• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Im Spannungsfeld von Verstand und Vernunft

E-Mail Drucken PDF

Friedrich Gaede

"Millionen von christlichen Menschen mordeten einander.

Welche Macht veranlaßte die Menschen, so zu handeln?"


Vortrag

für die

Museums-Gesellschaft, Freiburg

30. September 2013


Vorbemerkung

Der Vortragstitel ist ein Zitat aus Leo Tolstois Nachwort zu seinem Roman Krieg und Frieden (1868 ff).


Meine Damen und Herren,


gestatten Sie mir, angesichts der fundamentalen Frage Tolstois mit etwas zu beginnen, das an eine sprichwörtliche Redensart über zu weitschweifige Argumentationen erinnert. In solchem Falle sagt man gern, die Rede habe bei Adam und Eva begonnen. Genau das möchte ich Ihnen jedoch zunächst zumuten und Ihre Aufmerksamkeit auf den biblischen Schöpfungsbericht lenken. Wie bekannt, steht im Mittelpunkt der Darstellung vom Anfang der Welt und des Menschen der sog. Sündenfall im Garten Eden. Dazu heißt es in der Bibel:

Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; Aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; Denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.

Ausdrücklich wird im weiteren Text darauf verwiesen, daß dieser gefährliche Baum kein Solitär im Garten Eden ist. Vielmehr steht der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zwischen anderen, weit freundlicheren Bäumen, von denen es im deutlichen Gegensatz heißt, daß sie "lustig anzusehen und gut zu essen seien". Unter diesen gut zu essenden befindet sich im Mittelpunkt des Gartens und als Gegensatz der alles vereinigende Baum der Fülle, genannt  Baum des Lebens.

Warum verbietet Gott dem Menschen, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen? Da der durch das Essen unterscheidungsfähig und damit bewußt gewordene Mensch das Gute wählen könnte, kann es nicht der Bewußtwerdungsprozess als solcher sein, der bereits schuldhaft oder böse ist. Der biblische Text zeigt deutlich, daß nicht das Erkennen selbst das Böse bewirkt. Vielmehr ist es die Weise, wie sich der Mensch unter dem Einfluss der Schlange zu dieser neuen Fähigkeit verhält, wie er mit seinem Unterscheidungsvermögen umgeht. Der Genesistext erzählt, wie die Schlange nicht nur die Fähigkeit ermöglicht, Gut und Böse zu trennen, sondern wie sie zugleich die Überschätzung dieses Wissens provoziert. Wenn die Schlange schmeichelnd zu Eva sagt, daß man mit der gerade gewonnenen Bewußtseinsstufe "wie Gott sein werde", wird eitler Ehrgeiz geweckt und der Mensch zur Anmaßung verführt, denn die Erkenntnis von Gut und Böse bleibt einfaches Unterscheidungswissen. Dieses kann weder mit "Erkenntnis" schlechthin noch mit Gottes kreativer Unterscheidungspotenz gleichgesetzt werden, die das Trennen von Licht und Finsternis, Wasser und Land, Mann und Frau zum Anfang der Schöpfung macht. Wenn darum der zur Selbstüberschätzung verführte Mensch meint, er wäre mit seiner Schlangenerkenntnis bereits "wie Gott", dann ist er dem Hochmut verfallen. Hochmut, auch Stolz, lat. superbia oder griech. hybris genannt, galt einst als Mutter aller Laster und zugleich als Hauptsünde der Herrschenden. Hochmut verwirklicht sich vor allem als rücksichtsloser Eigenwille, der sehr viel später "Wille zur Macht" heißt und von Nietzsche das unanfechtbare "Urfaktum der Geschichte", also der Grundmotor der Geschichte, genannt wird. Dieser hochmutbedingte Wille trägt den Kern des Scheiterns in sich, denn Hochmut, so sagt ein alter Volksspruch, kommt vor dem Fall. Auch diese Erkenntnis stammt aus der Bibel und ist ein Spruch Salomos, der vollständig lautet:  Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz, und Hochmut kommt vor dem Fall.

Daß der mit dem Unterscheidungswissen einhergehende Hochmut eine so  dramatische Konsequenz haben kann, deutet zunächst ein Gemälde an, das ich Ihnen zeigen möchte. Zum Ende des 15. Jh.s hat der Regensburger Maler Berthold Furtmeyr begriffen, daß die biblische Verbindung von Baum und Schlange abgründiger ist als der populäre Begriff "Erkenntnisbaum" vermuten läßt. Das veranlaßt den Maler, den von Gott verbotenen Baum weitaus pointierter zu sehen. Er gestaltet und benennt ihn darum nicht als Erkenntnisbaum, sondern malt ihn als einen Todesbaum, dessen auffälligstes Symbol nicht der Apfel, sondern ein großer blanker Schädel ist. Dieser grinst in Furtmeyrs Bild aus der Krone des Baumes, den man  sonst so unverdrossen mit der Erkenntnis gleichsetzt. Der Maler entlarvt den sog. Erkenntnisbaum, indem er ihn mit dem Lebensbaum zu einer neuen Gesamtgestalt vereint, wobei die linke Seite der Baumkrone – vom Betrachter aus gesehen – das Leben bedeutet und die rechte Seite einschließlich des Stammes den verbotenen Baum mit Schlange und Tod darstellt. Auf dem Spruchband des im Hintergrund stehenden Todes steht u.a.: "mors est malis, – "Der Tod den Bösen".

