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Ich traue den Alten nicht mehr viel zu

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Ivo Holzner, Hamburg,  nahm einen Artikel von Gerhart Baum in der F.A.Z. vom 25. September 2013 zum Anlass, um einen Leserbrief zu schreiben. Am 05. Oktober 2013 wurde er unter der Überschrift Ich traue den Alten nicht mehr viel zu abgedruckt.

Ich halte die Überlegungen für so bedeutsam, dass ich sie hier ungekürzt wiedergebe. Wohlgemerkt, diese Gedanken wurden in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG veröffentlicht. Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre das undenkbar gewesen.

Gerhart Baum sorgte sich in seinem Artikel Ich will, dass wir beißen können um die Gefährdungen der Privatsphäre, also der Menschenwürde. Ivo Holzner knüpft daran an: „Ihren Aussagen kann ich nur zustimmen.“ Dann fährt er fort: „Allerdings werden alle diese schönen Appelle und vernünftigen Argumente nichts bewirken. Denn Ihre Generation, die kraft ihrer erdrückenden Mehrheit, die Entscheidungen trifft, hat sich entschieden in einer Phantasiewelt zu leben.

Eine Phantasiewelt, in der der Westen gut und gerecht ist und von dunklen Mächten, früher kommunistischen, inzwischen islamistischen, ohne Anlass bedroht wird. In dieser Welt foltern nur die anderen systematisch, man selber nur aus Versehen. In dieser Welt erpressen große Konzerne nicht mit Hilfe ihrer Regierungen die schwächeren Staaten, sie verhandeln nur geschickter. In dieser Welt sind die Piloten von Killerdrohnen Helden und die Bombenleger der Feinde keine Menschen mehr, sondern rechtlose Terroristen. In dieser Welt kann man demokratisch gewählte Regierungen von folgsamen Diktatoren stürzen lassen und damit die Demokratie wiederherstellen. Und sollte man mal etwas wirklich nicht mehr leugnen können, war es eben wieder mal einer dieser dummen kleinen Einzelfälle.

Diese Welt ist wunderbar, weil sie so bequem ist. Weil man auf dem Sofa sitzen bleiben kann, nichts tun muss, kein Risiko eingehen muss, sich keine unangenehmen Fragen stellen muss und trotzdem ein Vertreter der guten, freien, demokratischen Welt sein kann.

Und diese Welt ist purer Selbstbetrug.

Vielleicht müssen Sie sich selbst betrügen. Vielleicht ist es anders nicht möglich, weiterzuleben, ohne verrückt zu werden.

Wie soll man mit dem Auto ins Grüne fahren, wenn man nicht verdrängt, dass Zigtausende Menschen an Krebs, Armut und/oder staatlicher Gewalt verrecken, damit unsere Konzerne uns das Öl überhaupt so billig verkaufen können? Wie soll man mit der Schuld, die man täglich auf sich lädt, sonst umgehen?

Was Sie definitiv brauchen, ist der Mut und das Rückgrat, sich einmal ganz offen, neutral und ehrlich anzuschauen, wie Sie mit den Menschen auf der Welt umgehen: ob Sie wirklich so demokratisch und gerecht und strahlend die Rechte aller Menschen verteidigen, wie Sie sich das seit dem Kalten Krieg einreden, oder ob es nicht vielleicht doch Gründe gibt, warum die Terroristen gerade in den Regionen so viel Zulauf haben, wo der Westen seine Interessen am rücksichtslosesten vertritt; ob man selbst vielleicht nicht ähnlich verzweifelt und gewaltbereit wäre, wenn man leider auf der falschen Seite der Pipeline geboren wurde.

Irgendwann wird jemand den Preis für Ihre Party bezahlen, so viel lehrt uns die Geschichte. Die Frage ist nur, ob Ihre Generation noch früh genug aufwacht, um ihn selbst zu zahlen, oder ob Sie das Ihren Kindern und Enkelkindern überlassen.

Ich persönlich traue den Alten leider nicht mehr viel zu.“

Ivo Holzner adressiert seinen Leserbrief unmittelbar an Gerhart Baum; er meint natürlich das gesamte Establishment, das sich in der skizzierten Phantasiewelt eingerichtet habe. Meine Erfahrung lehrt mich, dass es sich auch viel zu viele Junge in dieser Welt bequem gemacht haben.

Der überlebensnotwendige Widerstand ist keine Frage des Alters. Er ist eine Frage der Einstellung und des Charakters.


Vgl. den TAGEBUCHEINTRAG "Diebe".





 


Zufällig ausgewählte Glosse

„Wer vor seinem dreissigsten Lebensjahr niemals Sozialist war,hat kein Herz.Wer nach seinem dreissigsten Lebensjahr noch Sozialist ist,hat keinen Verstand.“ Benedetto Croce.