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Fukushima - eine Erzählung in nationalen Geschichten?

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Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) urteilt: Sei ein Mensch etwa eine halbe Stunde zehn Sievert ausgesetzt, habe er ohne Behandlung nur eine 50-prozentige Chance, die nächsten vier Wochen zu überleben.

Diese Aussage wurde ausgelöst durch die neuesten Meldungen aus Fukushima. Der Presse entnehme ich, hier zum Beispiel dem HAMBURGER ABENDBLATT vom 03.08.2011:  „Drei Arbeiter hätten an der Oberfläche eines Gasabzugsrohrs zwischen Block 1 und 2 des Kraftwerks über 10 Sievert in der Stunde gemessen.“

Dann werde ich in dem Artikel „Fukushima: Strahlung in AKW-Ruine auf Rekordhöhe“ von Katrin Aue darüber informiert, wie uninformiert und ratlos die wissenschaftlichen Experten auf diese Nachricht reagieren.

Parallel dazu lese ich mit zunehmendem Kopfschütteln einen Beschwichtigungstext von Florian Coulmas in NZZ online vom 02.08.2011: „Fukushima – eine Erzählung in nationalen Geschichten“. Der Autor glaubt zu wissen: „Die Wissenschaft ist objektiv, versucht zumindest, es zu sein; die Massenmedien allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz nicht.“

Diese steile unkritisch angebotene These muss dann als Absprung dazu herhalten, dass die Berichterstattung über Fukushima als „nationale Geschichten“ gedeutet wird. Deutschland kommt besonders schlecht weg. Die deutsche Gemütslage verzerre die objektive Wirklichkeit; sie schüre nur Angst und Schrecken. Das gelte auch für die seriöse deutsche Presse.

Nach allerlei Behauptungen über die Alternativlosigkeit von Kernenergie zur Aufrechterhaltung unseres ethisch längst nicht mehr zu rechtfertigenden Wohlstandes in Überflussgesellschaften reibe ich mir verwundert die Augen. Da steht dann tatsächlich dieses im Text von Coulmas: „Das Problem ist, dass die zu entscheidenden Fragen zu komplex geworden sind, als dass sie von Spezialisten, die sich mit den wichtigen Parametern auskennen, ohne Wenn und Aber beantwortet werden können. Für jeden Spezialisten, der Reaktorsicherheit als zu meisterndes technisches Problem darstellt, gibt es einen anderen, der nachweist, dass Atomstrom mit nichtvertretbaren Risiken für die menschliche Zivilisation verbunden ist.“

Das also ist die „objektive Wissenschaft“ mit ihren klaren, eindeutigen und rational nachvollziehbaren Ergebnissen, von der am Anfang des Coulmas-Artikels die Rede war. Das bekomme logisch zusammen, wer kann. Wenn nun deutsche Journalisten über solche wissenschaftlich unterschiedlichen Urteile schreiben, betreiben sie Panikmache. Wer die Gefahren nicht sehen will oder kann, der gilt für Florian Coulmas als „rational“, und schon lobt er Franzosen, Niederländer, Engländer.

Ich empfehle dem Gastautor von NZZ online dringend die Lektüre von Günther Anders und Hans Jonas. Der eine öffnet uns die Augen darüber, was „Apokalypseblindheit“ ist, der andere begründet die Notwendigkeit einer „Heuristik der Furcht“, denn bei Gefährdungen der Art wie sie die Atomenergie verursachen kann, ist es ethisch geboten, vom grössten Unglück auszugehen, um das Schlimmste zu verhindern.

Wir Menschen können mit unserem Verstand, also mit unserer Ratio, mehr herstellen als wir uns vorstellen können, was wir mit dem Hergestellten anstellen können. Um das wahrzunehmen, brauchen wir zu unserem Verstand noch Vernunft. Florian Coulmas hat in NZZ online einen unvernünftigen Artikel abgeliefert, und das als Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien. Was für ein Experte! -

Vgl. den TAGEBUCHEINTRAG vom 13.09.2011 "Die Angst der Woche".

Wer über die Ambivalenz von Wissenschaft nachdenken möchte, der kann in meinen "Glossen" Wissenschaft spazieren gehen.


 


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