Allein schon dieses Bild des Regensburger Malers legt es nahe, den üblichen Begriff Erkenntnisbaum differenzierter zu sehen und zu prüfen, was die Erkenntnis des Guten und Bösen mit dem Konzept eines Todesbaumes zu tun hat. Es heißt zwar, daß der Mensch, der vom verbotenen Baum isst, sterben muß, weil die individuelle Sterblichkeit die allgemeine Strafe für den Sündenfall ist. Das läßt jedoch die Frage offen, warum gerade der Baum des Unterscheidungswissens als Todesbaum gesehen wird. Ich bin zu dieser Frage nicht nur durch das Bild des Malers Furtmeyr gekommen, sondern zuvor schon durch einen in die gleiche Richtung gehenden radikalen Kommentar zur Schöpfungsgeschichte, die Sebastian Franck zu Papier gebracht hat. Franck war ein maßgeblicher Querdenker zur Zeit Martin Luthers. Er lebte von 1499 bis 1542 und veröffentlichte seine unorthodoxen Gedanken in zahlreichen Schriften. Franck gilt als der bedeutendste mystische Autor Deutschlands im 16. Jh.. 1534 äußert er sich ausführlich zu Evas und Adams Sündenfall und erklärt dabei den von Gott verbotenen Baum zum Gegensymbol des Lebensbaumes, d.h. auch er entlarvt, wie es schon der Maler Furtmeyr tat, den sog. Erkenntnisbaum als Todesbaum. Was Franck schreibt, wirkt zunächst etwas dunkel:

Hätte Adam ohne den inneren Abfall (von Gott) sich nur den Bauch vollgessen, es hätte ihm nichts geschadet. Aber der verbotene Totenbaum, nämlich sein arger Wille und das Annehmen seiner selbst, war in ihm, und alsbald er von seinem Willen aß, da starb er.

Um diese merkwürdige Todesanzeige zu verstehen, müssen einige Voraussetzungen geklärt werden: Wie Sie wissen, weist der Name Adam nicht auf ein Individuum, sondern ist ein Gattungsbegriff: Adam ist das hebräische Wort für "Mensch". Der Name meint somit den Menschen schlechthin, so daß sein angekündigtes Sterben nicht nur das  individuelle Lebensende betrifft, sondern auch das mögliche Ende aller, d.h. die Selbstzerstörung der Menschheit bedeuten kann. Urzeiterzählungen wie die der Bibel berichten nach Auffassung der Theologen grundlegende menschliche Verhaltensweisen, die jeden betreffen.

Seit dem Mittelalter wird der selbstdestruktive Wille zur Macht auch von einer anderen symbolischen Figur verkörpert, von dem Engel Gottes, der den Namen Luzifer trägt. Über Luzifer sagt man, daß er seinen Willen von Gott abkehrte, um selbst wie Gott zu sein. Der darum wegen seines Hochmuts, seiner superbia, in den höllischen Abgrund gestürzte Engel taucht als Satan aus der Tiefe wieder auf, um in Gestalt der Schlange den eigenen verhängnisvollen Wahn der Selbstvergöttlichung an Eva und Adam weiterzugeben. Wenn Luzifer als Satan mit seinem Satz ihr werdet sein wie Gott dem ersten Menschenpaar genau das verspricht, was er selbst vergeblich gewollt hatte, wird Luzifers eigene Ursünde zur teuflischen Erblast des ersten Menschenpaares und damit aller kommenden Generationen. Insgesamt gesehen ist deshalb die Geschichte vom Sündenfall das anthropologische Muster für die destruktive Verknüpfung von Urteilsfähigkeit einerseits und Selbstüberschätzung andererseits, eine Verknüpfung, die bereits das Schicksal Kains, des ersten Sohnes von Adam und Eva, prägt, und die dann im Laufe der sich entfaltenden menschlichen Geschichte auf allen Ebenen vom banalen Alltag bis zur großen Politik ihre dunklen Schatten wirft.

In welchem Maße und in welcher Hinsicht das geschieht, hat der schon genannte Sebastian Franck 1534 anvisiert. Er erhebt schwere Einwände gegen die von der Schlange ermöglichte menschliche Urteilsfähigkeit, denn diese werde mißbraucht und diene in ihrer praktischen Anwendung nur der Vorteilsnahme des Menschen. In Francks Worten:

Was aber die Weltkinder auß der Schlangenweyßhait urtailen, das ist alles nach iren Affecten gekrümpt, nur zu siegen und obligen, wie es in gut unnd gelt trägt [...] ir gewissen sagt ihnen nichts, wann sie nur den widertail (Partner) mügen überthobern, also den Partner übers Ohr hauen.

