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Eine scheinheilige Diskussion

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Leserbrief von Dr. med. Martin Junker zur Aberkennung des Doktor-Titels von Frau Dr. Annette Schavan:

„Zunächst ist festzuhalten, dass – wie in jedem Verfahren – bis zur Rechtskraft der Titel weiter geführt werden darf.

Man muss sich schon fragen, mit welchem Recht man anonymen Anzeigen in dieser Form folgen darf. Offensichtlich demontiert derzeit, vermutlich politisch gesteuert gemäß „Wahlkampf-Schlachtplänen“, eine ideologisch orientierte „Öffentlichkeit“ diejenigen, die gerade geeignet für einen solchen Angriff sind.

Hier handelt es sich um die Dr.-Arbeit einer Studentin zum Abschluss ihres Studiums, die damit zeigen soll, dass sie in der Lage ist, ein Thema wissenschaftlich aufzuarbeiten (nicht etwa neu zu erforschen). Dazu muss sie entsprechende Literatur suchen, bewerten und einarbeiten, wobei man durchaus die gefundenen Quellen übernehmen und in der Diskussion des Themas mit einfließen lassen kann. Zitate sind zu kennzeichnen, wenn sie wesentliche Passagen wörtlich und im Sinn mit der Quelle übereinstimmend wiedergeben. - Ohne die heutigen Suchmaschinen, die auch Teilsätze „entlarven“, wäre es den Dreckwerfern gar nicht möglich, diese Übereinstimmungen zu finden. Dabei muss man sicher unterscheiden, ob ein

Politiker oder anderer Mensch im Rampenlicht meint, er müsse noch schnell mit Fremdhilfe einen „Dr.“ seinem Karriere-Ehrgeiz hinzufügen, oder ob ein/e einfache/r Student/in eben mit dieser Abschluss-Arbeit das Studium abschließt!

* „Schämen“ muss sich zu allererst der „Doktor-Vater“ und der Co-Lektor an der Universität, die offensichtlich diese Arbeit nicht oder unzureichend begleitet, gelesen und haben durchgehen lassen! Wieso stehen sie nicht vor ihrer Studentin und der von ihnen abgenommenen und von ihnen zum Doktor-Titel eingereichten Arbeit?

* „Schämen muss sich die Universität Düsseldorf und sein Dekan, dass sie anonymen Anzeigen in dieser öffentlichen Form und mit Vor-Verurteilung gefolgt sind. Sie haben der akademischen Ehre und der Universität großen Schaden zugefügt, haben sich un-akademisch vor den Karren von anscheinend linksgerichteten „Alt-68`ern“ oder unehrlichen Politikern spannen lassen!

* „Schämen“ müssen sich diejenigen, die aus billigem politischen Kalkül auf einer

studentischen Dr.-Arbeit rumhacken, sich aber nicht scheuen, mit stolzgeschwellter Brust einen „Dr. h.c.“ (humoris causa?) vor sich her zu tragen und jetzt Rücktritte fordern.

* „Schämen“ muss sich eine Medienwelt, die sich über eine solche Meldung hermacht und Menschen diskreditiert, ehe eine ehrliche Aufarbeitung abgeschlossen ist. Das hat mit „Interesse der Öffentlichkeit“ nichts mehr zu tun.

*„Schämen“ müssen wir uns alle, dass wir solche zielbewussten Vorgänge noch goutieren anstatt sie dahin zu befördern, wohin sie gehören: in den Papierkorb!

Was sind wir für eine pharisäerhafte Gesellschaft geworden!“


Einige unmaßgebliche Gedanken zu diesem Leserbrief:


Dieser Leserbrief erreichte mich am 09.02.2013 um 17.54 Uhr. Ich gehöre nicht zum ursprünglichen Verteiler. In ihm finden sich illustre Namen, Doktoren, Präsidenten, Politiker. Ich weiß nicht, ob dieser Leserbrief nur die mitgeteilten Internetadressaten erreichte oder ob er auch in einem anderen Medium veröffentlicht wurde. Mir wurde er jedenfalls nicht als vertraulicher Text zugeschickt.

Ich nehme deshalb öffentlich Stellung.

Ich habe den Text mehrfach lesen müssen. Ich wollte nicht glauben, was da steht. Da unterschreitet ein Akademiker, selbst ein Doktor, jedes argumentative Niveau.

