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Alle Vergleiche hinken

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Man hüte sich vor Vergleichen. Es könnte eine erschreckende Wahrheit sichtbar werden.

Seit ich denken kann, begleitet mich der israelisch-palästinensische Konflikt. Es ist eine Tragödie, dass es nach der Katastrophe des zweiten Weltkrieges bis heute nicht gelungen ist, diesen schmutzigen Konflikt zu befrieden. Das Leben ist nicht sicher, weder für die Israelis, noch für die Palästinenser. Krieg und Terror sind für sie zur geschichtlichen Normalität geworden. Der Blutzoll ist erschreckend: Tote und Verletzte gehören zum Alltag. Die Medien berichten seit Jahrzehnten darüber, je nach den aktuellen Ereignissen mal mehr, mal weniger. Die Bilder von diesem Leiden sind ins kollektive Bewusstsein der  Weltöffentlichkeit überdeutlich eingetragen worden, und sie werden fortlaufend erneuert und vertieft.

Wer in die friedlose Region reisen will, ist verunsichert. Er fühlt sich gefährdet. Das gilt insbesondere dann, wenn es wieder zu Terroranschlägen gekommen ist. Dann wird man freundschaftlich gewarnt, beispielsweise Israel zu besuchen. Man möge es sich gut überlegen. Warum? Wegen des Terrors.

Klaus Gietinger fragt in seinem Buch „Totalschaden“: Welchen Terror meint man? Diese Frage scheint dumm. Zeugt sie nicht von Ignoranz? Es ist doch sonnenklar, welcher Terror gemeint ist – der politische Terror des israelisch-palästinensischen Konfliktes!

Doch nach der selbst gestellten Frage, welcher Terror gemeint sei, zitiert Gietinger die Jerusalem Post: „Since 1948, 21600 Israelis have died in wars and security-related incidents; 22700 have died on its roads.“ (zitiert nach Drive and stay alive, 10.04.2004)

Die 22700 „Verkehrs“-Toten Israelis sind mehr als die 21600 „Politik“-Toten.

Haben die Medien gleichrangig darüber berichtet?  Warum sind diese Verkehrstoten nicht auch in unserem kollektiven Bewusstsein eingegraben worden? Warum verunsichern uns diese Verkehrstoten nicht? Warum fühlen wir uns durch sie nicht gefährdet? Warum werten wir mit zweierlei Mass?

Das politisch motivierte Töten ist Terror. Und das verkehrstechnisch verursachte Töten ist kein Terror? Vor Autobomben wird gewarnt. Vor dem Auto, das selbst eine Bombe ist, nicht. Sprengstoff tötet massenhaft. Das ist grausam. Das ist zu bekämpfen. Das Auto tötet auch massenhaft. Ist das weniger grausam? Muss das nicht ebenso energisch bekämpft werden? Ein politisch motivierter Terroranschlag bekommt in den Medien seine Schlagzeile, das verkehrsbedingte Töten wird kaum noch erwähnt.

Wer hier vergleicht, kommt zu dem Ergebnis: Es gibt auch Auto-Terror. Und das nicht nur auf den Strassen Israels. Der Blutzoll ist erschreckend: Tote und Verletzte gehören zum Verkehrsalltag überall auf der Welt.

Was höre ich? Mein Vergleich hinke, wie alle Vergleiche. Was ich verglichen habe, könne man nicht vergleichen. Die politisch motivierten Toten seien etwas ganz anderes als die Toten im „friedlichen“ Autoverkehr. Birnen und Äpfel eben. So gehe das nicht.

Wer vom Auto-Virus befallen ist, muss so denken. Doch: Wer ist hier der dumme Ignorant? Fragen Sie die Mutter, deren Kind überfahren wurde.

Vgl. Klaus Gietinger unter Mitarbeit von Markus Schmidt: Totalschaden. Frankfurt am Main 2010.

Hermann Knoflacher: Virus Auto. Die Geschichte einer Zerstörung. Wien 2009.






 


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