Mit unseren Worten: das Urteilsvermögen führt zu "Willenshandlungen", die vor allem dem Eigennutz dienen.

Diese  Willenshandlungen laufen nach einem bestimmten Muster ab, mit dem alternativen Zuständen wie Gut und Böse Ausdruck verliehen wird: nach dem Entweder-Oder-Muster. Das macht den Schlangenbaum zu einem Entweder-Oder-Baum und die Schlangenweisheit zu einer Entweder-Oder-Strategie, in der sozialer und politischer Sprengstoff steckt. Im harmlos-normalen Sprachgebrauch wird mit dem Entweder-Oder eine meist banale Alternative ausgedrückt. So sagt man: "Peter kommt entweder heute oder morgen". Weniger harmlos sind Entweder-Oder-Aussagen, bei denen die Alternative einen negativen oder unerwünschten Zustand meint, wie es mit Formulierungen wie "entweder Gewinn oder Verlust", "entweder lebendig oder tot" der Fall ist. Ausgesprochen dramatisch wird jedoch die Entweder-Oder-Aussage, wenn als Alternative ein bedrohlicher Zustand genannt wird und es um einen vorteilsbedachten Willensakt, also um erpresserische Forderungen geht. So ruft der Räuber: "Entweder Geld oder Leben"! Ist man mit so etwas konfrontiert, gibt es keine Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten mehr: es gibt nur noch ein "Entweder", dessen "Oder" die angedrohte Gefahr ist. So ist es bereits auf der banalen Ebene eines Ehekriegs, wenn eine lieblos gewordene Gattin verlauten läßt: "Entweder kaufst du mir das Auto oder ich verlasse dich." Vermutlich passiert beides. Etwas diplomatischer im Ton, aber strategisch härter und in jeder Hinsicht verhängnisvoller verfährt man in der großen Politik. So gibt im Jahr 1996 der damalige Präsident der Europäischen Kommission Jacques Delors auf die Journalistenfrage nach der Zukunft des Euro folgende Antwort:

Entweder kriegen wir den Euro, oder es droht eine Periode des Zweifels und der Stagnation [...] Europas.

Der Franzose Delors baut mit Negativbegriffen wie "Zweifel" oder "Stagnation" eine Gefahrenkulisse auf, um den Euro so durchzusetzen, wie es dann geschehen ist. Mögliche Alternativen werden disqualifiziert. Auf diese Weise beginnt der gefährliche Prozess der europäischen Währungsvereinigung, dessen Alternativlosigkeit Bismarcks subtiler Maxime, daß Politik die "Kunst des Möglichen" sei, genau entgegengesetzt ist.  Die Tatsache, daß gerade durch die Einführung des Euro jene Periode des Zweifels und der Stagnation [...] Europas bewirkt wird, die Delors für den Fall der Nichteinführung angedroht hat, entlarvt das diabolische Blendwerk seiner Entweder-Oder-Forderung. Diese wird stets benutzt, wenn es darum geht, ein problematisches Anliegen möglichst bedenkenlos durchzusetzen.

Sobald sie der Erpressung dient, spricht darum aus der Entweder-Oder-Formel eine kämpferische oder militante Tendenz. Das hat zur Folge, daß die Entweder-Oder-Erpressung in kriegerischen Situationen gleichsam zu sich selbst kommt. Der Krieg ist die für die Menschheitsgeschichte folgenreichste Verwirklichung des Entweder-Oder-Prinzips. Das beginnt auf sprachlicher Ebene. Hier wird das Entweder-Oder wieder zur rhetorischen Falle, die zuschnappt, weil sie dem Angesprochenen keine Entscheidungschance lässt. So drängt man 1944 in Japan die blutjungen Kadetten der Luftwaffe mit der erpresserischen Behauptung in den Tod: "Entweder wirst Du ein Kamikazeflieger oder du bist ein ehrloses Nichts". Was wegen der Jugend der Kadetten und der erzwungenen Todesgewissheit unmenschlich  erscheint, wird im Prinzip bei jedem Soldaten der kämpfenden Truppe hingenommen oder sogar erwartet: das Leben zu geben.  Insofern bestätigt der Krieg wie kein anderes Ereignis die Erkenntnis des Malers Furtmeyer und des Mystikers Sebastian Franck, daß der Schlangenbaum ein Todesbaum ist. Es ist aus diesem Grund kein Zufall, daß Carl von Clausewitz, mit seiner Kriegstheorie, die als die bedeutendste westliche Kriegstheorie gilt, das Entweder-Oder-Prinzip aufgreift und zu einem Zentralgedanken seiner Theorie macht. Clausewitz schildert die Alternativen von "Entweder Sieg oder Niederlage" und "Entweder Angriff oder Verteidigung" als Grundsituationen des Krieges. In seinem posthum 1832-34 erschienenen Buch Vom Kriege heißt es:

Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf […]. Solange ich den Gegner nicht niedergeworfen habe, muß ich fürchten, daß er mich niederwirft.

Entweder fällt er oder ich falle. Getötet wird immer.

