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Leistung

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Leistung


Leistung ist eine zentrale Kategorie, die in unserem Leben eine herausragende Rolle spielt. Wenn heute von Leistung die Rede ist, dann handelt es sich meistens um einen gesellschaftlich-ökonomischen Leistungsbegriff.

Das vorherrschende Verständnis von „Leistung” geht auf eine nachweisbare, messbare und berechenbare Leistung eben in den Bereichen von Wissen und Können: Jemand leistet viel, weil er viel weiss und viel kann. Dies ist eine Leistung, die jederzeit objektiv überprüfbar zu sein hat. Um diesem Anspruch auch nur annähernd entsprechen zu können, muss alles, was gelehrt und gelernt wird, so uminterpretiert, definiert und operationalisiert werden, dass es evaluierbar wird. Im Zuge der Universitätsreform nach den Bologna-Kriterien werden hier wahre Orgien der Genauigkeit ausgelebt: Studienleistungen werden bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma „verobjektiviert”, in der irrigen Annahme, so Gerechtigkeit walten zu lassen.

Schwierig genug ist dies schon bei allen Sachverhalten der „Ausbildung”, also in Bezug auf „Wissen” und „Können”, gänzlich unmöglich ist es jedoch, persönliche Motivation oder gar das für die „Grundbildung” notwendige „ethische Wollen” objektiv zu messen und gar in Noten darstellen zu wollen. Indem diese Art von „Leistung” erst gar nicht mehr in den Schulen verfolgt, in den Hochschulen gelebt wird, braucht man sie ja auch nicht mehr zu beurteilen.

Ein mehrperspektivisches Wahrnehmen hilft nun, das Phänomen „Leistung“ in seiner Ganzheit zu verstehen. Je nachdem, ob wir „Leistung“ in anthropo-biologischer, in historisch-soziologischer oder in einer geistig-spirituellen Dimension in den Blick nehmen, erscheint sie jeweils anders:

Im „Werk der Natur” geht es um die körperliche Leistungsfähigkeit. Wir halten uns fit, wir treiben Sport. In diesem Feld sind heute viele Menschen hoch motiviert und leistungsbereit.
Im „Werk der Gesellschaft” geht es um die Leistungsfähigkeit im Rahmen sozialer Funktionalität, auch um das, was man „Karriere” nennt. Man treibt uns an und wir lassen uns antreiben, das Letzte aus uns herauszuholen: beste Schulleistungen, höchste Hochschulabschlüsse, effizienteste Berufsleistungen.

Im „Werk meiner selbst” geht es um die sittliche Leistung im Sinne dessen, was  früher als „sittliche Persönlichkeit”, als „gebildeter Charakter” bezeichnet wurde.
Erst die sittliche Leistung macht aus dem nur Ausgebildeten einen gebildeten Menschen. Ausbildung in den Bereichen von Wissen und Können bleibt nämlich im Blick auf die Ziele, die mit diesem Wissen und Können verfolgt werden, ambivalent. Sie können das Leben fördern, sie können es aber auch zerstören und töten. Ausbildung führt, so urteilte der grosse Pädagoge und Philosoph Johann Heinrich Pestalozzi, im ungünstigsten Falle zu „Verstandesegoisten“, die unermessliches Leiden in die Welt bringen. Durch die sittliche Leistung erreichen wir die menschliche Dimension der sittlichen Grundbildung, die den körperlichen Leistungen und den gesellschaftlichen Leistungen erst eine humane und darin zukunftsfähige Richtung gibt.
Sittliche Leistung äussert sich dann im sensiblen und darin Leben fördernden und Leben erhaltenden Tun, auch in vernunftgeleiteter Solidarität oder in uneigennützigem Engagement für die Unterdrückten und Geschundenen dieser Welt.

Carl Friedrich von Weizsäcker: "In Notsituationen mag man sich den Techniken unterwerfen, die maximale quantitative Leistung versprechen. In unserer heutigen Lage ist es objektiv möglich, ja es wird nötig, dieses Kriterium durch ein subtileres zu ersetzen. Das System der Gesellschaft kann, ja muss so geändert werden."

Quantitative Leistungen werden im Werk der Natur und im Werk der Gesellschaft erbracht. Das gesuchte subtilere Kriterium für Leistung findet sich im Werk seiner selbst. Es ist jene sittliche Leistung, die überhaupt erst befriedetere und zukunftsfähigere Lebensstile ermöglicht.


Literatur

Carl Friedrich von Weizsäcker: Der Garten des Menschlichen, 1977, S. 115
Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter, 1984 in 2. erw. Aufl.

Peter Kern





 


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