• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Judith Butler und der Theodor-W.-Adorno-Preis

E-Mail Drucken PDF

Kritik an Israel, an der israelischen Regierung, sei erlaubt, „selbstverständlich“, sagte am 30.08.2012 Dr. Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Gespräch mit Tina Mendelsohn auf 3sat. Bedenklicher wird es, wenn man zur Kenntnis nehmen muss, dass offensichtlich nur die Kritik geübt werden darf, die der Kritiker in genau dem Horizont ausspricht, die der zu Kritisierende offenhält. Wagt der Kritiker es, diesen durch Israel und den Zentralrat der Juden eigenmächtig begrenzten Horizont  zu überschreiten, dann wird der Kritiker unter einem Tsunami der Empörung begraben. Reflexhaft kommt nach dem Abschuss einer ganzen Salve von Verdammungen die Etikettierung: „Antisemitismus!“.

Dann wird, wie im aktuellen Fall, aus der Kritikerin Judith Butler eine „bekennende Israel-Hasserin“, eine Unperson von „moralischer Verderbtheit“. Es reicht den Empörern nicht, aus ihrer Sicht Äusserungen und Handlungen zurückzuweisen, nein, es wird gleich die ganze Person mit vernichtet. Gandhis existenzielle Unterscheidung zwischen einer Kritik an dem, was jemand sagt und tut und der Person selbst, deren Würde nie zu verletzen ist, wird selbstherrlich ignoriert.

Wird der Gescholtenen gar noch ein Preis zugesprochen, dann wird das gesamte Kuratorium, das den Preis auslobte, eben mal rasch in Sippenhaft genommen. Dem Kuratorium, alles honorige Damen und Herren unseres Kulturlebens, das Judith Butler den Theodor-W.-Adorno-Preis zusprach, fehle „die für seine Aufgabe erforderliche moralische Fähigkeit.“ Wer so blind um sich schlägt? Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Da die zur verbalen Vernichtung freigegebene Philosophin Judith Butler Jüdin ist, wird der Antisemitismus-Vorwurf gleich noch überhöht mit der psychoanalytisch zusammengezimmerten These vom Selbsthass einer Jüdin gegen ihr eigenes Jüdisch-Sein. Da gebe es „untergründige Dinge, die auf der psychoanalytischen Ebene liegen“, raunte Salomon Korn im 3sat-Interview.

Judith Butler hat sich inzwischen selbst zu den Angriffen gegen ihr Denken und Tun und gegen die Integrität ihrer Person zu Wort gemeldet, klug, berührend, souverän. Nachzulesen in Englisch auf der Internetplattform www.mondoweiss.net und in der Übersetzung ins Deutsche in: DIE ZEIT, No.36, 30.08.2012, S.53f.: „Ich bin tief verletzt.“ (Auch nachzulesen in ZEIT ONLINE unter der Überschrift"Diese Antisemitismus-Vorwürfe sind verleumderisch und haltlos.")

Was fand ich doch neulich in den „Notizen“ von Peter Sloterdijk? Ach, ja: Der britische Historiker Tony Judt giesse „Öl ins Feuer, wenn er die israelische Politik seit 1967 als Ausdruck einer Adoleszenz-Neurose beschreibt: bewaffnet mit Bibel und Landkarte, schwärmt das Land von seiner uniqueness; es ist überzeugt: niemand versteht es; es ist leicht beleidigt, führt ständig Gegenbeleidigungen im Munde und glaubt fest daran, es könne ohne Sanktionen tun, was es will – denn da es unsterblich ist, steht es über Kritik und Gesetz.“

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Berlin 2012, S.30f.

Vgl. insgesamt: Peter Sloterdijk - nachdenklich reloaded.

Zu den oben angeführten Zitaten zum Fall Butler vgl. Volker Breidecker: So etwas Verderbtes. Streit um den Adorno-Preis für die Philosophin Judith Butler, in: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, Nr.199 vom 29.08.2012, S.11.





Vgl. auch: "Stadt Frankfurt und Streeruwitz stellen sich hinter Judith Butler".









Mahatma Gandhi: "Der Mensch und sein Tun sind zweierlei. Während eine gute Tat Billigung und eine böse Tat Missbilligung finden sollte, verdient der Täter der Tat, ob gut oder böse, immer Achtung oder Mitleid, je nach Lage des Falles. „Hasse die Sünde und nicht den Sünder“ ist ein Gebot, das, obgleich leicht genug zu verstehen, nur selten verwirklicht wird, und darum breitet sich das Gift des Hasses in der Welt aus." (CWMG XXV, 480/Y. I. 26. 12. 1924)




 


Zufällig ausgewählte Glosse

Die analcharakterliche Empörung über den Schmutz auf dem Bürgersteig amüsiert; die existentielle Blindheit über den Schmutz in der Luft macht fassungslos. Sie sind unfähig, die achtlos weggeworfene Papiertüte in ein angemessenes Verhältnis zur Krebs auslösenden abgasgeschwängerten Atemluft zu bringen. Saubere Strassen, ja, weniger Autos, nein! Da kann man nur verzweifeln.