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Peter Sloterdijk nachdenklich reloaded








Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk veröffentlichte 2012 sein Buch "Zeilen und Tage. Notizen 2008 - 2011", erschienen  im Suhrkamp Verlag Berlin. Dieses Buch ist eine Art Tagebuch. Einige Beiträge bringe ich hier kommentarlos zur Kenntnis, die meisten im Folgenden zitierten "Notizen" versehe ich mit eigenen Gedanken, oft nur assoziativ. Auch diese Notate sind, wie alles auf meiner Kulturseite, als Denkanstösse gedacht. Wer sich über Peter Sloterdijk, wie ich ihn wahrnehme, informieren möchte, findet einen Beitrag unter den ERGÄNZUNGSTEXTEN: "Was hat uns der Philosoph Peter Sloterdijk zu sagen?"


Elitendiffamierung

Peter Sloterdijk notiert: „Populismen gehen von Anfang an mit Elitendiffamierung einher. Das Grundschema ist immer das gleiche: der einsame Nichtskönner an der Spitze der Bewegung gemeinsam mit dem Pöbel gegen die erfahrenen Leute, denen man die Anmassung des Könnens nicht vergibt.“

Dann sind beispielsweise viele der sogenannten Grossen der Geschichte einsame Nichtskönner. Diese Elite verstand es viel zu oft, mit dem Pöbel insofern gemeinsame Sache zu machen, als eben dieser Pöbel ihr bedingungslos gehorchte, wenn es sein musste, ging man für die einsamen Nichtskönner gar in den Tod.

Dagegen stünde die Elite der erfahrenen Leute, sagt Sloterdijk. Sie seien gleichsam die wahren Könner, denen dann weder die einsamen Nichtskönner noch der Pöbel die Anmassung ihres Könnens vergeben würden.

Was können denn die erfahrenen Leute? Nicht einmal die Nichtskönner in ihre Schranken weisen. Was, wenn die erfahrenen Leute nichts weiter sind als Maulhelden im christlich-abendländischen Komödienhaus?

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.351


Ansteckende Talentlosigkeit

Unter dem Datum vom 25. September 2009 findet sich dieser Eintrag: "Aus der Redaktion der Zeit kam ein diskreter Hinweis auf einen bevorstehenden Angriff von Axel Honneth auf meinen FAZ-Artikel über die nehmende Hand von Anfang Juni. Wie lange muß er gebrütet haben. Honneths Aufsatz zu lesen erweist sich als mühsame Aufgabe, da sie mit der Zumutung verbunden ist, sich durch zwei endlose Seiten von ansteckender Talentlosigkeit zu schleppen. Um nicht ganz untätig zu bleiben, schreibe ich eine kurze Richtigstellung für die FAZ vom Wochenende, halb ärgerlich, halb beiläufig, eine Antwort, die mir, kaum daß ich sie abgeschickt habe, deplaziert scheint. Wer die Replik aufmerksam liest, muß bemerken, daß mein Kampfgeist vorgetäuscht ist - er hat mehr von einer allergischen Reaktion als von einer sportlichen Riposte. Die launige Bemerkung, der gute Mann habe in bezug auf meine Arbeiten einen Lektüre-Rückstand von 6000 bis 8000 Seiten, wird unweigerlich zu Mißverständnissen führen. Als ob mir daran gelegen wäre, einen Desinteressierten zu bekehren."

Vgl. dazu den Anfang meines Berner Vortrages von 2011: Was hat uns der Philosoph Peter Sloterdijk zu sagen?

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 - 2011. Berlin 2012, S.296


Vom Streben und Fordern

Peter Sloterdijk bringt in Erinnerung: „Goethe über die Französische Revolution: Bis dahin war alles Streben, danach war alles Fordern.“

Mir fällt dazu ein: Was aber half den Massen damals alles Streben? Sie blieben unten in ihrem Elend und in ihrer Armut. Hatten sie kein Recht zu fordern? Ganz anders heute. Wenn verwöhnte Massen fordern, ohne strebend sich bemüht zu haben, dann ist unser Gemeinwesen in Gefahr.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.478


Nachhaltigkeit I

Peter Sloterdijk stellt so ganz nebenbei fest, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ ein „bizarrer forstwirtschaftlicher Ausdruck“ sei. Was für eine sonderbare Behauptung eines wunderlichen Kopfes!

