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Das grosse Menschheitsziel

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Diese Menschheit verfolgt beharrlich das eine grosse Ziel, sich umzubringen. Erst in regionalen Kämpfen, dann in Weltkriegen. Zwischendrin immer wieder retardierende Momente, sozusagen Morden in begrenzten Räumen: Terror und Gegenterror, Kriegsverbrechen aller Art, Banditen allerorten, religiöse Extremisten, Weisse gegen Schwarze, Schwarze gegen Weisse, Revolutionäre, Guerilleros und Rebellen, Menschenrechtsverletzungen ohne Ende, blindwütige Nationalisten, ethnische Säuberungen, Kreuzzüge, heilige Kriege, Genozide. Seit 5000 Jahren ist der Mensch des Menschen Feind. Der aktuellste Schauplatz der Barbarei: Syrien.

Ein Fortschritt in dieser Evolution des immer raffinierteren Tötens ist der Mord an der uns tragenden Natur. Das Ende der Geschichte wird beharrlich angepeilt, freilich wird es ein anderes Ende der Geschichte sein als es sich siegestrunken Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zusammenphantasierte. Es wird das Ende der Menschheit sein. Wir gehen unserem Gattungstod entgegen. Der wird nicht heute und nicht Morgen eintreten; doch der Weg zu diesem Endziel ist gespurt.

Es heisst immer wieder, der schleichende Tod der Natur löse deshalb so wenig Empörung aus, weil die ökologische Katastrophe von unseren Sinnen nicht zureichend wahrzunehmen sei. Die atomare Strahlung beispielsweise können wir weder sehen noch fühlen, weder riechen noch schmecken und auch nicht hören. Wenn unsere Sinnesempfindungen das Werk dieser Strahlung in unserem Körper melden, dann ist es bereits zu spät. Wir sind dann schon tödlich erkrankt.

Doch die überlebensnotwendige Empörung bleibt auch dann aus, wenn uns das Morden medial bequem ins Haus geliefert wird. Jonathan Littell gibt im zweiten Teil seines Berichtes aus Homseindrücklich von der „breiten Strasse des Todes“ Kunde (in: DIE ZEIT, 23.02.2012, S.10-11; vgl. mein Tagebucheintrag vom 16.02.2012). Syrer bringen auf bestialische Weise Syrer um, foltern sie. Schutzzonen der medizinischen Versorgung werden nicht respektiert, Ärzte müssen unter Androhung des eigenen Todes unterschreiben, dass sie keine verletzten Demonstranten behandeln werden.

Was Baschar al-Assad der syrischen Bevölkerung antun lässt, müsste doch einen Aufschrei des Weltgewissens zur Folge haben, einen Aufschrei von jedem Einzelnen von uns. Es müsste eine Protestwelle von solcher Macht auf den Diktator zurollen, dass er umgehend gezwungen ist, das Morden einzustellen. Was geschieht? Es gibt, wie stets in solchen Fällen, den Aufstand der Anständigen. Und wie sonst auch immer sind es zu wenige, um etwas bewirken zu können. Im Übrigen: diplomatisches Gezerre in wohltemperierten Verhandlungsräumen. Die Mehrheit geht ungerührt zur Tagesordnung über.

Wer so wenig Empathie dem geschundenen Mitmenschen gegenüber aufbringt, wie soll der mitfühlend Tiere und Pflanzen, Luft, Wasser und Boden schützen wollen? Nehmen wir es zur Kenntnis: Es gibt Schlächter unter uns, und wir fallen, einmal mehr, den Schlächtern beim Abschlachten nicht in ihre Arme.

Wo die Scham das Morden nicht verhindert und die Furcht es nicht eingrenzt, ist jede Humanität chancenlos. Die Empfindsamen können sich nur noch in der heiteren Hoffnungslosigkeit einrichten, und das im Angesicht der mitmenschlichen und der ökologischen Katastrophen, die zu verdrängen sie nicht bereit sind, die sie allein aber auch nicht abwenden können.

 


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Wir degradieren unsere eigene Natur zum Material unserer wissenschaftlichen Manipulationen. Abstieg von der Humanität zur Bestialität?