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„Haus des Verstehens“ - Einführung

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Wir sind heutzutage umstellt und bestimmt vom rechnenden, berechnenden Denken. Berechnendes Denken ist rationales Denken, ist Verstandesdenken. Dieser berechnende Verstand richtet sich nach den Kategorien „richtig“ und „falsch“. Es ist insbesondere das Denken der empirischen Wissenschaften.

Berechnendes Denken erkennt die Phänomene dieser Welt in vermeintlich neutraler Distanz und abblendender Objektivität: Es macht das Erkannte zum Objekt, zum Gegenstand. Der Baum mir gegenüber erscheint dann nur als Photonenschauer auf meiner Netzhaut oder als ein gewisses Quantum an Informationen oder als ein bestimmtes botanisches Exemplar oder als Obstproduktionsanlage.

In dieser Vergegenständlichung kommt es notwendigerweise zu einer Verkürzung der Lebenserfahrung, die prinzipiell immer mehr ist als der berechenbar gemachte Gegenstand. Im Leben ist der Baum viel mehr und anderes. Wissenschaftlich berechnendes Denken, korrekt angewendet, ist überaus erfolgreich. Es ist nützlich, weil es Funktionalität sicherstellt. Es ist jedoch ein verhängnisvoller Irrtum anzunehmen, die berechenbar gemachten Phänomene seien die wirklichen Phänomene in ihrer Ganzheit. Wissenschaft und Alltagsleben sind auseinander gerissen.

Und was dieses berechnende Denken auch nicht vermag, ist Hilfestellung zu geben auf die Frage: Soll das, was wir mit dem berechnenden Denken herstellen, überhaupt sein? Unser berechnendes Denken schafft Artefakte, die wir möglicherweise für ein gelingendes Leben gar nicht benötigen, ja mehr noch, die nicht selten Leben überhaupt bedrängen, gefährden, zerstören. Wir begehren mancherlei, dessen wir für ein gelingendes Leben nicht bedürfen. Sind wir wirklich des geländegängigen und energieintensiven Autos auf unseren asphaltierten Strassen bedürftig? Sokrates und Platon wussten: Beliebige Begehrungen werden befriedigt durch das „Angenehme“, das Lustvolle. Bedürfnisse demgegenüber werden erfüllt durch das „Gute“, das „agathon“. Begehrungen, die uns der Eudämonie, der Glückseligkeit, berauben, entsprechen nicht unserer Bedürftigkeit. So begehren wir heute beispielsweise den Rausch der Beschleunigung und sind doch  einer uns nicht mehr vertrauten inneren Ruhe bedürftig.

Rechnendes, berechnendes Denken kommt nicht zu solchen Einsichten.

Dazu bedarf es eines besinnenden Denkens.

Besinnendes Denken versucht, die Ganzheit der Phänomene zu denken. Besinnendes Denken zerstückelt sie nicht in künstlichen Operationen des Abtrennens und Analysierens, bis sie als tote Gegenstände berechenbar geworden sind. Besinnendes Denken  übt sich im mehrperspektivischen Wahrnehmen und übt sich ein im integralen Blick. Besinnendes Denken geht uns unmittelbar an; es lässt uns nicht kalt; es ist das Denken der existierenden, nicht der abstrakten Denker. Besinnendes Denken fragt nach der Lebensbedeutsamkeit des jeweils zu Denkenden. Besinnendes Denken holt das Denken zurück in die Lebenswelt. Es fragt nicht nur danach, wie etwas funktioniert, sondern auch und vor allem danach, was es für unser Leben bedeutet.

Im „Haus des Verstehens“ geht es um dieses besinnende Denken.

Wir wissen so viel, so viel mehr als in früheren Zeiten ohnehin. Was wir nicht wissen, das rufen wir flugs ab, wir holen uns das Wissen aus Bibliotheken, Büchern und vor allem aus dem Internet. Google weiss nahezu alles, also haben wir alle potentiell daran Anteil, zu jeder Tages- und Nachtstunde. Das Wissensmeer wird immer grösser, die Wissensfluten bedrängen uns. Die datenverarbeitende Industrie frohlockt, dass es keine Informationsprobleme mehr gäbe, denn alles Wissen sei für alle verfügbar. Und während wir immer besinnungsloser aus dem Wissensmeer trinken und in unseren Köpfen die Wissensbestände chaotisch steigen, machen wir die paradoxe Erfahrung, dass mit dem Wissenszuwachs ein bedrohlicher Verständnisverlust einher geht.

Wir spüren: Weniger wäre mehr.

Weniger zu wissen, dafür mehr zu verstehen, erscheint uns plötzlich als Anspruch und Aufgabe. Denn allenthalben wird sichtbar, dass trotz eines Übermasses an Wissen und trotz einer schier unbegrenzten Kommunikation die Grundlagen für ein gemeinsames Verstehen immer mehr schwinden.

Wir informieren uns zu Tode.

Die Informationsflut ermöglicht keine schärfere Wahrnehmung der Wirklich­keit, keine vernünftigere Bewertung des Erkannten und schon gar nicht ein zweck­mässigeres, d. h. sinnvolles Handeln. Die modernen Informationen repräsentieren Tatsachen ohne Sinn, Wissen ohne exi­stentiellen Rückbezug auf den Men­schen. Dieses Wissen wird zum Mittel, zum Instrument für Zwecke, die es nicht mehr reflektiert. Ein solchermassen in­strumentelles Wissen schafft Erkenntnis­se, die im Blick auf ihre Ziele ambivalent bleiben.

