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Odenwaldschule

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"Das also soll die Odenwaldschule gewesen sein, ein abgrundgeiles Freudenhaus, ein Knabenpuff mit Zwangsarbeit, als reformpädagogische Anstalt getarnt", fragt Tilman Jens in seinem neuen Buch "FREIWILD - Die Odenwaldschule - Ein Lehrstück von Opfern und Tätern", 2011. Jens gibt eine gründlich recherchierte und differenzierte Antwort. S.181: "Weit eher als ein dunkles übermächtiges System, scheint hinter dem Missbrauch an der Odenwaldschule ein persönliches Schicksal zu stehen, die Tragik eines begabten Mannes, der mit seiner Triebstruktur nicht fertig wurde und darüber - da hilft keine Beschönigung - zum Sexualverbrecher wurde." Die Rede ist von Gerold Ummo Becker, dem langjährigen Freund von Hartmut von Hentig. Dieser gewährte Tilman Jens "ein Hintergrundgespräch, aus dem ich (Jens), dem Himmel sei's geklagt, nicht zitieren darf", S.189. Damit hat sich Hartmut von Hentig abermals um eine Chance gebracht, eindeutig Stellung zu beziehen. Schade. Inzwischen wird das neue Buch von Tilman Jens kontrovers diskutiert.


Heute, den 24.5., strahlt "3sat" um 22.25 Uhr einen Dokumentarfilm zum Thema "Missbrauch an der Odenwaldschule" aus. In der Werbung für diesen Dokumentarfilm heisst es:

"Und wir sind nicht die Einzigen"

"Die Odenwaldschule galt jahrelang als eine der besten Internatsschulen Deutschlands und der Reformpädagogik. Umso erschütterter reagierte die Öffentlichkeit auf die Berichte über massiven sexuellen Missbrauch an der "OSO", die Anfang 2010 aufkamen. Bis heute haben sich knapp 130 Opfer persönlich gemeldet, 18 Täter sind namentlich bekannt. Wie konnte so etwas Ungeheuerliches über Jahrzehnte hinweg geduldet und vertuscht werden? Besonders wenn man bedenkt, dass bereits 1999 zwei ehemalige Schüler mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gingen. Regisseur Christoph Röhl, selbst ehemaliger English Helper an der Odenwaldschule, war es aufgrund seiner guten Kontakte möglich, im Umfeld der 100-Jahr-Feier der OSO im Juli 2010 Gespräche mit zahlreichen Altschülern, Lehrern und Personen aus dem Umfeld der Schule zu führen. Mit seinem Film, der sich ganz auf die Aussagen der Protagonisten konzentriert, versucht er nicht nur den Ursachen des Missbrauchs auf den Grund zu gehen, sondern er beschäftigt sich auch mit dem "Schweigen" auf allen Seiten. Die Gespräche machen die schockierende Dimension und Systematik der Missbrauchs an der OSO deutlich. Die Berichte und Reflexionen der Betroffenen stehen dabei auch stellvertretend für alle anderen Orte, an denen Missbrauch in unserer Gesellschaft geschieht. "Meine Recherchen haben mir gezeigt, dass viele Leute, die den Missbrauch geahnt haben, trotzdem nicht gehandelt haben, weil sie nicht emotional begriffen haben, worum es eigentlich geht. Genau das wollte ich mit diesem Film ändern", so Christoph Röhl. Röhl wurde in Brighton, England geboren. Nach seinem Studium an der University of Manchester, studierte der Deutsch-Brite in den 1990er Jahren Regie- und Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Neben seinen englischsprachigen fiktionalen Regiearbeiten für die BBC realisierte Röhl mehrere, zum Teil preisgekönte Kurzfilme. "Und wir sind nicht die Einzigen" ist sein erster Dokumentarfilm."


Nachtrag 2016:

Nach der Veröffentlichung des dritten Bandes der Autobiographie von Hartmut von Hentig sind meine Urteile zur Rolle Hartmut von Hentigs im Odenwaldschulskandal neu zu bedenken.

Vgl. Hartmut von Hentig: Noch immer Mein leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015, Berlin 2016, 1392 Seiten.

Was damals als gesicherte Erkenntnis in die Öffentlichkeit geschickt wurde, kann nach der Lektüre des dritten Bandes der Autobiographie nicht mehr unbefragt als gültig wahrgenommen werden.

Hier liegt der Stoff für eine veritable Habilitationsschrift vor:

"Aufgeräumte Erfahrungen der Ankläger und der Verteidiger im Odenwaldschulskandal. Eine historisch-systematische Studie zu Pädophilie und ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit".




 


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