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Antiquiertes Denken

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Kanada hat sich vom Kyoto-Protokoll verabschiedet. Eine Erfüllung der Kyoto-Auflagen hätte Kanada nach den Aussagen seines Umweltministers Peter Kent in Ottawa etwa 14 Milliarden kanadische Dollar gekostet. Das entspricht rund 10 Milliarden Euro. Davon hätte Kanada international entsprechende Verschmutzungsrechte kaufen müssen. Der Rückzug von den freiwillig eingegangenen Verpflichtungen ist rechtens ohne Sanktionen möglich. Mit dem Ausstieg fallen auch die Auflagen weg. Kanada spart 10 Milliarden Euro. Dafür handelt es sich weltweit harsche Kritik ein, vor allem von Umweltverbänden.

Nicht aber in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG von heute, Mittwoch den 14.12.2011. Patrick Welter lobt Kanada auf Seite 11: „Die Entscheidung der kanadischen Regierung, sich aus dem Kyoto-Protokoll zur Verringerung der sogenannten Treibhausgase zurückzuziehen ist ein Sieg der Vernunft. Sie zeigt, dass Umweltschutz Kosten verursacht, die im Interesse von Arbeitsplätzen nicht jeder bereit ist zu tragen – umso mehr, wenn wichtige Länder sich als Trittbrettfahrer Umweltschutzabkommen entziehen. Der Regierung in Ottawa gebührt deshalb Lob.“

Was versteht Patrick Welter wohl unter Vernunft? Folgen wir dem Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, dann ist Vernunft Wahrnehmung des jeweils nächsthöheren Ganzen, das von unserem Handeln betroffen ist. Wer  Treibhausgase in die Umwelt emittiert, begeht eine Handlung, von der alles Leben auf unserem Globus kurzfristig und langfristig in Mitleidenschaft gezogen wird. Treibhausgase bedrohen Leben überall. Sind Handlungen, die das Leben bedrohen vernünftig? Nein. Vernunft als Wahrnehmung des jeweils nächsthöheren Ganzen fordert die Respektierung des globalen Gesamtinteresses. Deshalb ist es ethisch geboten, alles zu tun, um die Treibhausgase so schnell wie möglich zu minimieren. Das gilt auch dann, wenn die anthropogen verursachten Mengen geringer sein sollten als es die herrschenden Klimaforscher berechnet haben. Jede Minimierung der Treibhausgase ist ein Beitrag zur Stabilisierung des Klimas und schont damit das Leben einzelner und das Überleben vieler, ja möglicherweise aller Lebewesen auf diesem Globus.

Der Ausstieg Kanadas aus den Kyoto-Verpflichtungen ist folglich kein „Sieg der Vernunft“, sondern eine Niederlage der Vernunft.

Wie konnte Patrick Welter zu seinem fatalen Fehlurteil kommen? Er hat nicht umgreifend genug gedacht. Das für ihn höchste Ganze sind nicht die natürlichen Lebensbedingungen auf diesem Globus, sondern die Schaffung und der Erhalt von Arbeitsplätzen. „Im Interesse der Arbeitsplätze“ wird die Kyoto-Verpflichtung aufgekündigt. Arbeitsplätze repräsentieren aber nicht das von der Vernunft geforderte Gesamtinteresse. Arbeitsplätze stehen in dem hier diskutierten Fall nur für die Wahrnehmung von Partikularinteressen. Dem geringeren Risiko, vorübergehend eventuell Arbeitsplätze zu gefährden, wird der Vorrang eingeräumt gegenüber dem höheren Risiko, langfristig Leben überhaupt zu gefährden. Das ist höchst unvernünftig gedacht. Wer einem eher vorübergehenden Bedrängnis – Arbeitsplätze zu gefährden – höhere Bedeutung beimisst als dem unermesslichen Verhängnis, dauerhaft das Klima zu gefährden, der denkt antiquiert. Er ist nicht auf der Höhe des heute überlebensnotwendigen Denkniveaus.

Dem Autor der FAZ gebührt ebenso wenig Lob wie der Regierung Kanadas.

 


Zufällig ausgewählte Glosse

„Sie beneiden die Reichen? Haben Sie lieber Mitleid! Denn Geld ist ein Diktator.“ Süddeutsche Zeitung vom 20./21.11.2010. Wie gern lebte der Hungernde unter dieser Diktatur.