Diese Erkenntnisse werden nicht mehr verstanden in ihrer Bedeutung für die Stellung des Menschen im Kosmos; ihre partikular objektive Richtigkeit erschliesst nicht mehr die Wahrheit, die mehr ist als die Summe aller Faktenkenntnisse. So ist die Atom-Physik ein Beispiel dieses rechnenden Denkens, die Atom-Energie ein Beispiel der durch dieses Wissen freigesetzten neuen Macht, und die Atom-Bombe ein Beispiel der sich aus dieser Macht ergebenden Gefährdung. Welche Bedeutung dies alles für unser Leben in Gegenwart und Zukunft wirklich hat, bleibt weithin dunkel, denn die abstrakte Atom-Physik hat längst den Bezug zu unserer Lebenswelt verloren, die Atom-Energie erlaubt Lebensstile, die nicht zukunftsfähig sind, und die Atom-Bombe ist Ausdruck einer möglichen Leben bedrohenden Grosskatastrophe, die zu denken ausserhalb unserer Alltagswahrnehmungen liegt.

Was wir bräuchten, um der selbst geschaffenen Unübersichtlichkeit mit ihren Leben zerstörenden Tendenzen zu entkommen, ist ein Wissen, das dem prinzipiell begrenzten menschlichen Denkhorizont angepasst ist. Es geht also um ein Wissen, das wirklich verstanden wird. Nur solch ein Wissen führt nicht zu individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen. Es wäre ein irrtumsfreundliches Wissen, das offen bleibt für zukunftsfähige Lebensstile.

Die sich immer rascher beschleunigende Wissensflut wird sich jedoch nicht eindämmen lassen, wohl aber können wir versuchen, sie sinnvoller, also Leben dienlicher, zu gebrauchen. Das soll mit dem hier vorgestellten „Haus des Verstehens“ unterstützt werden.

„Das Haus des Verstehens“ stellt sich der Aufgabe, in didaktisch-methodischer Weise in das Wissenschaos Ordnung zu bringen. Ein solcher Anspruch ist anmassend. Er kann nur misslingen, wenn nicht sogleich Einschränkungen vorgenommen werden. Mit dem bereits formulierten Hinweis, dem Leben dienliches Wissen zu ordnen, ist die Richtung der notwendigen Einschränkung angezeigt. Es geht nicht um die enzyklopädische Ordnung von Wissen überhaupt, sondern um ein Wissen, das, wenn es verstanden wird, hilfreich ist, Leben zu schützen, zu fördern und zu erheben. Kurz, und hier noch jedem Missverständnis ausgesetzt, es geht um Emporbildung durch besinnendes Denken, das dann zu vernünftigem Handeln führt.

Damit ist das erkenntnisleitende Interesse formuliert, das den Angeboten des „Hauses des Verstehens“ zugrunde liegt: Es ist das Interesse an Aufklärung, es ist ein recht verstandenes emanzipatorisches Erkenntnisinteresse. Solche emanzipatorischen Aufklärungsprozesse sind nichts Neues. Im Gegenteil: Für Viele heute gelten sie als überholt, wenn nicht sogar als gescheitert. Es wird also auch zu klären sein, wie und mit welchen Gründen hier am Projekt Aufklärung insoweit festgehalten wird, als der Prozess der Aufklärung als noch nicht abgeschlossen betrachtet wird. Wahrscheinlich ist er aus anthropologischen Gründen prinzipiell nicht abschliessbar. Auch darüber wird nachzudenken sein.

Im mehrperspektivischen Wahrnehmen und durch die Schulung eines integralen Blickes soll es darum gehen, ein besinnendes Denken, ein vernünftiges Denken zuzulassen, um aus dem weiterhin nur krankmachenden Krisenmanagement des bloss rechnenden Denkens, der heute vorherrschenden lebensfeindlichen Rationalität, heraus zu finden. Es geht also um nichts Geringeres als die gemeinsame Suchbewegung nach zukunftsfähigen Lebensstilen für eine befriedetere und gerechtere Welt.

Das theoretische Konzept selbst, hinter dem alle Aussagen versammelt werden, trägt den einschüchternden akademischen Titel: „Metaphysisch offene integrierende Pädagogische  Anthropologie“. Was das im einzelnen bedeutet, wird im „Haus des Verstehens“ erörtert werden.

Hier nur schon dieses: Es geht um ein Verstehen dessen, wer oder was der Mensch sei ( „Anthropologie“ ; anthropos – der Mensch; Anthropologie – Lehre vom Menschen ). Zu diesem Verstehen gehört die Einsicht, dass wir Menschen geschichtlich immer unterwegs sind, als Gattung wie auch als Einzelwesen. Wir durchlaufen also kollektive und individuelle Bildungsprozesse ( deshalb: „Pädagogische“ Anthropologie; Pädagoge – der „Knabenführer“, der Kindererzieher ). Aus dieser Geschichte heraus sind dann unterschiedliche, sich zum Teil radikal widersprechende Entwürfe vom Menschen entstanden. Diese Vielzahl der Bilder vom Menschen waren und sind der tiefere Grund für die Kette der nicht enden wollenden Auseinandersetzungen, Kämpfe und Kriege, von denen die Geschichtsbücher Kunde geben. Lassen sich diese widersprüchlichen Menschenbilder auf ihre innere Struktur hin durchschauen und in ihrer Genese und Geltung so zuordnen, dass ein neues umgreifendes Verständnis vom Menschen möglich wird ( „integrierende“ Pädagogische Anthropologie; integrieren – die unterschiedlichen Entwürfe vom Menschen in ein übergeordnetes Ganzes aufnehmen )? Bei solchen Integrationsversuchen scheitert man immer wieder an den metaphysischen Entwürfen von Welt, Mensch und Gott. Geoffenbarte Wahrheiten sich absolut setzender Konfessionen führen statt zum Frieden nur zum Krieg.  Gibt es, jenseits theozentrischer Deutungen, innerweltlich, anthropozentrisch, eine Vereinigungswahrheit, aus der heraus religiös-fundamentalistisches Denken und Handeln überwunden werden kann ( „metaphysisch offene“ integrierende Pädagogische Anthropologie; metaphysisch – jede mögliche innerweltliche Erfahrung überschreitend; metaphysisch offen: solche Erfahrung überschreitende Aussagen als blosse Deutungen offen lassend )?

