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Mehrperspektivisches Denken / Viktor E. Frankl

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Mehrperspektivisches Denken

Viktor E. Frankl



Im Wahrnehmen und Denken kommt es immer wieder zu Verzerrungen, nicht zuletzt deshalb, weil das Wahrgenommene und zu Bedenkende nur aus einer Perspektive in den Blick kommt. Das Vernachlässigen des mehrperspektivischen Wahrnehmens führt dann zu Verkürzungen der Phänomene. Wird beispielsweise der Mensch nur in seiner anthropo-biologischen Perspektive wahrgenommen, dann erhält man in dieser biologischen Ebene nur somatische Phänomene. Der Mensch erscheint in dieser Optik der Wahrnehmung als geschlossenes System physiologischer Reflexe. Homo bilologicus. Wird er in einer historisch-soziologischen Betrachtungsweise Gegenstand der Erkenntnis, dann ist er nichts anderes als das Produkt seiner gesellschaftlichen Verhältnisse. Homo sociologicus. Eine geistig-spirituelle Betrachtungsweise zeigt eine abermals andere Dimension des menschlichen Seins. In dieser Dimension erscheint er als homo spiritualis bzw. als homo religiosus.

Wenn gegenwärtig im gesellschaftlichen Umfeld wieder die biologische Betrachtungsweise dominiert, dann gibt es für einen solchermassen sozialisierten Hirnforscher nur die anthropo-biologische Betrachtungsweise, die ihm das Gehirn als geschlossenes physikalisches System zeigt, in dem er keinen "freien Willen" ausmachen kann. Der in dieser (niedrigeren) Dimension gewonnene Befund ist innerhalb dieser Dimension durchaus richtig, jedoch nicht wahr im Blick auf das Gesamtphänomen "Willensfreiheit". Schon in der (höheren) Dimension der gesellschaftlichen Verhältnisse sind Freiheitsgrade des Handelns ausmachbar, je nach Verfasstheit der gesellschaftlichen Situation. Und in der (höchsten) Dimension, die mit der geistig-spirituellen Betrachtungsweise in den Blick kommt, gibt es für den Menschen als Menschen die Möglichkeit der radikalen Freiheit bedingungsloser Selbstbestimmung. Wenn allerdings die in den niedrigeren Dimensionen richtigen Befunde hypostasiert werden zur Wahrheit des Gesamtphänomens "freier Wille", dann wird das partiell Richtige unwahr, also falsch.

Für solche Schulung des integralen Blicks ist Die Dimensionalontologie von Victor E. Frankl hilfreich.

Dimensionalontologie:

"Ein und dasselbe Ding, aus seiner Dimension heraus in verschiedene Dimensionen projiziert, die niedriger sind als seine eigene, bildet sich auf eine Art und Weise ab, dass die Abbildungen einander widersprechen.  Projiziere ich beispielsweise das Trinkglas da, geometrisch ein Zylinder, aus dem dreidimensionalen Raum heraus in die zweidimensionalen Ebenen des Grund- und Seitenrisses hinein, dann ergibt dies in einem Falle einen Kreis, im andern Falle jedoch ein Rechteck. darüber hinaus ergibt die Projektion aber auch insofern einen Widerspruch, als es sich in jedem Falle um eine geschlossene Figur handelt, während das Trinkglas doch ein offenes Gefäss ist. ... Nicht ein und dasselbe, sondern verschiedene Dinge, aus ihrer Dimension heraus ... in ein und dieselbe Dimension hinein projiziert, die niedriger ist als ihre eigene, bilden sich auf eine Art und Weise ab, dass die Abbildungen nicht einander widersprechen, sondern mehrdeurtig sind. Projiziere ich beispielsweise einen Zylinder, einen Kegel und eine Kugel aus dem dreidimensionalen Raum heraus in die zweidimensionale Ebene des Grundrisses hinein, dann ergibt dies in jedem Falle einen Kreis. ... Wie wollen wir nun all dies auf den Menschen anwenden? Nun, auch der Mensch, um die Dimension des spezifisch Humanen reduziert und in die Ebenen der Biologie und der Psychologie projiziert, bildet sich auf eine Art und Weise ab, dass die Abbildungen einander widersprechen. Denn die Projektion in die biologische Ebene ergibt somatische Phänomene, während die Projektion in die psychologische Ebene psychische Phänomene ergibt. Im Lichte der Dimensionalontologie widerspricht der Widerspruch nicht der Einheit des Menschen."

Viktor E. Frankl: Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie, 1975, S.182ff.












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