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.490

Vgl. die luzide Dissertation am Institut für Forstökonomie der Universität Freiburg i.Br. von Heiner Schanz: Forstliche Nachhaltigkeit. Sozialwissenschaftliche Analyse der Begriffsinhalte und Begriffsfunktionen. Freiburg 1996


Nachhaltigkeit II

Peter Sloterdijk behauptet, nichts sei „absurder als die Handlungsweise der Akteure auf den Nachhaltigkeitsbühnen. Sie unterlassen nichts, was geeignet ist, bestehende Verhältnisse zu destabilisieren, doch rufen sie laut ihr Interesse an langfristiger Bewahrung aus.“

Was wohl die Akteure der Neolithischen Revolution zu diesem kühnen Statement gesagt hätten, oder diejenigen, die die bestehenden Verhältnisse der Agrargesellschaft destabilisierten, um die Industriegesellschaft zu ermöglichen? Sloterdijk argumentiert so, wie wenn er nie etwas von den Grossen Transformationen gehört hätte. So wie beispielsweise die Pferde als Zeichen der Agrargesellschaft verschwanden, so werden nun die Automobile als Signum der Industriegesellschaft verschwinden müssen. Soviel Destabilisierung muss sein, damit unsere Kultur fortdauern kann. Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, dass weiterhin die Tage kommen und gehen und unser Leben weiter gelebt werden kann, dann muss sich heute vieles ändern. Es gibt also keinen vernünftigen Grund, sich über die Akteure auf den Nachhaltigkeitsbühnen lustig zu machen.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.491


Der Westen gibt sich auf

Was gefährdet anonyme Grossgesellschaften von innen her?  Der Bürgerkrieg und die Zerstörung der emotionalen Kohärenz. Wie vermeiden wir diese Bedrohungen? Peter Sloterdijk beantwortet die von ihm selbst gestellte Doppelfrage so: Durch die „noble Lüge“, „die den Frieden zwischen Ungleichen ermöglicht“ und durch „synchrones nationweites Sichaufregen über aktuelle Themen und durch Lachen und Weinen in den täglichen Komödien und Tragödien, wie sie vom Zufallsgenerator des Lebens bereitgestellt werden.“

Was aber, wenn die „noble Lüge“ die abgehängten alten und neuen Armen nicht mehr erreicht? Was, wenn die Aufregungen a-synchron werden, weil wieder einmal divergierende Weltdeutungen in Gestalt politisierter Religiosität wie Panzer gegeneinander aufgefahren werden?

Wenn anonyme grosse Kollektive wie der Westen den Bestand ihrer gemeinsamen Grundüberzeugungen mit Füssen treten, dann retten uns vom Verfall keine noblen Lügen und kein synchrones Sichaufregen. Und wir treten unsere abendländischen Werte mit Füssen, leichtsinnig, tändelnd, überheblich und dumm. Der Westen ist dabei, sich aufzugeben.

Was wir bitter nötig haben, sind noble Wahrheiten und eine vernunftgeleitete Solidarität, aus der heraus nicht nur normativ gefragt wird, wie wir leben sollen, sondern auch eudämonistisch, wie wir leben können.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.27f.


Welches Ende der Geschichte?

Geschichte sei für uns in erster Linie das Reich der Enttäuschungen. Von dieser These ausgehend, wendet sich Peter Sloterdijk gegen die, wie er schreibt, „affirmativ hinausposaunte“ Gegenthese zu Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte: Die Geschichte gehe weiter. Fast alle Anti-Fukuyama-Bücher – in Deutschland von Ralf Dahrendorf bis Joschka Fischer – seien „von biederer Tendenz und ohne das geringste Gespür für die interessante Pointe der These vom Ende der Geschichte.“

