus die Meinung entnimmt: Der Mensch könne, zumindest solle er, nur in dieser Freiheit existieren. Das würde bedeuten, dass der Mensch ohne Selbstsorge in dieser Welt existieren könne - ohne Sorge um Ernährung, Bekleidung, Behausung usf. Eine solche Meinung hebt die dieser Reflexion insgesamt zugrunde gelegte Konzeption auf, dass der Mensch ein „Mittelding“ sei „zwischen Tier und Engel“. Als solch ein Mittelding muss der Mensch mit Ansprüchen sehr verschiedenartigen Ursprungs fertig werden; als solch ein Mittelding ist er das, „in den Widerspruch seiner selbst gestellte Geschöpf“. Der Mensch muss, um geschichtlich existieren zu können, in Wirtschaft, Recht, Politik Ansprüchen seiner Selbstbehauptung genügen. Ohne Zweifel! Aber der Mensch muss zugleich - inmitten dieser Anstrengungen - als Person zugegen sein: und immer dann und überall dort, wo Ansprüche unbedingter Art ihm vernehmbar werden - vernehmbar werden als Widerspruch zu seinen jeweiligen Selbstsorgeaktionen -, diesen höheren Ansprüchen sich anvertrauen. Oder er gerät in Schuld. Nicht nur in Schuld, sondern in Miseren und Katastrophen. Wirtschaft, Recht und Politik werden - wie viele Beispiele dafür bietet allein die Geschichte der letzten hundert Jahre! - zu Bereichen geradezu „unmenschlicher“ Aktivität, wenn der höhere Anspruch der Person und ihrer Freiheit darin nicht gewahrt wird. Wirtschaft, Recht und Politik enden dann in der Pervertierung ihres Sinnes - des Sinnes, dem Menschen in dieser Welt ein Gehäuse zu schaffen - und werden zu Ursprungsbereichen geschichtlichen Unheils.

(4) Als Antwort auf die Frage nach der „Bildung“ des Menschen ergibt sich: Diese Bildung muss immer zweierlei umgreifen. Seine Freiheit als „Mensch“, d. h. seine Fähigkeit und Bereitschaft, in je besonderer Weise an den Anstrengungen teilzunehmen, durch die die geschichtliche Selbstbehauptung ermöglicht wird. Und seine Freiheit als „Person“, d. h. seine Fähigkeit und Bereitschaft, den Selbstsorgeaktionen seiner jeweiligen geschichtlichen Gruppe in dem Moment nicht nur zu widersprechen, sondern zuwiderzuhandeln, in dem diese pervertieren und unmenschlich werden.

Auf den Zusammenhang zwischen "Freiheit der Person" bei Hans Wittig und "biopolitischer Vernunft" bei Michael Hardt und Antonio Negri sei ausdrücklich hingewiesen.



Hans Wittig

Eingerichtet für das Haus-des-Verstehens von Peter Kern.


Freiheit

http://www.badische-zeitung.de/schopfheim/das-handeln-der-dichtergiganten-und-ihre-ideale--24527624.html


Literatur

Hans Wittig: Freiheit der Person, 1969

Helmut Kuhn: "Liebe". Geschichte eines Begriffs, 1975

Claudia Schmölders: Europas Liebesneigung, in: Lettre International, Nr. 65, 2004, S.90-95

Hans-Peter Dürr / Raimon Panikkar: Liebe - Urquelle des Kosmos, 2008

Michael Hardt / Antonio Negri: Commonwealth. Das Ende des Eigentums, 2010, S. 137






 


Zufällig ausgewählte Glosse

Ist mit dem Spätaufklärer Habermas die Freiheit der Person zu retten? Ich bin nicht sicher. Mit den Postmodernen aber schon gar nicht. Also: Spielt er wirklich nur die vieux jeux?