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Werk seiner selbst

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Werk seiner selbst


Die als "Werk der Natur" gegebene Ausstattung mit geistigen Funktionsweisen und deren Ausbildung als "Werk der Gesellschaft" ermöglichen dem Menschen eine Reflexion, in der er einerseits seiner Bestimmtheit durch Einflüsse seiner naturhaften Ausstattung und seiner gesellschaftliche Daseinsweise gewahr wird, die ihm andererseits aber auch die Möglichkeit eröffnet, zu diesen Einflüssen bzw. den daraus resultierenden Antrieben Stellung zu nehmen.

Im Entschliessen und Handeln kann der Mensch sich entweder von seinen naturhaften und gesellschaftlich bedingten Antrieben, Begehrungen und Anforderungen leiten lassen (so lange bleibt er „Werk der Natur“ und "Werk der Gesellschaft"), oder aber er kann in "Akten echter Selbstwahl" unbedingten Ansprüchen, Imperativen folgen. Gelingt ihm dies, so wird er als Person zum "Werk seiner selbst".

Im "Werk seiner selbst" sind seine geistigen Funktionsweisen nicht länger blosse Instrumente zur Befriedigung der naturhaften und gesellschaftlich bedingten Antriebe und Bedürfnisse/Begehrungen und somit diesen dienstbar, sondern der Mensch wird geistig frei; er lebt dann aus der "Freiheit der Person".

Seine von der Aufgabe der blossen Daseinserhaltung und Daseinssicherung zeitweilig befreiten geistigen Funktionsweisen ermöglichen ihm das Wahrnehmen und Verwirklichen unbedingter Ansprüche. Die seelisch-geistige Struktur der Person, die sich daraus im Bildungsprozess als "Werk seiner selbst" ergibt, unterscheidet sich somit fundamental von der eines Menschen als blossem "Werk der Natur" und "Werk der Gesellschaft".

Ein Missverständnis ist beim Gebrauch der Formel "Werk seiner selbst" nicht auszuschliessen. Man könnte an egoistische Selbstermächtigung denken. Das Gegenteil ist gemeint: eine normative Rückbindung aus freier Wahl.

"Werk der Natur", "Werk der Gesellschaft", "Werk seiner selbst" sind Formeln der Anthropologie von Johann Heinrich Pestalozzi:

"Werk seiner selbst": Das korrespondiert stimmungstheoretisch mit der Grundbefindlichkeit der "Liebe"; pädagogisch-anthropologisch mit der "Freiheit der Person"; ethisch mit "vernehmender Vernunft"; vgl. auch Hardt / Negri: "Biopolitische Vernunft". Carl Friedrich von Weizsäcker: "Aber ohne Liebe kann menschliche Gemeinschaft nicht bestehen."

Literatur

Carl Friedrich von Weizsäcker: Der Garten des Menschlichen, 1977, S. 58
Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Notwendige Bildung, 1985
Hans Wittig: Freiheit der Person, 1969

vgl. auch die kleine Studie von Hans Wittig: Der Mensch als "Werk seiner selbst".

Michael Hardt / Antonio Negri: Commonwealth. Das Ende des Eigentums, 2010, S. 137


Peter Kern






 


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