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"Ich bin eine Charaktermaske"

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Sie himmeln ihn an, sie hängen an seinen Lippen und Gesten wie Fliegen am Leim, sie, die hippen Leistungsträger mit ihrem Van vor der Haustür und dem Flugticket für den Wochenendtrip nach Mallorca. Sie lausche auch schon mal fasziniert seinem Schweigen. Ihr Idol ist Harald Schmidt, der allseits präsente Schauspieler, Kabarettist, Entertainer, Moderator und Schriftsteller. Das März-Magazin der FRANKFURTER ALLGEMEINEN bringt ein exklusives Interview mit dem Medienstar: „Ich bin eine Charaktermaske“.

Man meint ihn zu kennen, den eloquenten Verneiner, dem nichts heilig ist. Er scheint der Ausdruck gewordene Unernst schlechthin. Als stilloser Stilisierer ist er für seine Fans der geistige Kompass. Dieser zeigt, so will es scheinen, mit boshafter Gewissheit stets in die falsche Richtung. Das stört die Hörigen nicht, sie folgen, ergriffen vom Erbrochenen der kalauernden Pointen.

Mit Anzug, Krawatte und altväterlichem Kavalierstuch, artig das weiße Haar frisiert, spuckt er mit staatstragender Mimik und Gestik seine Sottisen dem Interviewer Timo Frasch ins Aufnahmegerät.

Nichts hat vor seinem zersetzenden Blick Bestand. Alles, was auch nur von Ferne nach Würde und Seriosität klingt, wird angeschwärzt und in den Staub des Banalen getreten. Das aber macht der Meister der wilden Assoziationen kenntnisreich und brillant. Harald Schmidt outet sich in diesem Interview als der Mann von unten, als der bildungsbürgerliche Emporkömmling, der heute auch einmal in Adelsrevieren wildern darf.

Namen schwimmen wie zerfließende Fettaugen in seiner Redensauce, kunterbunt zusammengewürfelt: Günter Grass und Ferdinand Céline, Carl Schmitt und Elfriede Jelinek, Peter Sloterdijk und Günter Gaus, Hannah Arendt und Martin Mosebach schmücken die spitzen Antworten des Befragten. Kant und Ernst Jünger dürfen auch nicht fehlen. Und locker nimmt er es mit Bazon Brock auf. Harald Schmidt verschluckt sie alle, erbarmungslos.

Es erleichtert die Lektüre des Interviews, dass sich dieser flinke Geist mit der spitzen Zunge selbst auch nicht schont. Zwischen Mittagessen und Cocktailstunde muss er einmal etwas über die multiphrene Persönlichkeit gelesen haben, gleichsam ein Precht-Remix: „Wer bin ich, und wenn ja wie viele?“ Das gibt ihm die Legitimation, nicht er selbst zu sein. „Wer soll man denn sein?“, „Um Gottes Willen, wann bist Du denn einmal Du selbst?“, fragt er trotzig, und selbstsicher stellt er in einem sprachlich verrutschten Satz fest: „Ich finde es aber gerade anstrengend, dass so viele Leute permanent sie selbst sind oder besser: das, was sie glauben zu sein.“ Es sei, so verkündet der Entertainer zeitgeistkonform, unmöglich, man selbst zu sein.

Ein Ich, das sich durch die Zeit hin mit sich selbst identisch durchhält, ist ihm abhandengekommen, wenn er es denn je gehabt haben sollte. Anstreben tut er es jedenfalls nicht. Daraus lassen sich keine kabarettreifen Funken schlagen. So muss man seine Antworten lesen.

Identität und Authentizität sind ihm höchst suspekt. Menschen, die vom Authentitätswahn befallen sind, sind ihm ein Greul.