Im Bemühen, auf diese anspruchsvolle Problematik eine tragfähige Lösung zu finden, haben wir uns gefragt, was müssen wir wissen, um ein gelingendes Leben führen zu können? Dabei gelangten wir zu der Einsicht, dass es kulturübergreifend subjektive Interessenfelder gibt auf die hin Menschen in ihrer je konkreten Geschichte objektive Kulturbereiche entworfen haben.

Die Welten

der Wirtschaft,

der Politik,

des Rechtes,

der Wissenschaften,

der Künste,

der philosophischen Reflexionen und

der religiösen Gehäuse werden immer komplexer, ohne dass der Sinn dieser Kulturobjektivationen für den Bildungsprozess des einzelnen oder gan­zer Gruppen anschaulich wird. Es fehlt an verstehendem Wissen als Fähigkeit, den Sinn von Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Kunst, Philosophie und Religion zu erfahren.

Fragen wir danach, was uns als Person interessiert, was uns bedeutsam er­scheint in je konkreten Situationen, dann lassen sich zu den soeben genannten Kulturobjektivationen die subjektiven Bedürfnisse ausmachen.

Wir haben da­von auszugehen, dass Menschen sich im Daseinshorizont konfrontiert sehen von fundamentalen Erfahrungen des Man­gels, des Schmerzes und der Gefahr. Wir erleben unseren Daseinsbereich mithin als ein Gehäuse, in dem wir entweder ge­borgen sind oder in dem wir unbehaust grenzenlosen Gefährdungen ausgesetzt sind. In diesem durch eigene Erfahrungen erkundeten Daseinsbereich, in dem wir die Welt nicht nur passiv erleiden, son­dern als handelnde Person uns dieses Dasein immer auch selbst ermöglichen müssen, wird es für uns bedeutsam, Mangel, Schmerz und Gefahr zu über­winden. Insofern erscheinen uns die Grundthemen des ökonomischen Inter­esses: Ernährung, Bekleidung, Behau­sung. Das Motiv dieses spezifisch ökono­mischen Interesses ist das Streben so­wohl der individuellen als auch der kollek­tiven Existenz nach Selbstbehauptung. Wirtschaft soll das sicherstellen.

Ausser diesem ökonomischen Interesse ist uns aus der Erfahrung anderer Gefähr­dungen des Daseins die Möglichkeit der Abwehr von Feinden bedeutsam. Ur­sprünglich auch ein individuelles Interes­se, ist es seit langem auch ein kollektives Interesse der Gruppen, Staaten, Macht­blöcke, bei dem es um ein Höchstmaß an Sicherheit geht, d. h. darum, die jeweilige kollektive Existenz vor möglichen sinn­widrigen Einbrüchen von aussen her zu schützen. Das ist ein spezifisch politisches Interes­se. Insgesamt soll Politik insbesondere diese Sicherheit nach aussen gewährleisten.

In der Beziehung des einzelnen zu an­deren, verfassungsrechtlich zur Gruppe als solcher ist uns gegenüber einer Viel­falt von Nachteilen, Übervorteilungen, Gefährdungen bedeutsam, uns im Rah­men von Rechtsordnungen zu sichern  mit dem Ziel, den rechtlosen Zustand des Krieges aller ge­gen alle im Sinne der bedingungslosen Selbstbehauptung des einzelnen zu überwinden: rechtliches Interesse. Das positiv gesetzte Recht übernimmt diese Aufgabe.

Der in seinem Streben nach Selbst­behauptung im Bereich vielfältiger Ge­fährdungen beunruhigte einzelne fragt ‑ erregt durch die Vielfalt möglicher Deu­tungen von Natur, Geschichte und Men­schen ‑ was ist wahr, was ist eine in der Sache zutreffende Erkenntnis. Angesichts der Möglichkeit von Täu­schungen und Irrtümern, der Vielfalt der Aspekte und der Wandlungen fundamen­taler Auffassungsweisen, unter denen wir erkennen und in denen die Geschicht­lichkeit aller Erkenntnisse als bedeutende Zugriffe des Menschen verständlich wer­den, sind die Fragen nach „Wahrheit“ und „Richtigkeit“ be­deutsam. Es ist das spezifisch theoretische Interesse, das hier wirksam wird und in den Wissenschaften seinen Ausdruck fand und findet.

Neben dem ökonomischen, politischen, dem rechtlichen und dem theoretischen Interesse ist ein spezifisch ästhetisches Interesse zu beschreiben. Trotz des Wandels aller sog. Kunststile gibt es den gleichbleibenden Versuch, mit Hilfe der Sprache, Musik, Malerei, Baukunst usw. gültige Formulierungen des Selbstver­ständnisses des Menschen zu entwer­fen unter der Fragestellung, was ist „schön“, was ist „hässlich“? Es sind die Künste, die hier Antwort geben.