Sloterdijk erläutert: „Wer für die Konservierung der Geschichte plädiert, bekennt sich, ohne es zur Kenntnis zu nehmen, zu den kommenden Enttäuschungen – und zu den Illusionen, die ihnen vorausgehen. Die wichtigste Voraussetzung für den Fortgang der Geschichte ist seit jeher die nachwachsende Naivität der folgenden Generationen. Es ist der Anfängergeist, der die Dinge immer wieder von vorne startet. Die Jugend zerstört die Erfahrungen der Älteren durch ihre fatale Fähigkeit, bei Null zu beginnen. Sie entwertet die mühsam erworbenen Enttäuschungen, die doch das Beste waren, was die Alten besaßen. Die ungebrannten Kinder werfen die Weisheit der Eltern auf den Müll.“

Eine merkwürdige Argumentation. Wer in den Erfahrungen der Älteren Weisheit erblickt, geht der nicht davon aus, dass der genetisch jeweils neueste Stand der Geschichte der beste sei? Nur so würde doch die Rede vom Ende der Geschichte Sinn machen. Weshalb soll sie weiterentwickelt werden, wenn sie doch schon ihren höchsten Stand erreicht hat, gar den der Weisheit?

Nur gut, dass die ungebrannten Kinder von heute, dort wo sie aufgeschlossen und sensibel sind, diese „Weisheit“ ihrer Eltern auf den Müll werfen, denn deren Weisheit hat zu jener Megakrise geführt, die Claus Leggewie und Harald Welzer so anschaulich in ihrem Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ beschrieben haben. Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte enthält also die „interessante Pointe“, eine nicht mehr funktionierende Demokratie und ein todbringendes Wirtschaftswachstum als „weise“ anzusehen.

So wie sich Geschichte aktuell zeigt, als Megakrise, ist sie nur um den Preis des weiteren Niederganges und Unterganges zu konservieren. Wollen wir Zukunft gewinnen, werden wir sie fortschreiben müssen. Der Anfängergeist der Jugend wird so zur Voraussetzung einer Geschichtsentwicklung für eine Welt, wie wir sie noch nie kannten. Allerdings wird das ohne Achtsamkeit und Empathie nicht gehen. Gelingt inmitten aller Enttäuschungen diese Fortschreibung der Geschichte, dann werden wir eine Welt mit zukunftsfähigen Lebensformen kennenlernen, gelingt diese Fortschrift nicht, dann stehen wir in der Tat vor dem Ende der Geschichte, aber ganz anders als sich das Francis Fukuyama und Peter Sloterdijk gedacht haben.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.46


Umwelttheater auf hoher See

Peter Sloterdijk besuchte die Josef L. Meyer Werft in Papenburg. Eines der dort zu besichtigenden Luxuskreuzfahrtschiffe, das im Bau war, ist für die Disney-Rederei bestimmt. Es ist ein Schiff, das 4000 Personen Platz bieten wird. Es wird 60 Meter länger sein als die Titanic, also insgesamt  330 Meter. Nach diesen Feststellungen lässt Sloterdijk die Nebenbemerkung folgen, dass an Bord solcher Kreuzfahrtschiffe mehr neue grosse Theater entstünden als an Land aufgrund knapper Mittel geschlossen werden. „Die Meyer Werft allein baut jährlich zwei bis drei Theater in Großschiffen, ausgestattet mit Bühnentechnologie modernsten Standards. Zu jeder Stunde des Tages befinden sich weltweit mindestens eine halbe Million Menschen auf hoher See an Bord von schwimmenden Luxushotels, darunter kaum eines, das nicht ein eigenes Theater-, Musik- und Entertainmentprogramm bietet.“

Was soll ich mit diesem Hinweis anfangen? Zustimmung? Staunen? Wenn ich doch weiss, dass Luxuskreuzfahrtschiffe zu den grössten Dreckschleudern unserer Zivilisation gehören. Allein bei einer Reise eines einzigen Kreuzfahrtriesen verursacht dieser mehr Schadstoffe als 5 Millionen Pkw auf gleicher Strecke. Der Naturschutzbund Deutschland hat die Kreuzfahrtschiffe von Tui Cruises und Aida deshalb mit dem negativen Umweltpreis “Umwelt-Dinosaurier des Jahres 2012″ ausgezeichnet.

Fazit: Die Theaterkunst auf den Luxuskreuzfahrtschiffen steht  im Dienste einer veritablen Umweltverschmutzung.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.433


Was sollen wir wollen?