Es erstaunt darum nicht, daß die militante Tendenz, die in der  Entweder-Oder-Forderung steckt, in keiner historischen Figur so verhängnisvoll zum Ausdruck kommt wie in der kriegssüchtigen Haltung und Sprache Adolf Hitlers. Nicht zufällig heißt der Film, der den triumphalen Reichsparteitag von 1934 zum Inhalt hat: "Triumph des Willens". Auf Hitler trifft – bis zum Sterben - genau das zu, was Sebastian Franck ankündigte, als er 1534, genau 400 Jahre vor Hitlers Triumph des Willens, schrieb:  Aber der verbotene Totenbaum, nämlich sein arger Wille [...] war in ihm, und alsbald er von seinem Willen aß, da starb er. Entsprechend benutzte Hitler das Entweder-Oder-Schema mit obsessiver Häufigkeit und radikaler Ausschließlichkeit. Ich erwähne nur zwei Beispiele – in beiden geht es um Tod und Vernichtung, 1925, also im Frieden, behauptet Hitler vor großer Menschenmenge im Münchener Bürgerbräukeller: In unserem Kampf gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Feind geht über unsere Leichen, oder wir gehen über die seine! Der "Feind" ist hier jedoch nur der innenpolitische Gegner, den er dennoch mental wie physisch vernichten möchte. Die nächste Stufe ist die Weltbühne. In seinem Buch Mein Kampf verkündet Hitler als Hauptmaxime seines gesamten pseudopolitischen Handelns den Grundsatz: Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein. Praktisch heißt das entweder Vernichtung der östlichen Länder oder die Selbstvernichtung. Es ist die Entweder alles Oder nichts – Mentalität eines furchtbaren Vabanquespielers. Die deutsche Selbstvernichtung wäre 1945 in der Tat über die schon eingetretene weitgehende Zerstörung hinaus absolut geworden, wenn uns der Zeitfaktor nicht gerettet hätte. Deutschland war das ursprüngliche amerikanische Atombombenziel. Bis April 1945 waren die Bomben, die dann auf Japan fielen, noch nicht abwurfbereit. Der amerikanische Politologe, Kriegstheoretiker und Pentagonberater Edward Luttwak äußerte kürzlich, Hitler hätte gemäß der Formel Entweder Endsieg oder Selbstvernichtung die atomare Zerstörung Deutschlands begrüßt. Wer immer diesen Kommentar macht, er oder sie hat Hitlers Entweder-Oder-Diabolik begriffen.

Situationen wie die genannten zeigen auf schmerzhafte Weise, wie markant sich der luziferische Fluch, der im Entweder-Oder-Argument steckt, bis in unsere Tage auswirkt und wie furchtbar sich der Entweder-Oder-Baum als Totenbaum entlarven kann. Aus diesem Grund ist es eine ebenso wesentliche wie hilfreiche Erkenntnis Hegels, wenn der  Philosoph feststellt: das Entweder-Oder […] ist ausschließlich ein Prinzip […] des Verstandes, der der Vernunft entsagt. Ausdrücklich wird in einem weiteren Satz betont, daß das Entweder-Oder-Denken ein die Vernunft ausschließendes Verstandesprinzip sei. Das ist der entscheidende Schlüssel, denn für das Entweder-Oder gibt es keinen Einklang zwischen den gegensätzlichen Polen und damit keine Vernunft. Der verbotene Entweder-Oder-Baum schließt darum die Vernunft aus. Er konnte jedoch mit seiner Polarität von “Entweder gut – oder böse“ zum Symbol des zerlegenden oder analytischen Verstandes werden. Wo die Schlange herrscht, ist die Vernunft fern. In dieser Vernunftferne muß man den eigentlichen Grund für Gottes Verbot sehen, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen.

Daß im Schlangenbaumverbot die Weisheit steckt, die dem Baum fehlt, schält sich im 20. Jh. deutlicher heraus als je zuvor, denn der Weg der abstrakten Erkenntnis, bzw. des analytischen Verstandes, der beim biblischen Schlangenteufel beginnt, bleibt seinem Ursprung treu und kommt dort an, wo er seinen Anfang nahm. Nachdem es zur atomaren Spaltung, zur Entwicklung der Kernwaffe und schließlich zum atomaren Genozid gekommen war, sieht sich der Physiker Werner Heisenberg zu der warnenden Feststellung veranlasst:

Der Weg, der aus dem natürlichen Leben heraus in die abstrakte Erkenntnis führt,   kann [...] beim Teufel enden.

An anderer Stelle kommentiert Heisenberg die Resultate der Atomphysik mit den Worten: So leicht kann man dem Teufel nicht ausweichen, ein Satz, den der Physiker durch seine Wiederholung So leicht kann man dem Teufel nicht entgehen besonders betont.

