• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Der heimliche Lehrplan

E-Mail Drucken PDF

Zu Beginn der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde der Begriff des „heimlichen Lehrplans“ (hidden curri­culum) aus dem Angelsächsischen rezipiert (P. W. Jackson, Was macht die Schule? - Die Le­benswelt des Schülers, 1973; J. Henry, Der erlebte Alptraum - Lernziel Entfremdung, 1973; J. Zin­necker/ W. Geisler, Der heimliche Lehrplan - was wirklich gelernt wird, 1973).

Noch bevor sich die­ser neue pädagogische Fachterminus recht durchsetzen konnte, verschwand er weitgehend wieder aus der Diskussion. Heute findet er sich nur noch in wenigen deutschsprachigen Nach­schlagwerken, und dort ist er fast um seine Bri­sanz gebracht. Diese Tatsache ist der Tendenz­wende ins Konservative seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre - insbesondere auch hierzu­lande  -  zuzuschreiben. Diese Wirkungsge­schichte des Begriffs „heimlicher Lehrplan“ verweist auf die Inhalte und die darin beschlossene gesellschaftspoliti­sche Stossrichtung.

Mit dem „heimlichen“, auch „nichtamtlich“ ge­nannten Lehrplan wird dem „offiziellen“, dem „amtli­chen“ Lehrplan das Konzept der nichtöffentlichen Wir­kungen von der Schule entgegengehalten.

„Der Begriff verweist darauf, daß schulisches und unterrichtliches Geschehen nicht nur von den ra­tionalen und ,wohlmeinenden’ Intentionen der handelnden und interagierenden Personen be­stimmt ist, sondern, dass diese Intentionen durch den situationellen Kontext, in dem sich der Un­terricht abspielt, durch organisatorische Rah­menbedingungen und gesellschaftliche Implika­tionen häufig durchkreuzt und außer Kraft ge­setzt werden“ (M. Hohmann, in: Aschersleben u. a., 1979, S. 97).

Durch die Erforschung des heimlichen Lehrplans sollen Vorgän­ge im Unterricht bewusst gemacht werden, die mit Hilfe der tradierten Unterrichtsforschung nicht erfasst werden können. Es wird u. a. untersucht, in welchem Spannungsverhältnis die öffentlich zugelassenen Normen zur tatsächli­chen Schulrealität stehen. J. Zinnecker fasst in sei­nem Standardwerk „Der heimliche Lehrplan“ (1975) die Ergeb­nisse des Amerikaners J. Henry zusammen:

„Als vordringliche Funktion der Schule nennt J. Henry die kulturelle Bändigung des humanen Lernpotentials, das die Heranwachsenden mit­bringen. Im Unterricht werden die zugelassenen kulturellen Orientierungs‑ und Lernmuster ein­geschliffen. Dabei begreift J. Henry die kulturelle Ordnung der Gesellschaft als eine widersprüchli­che und von Irrationalität durchsetzte. Die Schulerziehung, die die Kinder in diese Ordnung einübt, ist daher letztlich eine Erziehung zur (ge­sellschaftlichen) Dummheit. Das globale Lern­ziel des heimlichen Lehrplans ist nach Henry die Eingewöhnung der Kinder in eine widersprüchliche und ent­fremdete Existenz und in ein beschränktes kultu­relles Glaubenssystem, das diese Existenz recht­fertigt“ (Zinnecker 1975, S. 189).

Solche Kritik an der öffentlich zugelassenen Sichtweise von Schule und Schulorganisation ist schon in den pädagogischen Reformbewegungen seit Beginn dieses Jahrhunderts nachweisbar (H. Nohl); sie verschärft sich in Deutschland in den Klassenkämpfen während der Weimarer Repu­blik und dem sich daran anschliessenden kom­munistischen und sozialistischen Schulkampf (E. Hoernle, S. Bernfeld). Sie wird heute im Rahmen bürgerlicher Wissenschaften wieder aufgenom­men, indem sich z. B. die amerikanische Kultur­anthropologie darum bemüht, Ursachen und Wirkungen gesellschaftlicher und kultureller So­zialisation des „Nationalcharakters“ zu erfor­schen (P. W. Jackson, J. Henry).

Das Problem, aus dem angelsächsischen kultur­anthropologischen Ansatz eine Theorie des „heimlichen Lehrplans“ zu entwickeln, liegt nun darin, dass die bestehende Schule so zwar kultur­kritisch destruiert werden kann - gesellschaftli­che Alternativen, die einen „besseren“ Lehrplan an die Seite des amtlichen stellen könnten, werden je­doch verweigert. Insofern liefern die unstruktu­rierten teilnehmenden Beobachtungen von Un­terricht eine Fülle überraschender Einsichten in die komplexe Dialektik von Form und Inhalt des Lernvorgangs; die notwendige Veränderung wird demgegenüber weder angestrebt, noch ist sie von diesem Ansatz her legitimierbar. J. Zin­necker spricht deshalb von der „zynischen An­thropologie“ dieser Theorie des heimlichen Lehrplans (1975, S. 185, 190).

Die bisher diskutierten Konzepte des heimlichen Lehrplans blei­ben also letztlich rückverweisend auf die heute wieder verstärkt geführte Norm‑ und Zieldiskus­sion in der Pädagogik.

Gegenüber dem amtli­chen Lehrplan ist möglicherweise nicht nur das Realität, was entgegen der öffentlich intendierten Norm in der Schule tatsächlich erreicht wird, sondern auch das, was in die amtlichen Lehrpläne erst gar nicht aufgenommen wird: die weltgeschichtlich neuartige Ausgangslage der Pädagogik im Atom­zeitalter, denn „wirklich gelernt“ wird auch das weltpolitische Defizit moderner Pädagogik - und dieser defizitäre Charakter von Pädagogik im Angesicht von Atomkriegsgefahr und weltweiter Öko‑Krise wird tödliche Folgen haben, wenn wir nicht auch unsere Lernpläne radikal verändern (P. Kern/Wittig, 1982).

Literatur

  • J. Zinnecker und W. Geisler (1973), Der heimliche Lehrplan - Was wirklich gelernt wird, be­trifft: erziehung, Nr. 5, 1973, S. 16-40 (darin auch die Arbeiten von Jackson, S.18 ‑ 22, und Henry, S. 22 ‑ 26).
  • J. Zinnecker (Hrsg.) (1975), Der h. L., Weinheim­-Basel (dort finden sich auch die Literaturan­gaben zu Bernfeld, Jackson, Henry, Hoernle, S. 202‑205).
  • K. Aschersleben/ M. Hohmann (1979), Handlexi­kon der Schulpädagogik, Stuttgart u. a. (Ur­ban TB, Nr. 304).
  • H. Nohl (19352), Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie, Frankfurt/M.
  • P. Kern/ H.‑G. Wittig (1982, 1984 in 2. erw. Auflage), Pädagogik im Atom­zeitalter, Freiburg i. Br. (Herder TB, Nr. 9093).

 Erschienen in: „Sonderpädagogik“, Jg. 13, 1983, S.41-42

Peter Kern

 


Zufällig ausgewählte Glosse

Ethische Forderungen sind keine Thesen. Diese kann man falsifizieren, jene nicht.