Peter Sloterdijk spielt Leonardo da Vincis „hyperluzides Wolle, was du kannst!“ gegen die, wie er urteilt, missglückte Grossthese vom Willen zur Macht aus, mit der Nietzsche über das Ziel hinausgeschossen habe.

„Wolle, was du kannst !“ ? Wir können Atombomben bauen, wir wollten das auch, wir taten es dann. Das war, wie wir nach den Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki schmerzhaft lernen mussten, kein guter Beitrag für die Kulturgeschichte der Menschheit.

Wie wäre es mit der Umkehrung? Nicht alles, was wir können, sollen wir auch wollen!

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.434


Von Beratergockeln und einem Beraterpfau

Peter Sloterdijk mokiert sich über die Fortbildungswilligen, die es vornehmlich an langen Wochenenden in umgewidmete Schlösser und Klöster zieht. Sein Spott und Hohn trifft die „aufgeblähten Weltretter“, die mit hilflos gutem Willen neue Lebensstile fordern. „Überall referieren die Beratergockel vor dem besorgten Publikum und geben Anweisungen zum Umdenken. Sie laufen mit so hoch erhobenem Kopf durch die Gegend, als hätte jeder von ihnen den Club of Rome gegründet.“

Das schmeckt dem Philosophen aus Karlsruhe offensichtlich gar nicht, es sei denn, die Elite selbst trifft sich, um die Welt zu retten. Dann springt auch Sloterdijk auf das aufgeregte Tagungskarussell. Michel Rocard, der ehemalige französische Ministerpräsident und Vorsitzende des Collegiums International hatte ihn eingeladen, mitzuarbeiten an der Formulierung eines Weißbuchs für den Planeten. Es traf sich in Monaco ein illustrer Kreis: René Passet, Stéphane Hessel, Fernando Cardoso, Michael Doyle, Edgar Morin. Sloterdijk unterlässt es nicht, darauf hinzuweisen, dass „von den prominenteren Mitgliedern des Collegiums diesmal nur Amartya Sen und Joseph Stieglitz fehlen.“

Solch ein Namedropping sitzt. Und so bekennt unser prominente Deutsche: „Obwohl ich sonst den Good-will-Initiativen mißtraue und den Diskursen von aufgeblähten Weltrettern nicht viel abgewinnen kann, schien mir von Anfang an hier doch eine ungewöhnliche Konstellation vorzuliegen.“ Die grossen Namen stünden dafür, dass man nicht in eine naive Weltretterei verfallen werde und fern von narzisstischer Apokalyptik bliebe.

Sieh an, es geht doch! Die Namen müssen nur glänzen, dann macht auch Peter Sloterdijk mit beim Weltrettungsprogramm. Und bescheiden ist man in seinen Kreisen nicht. Immerhin muss es gleich ein Weissbuch für den ganzen Planeten sein. Respekt!

Woher Sloterdijk weiss, dass wir Unbekannten, die Vielen ohne Glanz auf ihrem Namen, „aufgeblähte Weltretter“ und „narzissstische Apokalyptiker“ seien, bleibt sein Geheimnis. Eines nur ist wahr. Wir, die als Beratergockel von ihm gescholten und verhöhnt werden, waren zum Teil längst vor ihm auf dem Weg in eine befriedetere und gerechtere Zukunft. Und das mit Ausdauer und Geduld unter Inkaufnahme schon ganz anderer Schmähungen.

Übrigens: Wenn ich Beratergockel vom Beraterpfau Sloterdijk etwas lernen kann, bin ich dankbar und freue mich darüber.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.33 und 106f.



Erschiesst die Mittelmässigen!