Der Weg, der im Garten Eden mit dem Schlangenbaum beginnt, führt nicht nur zur Atombombe, sondern auch zu den Atomkraftwerken von Tschernobyl und Fukushima, denn die hier verursachten Katastrophen tragen ebenfalls diabolische Züge, zu denen ganz wesentlich die Lüge gehört. Am 29.Juli 2013 berichtet die FAZ über Fukushima, es sei dort weiterhin Praxis,

Pannen […] noch immer zu vertuschen und bewußt Unwahrheiten zu behaupten. So gestand Tepco jetzt erst ein, dass unterhalb der havarierten Reaktoren […] radioaktiv belastetes Wasser ständig in großen Mengen in den Pazifik fließe.

Warnen Physiker wie Heisenberg vor dem teuflischen Mißbrauch physikalischer Forschung, so verweisen namhafte Theologen während der Blüte des atomaren Wettrüstens eindringlich auf den Brudermord Kains als den Anfang kriegerischen Mordens. Auf katholischer Seite schreibt der Münsteraner Alttestamentler Erich Zenger: der außerparadiesische Mensch ist ein Brudermörder von Anfang an. Aus lutherischer Sicht äußert sich Helmut Thielicke detaillierter und sagt:

Die Weltgeschichte, das ist der Raum, in dem Kains Axt schließlich zu Dynamit und Phosphor, zu Wasserstoffexplosionen und Raumraketen wird. Man muß genau aufpassen, um die Startsekunde zu erfassen, in der die Weltgeschichte abzurollen beginnt, […] Die knappe, uralte Geschichte von Kain und Abel ist der Modellfall für alles, was wir in uns selbst und um uns herum erleben können.

Etwas fatalistisch ergänzt der Heidelberger Theologe Claus Westermann Thielickes Ausführungen und schreibt: Die Menschheit muß – bis zum heutigen Tag – mit der Möglichkeit des Brudermordes leben. In der Tat, möchte man sagen, solange es unangefochten bleibt, daß der atomare Massenmord von 1945 sein Nachleben in einer heutigen amerikanischen Gedenkstätte findet, die den schlimmsten denkbaren Gegenpol zu den japanischen Gedenkstätten in Hiroshima und Nagasaki bildet.  Im Bradbury Science Museum von Los Alamos lassen sich die naturgetreuen Nachbildungen der über Japan abgeworfenen Bomben besichtigen. Da zur Schlangenweisheit immer Machtwille und Selbstüberschätzung gehören, werden im Museum die beiden Bomben, die die bislang furchtbarsten Produkte menschlicher Verstandesarbeit darstellen, als positive wissenschaftliche Leistung gewürdigt und mit den familiären Kosenamen "Little Boy" und "Fat Man" bedacht. Darüberhinaus wird auf der Website des Museums der Daseinszweck der Bomben mit dem grotesken Satz gepriesen: to make the world a safer place. Diese museale Präsentation ist im Hinblick auf die zahllosen Sofortopfer und die überlebenden Verstrahlten, die jahrelang bis zum erlösenden Tod leiden mußten, ein schamloser Hohn.

Wie keine andere biblische Gestalt macht gerade Kain deutlich, daß das vom Schlangenbaum ausgehende Zusammenspiel von Verstandestätigkeit, Machtstreben und Selbstüberschätzung alarmierend wirken sollte. Kain ist als Kind des Schlangenbaums eine höchst aktuelle Figur, denn er ist bereits, wie der Bibeltext zeigt, ein Zivilisationsmensch: er ist nicht einfältig, sondern zwiespältig, er kennt den Unterschied zwischen Sein und Schein, Wahrheit und Lüge. Zu Kains Verstandesposition macht bereits der vor 2000 Jahren lebende jüdisch-römische Historiker Flavius Josephus einen ebenso überraschenden wie bemerkenswerten Kommentar. Er schreibt über Kains weiteren Lebensweg:

Sein Vermögen vermehrte er durch Raub und Gewalttätigkeit […] Die bisherige Einfachheit der Lebensweise veränderte er durch Erfindung von Maß und Gewicht und verkehrte die Unschuld und Arglosigkeit des Wandels, sowie den Adel des Geistes in Verschlagenheit und Pfiffigkeit. Er war der erste, der der Feldmark Grenzen setzte, eine Stadt erbaute, sie mit Mauern befestigte und die Hausgenossen zwang, zusammen zu wohnen.

Soweit Flavius Josephus kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung. Da es sich bei dieser Beschreibung des biblischen Brudermörders nicht um eine individuell und historisch zu fassende Einzelfigur, sondern wiederum um eine symbolische oder archetypisch zu fassende Gestalt handelt, lassen sich deren Aspekte folgendermaßen zusammenfassen: erstens steht Kain für ein ausschließlich quantitatives Denkvermögen, das sich negativ als brutale und raffende Habgier, positiv hingegen durch messende Tätigkeit und metrische Innovationen äußert; zweitens steht er für die Fähigkeit zur sozialen Rollenmanipulation, die als Täuschungsmanöver mit der erwähnten "verschlagenen Pfiffigkeit" ebenfalls betrügerischen Absichten dient. Der erste Sohn Adams und Evas erscheint auf diese Weise als das kritisch gezeichnete Urbild des Verstandesmenschen, der alles das hat, was Kriege auslöst, und dem genau das fehlt, was den Verstand ergänzen müßte, um ihn gott- und gemeinverträglich, also friedlich  zu machen: die Vernunft. Den Theologen, die das Kriegswesen aus seinem kainitischen Ursprung ableiten, ist zuzustimmen. Die kainitische Tradition, die Schlangenbaumerbschaft, bleibt lebendig, solange die unkritische und mit Selbstüberschätzung einhergehende Verstandesgläubigkeit vorherrscht, die das Korrektiv der Vernunft außer Betracht läßt.