In Fortführung der Frage nach der Wahr­heit und der Schönheit erscheint uns die andere Frage be­deutsam: Was ist edel, was ist gemein? Was ist ‑ fern aller blossen Ideologien, fern von autoritären Geboten, fern von schein­barer Selbstverständlichkeit – nicht nur in den zwi­schenmenschlichen Beziehungen ein­deutig und verbindlich „gut“? Welche Maße gelten dafür? Wie sind diese Maße zu begründen? Auch diese Grundfragen des spezifisch philosophisch-ethischen Interesses durchziehen die Geschichte des Men­schen, und ihre Antworten sind nicht mehr im Zusammenhang des instrumen­tellen Wissens zu entwerfen. Das ethische Interesse stellt nach dem Zusammenbruch der metaphysischen Systeme die schwer zu beantwortende Frage: Gibt es auf Erden ein verbindliches, universal gültiges Maß? Es ist die Philosophie, mit deren Hilfe wir hier nach Antworten suchen.

Der in Erfahrungen von Mangel, Schmerz und Gefahr bestimmte, aus diesen Erfah­rungen heraus vom Streben nach Selbst­behauptung motivierte einzelne wird ‑ überall in der Welt ‑ dessen inne, dass er in radikaler Weise immer gefährdet bleibt, letztlich durch den Tod. Deshalb wird auch die Frage bedeutsam: Gibt es ‑ wenn nicht in der Welt, so vielleicht über­weltlich, metaphysisch ‑ Sicherheiten gegen den Tod, gegen alle Undurchdring­lichkeiten, Rätsel, Fragwürdigkeiten, Grundlosigkeiten des Daseins? Das religiöse Interesse wird wirksam. Alle gro­ssen Religionen, viele der geschichtli­chen Mythologien versuchten auf diese Fragen des in seiner Selbstsorge ruhelo­sen Menschen zu antworten.

Dieses spe­zifisch religiöse Interesse erscheint in ei­nem doppelten Bezug. Einmal bleibt es motiviert im Streben nach Selbstbehaup­tung. Der Bezug religiöser Art auf über­weltliche Realisation erlaubt dann, die metaphysischen Ansprüche zu akzeptie­ren, um der Überwindung der Angst wil­len. Religion wird dann missbraucht zur Sanktionierung von Herrschaft, Macht und Geltung. Die Befreiung des Menschen von seinem Streben nach Selbstbehauptung bleibt eine scheinbare, das Motiv dieser Befreiung bleibt die Selbstsorge.

Zum anderen kann das reli­giöse Interesse motiviert sein im Spren­gen dieses Strebens nach Selbstbehaup­tung. Die Person vertraut sich ‑ in diesem Sprengen der Selbstbehauptung ‑ der neuartigen Wertgestimmtheit einer nicht mehr in der Selbstsorge motivierten Per­son‑Struktur an: der „Liebe“.

Hinter diesen radikal verschiedenartigen Auffassungen des religiösen Interesses steht eine radikale Veränderung des Menschen selbst.

Erst der solchermassen veränderte Mensch erfährt in seinem Bildungsprozess jenen Sinn, aus dem heraus es ihm möglich wird, vernünftig Ökonomie und Politik zu treiben, Recht an die Idee der Gerechtigkeit zu binden, Wissenschaft um der Wahrheit willen fortzuschreiben, Kunst, Philosophie und Religion für ein zukunftsfähiges und darin heute schon sinnvolles Leben zu binden.M. a. W.: Erst aus den Erfahrungen des ethisch-religiösen Dialogs heraus wird es dem Menschen möglich, das allein in der Selbstsorge motivierte instrumentelle Wissen zu überschreiten. Erst dem solchermassen veränderten Menschen erschliesst sich das verstehende Wissen, das wieder Formen der „Weisheit“ annimmt. Erkenntnis wird aus dem Ursprung der „Liebe“ heraus gewonnen; solche Erkenntnis ist sinnhaft auf den Menschen bezogen. Diese Erkenntnis, die zu verstehendem Wissen führt, wird nicht Ursprung für individuelle Miseren und kollektive Katastrophen.

Wohlgemerkt: Es wird darum gehen zu zeigen, dass diesseits der Aufklärung eine anthropozentrische Antwort auf die Frage einer existenztragenden Auslegung von Mensch, Welt und Gott gegeben werden kann. Der ethisch-religiöse Dialog meint nicht primär einen metaphysisch gegründeten Glauben an Gott, sondern  die innerweltlich mögliche Grunderfahrung einer Vereinigungswahrheit aller Menschen, die sich dann nicht länger ob ihrer dogmatischen Auslegungen in den Widerspruch zum Liebesgebot ihrer Konfessionen treiben lassen müssen.

Aus diesen Einsichten in die Struktur menschlicher Existenz ergibt sich nun der erste Ordnungsrahmen für unser „Haus des Verstehens“: Die soeben skizzierten subjektiven Interessen und die ihnen zuzuordnenden Kulturobjektivationen ergeben eine vertikale Gliederung, die für ein ganzheitliches Verstehen von Einzelphänomenen nur um den Preis reduktionistischer Erkenntnis hintergangen werden kann.

Überprüfen wir unseren theoretischen Ertrag an einem konkreten Beispiel.

