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Ausreden im Anthropozän








Es nervt. Wir reagieren aggressiv.

Wer will auch schon daran erinnert werden, dass unsere Lebensstile nicht zukunftsfähig sind: Zuviel Ressourcenverbrauch, zuviel Energieverbrauch. Der ökologische Fussabdruck zeigt unmissverständlich, dass wir masslos sind.

So genau wollen wir es gar nicht wissen.
Das halten wir nicht aus.

Wir gehen zum Gegenangriff über: Der Überbringer der unangenehmen Botschaft ist zu erschlagen. Seine Argumente müssen falsch sein, und flugs zaubern wir Gegenargumente aus dem Warenhaus der Theorien. Flotte Kurven und dünne Daten erteilen uns Absolution, während die seriöse Wissenschaft auf der Strecke bleibt.

Allen Verdrängungskünsten zum Trotz: Inzwischen kann man die Folgen unserer Masslosigkeit mit Händen greifen: Die Temperaturen steigen, das Eis der Pole schmilzt, die Küstenstädte der Welt sind bedroht, die Böden verdorren, die Wüste wächst, und unser Wetter wird immer mehr zum Unwetter: Stürme, Überschwemmungen, Erdrutsche.

Das alles hat einen harmlosen Namen: „Klimaveränderung“.

Und wieder beruhigen wir uns. So ist sie halt, die Natur. Klimawandel gab’s schon immer einmal. Man muss die Zeiträume nur gross genug fassen, dann kann man sehen, wie normal das heute so Unnormale ist.

In der Tat: Die Erdgeschichte ist nicht die Geschichte kuscheliger Klimaszenarien.

Was wir jedoch gern übersehen ist, dass es uns Menschen erst seit kurzem auf diesem Globus gibt. Bekannt ist der Tagesvergleich. Denken wir uns die Dauer der gesamten Erdgeschichte als einen Tag,  dann gibt es den Menschen in den letzten zwei Sekunden. Ebenso anschaulich ist eine andere Analogie: Das UNO-Gebäude in New York ist 40 Stockwerke hoch. Ein Stockwerk soll 100 Millionen Jahren der Erdgeschichte entsprechen. Dann finden wir im 38. Stockwerk Reptilien, im 39. Säuger, im 40. und letzten Stockwerk Affen. Auf dem Dach des Gebäudes liegt noch ein 500 Seiten dickes Buch. Dieses Buch steht für das gesamte Alter der Menschheit. Und die oberste Seite dieses Buches symbolisiert den Zeitraum seit Christi Geburt.

Wir lernen: Die meiste Zeit ist diese Erde ohne uns ausgekommen. Folglich konnten wir lange gar nicht in die evolutiven naturwüchsig ablaufenden Prozesse eingreifen. Das hat sich jedoch dramatisch geändert. Spätestens seit der industriellen Revolution um 1800 schuf sich die Menschheit mit Hilfe des berechnenden naturwissenschaftlichen Denkens und der dadurch möglich gewordenen technischen Konsequenzen Instrumente, mit denen massiv Einfluss auf die Lebensbedingungen unserer Erde genommen wird.

Britische Geologen fordern deshalb in einem Artikel in der Zeitschrift GSA Today, dass die Internationale Stratigrafische Kommission (ICS) ein neues Zeitalter mit dem Namen „Anthropozän“ einführen solle. Den Begriff hat der Meteorologe Paul Crutzen vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, der 1995 den Chemie-Nobelpreis für seine Entdeckung des Ozonlochs erhielt, schon seit einigen Jahren vorgeschlagen.

Mit dem Namen „Anthropozän“ für das neue Erdzeitalter will Crutzen darauf hinweisen, dass es seit dem Industriezeitalter der Mensch ( gr. anthropos ) ist, der die Erde auf globaler Ebene zunehmend beeinflusst. Diese Einschätzung gilt auch für die britischen Geologen. Sie verweisen unter anderem auf den Klimawandel insgesamt, auf die unübersehbaren geographischen Eingriffe durch Flussbegradigungen, Staudämme, sie listen die Einflussnahmen des Menschen durch die industrialisierte Landwirtschaft auf, sie erinnern an das damit einhergehende Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten, schliesslich vergessen sie auch nicht den anthropofugenen Einfluss auf die Lebensbedingungen auf unserem Globus durch die dramatisch ansteigende Weltbevölkerung. Auch die „Überbevölkerung“ ist ein Klimaproblem.

Hinter allem: Immer wieder exponentielle Wucherungsprozesse. Diese in ihren Konsequenzen für das Leben und Überleben auf unserer Erde zureichend zu bedenken, haben wir noch gar nicht gelernt. Eine Seerose wächst in einem Teich exponentiell. Heute eine Rose, morgen zwei, dann vier, acht, sechzehn, usw. Eines Tages ist der Teich halb voll. Wir vergleichen die seerosenfreie Fläche mit unserem Lebensraum und jubeln naiv: Wir haben ja noch die ganze andere Hälfte zum Leben. Nur, pardon, morgen ist unser Teich voller Seerosen, und unser Lebensraum ist mit einem Schlage futsch.

Das Erdzeitalter „Anthropozän“ scheint mental mit einem „Age of Stupid“ zu korrespondieren. „Das Zeitalter der Dummheit“ nennt Fanny Armstrong ihre Kinofiktion. Dort fragt sich der letzte Überlebende eines ultimativen Klima-Gaus im Jahr 2055, warum die Menschheit nicht das zum Überleben Notwendige gegen ein Problem unternommen hat, das schon seit Jahrzehnten bekannt war. Eine gute Frage, fürwahr. In unserer Bologna-gebeutelten neuen Wissenschaftswelt sucht kaum jemand darauf eine Antwort. Wie auch. Dort ist man immer noch erkrankt an der Hybris der Gegenwart: Permanenter Fortschritt, ungezügeltes Wachstum. Man treibt dort blind Erkenntnis ohne Liebe und kommt gerade deshalb nicht zur Besinnung.

Peter Kern


Literatur

Thomas Assheuer: Mutter Erde. Die Filme „The Age of  Stupid“ und „Tortuga“ wollen den Planeten retten, in: DIE ZEIT, Nr.40, 2009, S.63

Ergänzungstexte:

  • Der Segen der Welt ist gebildete Menschlichkeit

Audio

Ausreden im Anthropozaen

 


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