• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Neomoderne

E-Mail Drucken PDF





Neomoderne


Es geht nicht um einen naiven Rückgriff in die Prämoderne, und es geht auch nicht um eine unkritische Wiederholung der Moderne. Wohl aber wird die autonome Letztbegründung einer universalisierbaren Ethik, auch jenseits religiöser Dogmatik, versucht. Ziel ist die Vollendung der Aufklärung als metaphysisch offene rationale Begründung existentieller normativer Grunderfahrungen mit universalisierbarem Anspruch.

Vier Anwege zu diesem Ziel wären zu diskutieren:

die „Diskursethik“ von Jürgen Habermas,
die „Transzendentalpragmatik“ von Karl-Otto Apel,
die „Rehabilitierung des objektiven Idealismus“ von Vittorio Hösle und
die „existentielle Empirie“ von Hans Wittig.

Angesichts der Steigerung technischer Zweckrationalität und im Blick auf den Verfall vernünftiger Wertrationalität wird in diesen Konzepten versucht, den postmodernen ethischen Relativismus und Indifferentismus zu überwinden, ohne dem unaufgeklärten Dogmatismus der Religionen  zu verfallen. In einer kritischen Anknüpfung an Kant wird die Pflicht begründet, der Zerstörung der Vernunft entgegenzuwirken. Die komplexe Argumentationsstruktur dieser Konzepte soll hier  nicht nachgezeichnet werden. In herausragender Weise leistet das Michael Grossmann: „Wertrationalität und notwendige Bildung“.

Im folgenden werden nur wenige Hinweise zur Transzendentalpragmatik und zur existentiellen Empirie gegeben.

Postmodernes Denken würde negieren, dass es Sätze mit universaler Gültigkeit gibt. Dagegen argumentiert man im Umfeld der Transzendentalpragmatik: Es gibt letztbegründete, deskriptive Sätze mit universaler Geltung. Ein Satz ist letztbegründet, wenn er nicht mehr weiter begründbar ist, ohne ihn selber schon vorauszusetzen, und bei dessen Negation man in einen performativen Selbstwiderspruch gerät. Ein solcher Satz ist z.B. dieser: „Es gibt wahre Sätze.“ Auch auf der normativen Ebene gibt es letztbegründete Sätze wie z.B. diesen: „Dialogbereitschaft soll sein“. Wer diesen Satz bestreitet, auch der gerät unweigerlich in einen performativen Selbstwiderspruch, denn im Sprechakt des Bestreitens macht man ja vom Dialog Gebrauch. Und auch dieser Satz ist nicht begründbar, ohne selbst schon vorausgesetzt zu werden, denn wer ihn im Dialog noch weiter begründen will, muss ihn bereits voraussetzen. Der normative Satz „Dialogbereitschaft soll sein“ ist nun keineswegs belanglos. Im Prinzip enthält er eine Anerkennung des kategorischen Imperativs.

„Pragmatik“ meint hier die Lehre vom Sprachhandeln und „Transzendentalpragmatik“ die Reflexion auf die Bedingung der Möglichkeit von Sprachhandeln und sprachlicher Verständigung. Eine derartige Bedingung ist Dialogbereitschaft. Wer argumentiert, setzt immer schon voraus, dass er im Diskurs zu wahren Erkenntnissen kommen kann, d.h. dass es Wahrheit gibt. Er setzt ferner voraus, dass der Gesprächspartner im Prinzip der Erkenntnis der Wahrheit fähig ist. Er hat ihn damit als Person anerkannt. Diese Argumentationssituation ist für jeden Argumentierenden unhintergehbar. Die gemeinsame Suche nach der Wahrheit ist keine strategische Machtkonkurrenz. Wer also ernsthaft (!) argumentiert, hat sich bereits auf den Vorrang des besseren Arguments eingelassen, unabhängig davon, wer es verwendet. Damit hat er die furchtgetriebene und verstandgesteuerte Machtkonkurrenz vernünftig überwunden, er hat sich der Person des Gesprächspartners geöffnet, also dessen Würde anerkannt. Argumentativ ist aus dieser Haltung heraus eine egoistische Ethik der Durchsetzung, eine Ethik von Macht und Gewalt ebenso wenig möglich wie eine völlige Negierung ethischer Ansprüche, denn man praktiziert ja bereits eine ethisch positive Grundhaltung.

Etwas ganz anderes ist es, ob wir die gemeinsam gefundene Wahrheit auch anerkennen. Der letztbegründeten universal geltenden Wahrheit „Dialogbereitschaft soll sein!“ kann man auch ausweichen, indem man aus dem Feld geht oder physische Gewalt anwendet, statt zu argumentieren.

Deshalb ist es sinnvoll, zwischen Genese, Geltung, Anerkennung und Durchsetzung von ethisch begründeten Normen zu unterscheiden.

Die genetisch, also historisch letzte vorherrschende Position in der Ethikdiskussion ist die der Postmoderne mit der Negierung der Vernunft. Die genetisch aktuellste Erkenntnis muss aber nicht zwangsläufig auch die in der Geltung wertranghöchste sein. Die Argumente in der Neomoderne rehabilitieren ja gerade die Vernunft und zeigen ihren unhintergehbaren universalen Wert. Die rationale Begründung der Vernunft als universalen Wert hat aber nicht zwangsläufig deren Anerkennung und Durchsetzung zur Folge. Dazu bedarf es der entsprechenden Wert-Erfahrungen.

Eine existentielle Empirie ist notwendig.

Existentielle Empirie und rationale Ethikbegründung fundieren sich nun wechselseitig. Rational begründete ethische Postulate ohne entsprechende Werterfahrungen bleiben im Lebensvollzug unverbindlich; Werterfahrungen ohne rationale Ethikbegründung laufen Gefahr, nur Ausdruck von Partikularinteressen zu sein. Insofern gehört zur rationalen Ethikbegründung zugleich auch die Emporbildung der handelnden Person. Vernunft, Person und Bildung werden so zur Bedingung der Möglichkeit einer sittlich sich bewährenden Existenz. Und diese wird so der Grund für eine gelingende Zukunft.

Literatur

Michael Großmann: Wertrationalität und notwendige Bildung, 2003

Michael Hardt / Antonio Negri: Commonwealth. Das Ende des Eigentums, 2010, S. 126ff.:

Moderne, Gegenmoderne, Postmoderne, Hypermoderne, Altermodernität

Neomoderne: Michael Schmidt-Salomon


Peter Kern







 


Zufällig ausgewählte Glosse

Wer Achtung verdient, sollte in keine Fernseh-Vergnügungsshow gehen.