„Wenn man wieder echte Eliten wolle, käme man um die Erschiessung der Mittelmässigen nicht herum.“ Dieser Satz fiel nach reichlichem Genuss auserlesenster Weine, die in der Residenz von J.B. bei Leipzig gereicht wurden. Anwesend waren Neo Rauch, Rosa Loy, einige Freunde des Hausherrn und eben Peter Sloterdijk. Dieser überliefert den Satz am 6. Juni 2008, ohne den Urheber zu nennen. Er könnte problemlos von ihm selbst stammen. Zwar findet er im Nachhinein die Situation „bedenklich“, in die dieser Vernichtungssatz hineingesprochen wurde. Sloterdijk notiert fast entschuldigend: „Eine gewisse Herrenabendstimmung ist nicht zu verleugnen.“ Mehr nicht, aber immerhin das.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.40


Nicht nur im Berghotel Waldhaus

Das „ominöse Berghotel“ Waldhaus „mit königlichen Ausblicken auf den kühlen See, an dem Nietzsche wanderte“, hielt nicht das, was er erwartet hatte: der Komfort nicht auf der Höhe zeitgemässer Maßstäbe und Konversationen, „wie man sie auf dem Jahresempfang der lederverarbeitenden Industrie erwartet.“ Peter Sloterdijk „schätzt es nicht“, in solche Gespräche hineinzugeraten.

Auch was ihm bald danach bei seinem Eröffnungsvortrag für die Silser Hesse-Tage widerfuhr, mag er offensichtlich nicht. „Nach dem Vortrag kam ein Herr auf mich zu, der sich als Pfarrer vorstellte, Tillich-Schüler und Verfasser kleiner Essays, die er mir später ins Fach legte.“ Kommentarlos schliesst sich dann dieser Sloterdijk-Satz an: „Die Anwesenheit von Adolf Muschg, Atsuko Muschg und Volker Michels erlaubte Gespräche wie unter Freunden.“

Armer Pfarrer mit deinen kleinen Essays, die waren offensichtlich unter Niveau, von den lederverarbeitenden Industriegesprächen ganz zu schweigen. Damit verschwendet der Grossphilosoph Sloterdijk nicht seine kostbare Zeit. Möglicherweise versäumt er dadurch einiges. Ich kenne Menschen aus mittelständischen Betrieben, die mit hohem unternehmerischen Risiko mutig ihre Firmen ökologisch ausgerichtet haben, auch unter Verzicht auf persönliche Gewinnmargen. Solche Menschen verdienten es, respektiert zu werden. Sie haben in der Praxis unter Umständen mehr geleistet als ein vielschreibender Theoretiker, der sein Professorengehalt durch Rumstehen und Reden kräftig aufbessert, um sich dann auch noch über die nehmende Hand des Finanzamtes zu beschweren. Wäre nicht mehr Achtung vor den Menschen angesagt, vor allen Menschen, auch dann, wenn sie nicht wie Atsuko Muschg, Adolf Muschg und Volker Michels zu parlieren verstehen?

Ich war mit Robert Jungk befreundet ( wer war das nicht in seiner Umgebung ). Bob, wie wir ihn nannten, war voller Empathie, neugierig auf jeden einzelnen Menschen. Er liebte sie. In der Begegnung mit Robert Jungk wurde man grösser, wuchs über sich hinaus. Bei Peter Sloterdijk, den ich freilich nur aus seinen Schriften und aus dem Fernsehen kenne, habe ich stets das Gefühl, man müsse sich wegducken, damit man nicht Opfer seines Hochmutes wird.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.56f.


Gekennzeichnete Meinungswaren und Meinungsführer

Ein hübscher Einfall: Peter Sloterdijk postuliert, man sollte eine Kennzeichnungspflicht für Inhalte von Meinungswaren einführen. „Rote Punkte für Verhetzung, Verdummung und Aufgeilung, auf die Gefahr hin, daß Zeitungen und TV-Sendungen wie roter Regen auf uns fallen.“

Ich ergänze: Gelbe Punkte sind zu verteilen für giftige Überheblichkeit sich selbst hochstilisierender Meinungsführer.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.40


Miterlöserin

Der „fabelhafte Anachronismus“ von ca. einem Fünftel des katholischen Weltkollegiums, also von 500 Bischöfen, Maria in ihrem Rang in der katholischen Kirche zu erhöhen, inspiriert Peter Sloterdijk zu dem schönen Gedanken, eine „Theorie der Eigenzeit in abgedichteten Institutionen“ zu entwerfen.