Der Brief beginnt mit einer Belehrung über einen Tatbestand, den ich in der Debatte um die Causa „Schavan“ nirgends bezweifelt fand: Frau Schavan könne den Doktor-Titel bis zur endgültigen Klärung des von ihr angestrengten Rechtsstreites weiter führen. So weit, so gut.

Dann stellt der Briefschreiber die Frage, „mit welchem Recht man anonymen Anzeigen in dieser Form folgen darf“. Die Aussage dieses Satzes ist falsch, sofern unter dem Begriff „Anzeige“ der Rechtsterminus „Strafanzeige“ verstanden wird. Eine solche wurde im Fall „Schavan“ von niemandem gestellt. Die Vorwürfe gegen die Doktorarbeit finden sich öffentlich zugänglich im Internet auf „SchavanPlag“. „SchavanPlag“ ist eine Internetdatenbank, die von jedem bearbeitet werden kann. Sie dokumentiert die formalen Fehler in der Dissertation von Frau Prof. Dr. Annette Schavan. SchavanPlag bewerte diese Formfehler als Plagiat.

Die Universität Düsseldorf hat nach Bekanntwerden der Seite SchavanPlag deren Inhalte zum Anlass genommen, ihrerseits die Dissertation von Frau Schavan auf Formfehler zu untersuchen. Sie hat solche gefunden und sie ebenfalls als Plagiat eingestuft.

Anonym ist an diesem Vorgang nur dies, dass die Rechercheure von Schavan-Plag nicht bekannt sind. Es geht also hier nicht um eine anonyme Anzeige. Angemerkt sei noch, dass das deutsche Recht anonyme Anzeigen zulässt. Selbst wenn wir es im Falle „Schavan“ mit einer anonymen Anzeige zu tun gehabt hätten, wäre eine solche Anzeige nicht in das Belieben einer subjektiven Meinung zu stellen, ob man ihr folgt oder nicht. Es gibt das Recht auf anonyme Anzeigen. Sie müssen verfolgt werden. Aber nochmals: Es liegt hier gar keine anonyme Anzeige vor.

Was dann folgt, baut fröhlich auf Vermutungen auf und operiert mit Unterstellungen: Hinter der Causa „Schavan“ stünden „vermutlich“ politisch gesteuerte Wahlkampf-Schlachtpläne. Von diesem subjektiven Meinen ist der Weg nur noch kurz zur Formel von der „ideologisch orientierten Öffentlichkeit“, die nach „geeigneten“ Personen suche, die durch gezielte Angriffe „demontiert“ werden können. Der Ideologie-Verdacht wird später ausformuliert: Es seien „linksgerichtete Alt-68er“ und „unehrliche Politiker“ am Werk. Da das der Briefschreiber nicht weiß, nicht wissen kann, sondern nur vermutet, leitet er auch diese Unterstellung mit „anscheinend“ ein.

Nichts ist gewiss in dieser Argumentation, nichts bewiesen. „Vermutlich“ und „anscheinend“ könnte es so sein. Es kann aber auch ganz anders sein.

Sicher weiß der Leserbriefschreiber, dass die Universität Düsseldorf und ihr Dekan eine „Vor-Verurteilung“ vorgenommen haben. Wie das? Herausgefordert durch die Veröffentlichungen auf SchavanPlag hat die Universität Düsseldorf durch die zuständigen Gremien die Dissertation eigenverantwortlich überprüft, sie hat ein Gutachten anfertigen lassen, sie hat auch dieses Gutachten hausintern zur Diskussion gestellt, darüber hinaus hat sie, was in der Presse oft unterschlagen wurde, Frau Schavan eingeladen, im Gespräch mit der Universität die ihr zur Last gelegten Vorwürfe auszuräumen. Dies vermochte die Beschuldigte nicht. Erst dann kam es zur Aberkennung des Doktor-Titels durch die Universität. Auch das Urteil des Leserbriefschreibers, es handele sich auf Seiten der Universität um eine Vor-Verurteilung, entbehrt jeder sachlichen Grundlage.

