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Postmoderne

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Postmoderne“ ist ein schillernder Begriff. Er umfasst kunsttheoretische, philosophische und sozialtheoretische Konzepte. Attraktiv wurde er als Mode- und Schlagwort in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

Im Bemühen, den kulturgeschichtlichen Wertewandel nachzuzeichnen, weiten wir zunächst den Inhalt von „Postmoderne“ aus. Wir nehmen den Begriff beim Wort: Post-Moderne, also das, was sich als Wertehorizont nach der Moderne öffnete. Dann ist die Postmoderne nicht nur eine Modeströmung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. So betrachtet setzt sie bereits da ein, wo die aufgeklärte Vernunft als verbindlicher Wertmass-Stab brüchig wird und schliesslich ihre orientierende Kraft ganz verliert. Das geschieht im Paradigma des naturwissenschaftlichen Positivismus, das sich vom Wertrationalismus der sinnstiftenden Vernunft verabschiedet. Seither leben wir unter den Bedingungen der Heraufkunft des Nihilismus.

Furchtgetriebene und verstandgesteuerte Machtkonkurrenz bestimmt das Handeln. Wissenschaft und Technik verstärken diese Machtkonkurrenz. Wir verwirklichen uns, angesichts individueller Miseren und kollektiver Katastrophen, in einer selbstzerstörerischen Zivilisation, wir leben im Elend der Lieblosigkeit. Carl Friedrich von Weizsäcker: „Die wissenschaftliche und technische Welt der Neuzeit ist das Ergebnis des Wagnisses des Menschen, das Erkenntnis ohne Liebe heisst. Diese Erkenntnis ist an sich weder gut noch böse. Ihr Wert hängt davon ab, in den Dienst welcher Macht sie tritt. Ihr Ideal war, frei von jeder Macht zu sein. So hat sie den Menschen schrittweise aus seinen instinktiven und traditionellen Bindungen gelöst ( also aus den metaphysischen und dogmatischen Bindungen der Prämoderne und der emphatisch gedachten Moderne, P.K. ), aber ihn nicht in die neue Bindung der Liebe geführt. Das äusserste Erlebnis dieser Bindungslosigkeit...ist der Nihilismus."

Folglich scheiterten die grossen Erzählungen von antikem, christlichem und aufgeklärtem Humanismus, auch die des Kommunismus. Als man beginnt, sich dies einzugestehen, gewinnt vor allem in Frankreich postmodernes Denken Gestalt: u.a. M. Foucault, J.-F. Lyotard. Man wendet sich nachdrücklich gegen moderne Konzepte von gesellschaftlichen und politischen „Systemen“, man kämpft gegen die moderne Annahme, dass solche Systeme durchschaubar und beherrschbar seien, man wendet sich vor allem gegen Gesellschaftsutopien und Totalitarismen jeder Art. In ihnen sieht man Vereinheitlichungszwänge bis hin zum Terror der einen Meinung, weil Partikulares illegitim für das Ganze genommen werde. Eine antitotalitäre Grundeinstellung bestimmt postmodernes Denken und postmoderne Lebenspraxis. Statt eines universalisierbaren verbindlichen Einheitssinnes strebt man bewusst nach radikaler Pluralität und postuliert das unüberschreitbare Recht des hochgradig Differenten.

In seiner Arbeit „Das postmoderne Wissen“ geht Lyotard von der These aus, „dass das Wissen in derselben Zeit, in der die Gesellschaften in das so genannte postindustrielle und die Kulturen in das so genannte postmoderne Zeitalter eintreten, sein Statut wechselt“.  Es kommt zum „Zerfall der grossen Erzählungen“, was bedeutet, dass die Handlungsregeln, die von diesen Erzählungen überliefert wurden, nicht mehr gelten. Mehr noch: „Das alte Prinzip, wonach der Wissenserwerb unauflösbar mit der Bildung des Geistes und selbst der Person verbunden ist, verfällt mehr und mehr."

Wenn aber Vernunft, Person, Bildung ihren Sinn verlieren, dann ist auch keine Ethik mehr zu begründen, die zu verbindlichen und allgemeingültigen Werten führt. Die Heterogenität auch der ethischen Sprachspiele und Diskurse ist dann anzuerkennen, der darin erfahrbare Widerstreit muss ausgehalten werden, indem er unversöhnt bestehen bleibt. Die radikale Pluralität als positive Vision und das eingeklagte unüberschreitbare Recht des hochgradig Differenten führt im postmodernen Denken notwendigerweise in die Sackgasse des ethischen Pluralismus und damit auch des ethischen Relativismus.

( Dass die Postmoderne faktisch, eben weil ihr ein verbindlicher ethischer Mass-Stab fehlt, mit blinder Begeisterung die anonyme Knechtschaft der Monetarisierung aller Lebensbereiche erträgt, sei wenigstens angemerkt; man denke nur an die lebensfeindlichen Tendenzen der aktuellen ökonomischen Globalisierung. )

Damit stehen wir vor einem ethischen Abgrund.

Überträgt man Lyotards Diktum, dass es „keinen Übergang vom Universum des Satzes des Deportierten zu dem des Satzes der SS“ gebe, von der deskriptiven auf die präskriptive Ebene, dann ist, wohlgemerkt: wissenschaftlich, den Forderungen etwa der Bergpredigt das gleiche Recht zuzusprechen wie den Gedanken und Taten menschenverachtender Diktatoren.

Dass ein solches Urteil in aller Regel unseren elementarsten Intuitionen zuwiderläuft, ist keine rationale Begründung für den Vorzug der Sätze der Bergpredigt! Die rationale Begründung der Ethik in der Bergpredigt ist postmodern nicht zu leisten, wohl aber neomodern mit dem Konzept der Transzendentalpragmatik.

Literatur

Michael Großmann: Wertrationalität und notwendige Bildung, 2003

Michael Hardt / Antonio Negri: Commonwealth. Das Ende des Eigentums, 2010, S. 126ff.:

Moderne, Gegenmoderne, Postmoderne, Hypermoderne, Altermodernität

Postmoderne

Neomoderne


Peter Kern




 


Zufällig ausgewählte Glosse

Als er hörte, ich sei Humanwissenschaftler, sprach er mir jedes Verständnis für diese Welt ab. Ein blinder Technokrat, der sehenden Auges am Untergang mit arbeitet.