Amüsiert haben mich auch seine Gedanken zum Begriff „Miterlöserin“, der „künftig auf die erste Dame der Christenheit angewendet werden soll.“ Sloterdijk schreibt: „Nicht nur der Geist der Arbeitsteilung greift auf Gottes Handwerk über, auch der Geist der Gleichberechtigung bzw. Gleichkompetenz von Frauen zeigt dogmatische Konsequenzen. Der Vatikan könnte jetzt bei der Frauenquote Maßstäbe setzen. Falls die Initiative Erfolg hätte, würde man über kurz oder lang am Nockerherberg in München neben Salvator auch Ko-Salvator ausschenken.“

Das mit der Frauenquote hat bis heute im Vatikan am allerwenigsten Erfolg gehabt. Soweit mir bekannt ist, gibt es trotz des Vorstosses von 500 Bischöfen, Maria zur „Miterlöserin“ zu erheben, weder Ko-Priesterinnen noch Ko-Bischöfe, geschweige denn eine Ko-Päpstin.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.50


Theologische Fachidioten

„Theologen“ seien „Fachidioten für die Öffnung zum Anderen.“ Diese spitze Formulierung notiert Peter Sloterdijk, weil eben diese theologischen Fachidioten in der Mehrheit glauben, sein Buch Du mußt dein Leben ändern falle nicht in ihr Gebiet. Sie verstünden die darin enthaltene „neo-vertikale Intervention“ nicht.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.532


Mangelnde Gegenwartsfähigkeit

Die ekklesiale Elite des Vatikans und die politische Elite Israels leiden gleichermassen an einer vertikalen Hybris. Sie argumentieren und handeln aus schwindelnden Höhen, ohne die Menschen am Boden zu erreichen. Beiden Eliten fehlt die „Gegenwartsfähigkeit“.

Am 24. Mai 2008 notiert Peter Sloterdijk: „Tony Judt gießt Öl ins Feuer, wenn er die israelische Politik seit 1967 als Ausdruck einer Adoleszenz-Neurose beschreibt: bewaffnet mit Bibel und Landkarte, schwärmt das Land von seiner uniqueness; es ist überzeugt: niemand versteht es; es ist leicht beleidigt, führt ständig Gegenbeleidigungen im Munde und glaubt fest daran, es könne ohne Sanktionen tun, was es will – denn da es unsterblich ist, steht es über Kritik und Gesetz.“

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.30f.


Kinderlos

„Wer die Dinge illusionslos sieht, stirbt kinderlos – man denkt an Figuren wie Leopardi, Schopenhauer, Nietzsche.“

Ich assoziiere: Deren Gedanken wären andere gewesen, wenn sie Kinder gehabt hätten. Führte die Illusionslosigkeit zur Kinderlosigkeit oder brachte die Kinderlosigkeit die Illusionslosigkeit hervor?

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.204


Wahnurteil

Für Peter Sloterdijk bedeutet die Rückkehr zum Primat der Politik und des Politischen: „Hochkonjunktur für Einseitigkeit, Wahnurteil, Wichtigtuerei.“

Die Monetarisierung aller Lebensbereiche durch die neoliberale Marktideologie – keine Einseitigkeit in Bezug auf die Vielfalt des Lebens? Kein Wahnurteil zugunsten der Verrechenbarkeit von allem? Keine Wichtigtuerei einer Kapitalelite, der zu viel zum Opfer fällt?

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.26


Alles Schrott oder was?

Kunst heute sei, so urteilt Peter Sloterdijk, „die Flucht in die Überbewertung des Wertlosen.“ Und er ergänzt: „Der willkürliche Einfall will als Diktat von oben erscheinen, die an den Haaren herbeigezogene Idee gebärdet sich als unausweichliche Evidenz.“

Nach der Lektüre dieser Sätze erinnere ich mich daran, dass mir ein durchaus bekannter Kurator nach einem Gang über die diesjährige Art in Basel ins Ohr flüsterte: „Achtzig Prozent Schrott.“

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.204


Altersradikalismus

Peter Sloterdijk beobachtet an einem kühlen Vormittag Anzeichen von beginnendem Altersradikalismus an sich. „Zum Beispiel die Idee einer schnellen moralischen Eingreiftruppe, die gewisse Halunken im Stil des großen Luigi Vampi, des Edelräubers aus Der Graf von Monte Christo, aus dem Verkehr zieht.“