Wir wollen verstehen, was eine „Wiese“ ist. Im mehrperspektivischen Wahrnehmen der entfalteten Interessenfelder ergibt sich diese besinnende Denkbewegung:

Ökonomische Betrachtungsweise:

In den Blick kommt der Marktwert der Wiese, ihr monetärer Preis: Was kostet sie? Für den Bodenmakler beispielsweise ist sie ein Grundstück, mit dem er spekuliert, um später erhöhte Gewinne zu erzielen.

Politische Betrachtungsweise:

Unter diesem Aspekt erscheint die Wiese als verfügbare Masse im politischen Poker um ihre Nutzung. Sie wird beispielsweise zum Zankapfel der Parteien im Stadtrat; die einen wollen sie als stadtnahe Grünzone erhalten, die anderen in den Bebauungsplan aufnehmen und damit zerstören. Wer hat die grösste Macht, über die Wiese zu verfügen?

Sozial-rechtliche Betrachtungsweise:

Die Wiese erscheint unter den Bedingungen von Besitz und Eigentum. So kann sie beispielsweise Thema bei Erbstreitigkeiten werden: Wem gehört sie?

Theoretische Betrachtungsweise:

Die Wiese wird Gegenstand, wird Objekt der Forschung .

Unter physikalischen Gesichtspunkten ist die Wiese ein kosmischer Reigen von Teilchen und Austauschteilchen. Unter kybernetischen Gesichtspunkten ist die Wiese ein vernetztes System, das seinerseits in eine umfassendere Vernetzung integriert ist. Das schliesst die biologischen Einsichten in Bodenbeschaffenheit, Pflanzenbewuchs, Tierpopulation und ökologische Kreisläufe ein. Unter biologisch-darwinistischer Sicht ist die Wiese ein Schlachtfeld: Die Natur kämpft hier ihren erbarmungslosen „Kampf ums Dasein“.

Die ästhetische Betrachtungsweise:

Die Wiese wird Thema der Kunst, Albrecht Dürer beispielsweise malt das „Kleine Rasenstück“. Was ist das Naturschöne an ihm? Was macht das Bild von der Wiese sichtbar, das wir ohne die künstlerische Gestaltung nicht wahrnahmen?

Die ethische Betrachtungsweise:

Die Wiese spricht uns an und fragt ethisch: Wie soll ich Mensch mit ihr umgehen, sie vernichten, indem ich sie zubetoniere oder hegen und pflegen, indem ich sie in ihrem Eigenrecht belasse?

Die religiöse Betrachtungsweise:

Unabhängig von jeder konfessionellen Religiosität bleibt die anthropologische Einsicht, dass kein Mensch eine Wiese „gemacht“ hat, keine Blume, kein Grashalm, kein Käfer und kein Wurm sind das Produkt menschlicher Leistungen. Welchen, jeden Materialismus überschreitenden, Raum eröffnet diese Einsicht? Erfahren wir hier ein heiteres Entsagen vom nachstellenden Machtwillen des neuzeitlichen Herren und Besitzers der Natur?

Was nun ist die Wiese?

Die Summe aller hier genannten Aspekte? Mindestens dies gilt: Wer willkürlich nur einen dieser Aspekte in seinem Erkennen zulässt, reduziert das Wiese-Sein in gefährlicher Weise. Indem er sie beispielsweise nur ökonomisch erkennt, vernichtet er sie, ohne Skrupel zu empfinden. Der hier geforderte integrale Blick erschwert solches Vernichtungsdenken und eröffnet sogleich Zukunftsräume einer naturverträglicheren Lebensweise.

Und dennoch bleibt auch dies: Was die Wiese in ihrem An-Sich-Sein ist, das müssen wir Menschen unerkannt liegen lassen. Wir können das An-Sich-Sein der Dinge, ihr Wesen, prinzipiell nicht erkennen. Was das Wesen der Natur, des Menschen, der Geschichte ist – wir wissen es nicht!  Das sollte uns bescheidener, vorsichtiger, demütiger sein lassen im Umgang mit der Natur, mit uns selbst und mit den Mitmenschen überall auf der Welt, mit unserer Geschichte und unseren Geschichten. Insofern wäre ein tautologisches Reden angemessener: Eine Wiese ist eine Wiese. Punkt. Auf diese Weise können wir das Phänomen „Wiese“ bei sich selbst lassen, es Sein-Lassen, ohne es durch unseren Willen zur Macht zu deformieren und schlussendlich gar zu zerstören.

Damit haben wir den ersten Ertrag, wie wir unübersichtliche Wissensbestände in eine ganzheitliche Ordnung bringen können, die erst besinnendes Denken möglich macht. Es ist die vertikale Gliederung der Dinge nach den subjektiven Interessen, die wir Menschen verfolgen, um unser Leben meistern zu können,  und es sind die aus diesen Interessen sich ergebenden Kulturobjektivationen:

Religion

Philosophie/Ethik

Kunst

Wissenschaft

Recht

Politik

Ökonomie.

Die vertikale Gliederung verweist auf einen weiteren Tatbestand, der für unser verstehendes Orientierungswissen von grosser Bedeutung ist. Sind die entfalteten Interessen in eine hierarchische Ordnung zu bringen? Oder gelten sie in der Rangordnung beliebig? In einer Zeit wie der unsrigen, in der die Dekonstruktionsorgien postmoderner Denker behaupten, jede Rangordnung als autoritäre Fremdbestimmung entlarvt zu haben, können die Interessen nicht in eine hierarchische Ordnung gebracht werden. Im Gegenteil. Sie können bestenfalls nur parataktisch, also unverbindlich und willkürlich nebeneinander gestellt werden:

Politik – Wissenschaft – Philosophie/Ethik - Recht – Kunst – Religion – Ökonomie.