Was über die Anforderungen an eine Doktor-Arbeit gesagt wird, zeugt von unzureichender Sachkenntnis. Die Doktorandin hat nicht nur den Nachweis zu liefern, dass sie ein Thema wissenschaftlich aufarbeiten kann, das gilt auch schon für Hausarbeiten in höheren Semestern, auf jeden Fall für Master-, Magister- und Diplomarbeiten.  Eine Doktorarbeit muss auch zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen kommen. Das nennt man gemeinhin neue Forschungserkenntnisse.

Doch die inhaltliche Qualität der Doktorarbeit von Frau Annette Schavan steht im öffentlichen Streit gar nicht zur Diskussion. Es geht um Formales. Es geht um Standards des Zitierens, mehr nicht. In diesem Zusammenhang fordert der Leserbriefschreiber: „Zitate sind zu kennzeichnen, wenn sie wesentliche Passagen wörtlich und im Sinn mit der Quelle übereinstimmend wiedergeben.“ Ja, richtig. Und genau diese formalen Standards hat Frau Schavan in gravierender Weise verletzt. Sie galten vor 30 Jahren wie sie heute noch gelten. Ein Blick in SchavanPlag liefert für jeden nachvollziehbar die Beweise.

Was nun folgt, verletzt nicht nur die Logik der Argumentation, es unterschreitet jeden Respekt, der die Grundlage einer fairen diskursiven Auseinandersetzung ist: „Ohne die heutigen Suchmaschinen, die auch Teilsätze entlarven, wäre es den Dreckwerfern gar nicht möglich, diese Übereinstimmungen zu finden.“ Die Logik dieses Satzes: Wer unsauber zitiert, abschreibt, also plagiiert und nicht erwischt wird, ist im Recht. Frau Schavan hat nur das Pech, dass es heute Suchmaschinen gibt. Und wer diese einsetzt und die untersuchte Dissertation als Plagiat entlarvt, der ist eine Dreckschleuder.

Herr Dr. med. Martin Junker verschickt im Internet seinen Leserbrief mit „freundlichen Grüßen“ und dem Hinweis: „Die scheinheilige Diskussion ödet mich an.“

Mich hat die Lektüre seines Briefes traurig gestimmt.

Am 05. Februar 2013, also vor ihrem Rücktritt als Bildungsministerin, schrieb ich in mein Tagebuch:

Zu spät, Frau Schavan!

Die menschliche Bedeutung eines Doktortitels ist gleich null. Wer den Doktortitel im Namen der gesellschaftlichen Anerkennung erringt und verteidigt, missversteht sich selbst als Person.

Nicht, dass die Bildungsministerin Annette Schavan abgeschrieben und miserabel zitiert hat, ist der Skandal, sondern wie sie eitel und machtbesessen an ihrem akademischen Lametta hängt.

Souverän wären Sätze wie diese gewesen:

Ich war zu jung für das gewichtige Thema „Person und Gewissen“. Es hat mich überfordert, und mein Doktor-Vater hat mich seinerzeit nicht energisch genug gefordert. So blieb die Arbeit unter dem gebotenen Niveau, wie ich nach der Wiederlektüre feststellte. Das gilt nicht nur für die unsaubere Zitierweise. Ich gebe deshalb den Doktor-Titel der Universität Düsseldorf aus Respekt vor der Sache, die ich damals nur unzureichend beherrschte, zurück.

Übrigens: Wer beherrscht schon so ein ausuferndes Universalthema: „Person und Gewissen“? Der Untertitel verschlimmbessert den Sachverhalt noch: "Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung".  Der Doktor-Vater hätte gleich das Thema ausgeben können: „Leben und Tod.“

Die Überforderung lag bereits im Thema selbst. Wer als Doktor-Vater solche abgehobenen Rundumschläge zulässt, darf sich nicht wundern, wenn er nur akademisches Kleinholz geliefert bekommt. Die formalen Fehler der Doktorandin Schavan sind nur der korrespondierende Ausdruck ihrer Ratlosigkeit im Blick auf die zu bearbeitende Sache. Der Ertrag: Wenig kategoriale Klarheit, viel hydrantenhafte Geschwätzigkeit auf über 350 Druckseiten, gelegentlich luzider Unsinn.

Solche Themen konnten nur Pädagogen vergeben; heute nennen sie sich Erziehungs-Wissenschaftler. Insofern ist Frau Annette Schavan auch Opfer des Systems Universität.

Peter Kern

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