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Machtkonkurrenz und Herrschaft

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Machtkonkurrenz und Herrschaft

Carl Friedrich von Weizsäcker geht von einer Analyse der Ökokrise aus und fragt zurück nach den anthropologischen Bedingungen ihrer Möglichkeit. An den Beispielen von Wirtschaft und Militär lässt sich zweifelsfrei zeigen, dass die grenzenlose Steigerung der Mittel die ursprünglichen Zwecke aufhebt: Die Mittel fressen den Zweck. Statt menschliches Leben zu versorgen, produziert Wirtschaft inzwischen Lebensmittel so, dass sie dabei die Natur als ganze beschädigt und gefährdet und damit auch die Versorgung der Menschen in Frage stellt. Statt die eigene Gruppe zu schützen, verfügt das Militär inzwischen über Vernichtungsmittel, die das Ganze der Menschheit und somit auch die eigene Gruppe zu zerstören drohen.

Als Motor solcher sinnwidrigen Eskalationen erweist sich zwischenmenschliche Machtkonkurrenz. Am Beispiel militärischen Wettrüstens wird das unmittelbar deutlich. Wirklich verstehen können wir Machtkonkurrenz aber erst dann, wenn wir ihren Ursprung kennen. Die anthropologischen Annahmen über ihre Ursachen sind jedoch umstritten.

Die Diskussion ist im wesentlichen noch durch die unzureichende Frage bestimmt, ob Machtstreben erblich oder aber gesellschaftlich bedingt ist. Wie bedeutsam diese Frage für die Praxis ist, lässt sich daran erkennen, dass die Konsequenzen beider Annahmen entgegengesetzt sind: Beruht Machtstreben auf einem ererbten Macht-Trieb, so bleibt uns kaum anderes übrig, als diesen zu disziplinieren, Herrschaft also eher aufrechtzuerhalten. Ist Machtstreben jedoch durch gesellschaftliche Strukturen provoziert, so muss man diese Strukturen abschaffen, also wohl vor allem Herrschaft abbauen.

Diese Alternative überwindet Carl Friedrich von Weizsäcker, indem er Machtstreben – im Unterschied zu Aggression und Rangordnung – als Humanum erkennt und aus dem Zusammenwirken von zwischenmenschlicher Furcht und Verstand erklärt. Genauer: Kampf kommt in der lebenden Natur überall vor, denn gewisse Güter sind stets knapp. Die erfolgreiche Evolution macht sie knapp, und diese Knappheit setzt wiederum Prämien auf noch erfolgreichere „Erfindungen“ der Evolution.

Der Mensch ist das Lebewesen, das Sprache hat. Als solches kann er künftige Gefahren sich vorstellen. Furcht beruht auf der Verbindung eines Affektes mit dieser Vorstellung. Mit dem verstand, also mit Hilfe derselben Vorstellungskraft, kann nun der Mensch zur Abwehr drohender Gefahren Mittel erfinden. In seiner Vorstellung vermag er sich immer mehr und immer wirksamere Mittel auszumalen. Gehen die Gefahren von der ihn umgebenden Natur aus, so überschreiten sie ein bestimmtes Niveau nicht, und von einem bestimmten Punkt an wäre es sinnlos, die eigenen Mittel auch in der Realität immer weiter zu steigern.

Ganz anders verhält es sich, wenn Gefahr von anderen Menschen droht, denn diese können ihre Mittel ebenfalls akkumulieren. Jetzt wird es für die einzelne Person, Gruppe, Klasse, Nation „rational“, aus „Furcht vor den Folgen fremder Furcht“ die eigenen Mittel und damit die eigene „Macht“ immer weiter zu  steigern. Die aus diesen Gründen immer wieder entstehende „Machtkonkurrenz“ führt schliesslich in die Ökokrise, nämlich an die Grenzen des Wachstums. Was aus der Sicht von Partikularinteressen als rational erscheinen musste, erweist sich spätestens jetzt als unvernünftig, denn nunmehr gefährdet es den Bestand des Ganzen.

Diese Analyse ist deskriptiv gemeint: Machtkonkurrenz hat „ambivalente, zugleich evolutionsbeschleunigende wie auch evolutionsgefährdende Wirkung“. Ihre Dynamik erfordert immer wieder stabilisierende Begrenzungen der Macht durch Herrschaft. Wenn eine der konkurrierenden Personen, Gruppen, Klassen oder Nationen sich in der Konkurrenz durchgesetzt hat, etabliert sich „Herrschaft“. Herrschaft umfasst ausser Macht eine relativ stabile Rangordnung und gewährleistet die für das Zusammenleben notwendigen funktionalen Regelungen: „Herrschaft ist Übermacht eines Teils der Gesellschaft über die andere, welche benutzt wird, die Struktur der Gesellschaft und damit sich selbst zu stabilisieren.“

Herrschaft „nimmt fast stets die eigenen Interessen der Herrschenden so wahr, als sei es das Gesamtinteresse“. Mit der Unterscheidung von eigenem Partikularinteresse und Gesamtinteresse nimmt Carl Friedrich von Weizsäcker eine bedeutsame Differenzierung des Interessenbegriffes vor, die ihm die Definition seines Begriffs des ideologischen Verhaltens ermöglicht.

Ideologisches Verhalten beruft sich auf allgemein anerkannte Prinzipien wie die Befolgung des Gesamtinteresses, während es in Wirklichkeit eigene, davon mehr oder weniger abweichende Partikularinteressen verfolgt, wobei es sich um bewusste Täuschung oder unbewusste Selbsttäuschung handeln kann. „Die raffiniertere und harmlosere Form ideologischen Verhaltens ist der bewusste Missbrauch der Prinzipien fürs eigene Interesse, die primitivere und gefährlichere der unbewusste Missbrauch, also die Selbstbelügung“: „Sie sagen Christus und meinen Kattun. Sie sagen Freiheit und meinen Erdöl. Sie sagen Sozialismus und meinen ihre Herrschaft.“

Zitiert wurden diese Werke von Carl Friedrich von Weizsäcker:

Fragen zur Weltpolitik. München 1975, S.122ff.

Wege in der Gefahr. München 1976, S.150, 245

Der bedrohte Friede. München 1981, S.22, 292ff.

Der hier vorgelegte Text wurde leicht für das „haus-des-verstehens“ bearbeitet und findet sich in: Peter Kern/Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter. Wege zu innovativem Lernen in der Ökokrise. Argumente zur Diskussion. Herder Verlag. Freiburg im Breisgau. 1984 in zweiter, erweiterter Auflage, S.33-36

 


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„Nur wer als Schriftsteller unter Schriftstellern gelebt hat, weiss, was Hass ist.“ Emil Zola.