Das war jedoch nicht immer so. Ein Blick beispielsweise in die mittelalterliche Kultur belehrt uns, dass dort in idealtypischer Weise die subjektiven Interessen mit ihren Kulturobjektivationen als Aufgaben begriffen wurden, die den damals herrschenden Ständen gleichsam arbeitsteilig zur Lösung übertragen wurden. Und genau in dieser Ständeordnung spiegelt sich die damals geltende hierarchische Ordnung.

Also: Die Kultur des Mittelalters war ständisch geordnet ( mittelalterliche Ständeordnung ). Die einzelnen drei Stände – der geistliche Adel, der weltliche Adel und die Bürger und Bauern – tragen das Ganze dieser mittelalterlichen Kultur. Sie haben darin spezifische Ämter und Verantwortlichkeiten, so dass das Ganze lebensfähig ist. Diese Stände sind dafür verantwortlich, je eines der wesentlichen Grundanliegen des menschlichen Daseins, also der Interessenfelder, zu meistern. Der Stand der Bürger und Bauern ist zuständig für Ernährung, Bekleidung, Behausung. Der Stand des weltlichen Adels ist zuständig für die Rechtsordnung nach innen und für den Schutz vor Feinden von aussen. Der geistliche Stand ist zuständig für die Lösung der Fragen nach Tod und Gott, nach dem Sinn unserer Existenz. Je einer dieser Stände wird also verantwortlich gemacht, für sich selbst und zugleich für die beiden anderen Stände die Haupt-Themen der menschlichen Existenz zu bewältigen.

Diese Haupt-Themen der menschlichen Existenz sind in jeder Kultur zu meistern. Die Unterschiede in den weltgeschichtlichen Kulturen ergeben sich nicht zuletzt dadurch, dass diese Meisterung  immer wieder andersartig aufgefasst und bewältigt wurde und wird.

Im europäischen Mittelalter war die Kultur katholisch bestimmt. Und damit war die hierarchische Ordnung gesetzt: Der geistliche Adel war der ranghöchste Stand, es folgten der weltliche Adel und dann erst kam der dritte Stand der Bürger und Bauern. Und auch innerhalb der Stände gab es eine deutliche hierarchische Ordnung. So gliederte sich der geistliche Adel vom Stellvertreter Christi auf Erden, der auf dem Stuhle Petri sitzt, bis hinunter zu den letzten Bettelmönchen.

Die Hierarchie der Interesssenfelder spiegelt diesen katholischen Ordo-Gedanken, der metaphysisch legitimiert wurde durch die Offenbarungstheologie des Katholizismus:

Religion

Philosophie/Ethik

Kunst

Wissenschaft

Recht

Politik

Ökonomie.

Dass diese idealtypische Ordnung pervertiert wurde, dass keineswegs die ranghöheren Stände fürsorglich den nachgeordneten Ständen gegenüber zu diensten waren, dass geistlicher und weltlicher Adel mit allen Mitteln um den machtpolitischen Vorrang kämpften, dass der dritte Stand schliesslich ausgebeutetes Opfer blieb – dies alles wissen wir aus der Geschichte. So wurde die Metaphysik des Mittelalters unglaubwürdig. Man begann, sich von der Autorität der Kirche und der Höfe zu befreien.

Es kam zur europäischen Aufklärung.

Die theozentrische Deutung von Mensch, Welt und Gott wurde von einer anthropozentrischen abgelöst, bis sich in der Französischen Revolution der dritte Stand erhob und von der Heteronomie der beiden ersten Stände befreite.

Mit dieser Emanzipation des dritten Standes von den beiden ersten war, anthropologisch, auch die Übernahme aller Haupt-Themen der Interessenfelder eben durch den neuen autonom gewordenen Bürger gegeben. Was im Mittelalter gleichsam noch arbeitsteilig auf drei Stände verteilt war, musste nun von jedem einzelnen Bürger geleistet werden. Statt Theokratie kam es, nach wechselvollen Zwischenstufen, zur Demokratie. Aufklärung hatte zu sein, wie Kant urteilte, der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Nun, dass sich der autonom gewordene einzelne in der neu geschaffenen Demokratie seiner uralten Themen annahm, war selbstverständlich: Er meisterte fortan weiterhin die eine Haupt-Aufgabe menschlicher Existenz, die ökonomische Daseinssicherung. Schon schwerer tat er sich mit der Übernahme der zweiten Haupt-Aufgabe, der Bewältigung der Rechtssicherheit nach innen und der Abwehr von Feinden nach aussen. Dieser Prozess der politischen Emanzipation dauerte ungleich länger. Ganz problematisch aber wurde es hinsichtlich der dritten Haupt-Aufgabe: Die von der metaphysischen Deutung befreite Lösung der Themen Tod und Gott misslang gründlich; wenn wir recht sehen, bis heute.

Bereits Johann Heinrich Pestalozzi sah deutlich, dass die rechtlich-politische Befreiung des Menschen von der Heteronomie des weltlichen und geistlichen Adels keine wirkliche Humanisierung der Menschen und der Gesellschaft mit sich bringt, solange der sich emanzipierende Bürger nicht auch einen neuen Adel angeeignet hat. Unter neuem Adel verstand Pestalozzi die Hereinnahme ethisch verbindlicher Imperative in die Personstruktur jedes einzelnen. Es ging und geht also nicht um die Rehabilitierung des alten Stände-Adels, wohl aber um die Implementierung eines existenztragenden neuen Geistes-Adels.

