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Alles in Moll

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Ein guter Freund ist besorgt. Alles, was ich denke, alles, was ich schreibe, sei in Moll getaucht. Trauer mache sich breit, Trauer über den Zustand der Welt, Trauer über das Versagen von uns Menschen. Kein fröhliches Jubilieren über Gelungenes. Dabei gäbe es doch so viel Positives zu berichten: Das kleinstaatliche Europa habe seine mörderischen Kriege überwunden, na ja fast, aus deutschen und französischen Erzfeinden wurden Freunde, die Sklaverei sei abgeschafft, wenigstens auf unserem Kontinent, rechtsstaatliche Sicherheit und ein mehr als respektabler Wohlstand bei uns könnten beim besten Willen nicht bestritten werden.

Das und vieles andere mehr seien doch alles handfeste Gründe, sich zu freuen.
Stattdessen: Nur Nörgeleien.

Ich möge doch endlich einmal anerkennen, dass die Geschichte auch als eine Geschichte der Fortschritte zu lesen sei. Mein Blick auf die sprichwörtlich halbvolle Teetasse nähme stets nur wahr, dass sie schon zur Hälfte leer sei; verdammt noch mal: Sie ist zur Hälfte voll! Das schleudert mir mein Freund liebevoll entgegen. Er will mich nicht zum pathologischen Fall stempeln, noch nicht. Er versteht nur nicht, weshalb mir der Zustand auf diesem Globus so düster erscheint. Am liebsten würde er mich bei den Schultern packen und energisch schütteln, damit ich Vernunft annähme. Ich müsse aus der Sackgasse herauskommen, in die ich mich verrannt habe. In seinen Augen ist meine Optik der Wahrnehmung höchst unvernünftig.

Indem er so denkt, stutzt er und erinnert sich an gemeinsame Gespräche über Vernunft. Wir hatten Vernunft bestimmt als Wahrnehmung des Ganzen. Das Ganze ist in diesem Zusammenhang ein relativer Begriff. Er meint zumindest die Gesamtheit aller von unserem jeweiligen Handeln oder Versäumen betroffenen Lebewesen. Wahrnehmung dieses Ganzen bedeutet heute, einzusehen, dass Leben überhaupt gefährdet ist.  Die Menschheit als ganze und die uns tragende Natur stehen auf dem „Spiel“. In dieser weltgeschichtlichen Lage nur Partikulares wahrzunehmen, es sei im einzelnen so positiv wie nur irgend denkbar, wie etwa die deutsch-französische Freundschaft, erreicht nicht das Niveau einer überlebensfähigen Denkbewegung.

Wer ist an den Schultern zu packen und wachzurütteln? Wer hat sich in einer Sackgasse verrannt?

Ich, dem es unzureichend erscheint, sich an partiellen Fortschritten in unserer Geschichte zu erfreuen? Oder mein Freund, dem es noch nicht gelingt, aus innerer Gelöstheit die Einsicht zuzulassen, dass die Teetasse im Blick auf die Überlebensfragen auf diesem Globus nur noch, wenn überhaupt, halb voll ist?

Da kommt mir ein gut lesbarer Text von Meinhard Miegel gerade im rechten Moment auf den Tisch: „EXIT. Wohlstand ohne Wachstum“. Der in Deutschland hoch angesehene ehemalige Leiter  des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn ( IWG ), widmet sein neues Buch „denen, die über Tag und Tellerrand hinausschauen“. Die dort entfalteten Einsichten und Vorschläge bleiben nicht im Dunstkreis von Partikularinteressen stecken; sie sind einem Gesamtinteresse verpflichtet, dass einen radikalen Bewusstseinswandel fordert.

Peter Kern

Literatur


Meinhard Miegel: EXIT. Wohlstand ohne Wachstum, 2010

Harald Welzer: Uns geht es gut, in: Literaturen, Mai/Juni 2010, S. 34-40

Ergänzungstexte:

Audio

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