• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Nicht nach Venedig

E-Mail Drucken PDF

Nicht nach Venedig

Ein Video-Clip. Alles strahlt Exklusivität aus. Sie sind im Bett. Er sitzt in aufrechter Männlichkeit überlegen da in unerschütterlicher Selbstgewissheit, statisch beherrscht, ein Gesicht von Mann, umwerfend perfekt. Sie liegt neben ihm, nein, sie windet sich neben ihm, bäuchlings, rücklings, seitwärts. Sie lächelt ihr Modellächeln von unten nach oben zu ihm hinauf. Alles an ihr ist Verführung und unterwerfende Anbetung zugleich. Sie säuselt: „Vielleicht sollten wir mal in die Berge fahren?“

Schnitt. Eine filmtechnisch inszenierte Sprechblase geht auf; wir sehen des Mannes automobile Gedanken: Im Mercedes C-Coupé, einem chromblitzenden Gefährt aus Kraft, jagen die beiden Serpentinen hinauf, dass ihnen Hören und Sehen vergeht. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Sie hören keinen rauschenden Wasserfall, sie sehen keine traumschöne Berglandschaft. Sie sind in ihrem Auto Gefangene ihres eigenen Geschwindigkeitsrausches. Sie sind keine Fahrenden, keine Reisenden, sie sind Rasende, geil von Tempo.

Schnitt. Wir sind wieder im Bett der Schönen und Reichen. Gönnerhaft kommt seine Antwort auf ihre Frage von oben herab zu ihr hinunter: „Ja“. Die Fahrt ins Gebirge ist genehmigt.

Wieder windet sie sich lasziv und fragt diesmal: „…oder lieber ans Meer?“

Schnitt. Seine automobilen Phantasien steigern sich in eine noch schnellere Raserei. Pfeilschnell geht es an einer beeindruckend schönen Küstenlandschaft entlang, ohne dass diese auf unsere geschwindigkeitsselig dahinjagenden Autonarren Eindruck zu machen vermöchte.

Die unausgesprochene Botschaft der Szene ist eindeutig: Die Welt gehört nur diesem Mercedes C-Coupé und der autobesessenen Unvernunft seines Fahrers. Natur – was soll’s; Geschwindigkeitsbegrenzung – aber doch nicht für uns; naturverträgliche Fahrweise – so ein Quatsch. Madame bestätigt den Macho. Sie jauchzt zustimmend ihre Tempo-Orgasmen aus sich heraus.

Abermals Schnitt. Auch die im Kopf antizipierte Fahrt am Meer entlang wird herb männlich gebilligt.

Eine letzte Drehung der Schönen im Bett: „Und in Venedig waren wir auch noch nie.“

Der Kopf des Autonarren gebiert nun Bilder des Schreckens. Ein Parkhaus, Autos, die stehen. Ein solcher Gedanke ist für ihn unerträglich. An einem Betonpfeiler das Piktogramm einer Gondel. Hier ist sein Mercedes nicht gefragt. Hier muss er ohne ihn auskommen. Welch ein Horror!

Schnell kommt der Schnitt. Unser Herr über Chrom und PS raunzt sein knappes: „Vergiss es!“ Venedig, die autofreie Stadt, die Stadt der Kultur, kommt als Ziel auf keinen Fall in Frage.

Was ich hier beschrieb? Den Mercedes-Werbespot „Venedig“. Haben es die Verantwortlichen in Stuttgart wirklich nicht bemerkt, in welche längst überholten Denkmuster und Klischees sie damit zurückgefallen sind?

„Venedig“ ist ein Werbespot von machistischer Kaltschnäuzigkeit, sozialer Rüpelei und ökologischer Rücksichtslosigkeit.

Wenn sich das oberste Management von Mercedes-Benz von solcher Werbung Erfolge verspricht, dann werden die finanziellen Eliten, die sich das C-Coupé leisten können, von einem Bewusstsein bestimmt, das nichts Gutes verspricht.

Der Mann immer noch der dominante Macho, autogeil und unempfindsam gegenüber der Mitwelt und der Umwelt. Die Frau sein Anhängsel, seine Gespielin, sein Püppchen, gehorsam ihn in seiner Unvernunft unvernünftig unterstützend. Die dargestellte Raserei ein soziales Vorbild, etwa für die Jugend? Aber nein. Der Stärkere nimmt sich alles, was er begehrt, gegebenenfalls auch gegen die Gesetze der Gesellschaft. Das mögliche Knöllchen steckt er monetär doch locker weg. Und dunkel erinnere ich mich, dass sich Mercedes-Benz auch schon einmal mit dem wohlmeinenden Epitheton „umweltfreundlich“ schmückte. Ach, vergiss es!

Erfreulich: Im Internet bekommt Mercedes-Benz mit seinem Yuppie-Pärchen wahrlich nicht nur Zustimmung. Im Gegenteil. Das lässt hoffen.


Peter Kern


Dazu passt: Vernunft allein macht nicht glücklich.

Audio

Nicht nach Venedig

 


Zufällig ausgewählte Glosse

Je mehr die Moderne nach Freiheit von Schmerz strebt, desto mehr beschädigt sie das Leben.