Wenn diese Emporbildung misslingt, dann misslingen auch alle Versuche, eine befriedetere und gerechtere Gesellschaft aufzubauen. Kurz: Die geistige Substanz des alten Adels, die dieser selbst sträflich verraten hatte, ist innerweltlich erfahrbar zu machen, damit der nun zur Herrschaft gelangte Bürger nicht seinerseits Ursprung individueller Miseren und kollektiver Prozesse wird. Auch hier wissen wir aus der Geschichte: Der emanzipierte Bürger scheiterte vor dieser Aufgabe. Kaum war er zu Macht und Herrschaft gelangt, schuf er sich seinerseits als Herr Knechte; er liess den vierten Stand des Proletariats zu, weil er nicht bereit und fähig war, vernunftgeleitete Solidarität zu üben. Die schmerzliche Geschichte der Emanzipation dieses Proletariats ist bekannt.

Und heute?

Leben wir inmitten unserer formalen Demokratie aus dem Geist der ethischen Tradition des alten Adels? Erfahren wir das durch Aufklärung von den Dogmen der alten Metaphysik gereinigte Liebesgebot? Berechtigte Zweifel sind angebracht. Dass einige daraus den Schluss ziehen, die Aufklärung insgesamt sei gescheitert, ist ein voreiliges und nicht zu haltendes Urteil. Gescheitert ist nicht die geistige Substanz der Aufklärung. Wohl aber die Menschen an ihr. Das hat auch pädagogische Gründe, über die im „Haus des Verstehens“ an anderer Stelle zu sprechen sein wird.

Auch hier nur schon soviel: Der Vernunft-Begriff der ursprünglichen Aufklärung war noch rückgebunden an eine universalisierbare ethische Norm: Vernunft vernimmt, was sein soll. Bald aber verrät sich die Aufklärung selbst, indem sie den Vernunftbegriff halbiert und nur noch in Form des blossen Verstandes wirksam sein lässt. Der Verstand verabschiedet sich aber von der normativen Dimension der ursprünglichen ganzheitlich gedachten Vernunft und kann nur noch angeben, was richtig bzw. falsch ist. Richtigkeit und Falschheit können aber prinzipiell nicht darüber entscheiden, was „gut“ bzw. „böse“ ist und ob etwas auch sein soll.

In der nun folgenden Kulturgeschichte der westlichen Welt verschwindet die Dimension des Normativen zunehmend, bis sie im Horizont postmoderner Denker nicht nur in Nichts aufgelöst wird, sondern darüber hinaus noch verdächtigt wird, autoritär zu sein.

Dass sich eine Person freiwillig und fröhlich an ein Unbedingtes binden können soll, ist solchem Denken nicht nur fremd, sondern auch noch tief verdächtig. Wer die ethische Substanz des alten Adels, wie sie humanistisch im altgriechischen Denken und christlich im mittelalterlichen Glauben ihren theoretischen Ausdruck fand, heute, metaphysikfrei, rehabilitieren möchte, dem hält man entgegen, er hinge unrealistischen Ideen nach, er missverstehe die Natur des Menschen.

So ist es für unser verstehendes Wissen jetzt angezeigt, eben über diese Natur des Menschen nachzudenken. Diese Nachdenken führte uns zu dem, was wir den

anthropologischen Dreischritt eines ganzheitlichen Verständnisses vom Menschen genannt haben.

Wie bei den subjektiven Interessenfeldern mit ihren korrespondierenden Kulturobjektvationen fanden wir im Versuch, das Menschsein zu verstehen, anthropologische Konstanten, die in allen grossen Kulturepochen nachweisbar sind.  Wo immer und wann immer Menschen lebten und leben, lässt sich nachweisen, dass sie sich in dreifacher Weise interpretierten, als Werk der Natur, als Werk der Gesellschaft, und der Möglichkeit nach auch noch als ein Werk ihrer selbst. Es gibt also eine anthropo-biologische, eine historisch-soziologische und eine eigentlich menschliche Betrachtungsweise, die als eine näher zu bestimmende geistige Substanz zu begreifen ist.

In anthropo-biologischer Hinsicht kommt die leibliche Naturausstattung in den Blick. Der Mensch erscheint unter dieser Wahrnehmungsperspektive als ein „Werk der Natur“. Anlagebedingte Faktoren wie Geschlecht, Körperbau, Vitalität verstanden als psycho-physisch neutrale Lebensenergie, eine in der Leiblichkeit unterschiedlich fest strukturierte Sinnlichkeit und die unterschiedliche Ausstattung mit intellektuellen Potentialen, Begabungen, sind hier den Menschen bestimmende Grössen.

In historisch-soziologischer Hinsicht erscheint der Mensch als das Produkt seiner Vergesellschaftung, seiner Sozialisation. Wann und wo fand sein Bildungsprozess statt, welche Sprache, welche Sitten, Gebräuche, welche Rollenvorgaben haben ihn da geprägt? In dieser Wahrnehmungsperspektive ist der Mensch ein „Werk der Gesellschaft“.

Bliebe der Mensch in seinem Bildungsprozess nur Werk der Natur und Werk der Gesellschaft, dann wäre er nur der Reflex auf seine Leiblichkeit und Gesellschaftlichkeit.