Was hätte nun die Vernunft, die dem verbotenen Baum fehlt, ändern und verbessern können? Ich kann hier und jetzt nur einen, aber entscheidenden Aspekt betonen: Verstand und Vernunft gehören zusammen und machen die menschliche Intelligenz aus. Vernunft ist in unserer Natur verankert, ist unsere schöpferische Kraft, zugleich auch die der allgemeinen Natur. Man spricht darum einerseits vom menschlichen Vernunftinstinkt und macht andererseits die Vernunft zum Gegenstand philosophischer Spekulation. Der Verstand hingegen wird geschult und ist immer auf Vorgegebenes bezogen, d.h. er widmet sich dem Ordnen der empirischen Welt, vor allem durch deren Analyse und quantitatives sowie gesetzmäßiges Festlegen. Um ein Beispiel aus der Welt der Gesetze für die Differenz zu geben: der Verstand schafft in den jeweiligen Staaten das positive Recht und wendet es an, die Vernunft hingegen bemüht sich um das überstaatliche Natur- und Menschenrecht. Wie sich das positive Recht stets an den allgemeinen Menschenrechten messen lassen muß, so ist es Aufgabe der allgemeinen Vernunft, als Korrektiv der jeweiligen Verstandestätigkeit zu dienen.

Die Sozialforschung hat gezeigt, wie sich seit dem 17. Jh. eine Symbiose von Verstandesherrschaft und Geldwirtschaft entwickelt hat. Deren gemeinsamer Nenner ist das nur quantitative Denken. Geld ist, wie alle anderen Maßsysteme, der Inbegriff des Quantitativen, so daß es auch alles Qualitative und Individuelle auf die Frage nach dem bloßen Wieviel zu nivellieren sucht. Wieviele qm, wieviele PS, wieviel Geld, wie alt, wieviel Arbeit, wieviel Urlaub? Das scheinen die gesellschaftlich relevanten Probleme zu sein. Das nur quantitative Denken zu hinterfragen, gilt heute als unbequem und wird meist wenig geschätzt. Die Schriftstellerin Christa Wolf geht in ihrem letzten 2010 veröffentlichten Buch so weit, von der schwindenden, oder eigentlich geschwundenen, Rolle der Vernunft in unserer abendländischen Kultur zu reden. Dem ist zu entgegnen, daß wir hier ein Paradoxon zu bewältigen haben: je mehr uns die Vernunft zu entgleiten scheint, desto notwendiger wird es, ihr Gewicht zu betonen. Wir haben keine andere Chance.

Wie der Verstand zum Trennenden des Entweder-Oder neigt, so die Vernunft zum Integrierenden, Zusammenfassenden. Im Hinblick auf die unvermeidbaren Gegensätzlichkeiten des Lebens heißt das nicht, daß die Vernunft die Gegensätze der Welt aufzuheben strebt. Sie sucht nicht die Egalität. Vielmehr richtet sich ihr Bemühen darauf, die Gegensätze in einen Einklang zu bringen. Dieser "Einklang des Gegensätzlichen", mit dem die Vernunft den Verstand zu integrieren vermag, dieser Einklang ist ein schon sehr früh erkanntes Naturprinzip. Schon ca. 500 v. Chr stellt der griechische Philosoph Heraklit fest:

Auch die Natur strebt wohl nach dem Entgegengesetzten und bringt hieraus und nicht aus dem Gleichen den Einklang hervor, wie sie z. B. das männliche mit dem weiblichen Geschlechte paarte und nicht etwa beide mit dem gleichen.

Dieser uralte Kommentar Heraklits ist heute sicher diskussionsträchtig. Wie Mann und Frau wegen ihrer biologischen Gegensätzlichkeit zusammengehören, so auch Tag und Nacht, Leben und Tod, Ebbe und Flut. Das eine ist nicht ohne das andere. Der Einklang des Gegensätzlichen ist das spannungsvolle Vernunftprinzip der Natur, durch das der Mensch einerseits als Naturwesen bestimmt wird, und das ihn andererseits als Sozialwesen vor die Aufgabe stellt, das Einklang-Prinzip nicht nur zu erkennen, sondern auch anzuwenden. Das gilt in erster Linie für die Gestaltung der politischen Ordnung. Gelingt die Anwendung, ergeben sich stabile Lebensbedingungen. Gelingt sie nicht, drohen soziale Unruhe und Krieg. So war es im 16. und vor allem im 17. Jh. für die deutschen Länder notwendig, die politisch gewordenen religiösen Gegensätze zu einem wenn auch spannungsvollen Einklang zu bringen.  Solange das nicht gelang, tobte der 30jährige Krieg, der – zumindest an der Oberfläche – ein Glaubenskrieg war und einen klugen Epigrammatiker der Barockzeit zu dem treffenden Vers veranlaßte:

Luthrisch, Päpstisch und Calvinisch, diese Glauben alle drey

sind vorhanden; doch ist Zweifel, wo das Christentum denn sei

In der heutigen Politik der europäisch geprägten Welt, das schließt Kontinente wie Amerika und Australien ein, bestimmt der Einklang des Gegensätzlichen die Grundstruktur der parlamentarischen Demokratie mit ihrer lebendigen Wechselwirkung von Regierung und Opposition. Die von den jeweiligen Parteien vertretenen notwendigen Gegensätze stehen in einem übergeordneten, durch die Verfassung geregelten Vernunftzusammenhang. Die USA zeigen gegenwärtig, daß dieser Zusammenhang durchaus gefährdet sein kann. Der Einklang des Gegensätzlichen wäre auch die richtige europäische Lösung, ja man könnte sagen: die gegenwärtige wirtschaftspolitische Situation schreit nach dieser Lösung. Ich möchte deswegen sehr auf den von Werner Abelshauser verfaßten Essay hinweisen, der kürzlich - am 13. September - mit dem Titel "Die EU braucht Regeln, die Einheit in Vielfalt zulassen" in der FAZ erschien. Der Autor fordert für die kontrastreichen – also gegensätzlichen -  Eigenheiten des europäischen Wirtschafts- und Sozialsystems … ganz unterschiedliche wirtschafts- und finanzpolitische Strategien zu entwickeln, und nicht – wie es bis jetzt Praxis ist - die durch Jahrhunderte gewachsenen z.T. gegensätzlichen kollektiven Mentalitäten auf eine Einheitsstrategie zu reduzieren. Eine solche Strategie wird zutreffend die politische Lebenslüge der Gemeinschaft genannt.  Es geht also auch hier um die dialektische Fähigkeit, das Einbinden des Gegensätzlichen zu ermöglichen. Werden die Gegensätze nicht eingebunden, dann driften sie auseinander mit einer sich zwischen den Polen aufladenden und radikalisierenden Spannung. Die wachsende destruktive Aggressivität droht dann, sich in kriegsartigen Zuständen zu entladen.

Das traf in der Vergangenheit immer wieder für Bürgerkriege und zwischenstaatliche Auseinandersetzungen zu, so auch für den Kriegsausbruch 1914. Wenige Jahrzehnte vor dem 1. Weltkrieg, im Jahr 1870, hatte Bismarck einen bemerkenswerten und klugen Satz geäußert, mit dem er die Gegenposition zur hochmütigen Selbstüberschätzung des Schlangenbaums bezieht. Bismarck sagte: Nur Demut führt zum Siege, Überhebung, Selbstüberschätzung zum Gegenteil. Dieses "Gegenteil", die Niederlage Deutschlands, ist im November 1918 eingetreten. Voraus ging, daß nach Bismarcks Rücktritt im Jahr 1890 die technologisch und militärstrategisch ausgeübte Verstandesherrschaft der militärischen Führung Deutschlands auf Kosten der politischen Vernunft immer stärker wurde. Sogenannte militärische Sachzwänge traten an die Stelle politischer Urteile. Der “Einklang” hingegen und damit die politische Vernunft findet nach Bismarck nicht mehr den Kopf, den sie braucht, um sich durchzusetzen.  Der bekannte amerikanische Historiker William McNeill kommentiert 1982 genau diesen Punkt, indem er auf die daraus resultierende allgemeingültige Gefahrensituation zu sprechen kommt. Er sagt:

der unheimliche, geradezu schlafwandlerische Drang, mit dem die Großmächte Europas im August 1914 in den Krieg zogen, symbolisierte das große Dilemma unserer eigenen Epoche – die Dissonanz des Ganzen und seiner Teile.

Das einer Krise zugrundeliegende Mißverhältnis des Ganzen zu seinen Teilen ist immer eine Krise der Vernunft und heißt nichts anderes, als daß den Teilen der Einklang fehlt. Insofern trifft das abschließende Urteil McNeills den entscheidenden Punkt genau, wenn der Historiker das 1914 bestehende Verhältnis von politischer Vernunft zu militärischer Strategie mit den Worten kommentiert: "Das Irrationale an rationaler, professionalisierter Planung hätte nicht greller zutage treten können." Dieses Irrationale und damit das Wahnhafte ist gleichsam die andere Seite des Verstandes. Der Verstand hinterfragt sich nicht, täte er das, würde er zur Vernunft. Versäumt er diese Chance, besteht die dringende Gefahr, daß er sich in kritischer Situation in sein Gegenteil verkehrt und zum Irrationalen oder Wahn wird. “Allzu scharf gespannt, zerspringt der Bogen” heißt das alte Sprichwort, das diese Situation bezeichnet. Zu einem gigantischen Wahnereignis  wird ab 1914 der Stellungskrieg mit seinen sinnlosen Materialschlachten. In einer Materialschlacht herrscht statt Strategie der bloße Mengenwahn. Das quantitative Prinzip wird hier bis ins Irrsinnige gesteigert und so ein unentwegt allesfressendes Kriegsmonstrum geschaffen. Man versucht im 1. Weltkrieg mit rücksichtsloser Anhäufung von todgeweihten Soldaten, Kriegsmaschinen und Munition einander zu übertrumpfen und begeht so einen millionenfachen Mord an der männlichen Jugend Europas. Allein die Schlachten an der Somme im Jahr 1916 erzeugten auf englisch-französischer Seite 600 000 und auf deutscher Seite 430 000 Tote. Außer dieser Ermordung von mehr als einer Million junger Menschen bewirkte die Schlachtenfolge an der Somme nichts, der Kampf endete entscheidungslos.