Leider bricht der Eintrag hier ab. Ich hätte gern noch erfahren, wen Sloterdijk zu den „gewissen Halunken“ zählt, die er aus dem Verkehr gezogen sehen möchte. Den vandalisierenden Jugendlichen, der Blumenkübel umschmeisst und Zigarettenautomaten aufknackt? Oder den dopenden Radrennfahrer, der sich jahrelang durch seine Weltkarriere lügt? Oder den Zynismus  ausspuckenden Grossjournalisten? Oder denkt Sloterdijk an den honorigen Stadtrat, der sich für seinen Handwerksbetrieb Aufträge der öffentlichen Hand ergaunert? Oder meint er den aalglatten Politiker, dem es keine Skrupel bereitet, gegen die selbst beschlossenen Gesetze  Waffen made in Germany in Krisengebiete zu verkaufen?

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.50


Reife Demokratie

Peter Sloterdik zitiert den Furet-Schüler Patrice Gueniffey zum Phänomen der  Demokratie: „Keiner glaubt daran, aber niemand denkt daran, sie zu verwerfen.“ Sloterdijk wertet diesen Satz als Beitrag zu einer „Theorie der noblen Lüge“ und kommentiert, dass demnach „die Belogenen sich mit ihrer Lage in einer Welt unglaubwürdiger Versprechungen abgefunden“ hätten. Nur mit denen hat Sloterdijk ein Problem, die diese Demokratie mit ihren Versprechungen noch ernst nehmen. Er nimmt sie als „listige Provokateure“ wahr, „die das System zu Fall bringen möchten.“.

Soweit haben wir es also gebracht: Wer unsere Demokratie beim Wort nimmt, ihre Fehlentwicklungen kritisiert, wer sich für die demokratische Staatsform engagiert, ein Wort, das Sloterdijk wohl nicht so sehr mag, der wird als listiger Provokateur zum wahren Totengräber eben dieser Demokratie gemacht. Meint jemand das, was er in seiner Bürgerinitiative oder auf seinem Parteitag sagt, wirklich ernst, dann vermutet Peter Sloterijk „Naivität“ oder „Trotz“, auf jeden Fall eine „unironische Einsatzbereitschaft“ am Werk.

Also: Engagiert euch nicht!? Seid ironische Spieler!? Welche Vertikalspannung hat dem Philosophen Peter Sloterdijk wohl diese Leitidee eingegeben?

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.50f.


Tatsachenentscheidungen

Die Bereitschaft zur Unterwerfung unter die Macht des Faktischen sei Ausdruck von Fatalismus. Peter Sloterdijk exemplifiziert das am Phänomen der „Tatsachenentscheidung“ im Fussball. „Die Pointe dabei: Die Unterwerfung muss auch dann vollzogen werden, wenn du mit eigenen Augen gesehen hast, daß die Entscheidung falsch war.“

Ich übertrage das Fussballbeispiel auf die Politik. Danach trifft die Bundeskanzlerin Angela Merkel ständig Tatsachenentscheidungen. Bemerkenswert ist nun, dass Sloterdijk in seinem Kommentar zur Tatsachenentscheidung im Fussbal so fortfährt: Die Tatsachenentscheidung sei „ohne die abstrakte Ehrfurcht vor der lenkenden Instanz nicht zu denken, erst recht nicht ohne die Dressur, sich protestlos unter Verfahren und Diktate zu beugen.“

Dann kommt der Gedanke an Revision erst gar nicht mehr auf. Der postmoderne Demokrat ist eben der dressierte Demokrat, der das demokratische Spiel ruinieren würde, pochte er auf die ihm theoretisch verbriefte Freiheit, praktisch Einspruch einzulegen. Also gilt: Weiter so, alternativlos, auch wenn man mit eigenen Augen sieht, dass die Entscheidungen falsch sind.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.46f.


Vgl. auch hier im "haus-des-verstehens"

"Was hat uns der Philosoph Peter Sloterdijk zu sagen?" 





 


Zufällig ausgewählte Glosse

Während die Komplexität unserer selbst gezimmerten Systeme steigt, fällt die Möglichkeit ihrer Beherrschbarkeit. Weltrisikogesellschaft.