Folgerichtig sagt ihm auch Moral nichts. Das Wort kaut der Mann wie zähes Fleisch, das man nicht hinunterschlucken kann. Er doziert seine postmoderne Einsicht wenig elegant: „Ich würde überhaupt von Moral die Finger lassen, weil das die Leute permanent überfordert.“

Moral taugt also wenig für die Spaßgesellschaft. Nachfragen darf man wohl. Was heißt hier „die Leute“? Am 21. März 1913 brach Albert Schweitzer nach Afrika auf, um dort sein Urwaldhospital zu gründen. Der hinter diesem Wagnis stehende moralische Anspruch lautete - und er gilt auch heute noch: „Ehrfurcht vor dem Leben“. Diesem unbedingten Imperativ zu entsprechen, ist eine Herausforderung, gewiss. Darf man sie deshalb wie eine heiße Kartoffel fallen lassen?

Nun, Harald Schmidt hat nicht an Schweitzer gedacht. Seine überforderten Gewährsleute tragen andere Namen: Markus Söder, Peer Steinbrück, Rainer Brüderle. Sie alle und viele andere mehr, will er von den moralischen Überforderungen befreien.

Das gilt auch für seine Weggefährten. Großzügig lächelt er die polternden Diffamierungen von Herbert Feuerstein und Manuel Andrack weg. Beide hatten den Meister im SPIEGEL ehrrührig niedergemacht: Leute, die schon am Boden liegen, träte er nicht, nein, schlimmer noch, er, Schmidt, spränge auf sie drauf. Schmidt sei eben „kein Mensch“. Solche moralischen Todesurteile verbucht der Gescholtene nicht als Verletzung seiner Person, wie auch, hat er doch gerade die Moral insgesamt suspendiert. Er trägt das Abträgliche über ihn ein in die Bilanzen des Gebens und Nehmens, wie es im Showgeschäft üblich ist. Da ist Harald Schmidt ganz Profi. Angriff und Gegenangriffe seien in den Gagen inbegriffen. Es müssen hohe Gagen sein, wenn man den Vorwurf, man sei kein Mensch, ohne Empörung weglächelt. Schmidt zupft das Ungeheuerliche lässig wie eine Fluse vom Sakko.

Das öffentliche Bild von Harald Schmidt, hat er es in diesem Interview, wieder einmal, bestätigt? Er, der gescheite Unernste, der Spieler, der Jongleur auf dem hohen Seil des Zynismus?

So einfach liegen die Dinge dann doch nicht. Der Interviewer fragt aus der anonymen Deckung heraus: „Sie, hieß es oft, seien ein Zyniker“. Schmidt antwortet: „Zumindest bin ich einer, der immer der Meinung ist, dass der Zyniker dafür sorgt, dass der Nebenmann ‚ne warme Suppe hat. Damit er seine Ruhe hat. Während der Weltverbesserer sagt: Jetzt ham‘ wir zwar keine Suppe, aber wissen auch, warum nicht.“

Hinter dem schamlosen Zyniker steht plötzlich, ganz altmodisch und todernst, ein Humanist. Ein Menschenfreund. Kein Maulheld großer Worte, sondern ein Mann der stillen Tat. Bei Wikipedia können wir über diesen verschämten Humanisten nachlesen, dass er aktiver Unterstützer des „Zentrums gegen Vertreibung“ ist. Darüber hinaus sitzt er in der Jury des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises.

Wissen seine Fans um diesen Hintergrund der Person Harald Schmidt? Sind diese hippen Leistungsträger im Stillen auch Humanisten? Oder lassen sie sich von der Charaktermaske Harald Schmidt nur die Stichworte für ihren Leben verachtenden Hedonismus geben? Es steht zu befürchten, dass das Letztere gilt. Dafür trüge dann einer die Verantwortung: Harald Schmidt.


Harald Schmidt im Gespräch: „Ich bin eine Charaktermaske“. In: FRANKFURTER ALLGEMEINE. MAGAZIN. März 2013, S. 20-23. Fragen: Timo Frasch. Fotos: Daniel Pilar.

Vgl. auch den ERGÄNZUNGSTEXT: "Selbstüberwindung".

 


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