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Hartmut von Hentig: Endlich doch noch!

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Hartmut von Hentig liegt es sehr daran, nach vielen Missverständnissen und Anfeindungen noch einmal unmissverständlich seine Haltung zum Verbrechen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und sein Gedenken an die Leiden der Opfer zum Ausdruck zu bringen. Dazu hat er im Juli 2011 für einen Freundeskreis den hier folgenden Text geschrieben, den er jetzt auf unsere Bitte hin dem Forum Kritische Pädagogik zur Veröffentlichung übermittelt hat.

Tübingen/Frankfurt, Ulrich Herrmann/Andreas Gruschka, 22. November 2011

Im Juli 2011

Hartmut von Hentig :

Ein Klärungsversuch

Unter dem Eindruck der Berichte von Betroffenen möchte ich zugleich den wiederholten Aufforderungen von Freunden und Kritikern genügen, die mir vorwerfen, nicht deutlich genug zu den Leiden der Opfer und zu den Vorfällen an der Odenwaldschule (in vergangenen Jahrzehnten) Stellung genommen zu haben.

Ich gebe meine Überzeugungen, die ich anderwärts ausführlicher dargelegt und begründet habe, hier in geraffter Form wieder:

1.

Die Berichte von Betroffenen sind Zeugnisse/Dokumente schwerer Verletzungen und nicht entschuldbarer Übergriffe von Seiten Erwachsener. Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein Verbrechen. Dass solche Übergriffe Gerold Becker anzulasten sind, trifft niemanden härter als seinen engsten Freund.

Als dieser bitte ich seine Opfer in Demut, sie mögen dem Toten die Verzeihung gewähren, um die er sie noch lebend gebeten hat. Ich tue es im Mitgefühl für die Kinder, die sie damals waren, und für die Kränkung, dass man ihnen als Erwachsenen nicht geglaubt hat. Was das bedeutet, habe ich im letzten Jahr gründlich gelernt. Eine Abkehr von dem toten Freund nützt niemandem und ist von mir nicht zu erwarten.

2.

Kritik an der Reformpädagogik und den Schulen, die sich auf sie berufen, sind je in sich zu begründen und nicht an mich gekoppelt.

Die von diesen Schulen ebenso wie in meinem Sokratischen Eid vertretenen Grundsätze wollen zu einer menschlichen Pädagogik anleiten. Kommt es zu schwerwiegenden Verstößen wie sexuellen Übergriffen, werden diese Grundsätze dadurch nicht untauglich. Ihre Funktion ist es vielmehr, menschliche Schwäche und Fehlbarkeit erkennbar und überwindbar zu machen.

3.

Wer sich jetzt aus Empörung über die Vorfälle an der Odenwaldschule oder aus Enttäuschung über mich von der von mir vertretenen Pädagogik abkehrt, der prüfe sich selber. Dabei sollte es nicht darum gehen, was bei Hentig steht, um das, was ich richtig oder falsch gemacht habe, sondern darum, was gute Pädagogik heute und in Zukunft sein kann.


Vgl. auch Gisela Miller-Kipp und Peter Kern: Hartmut von Hentig: An die Gebildeten unter meinen Verächtern.


Nachtrag 2016:

Nach der Veröffentlichung des dritten Bandes der Autobiographie von Hartmut von Hentig sind meine Urteile zur Rolle Hartmut von Hentigs im Odenwaldschulskandal neu zu bedenken.

Vgl. Hartmut von Hentig: Noch immer Mein leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015, Berlin 2016, 1392 Seiten.

Was damals als gesicherte Erkenntnis in die Öffentlichkeit geschickt wurde, kann nach der Lektüre des dritten Bandes der Autobiographie nicht mehr unbefragt als gültig wahrgenommen werden.

Hier liegt der Stoff für eine veritable Habilitationsschrift vor:

"Aufgeräumte Erfahrungen der Ankläger und der Verteidiger im Odenwaldschulskandal. Eine historisch-systematische Studie zu Pädophilie und ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit".



 


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