Auf das Geschehen des 2. Weltkrigs einzugehen, würde den Rahmen eines Einzelvortrags sprengen. Abschließend darum nur ein Blick auf die letzte Stufe der kainitischen Tradition. Wie zunächst im Krieg der Bomben und Raketen begonnen, sieht man heute den Feind nicht mehr mit bloßem Auge oder Fernglas, vielmehr tötet man jetzt von sicherem Platz aus bei größter Entfernung. Ausschließlicher als je zuvor wird das militärische Vernichten von Kalkulation und Berechnung bewirkt. Techniker und Informatiker haben als Drohnenpiloten die Rolle Kains übernommen: das Töten fällt leichter, wenn es nur noch auf dem Bildschirm sichtbar ist. Da jedoch nichts ohne sein Gegenteil auftritt, wird das Bild des modernen Krieges zugleich durch den Selbstmordattentäter ergänzt. Da dieser sich mit seinen Opfern umbringt, haben wir beim Selbstmordtäter die größtmögliche Nähe, während die aus sicherer Behausung wirkenden Drohnenpiloten aus größter Ferne agieren. Auch das ist ein – wenn auch negativer - Einklang des Gegensätzlichen.

Mit dieser Art Krieg hat die fragwürdige, schon von Sebastian Franck monierte Verstandesabsicht, noch erfolgreicher zu siegen und obliegen, wie es ihnen gut und geld trägt, eine weitere Stufe erklommen. Man versucht, mit Hilfe von Computern das strategische Verhalten des Gegners zu berechnen. Man will die feindlichen Entscheidungprozesse verstehen, um sie in die eigenen Entscheidungen einzubeziehen. Diese Technik wurde zugleich auf weitere Gebiete vor allem der Wirtschafts- und Finanzstrategie übertragen. Dem dient das heute grenzenlos und bis zum Kriminellen hemmungslos gewordene Anhäufen von Daten, eine Verstandestätigkeit, die wie der jüngste Apfel am alten Baum der Schlangenweisheit erscheint: man will jetzt im größtmöglichen oder globalen Maße "übertobern", wie Sebastian Franck es nannte. Das Anhäufungsprinzip macht den modernen Datenkrieg jedoch zu einer digitalen Materialschlacht, die letztlich so sinnlos ist wie alle Materialschlachten. Eine unbegrenzte und darum auf das Unendliche zielende Summierung von verstandesbedingten Einzelaussaussagen ließ schon Hegel von der schlechten Unendlichkeit sprechen, deren Absurdität er mit einem sarkastischen Kommentar entlarvt:

In den Teilen verloren treibt es den Verstand zu einer unendlichen Entwicklung von Mannigfaltigkeit. Indem sich der Verstand zum Absoluten aufzublähen strebt, produziert er endlos nur sich selbst, spottet somit seiner selbst.

Da, wie ein alter Spruch sagt, Das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile, können bloße Datensammlungen nie das Wesentliche erfassen. Das kann nur die Vernunft leisten, die sich um die Erkenntnis des dialektischen Zusammenhangs von Teil und Ganzem bemüht.

In diesem Sinne hat der Philosoph Schelling zur Überwindung des Bösen in seiner etwas altväterlichen Sprache gesagt, es gibt „kein reelles lebendiges Gutes, wenn es nicht ein überwundenes Böses in sich hat“. Das eine ist nicht ohne das andere, denn die geistige Spannung und der fruchtbare Widerspruch bleiben und machen das Lebendige und Wesentliche aus. Auf unser Thema bezogen heißt das: „Es gibt keine lebendige Vernunft, die nicht den überwundenen Verstand in sich hat“ und als Folge davon: „Es gibt keinen lebendigen Frieden, der nicht den überwundenen Krieg in sich hat“. Letzteres ist in besonderem Maße immer noch die heutige deutsche Situation. Seit 67 Jahren leben die Deutschen in einem spannungsvollen und darum lebendigen Frieden, da wir den überwundenen Krieg noch in uns haben.  "Noch", -- mit diesem Wort, meine Damen und Herren,  möchte ich schließen und Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit danken.


Vgl. den TAGEBUCHEINTRAG "Der Gegenlauf".

























 


Zufällig ausgewählte Glosse

Der Kapitalismus hat die Kritik der Künste absorbiert.