Der subjektive Faktor mit eigenverantwortlicher Entscheidungskompetenz, die gelegentlich eben auch ihr Nein gegen die Antriebe der Natur und die Forderungen der Gesellschaft formulieren kann, bliebe unberücksichtigt. Der Mensch ist aber mehr als Natur und Gesellschaft imstande sind aus ihm zu machen. Interpretiert er sich nur im Aspekt des Werkes der Natur, dann formuliert er ein naturalistisches Menschenbild, interpretiert er sich nur im Aspekt des Werkes der Gesellschaft, dann formuliert er eine der Variationen der positivistischen Menschenbilder. In der eigentlich menschlichen Betrachtungsweise erscheint der Mensch noch der Möglichkeit nach als ein „Werk seiner selbst“, aus dem heraus er eine „Freiheit der Person“ erfährt, die es ihm erlaubt, in vernunftgeleiteter Solidarität zukunftsfähig zu leben.

So gehört also zur Natur des Menschen dieses Dreifache: Leiblichkeit, Gesellschaftlichkeit und eine geistige dritte Dimension, die wir im „Haus des Verstehens“ mit Sorgfalt inhaltlich bestimmen werden.

Mit den Interessenfeldern und ihren Kulturobjektivationen und mit dem soeben skizzierten anthropologischen Dreischritt haben wir jetzt Kriterien an der Hand, die uns helfen können, die Informationsflut so zu ordnen, dass wir zu einem verstehenden Wissen kommen können im Blick auf ein gelingendes und darin zukunftsfähiges Leben.

Die materialen Auslegungen der aus den subjektiven Interessen sich heraus entwickelten Kulturobjektivationen von Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Kunst, Philosophie und Religion unterliegen nun ihrerseits der Geschichtlichkeit.

Prämoderne, moderne, postmoderne und neomoderne Horizonte solcher Auslegungen lassen sich unterscheiden.

Prämoderne verweist auf die Auslegung von Mensch, Welt und Gott im  magischen, mythischen, metaphysischen, auch offenbarungstheologischen Denken. Sobald diese Auslegungen der Skepsis ausgesetzt werden, verlieren sie ihre Legitimation.

Im Versuch, die ethische Substanz prämodernen Denkens im Begriff der „Vernunft“ zu retten, ohne die metaphysischen Deutungen weiterhin zu übernehmen, tritt man aufklärend in die Moderne ein.

Bisher war diese Moderne jedoch nur wenig erfolgreich. Statt der einen verbindliche „Vernunft“ mit ihrem Anspruch auf universale Geltung, findet man sich wieder einerseits in einer Kritik am Vernunft-Begriff als Ausdruck autoritärer Haltung, andererseits erscheint diese Vernunft nur noch in unverbindlicher Pluralität, anything goes, bis sie sich schliesslich nur noch als instrumenteller Verstand von ihrer normgebenden Kraft verabschiedet hat. Wir befinden uns dann in der Postmoderne.

Postmodernes Denken ist aber angesichts seines Lobes der Pluralität kein Damm gegen die überall zu beschreibenden individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen. Wollen wir eine gelingende Zukunft ermöglichen, dann haben wir eine neue Verbindlichkeit in unserem Denken und Handeln zu wagen. Die Forderung nach einer zeitgemässen Neuformulierung universal geltender Normen erscheint als dringende Aufgabe am Horizont, also der Eintritt in eine neue kulturgeschichtliche Phase, der wir den Namen Neomoderne gegeben haben.

Damit bietet unser „Haus des Verstehens“ diesen kategorialen Gliederungsrahmen, damit das gesuchte besinnende Denken gefördert werden kann:


I     : Prämoderne

I,1  : Religion

I,2  : Philosophie

I,3  : Ästhetik

I,4  : Wissenschaft

I,5  : Recht

I,6  : Politik

I,7  : Ökonomie



II     : Moderne

II,1  : Religion

II,2  : Philosophie

II,3  : Ästhetik

II,4  : Wissenschaft

II,5  : Recht

II,6  : Politik

II,7  : Ökonomie



III     : Postmoderne

III,1  : Religion

III,2  : Philosophie

III,3  : Ästhetik

III,4  : Wissenschaft

III,5  : Recht

III,6  : Politik

III,7  : Ökonomie


IV :   : Neomoderne

IV,1  : Religion

IV,2  : Philosophie

IV,3  : Ästhetik

IV,4  : Wissenschaft

IV,5  : Recht

IV,6  : Politik

IV,7  : Ökonomie


Quer zu diesem Gliederungsschema steht die vernetzte Orientierung der besinnenden Denkbewegung am Konzept des „anthropologischen Dreischrittes“:


A1 Die geistig-spirituelle Betrachtungsweise:

Der Mensch als „Werk seiner selbst“

A2 Die historisch-soziologische Betrachtungsweise:

Der Mensch als „Werk der Gesellschaft“

A3 Die anthropo-biologische Betrachtungsweise:

Der Mensch als „Werk der Natur“.


Nochmals und in aller Deutlichkeit:


Mit dem „Haus des Verstehens“ wird der Versuch gemacht, ein existentielles Verstehen von Mensch, Welt und „Gott“ anzubieten, wie es sich im Laufe von Jahrzehnten im besinnenden Denkprozess eines Mitbürgers und seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter herausgebildet hat. Es beansprucht in gar keiner Weise für andere wahr zu sein. Es ist lediglich ein Angebot, einen möglichen integralen Blick auf unsere Zeit zu werfen, gespiegelt im Temperament einiger Weniger.


Peter Kern

Zürich, im Dezember 2010






 


Zufällig ausgewählte Glosse

Aus der fröhlichen Apokalypse Hermann Brochs ist ein trauriger Untergang geworden.