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Werk der Gesellschaft

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Werk der Gesellschaft


Der Mensch ist ein Lebewesen, das auf die Dauer nur im Bezug zu anderen Menschen lebensfähig ist. Zur Bewältigung der Aufgaben, die sich mit seinem Dasein stellen, ist er auf die Gruppe und deren Kultur angewiesen. Menschliches Dasein nur in sozialer, gesellschaftlicher Weise möglich.

Neben den naturhaften, auf die Erhaltung seiner selbst gerichteten Bedürfnissen entspringen aus der gesellschaftlichen Seinsweise zusätzliche tiefenseelische Antriebe wie etwa das Streben nach Anerkennung, Geltung oder Macht.

Gleichzeitig verlangt das Leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen aber vom Einzelnen, u. U. die Befriedigung seiner individuellen naturhaften Antriebe und Bedürfnisse, mit denen er als „Werk der Natur“ ausgestattet ist, zu kontrollieren und gegebenenfalls zu Gunsten der Gruppe zurückzustellen oder auszusetzen. Zu dieser Kontrolle seiner tiefenseelischen Antriebe wird der Mensch durch die Ausbildung seiner geistigen Funktionsweisen fähig. Diese Ausbildung der im „Werk der Natur“ angelegten geistigen Funktionsweisen ist nur in der menschlichen Gemeinschaft auf der Grundlage der jeweiligen Kultur der Gruppe möglich.

Die seelisch-geistige Struktur der Person erfährt im „Werk der Gesellschaft“ also einerseits eine Erweiterung (zusätzliche tiefenseelische Antriebe). Andererseits eröffnet die Ausbildung der geistigen Funktionsweisen bzw. die damit verbundene Möglichkeit zur Reflexion und Stellungnahme zu den tiefenseelischen Antrieben die Möglichkeit zur Gestaltung der seelisch-geistigen Struktur der Person (als bipolares Gefüge) im Bildungsprozess.

Die geistigen Funktionsweisen stehen aber zunächst immer noch ausschliesslich im Dienste der Daseinserhaltung und Daseinssicherung; wenn nun auch nicht mehr in erster Linie im Hinblick auf den Einzelnen, sondern eher im Hinblick auf die gesamte Gruppe.

Der Mensch bzw. seine seelisch-geistige Struktur ist also nicht nur „Werk der Natur“, sondern immer auch „Werk der Gesellschaft“.

( "Werk der Natur", "Werk der Gesellschaft", "Werk seiner selbst" sind Formeln der Anthropologie von Johann Heinrich Pestalozzi. )


Literatur

Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Notwendige Bildung, 1985

Peter Kern




 


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