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„Neue Welten schaffen“

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"Neue Welten schaffen"


Diese Formel geht auf eine Aussage Johann Heinrich Pestalozzis im Stanser Brief zurück: „Ich musste erst eine Tatsache durch mich selbst aufstellen“ (Kritische Ausgabe WXIII,8). Dieses Schaffen „neuer Tatsachen“, „neuer Welten“ verweist auf die Erziehungsbedürftigkeit und Erziehungsfähigkeit des Menschen.

Wir sind immer „Werk der Natur“, und wir werden immer sogleich zum jeweiligen „Werk der Gesellschaft“ sozialisiert; „Werk seiner selbst“ dagegen sind wir nur der Potentialität nach. Diese Möglichkeit kann nur durch Erziehung Wirklichkeit werden, durch „Emporbildung“. In der anthropo-biologischen und in der historisch-gesellschaftlichen Betrachtungsweise habe ich mich in meiner jeweiligen Angstmotiviertheit und in einer offenen Potentialität auf etwas hin, das noch aussteht: Zunächst bin ich noch nicht, der ich sein kann, der ich aber sein soll, weil ich erst so meiner „Natur“ entspreche.

Die „künstliche Bahn der Schule“ (Pestalozzi: Kritische Ausgabe WI,267) vermag den Umschlag dieser Möglichkeit in die Wirklichkeit nicht zu erwirken; deshalb urteilt Pestalozzi:  „Schulleute konnten mir also nicht helfen“ (WI,8), die „neue Tatsache“ des „Werkes seiner selbst“ zu schaffen. Dazu bedarf es der „erhabenen Bahn der Natur“ - in Anspielung auf einen kantisch-schillerschen Begriff - der eben von Pestalozzi mit Erfolg erprobten Weckungs-Pädagogik. - „Neue Tatsachen schaffen“ verweist bei Pestalozzi auf eine ontogenetische und eine phylogenetische Dimension. Ontogenetisch geht es um nicht-fragmentarisierte Bildungsprozesse zur „ganzen“ Person, also um Bildungsprozesse, in denen die Gehalte des anthropologischen Dreischritts von „Werk der Natur“, „Werk der Gesellschaft“ und „Werk seiner selbst“ vollumfänglich erfahrbar werden. Phylogenetisch ist der Gedanke zu denken, dass die Evolutionsgeschichte durchaus offen ist für weitere, noch wertranghöhere Möglichkeiten des Menschseins als diejenigen, die bisher im „Werk seiner selbst“ erfahrbar sind.

Nach Hans-Georg Wittig beziehen Rousseau, Kant und Pestalozzi die Stufenfolge des anthropologischen Dreischrittes „sowohl auf die Entwicklung des Einzelnen als auch auf die Geschichte der Menschheit als ganzer.“ Die Parallele von Onto- und Phylogenese sei aber nur auf den ersten beiden Stufen anwendbar, „während sie auf der dritten nur zu einer Chiliasmus-Hoffnung verleiten könnte, die mit dem Realismus Rousseaus, Kants und Pestalozzis wenig zu tun hätte“ (Hans-Georg Wittig: Wiedergeburt als radikaler Gesinnungswandel. Über den Zusammenhang von Theologie, Anthropologie und Pädagogik bei Rousseau, Kant und Pestalozzi, Heidelberg 1970, S.78, S.32).

Die bisher wertranghöchsten Erfahrungen des Menschen sind im Kontext der von Karl Jaspers’ dargestellten Theorie der „Achsenzeit“ untersucht worden, Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1983 in 8.Aufl., S.19ff..

Jean Gebser diskutiert im Kontext seiner Theorie des Perspektivismus nach der „mentalen Struktur“, die uns noch prägt, die Möglichkeit einer „integralen Struktur“, Jean Gebser: Gesamtausgabe, Bd 2: Ursprung und Gegenwart. Erster teil; Bd. 3: Ursprung und Gegenwart. Zweiter Teil; Bd.4: Kommentarband, Schaffhausen  1986.

Martin Heidegger philosophiert im Kontext seiner Seinsgeschichte, in der im Blick auf die ontologische Differenz von „Sein“ und „Seiendem“ wir uns und die Welt überhaupt heute erschlossen erscheinen unter den Bedingungen des „Ge-stells“, also der neuzeitlichen Technik, und er hofft, dass evolutionär die Seinsgeschichte uns andere Erschliessungsbedingungen zuschicken möge, damit Leben überhaupt eine Zukunft habe, Martin Heidegger: Vorträge und Aufsätze, Pfullingen 1954; ders.: Holzwege, Frankfurt/M. 1963, 4.Aufl.; ders.: Gesamtausgabe, Bd. 65: Beiträge zur Philosophie, Frankfurt/M..

Ken Wilber spricht gar von der „Halbzeit der Evolution“. In Rückbezug auf Plotin sieht er den Menschen phylogenetisch „auf halbem Wege zwischen den Göttern und den Tieren“. „Nicht mehr Tier, aber auch noch nicht Gott - oder schlimmer, halb Tier, halb Gott: So steht es um die Seele des Menschen. Anders ausgedrückt: Der Mensch ist eine im tiefsten Wesen tragische Erscheinung mit einer vielversprechenden Zukunft - wenn er es schafft, den Übergang zu erleben“, Ken Wilber: Halbzeit der Evolution. Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein. Eine interdisziplinäre Darstellung des menschlichen Geistes, Bern u.a.1987 in 3. Aufl., S.7f..

„Neue Welten schaffen“: Der Aufschwung zum „Werk seiner selbst“ ist ein Akt der Selbstwahl des Einzelnen. Die Bedingung der Möglichkeit dazu lag in den Werterfahrungen der „Achsenzeit“. Die Ausblicke von Gebser, Heidegger, Wilber eröffnen Dimensionen, die weit über die Verantwortung des Einzelnen hinausgehen. Sie spielen mit metaphysischen Deutungen, die in meiner Anthropologie offengelassen werden.

Neue Welten schaffen heute:

Gilles Deleuze: "An die Welt zu glauben, das heisst zum Beispiel, Ereignisse hervorzurufen, die der Kontrolle entgehen, auch wenn sie klein sind, oder neue Zeit-Räume in die Welt zu bringen, selbst mit kleiner Oberfläche oder reduziertem Volumen. ... Bei jedem Versuch entscheidet sich die Frage von Widerstand und Unterwerfung unter eine Kontrolle neu."

Michael Hardt / Antonio Negri: "Ereignisse des Widerstandes besitzen die Macht, sich nicht nur der Kontrolle zu entziehen, sondern darüber hinaus eine neue Welt zu schaffen."

Gilles Deleuze: Kontrolle und Werden, in: Unterhandlungen 1972-1990, dt. 1993, S. 253

Michael Hardt / Antonio Negri: Commonwealth. Das Ende des Eigentums, 2010, S.75


Peter Kern

 


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