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Frühling der Barbaren

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Das Motto ist lang, es nimmt eine halbe Druckseite ein; der Haupttext dagegen ist vergleichsweise kurz: Atemlos las ich die 125 Seiten der raffiniert und klug komponierten Debüt-Novelle von Jonas Lüscher: „Frühling der Barbaren“.

Das Buch ist ein Lehrstück über die Zerbrechlichkeit unserer Zivilisation.

Der Plot ist rasch notiert: Der Schweizer Fabrikerbe Preisig gerät auf einer Geschäftsreise nach Tunesien hinein in die maßlosen Hochzeitsvorbereitungen superreicher junger Engländer aus der Londoner Finanzwelt.

Geld spielt keine Rolle, wiewohl es die größte Rolle spielt.

Im ausschweifenden Tanz ums goldene Kalb überhört man die Signale des Zusammenbruchs. Das britische Pfund stürzt ab, kurz darauf ist England bankrott. Von einem Tag auf den anderen fällt die Hochzeitsgesellschaft, mittelos geworden, aus ihrer ausschweifenden Zivilisation in die Barbarei. Das Luxushotel inmitten der tunesischen Wüste wird zum Sinnbild der moralischen Wüste.

Das Motto am Anfang der Novelle, das vom Kulturhistoriker und Soziologen Franz Borkenau stammt,  belehrt uns: Die Barbarei „ist ein Zustand, in dem viele der Werte der Hochkultur vorhanden sind, aber ohne die gesellschaftliche und moralische Kohärenz, die eine Vorbedingung für das rationale Funktionieren einer Kultur ist“.

Wohin das Fehlen der gesellschaftlichen und moralischen Kohärenz konkret führt, veranschaulichen in der Novelle einprägsame Bilder und Szenen. Der dünne Firnis der Zivilisation reißt rasch und überall.

Endet alles im endgültigen Untergang?

Jonas Lüscher möchte seine Novelle so nicht verstanden wissen. Er sieht, wie es das Motto von Franz Borkenau nahelegt, in der hereingebrochenen Barbarei einen schöpferischen Prozess. „Wenn der Gesamtzusammenhang einer Kultur einmal zerbrochen ist, liegt der Weg offen für eine Erneuerung der Schöpferkraft.“

Die Gesamtperspektive der Novelle ist auf Hoffnung gestimmt. Sie kann als eine Parabel für die heute viel diskutierte Große Transformation gelesen werden.

Nach dem Zusammenbruch der alten Zivilisation, nach dem Zusammenbruch des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens könnten zwar Jahrhunderte „spiritueller und materieller Verarmung“ vor uns liegen mit „schrecklichen Leiden“. Und doch, so steht es im Motto: „Wir können sicher sein, dass die Früchte der Zivilisation und Kultur in irgendeiner Form überleben werden.“

Woher kommt diese Sicherheit? Ich habe sie nicht.

Wer, wie Borkenau argumentiert und wie das Lüscher literarisch gestaltet, eine solche Hoffnung postuliert, der erreicht nicht das im Atomzeitalter notwendige Denkniveau. Vergessen wir nicht: Inmitten der Barbarei können wir uns seit Hiroshima und Nagasaki jederzeit das Zeitenende unserer Gattungsgeschichte bereiten. Wir leben in der Endzeit.

Auf die Barbarei muss kein Frühling folgen, jedenfalls keiner mit uns Menschen.

Dieser Einwand ändert nichts an dem Tatbestand, dass dem Debütanten Lüscher ein großartiges Buch gelungen ist. Es ist literarisch souverän, inhaltlich gehaltvoll und moralisch anspruchsvoll. Nach solchen Büchern sucht man heute lange.


Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren. C.H.Beck. München 2013 bereits in 4.Auflage.

Vgl. auch den TAGEBUCHEINTRAG „Die große Transformation“.

Franz Borkenau

 


Zufällig ausgewählte Glosse

Wenn von einer Frau die Verliebtheit des Mannes als verkitschte Geilheit wahrgenommen wird, haben wir es mit einer unglücklichen Feministin zu tun.